Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 10 (10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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seiner ganzen geistigen Struktur nach nicht darum kümmern, ob die Vorgänge und Geschehnisse da draußen von bestimmten Gesetzen beherrscht werden oder nicht. Außenwelt und Ich sind für das Kind im frühesten Alter noch eine Einheit. Was für uns Erwachsene wertvoll erscheint, kommt für das kleine Kind überhaupt nicht in Betracht. Je nach dein Zusammenhang, in dem die Tinge für das Kind stehen, haben sie auch eine ganz andere Bedeutung für dasselbe. Daher kommt es atlch, daß das Kiitd in seiner Betätigung ganz lebt, sich ganz hineingibt. In vorzüglicher Weise kann es dies beim Spiel. Da betätigt sich die gaitze Seele. Erst nachdem dieses Stadium seine Jahre gedauert hat, macht das Kind seine Erfahrungen. Es lernt. Wie dies im einzelnen vor sich geht, darauf wollen wir heute nicht eingehen. Jedenfalls wird diese Einheit, das Nichtgeschiedensein von Ich und Außenwelt immer mehr zerrissen. Die Verhaltnngsweisen der folgenden Epoche und im ganzen weiteren Leben, das Denken, Reflektieren, Betrachten, Konstruieren zeigt, daß aus dieser Einheit eine Mannigfaltigkett entsteht. Doch mit dem steten, beruhigenden Gefühl ans der frühesten Kinderzeit, wenn ich einmal so sagen darf, ist es von nun an für immer aus. Denn bei allein Hinznlernen wünschen wir doch nicht, ein loses Nebeneinander, ein Ehaos. Wir suchen ewig das Band, das uns zu eiirer Einheit und zu eitlem gesaiittcn Lebensziel verhilst. Immer ringen wir um innere Ruhe und Harmonie. Daher ist die Kinderzeit die sonnigste und daher kommt es atlch, daß es nur beim Kinde das gibt, woitach der Erwachsene vergebens strebt: ein volles, ungetrübtes Glück. Je erwachsener das Kind wird, tim so mehr toeildet es sich seiner Umgebung, seiner Umwelt zu. Ein reges Kind lernt und sammelt dadurch Erfahrung, daß es in diesem weiterctt Stadium fragt: Was ist dies? Was ist jenes? Und damit weist cs auf die Tiitge der Außenwelt. Aber vieles von dem da draußen kann es nicht verstehen. Je älter und erfahrener es wird, um so mehr begreift es die Unmöglichkeit, mit diesen Tiltgcn fertig zu werdeit, ehe zuvor das Individuum sich selbst znwendet, seinem Ich, ehe es die Welt, die es selbst darstellt, entdeckt. — Dieser Entdeckung, diesem Schauen nach innen dient die Epoche des Lebens, die wir im engeren Sintte als Jugendzeit bezeichnen. Jtt dieser Zeit spielen sich die Kämpfe ab, die zu einer Versöhnung zwischen Welt und Ich führen sollen. Letzten Endes ist doch gerade diese Versöhnung zwischen Welt und Ich, dieses Fertigwerden mit sich im tiefsten Innern, um alsdantt da draußen in der Außenwelt all die entsetzlichen Schwierigkeiten und Uitbegreiflichkeitcn zu verstehen, nichts anderes als das Endziel der Entwicklung selbst. Tie neue Lebensform, mit der wir uns jetzt zu befassen hätten, wäre also: Entwicklung der bunten Mannigfaltigkeit, dieses Ehaos von Vielseitigkeiten, dieser entfalteten Vielheit zur entfalteten Einheit. Nachdem das Kind aus seiner Märchenwelt des Spiels herausgerissen ist, sieht es ein neues Leben vor sich, so wie der Erwachsene es ihm „vorzeichnet". Jetzt erst weiß es, was Spiel ist, jetzt erst kann es auch Arbeit und Spiel immer besser unterscheiden. Für es war das alles kein Spiel. Es hatte nur deshalb diese Bezeichnung für sein Verhalten, weil es der. Erwachsene so nannte. Aber die neuen Augen erblicken den Erwachsenen als den Ueberlegenen, der alles weiß und kann, der unbedingt recht hat. Infolgedessen ist auch seine Welt die wahre und wirkliche, in die man Zugang zu erlangen suchen mutz. Ich grenze absichtlich Kmderzeit und Anfänge der Reisezeit nicht ab. Es wäre unsinnig, zu sagen, eine Epoche hört mit dem und dem Alter auf. Aber sagