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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-11-01 · 11 (11.1928) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
11 (11.1928)
Date
1928-11-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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/ Von jüdischer Jugend. Durch einen großen Teil der jüdischen Presse ging in den letzten Wochen ein einheitlicher Nuß ein Notschrei „Die Not der jüdischen Jugend". Die verschiedensten Autoren wollten nach einheitlichem Plan die Schwierigkeiten aufweisen, welche der junge jüdische Mensch von heute in seiner inneren Entfaltung und in seiner äußeren Lebensgestaltung zu überwinden hat. Zwar haben die Jugendorganisationen ihre Presse, in welcher sie ihre Gedanken darlegen, ihre Mitglieder unterrichten und leiten könrien: Wenn die Jugend aber durch die allgemeine jüdische Presse ihren Notschrei ertönen läßt, so scheint dies zu beweisen, daß der Inhalt der Jugendpresse nicht genügend durchdringt, daß man auf die Information und das Verständnis auch der Nichtjugendlichen nachhaltigen Wert legt. Denn der an alle gerichtete Notschrei wurde nicht etwa mit der Absicht ausgestoßen, der Öffentlichkeit von der schwierigen und oft beklagenswerten Lage der Jugend etwas vorzujammern, und dadurch die Jugend, die besonders in unfern Tagen stark und selbstsicher sein will und auch sein soll, als hilfs- und haltlos erscheinen zu lassen. Weite Kreise der Jugendlichen sind für die neuzeitliche Bewegung der Jugend noch nicht oder nicht genügend unterrichtet. Wir haben uns deshalb entschlossen, in unserer heutigen Nummer des Mitteilungsblattes einen großen Teil unseres Raumes zur Verfügung zu stellen, um verschiedene Jugendorganisationen zu Wort kommen zu lassen und ihnen die Möglichkeit gu geben, über ihre Wege und Ziele zu unseren Lesern zu sprechen. Wir hoffen, durch diese Ausführungen nicht nur Aufklärung über manche dunklen Punkte in die Häuser der städtischen Gemeinden zu tragen, sondern auch den in den Landgemeinden vereinsamten jungen Menschen Hinweise zu geben, wie sie den Anschluß an die jüdische Jugendbewegung unserer Tage finden können. Nicht alle Organisationen, an welche wir uns mit der Bitte um Darlegung ihrer Wege und Ziele gewandt haben, sind unserer Aufforderung nachgekommen, so daß wir schon aus diesem Grund kein vollständiges Bild der jüdischen Jugendbewegung geben können. Wir wollen aber im Nahmen des dafür verfügbaren Raumes auch in den kommenden Nummern unseres Mitteilungsblattes die Jugendsrage zu behandeln suchen. Und nun erteilen wir der Jugend selbst das Wort. Schriftleitung. „Die Not der jüdischen Jugend." Von Joseph Wein fast, Chemnitz. Jugendnot? — So mancher der Aelteren wird, wenn er dieses Wort vernimmt, das Gefühl haben, als sei gegenwärtig schon allzuoft von der Jugend und ihren angeblichen Nöten die Rede. In jeder Versammlung, in jeder Zeitschrift, nehmen Jugendliche das Wort, um aus irgend einem mehr oder minder bedeutsamen Lebenskreis heraus von der bedrängten, gehemmten, unverstandenen und ihr volles Recht fordernden Jugend zu reden oder zu schreiben. Und es will angesichts dieser Fanfarentöne von der Jugend so manchem Alten und Gereiften scheinen, als habe sich die Wagschale des Wohlwollens der öffentlichen Meinung heutzutage allzusehr nach der Seite der Jugend gesenkt, und das Alter und seine Nöte seien auf dieser Wage sozialer und humanitärer Kulturarbeit mit einem nur kümmerlich leichten Gewicht bedacht. Wir sehen den Mangel an Altersheimen, wir wissen von der materiellen Not der Vierzigjährigen, die, von ihrer Arbeitsstätte einmal verdrängt, oft genug zu bitterstem Elend für sich und ihre Lieben verurteilt sind, weil die Jugendkraft der Zwanzigjährigen sie angeblich ersetzen kann und billiger ist; wir kennen das Leid der Rentenempfänger, deren durch Jahrzehnte zäher Arbeit mühsam errungene Ersparnisse ihnen nicht den verdienten ruhigen Lebensabend brachten, sondern in nichts zerflossen, sich noch am Rande des Grabes m graue Sorge um das tägliche Brot gewandelt haben. Wäre es nicht die Aufgabe der Allgemeinheit, zunächst alle Kräfte zu sammeln,^um die Last derer zu erleichtern, die über die Jahre eigener Schaffenskraft hinaus sind, und die zu stützen, die den Glauben an das Leben nicht mehr aus sich selber aus eigenem Lebcnsdrang zu schöpfen vermögen, und die Jugend erst einmal allein, ohne fremde Hilfe, nur sich selbst vertrauend, ins steinige, hindernisreiche Kampffeld des Daseins schreiten zu lassen, ohne daß vorher das Unkraut sorgsam ausgejätet und die Steine entfernt würden? Mancher Erfolgreiche aber wird angesichts der mannigfachen Forderungen der Jugend an seinen eigenen Werdegang denken und sich fragen, wer denn i h m geholfen habe, cs von harter Lehre bis zum heutigen Wohlstand zu bringen, in einer Zeit, in der Worte wie Jugendpflege, Jugendwohlfahrt oder gar Jugendnot unbekannte Begriffe waren, in der „Jugend" noch nicht im heutigen Sinne Problem war, sondern nichts als eigenes Streben und Achtung vor dem Alter und seiner Erfahrung zu bedeuten hatte. Es sind nicht nur die ewig Gestrigen und Selbstzufriedenen, die Träumer von der „guten alten Zeit", von denen solche und ähnliche Stimmen ausgehen. Darum wird es auch nicht genügen, in diesem Zusammenhang von den „neuen Ideen" zu theoretisieren, die aus dem Schmelztiegel des Krieges geboren, die alten Stützen einer morschen Kultur stürzen mußten, um Platz zu schaffen für ein anderes, besseres, freieres und wahrhaftigeres Menschenrecht; ein Zeitalter „neuer Sachlichkeit" kann sich nichtzufrieden geben, jene Stimmen mit dem Hinweis auf die großen Umwälzungen im Erziehungswesen zu beschwichtigen und zu übertönen. Denn die Gegenüberstellung von Jugend und Alter ist ja nicht neu, und der Kampf um Ideen zwischen Alt und Jung vollzieht sich seit den Anfängen der Geschichte. Nein, wer heute mir den Einsichtigen unter den Alten von Jugendnot sprechen will, der muß aus klarer, nüchterner Wirklichkeit, aus dem Leben selber aufzeigen, was dem Jugendlichen der Gegenwart gegenüber dem der früheren Zeit seinen Lebensgang erschwert, muß an Hand von Tatsachen zu beweisen versuchen, daß die Entwicklungswege des jungen Menschen in religiöser, sozialer, biologischer und wirtschaftlicher Hinsicht heute in vielem schwerer gangbar sind als in den Jugendtagen unserer Eltern. An die praktischen Idealisten wollen wir uns wenden, sie allein können und werden uns verstehen und helfen. Für schöne Theorie und schwächliche Ideologie ist diese Zeit nicht geschaffen. Uns beschäftigen hier vie Nöte und Schwierigkeiten des jungen Juden, die sich in vieler Beziehung mit allgemeiner Jugendnot decken, doch gemessen an den Hemmungen in der Lebensentfaltung und Taseinsbehauptung der Judenheit eine besondere Betrachtung verdienen. Greifen wir darum irgend einen der vielep in Kriegs- und Nachkriegszeit ausgewachsenen jüdischen jungen Menschen aus der Wirtschaftssphäre des Mittelstandes ldie ja inzwischen schon vielfach gesunken ist) heraus und beleuchten seine Jugendjahre von der besonderen religiösen, von der allgemein-seelischen, von der gesellschaftlichen und von der wirtschaftlichen Seite. Hierbei ist es unumgänglich, diejenigen Folgen oes Krieges zu erwähnen, die sich nicht statistisch feststellen lassen, aver auf lange hinaus fühlbar sein werden. Die mittelbaren Opfer des Krieges, die etwa in den Jahren 1905 — 1018 Geborenen, die in den wichtigsten Entwicklungszeiten der Milch und jeglicher Kraftnahrung entbehrten, also eine physische Not erlitten, die keine noch so gute spätere Pflege gänzlich wieder ausgleichen kann, — wer wollte glauben, daß sie später das gleiche zu leisten imstande sein könnten als die Aelteren in normalen Verhältnissen Ausgewachsenen? Man sehe sich daraufhin einrnal die heutigen Barmizwohknaben und die 14- oder 15-jährigen Lehrlinge an und ziehe in der Erinnerung die entsprechenden Vergleiche. Man vergesse dabei nicht, daran zu denken, daß das Leben heute ganz gewiß eine erhöhte Widerstandskraft erfordert, die der Jude ja ohnehin stets in doppeltem Maße gebraucht. Die religiöse Tradition im Elternhaus, soweit sie vorhanden war, hat durch den Krieg, schon durch die Abwesenheit des Vaters vielfach gelitten, so daß dem Kinde mit seinem Eintritt in die Schule die ersten, aus der Anschauung entstehenden religiösen Eindrücke fehlen. Die Atmosphäre der Schule — wir wissen es —■ ist milde ausgedrückt, häufig nicht frei von Abneigung gegen jüdische Schüler, sowohl von seiten der Lehrerschaft als der Schulkameraden. Hier beginnen bereits die ungeheuren seelischen WM Wir suchen an allen Orten noch hervorragende Mitarbeiter für alle Versicherungszweige, ganz besonders für die Lebensversicherung. Herren mit erstklassigen Beziehungen zu Handel und Industrie sind gebeten, sich mit uns in Verbindung zu setzen. National-Versicherungs-Konzern Stettin, RoßmarkE 2. 3

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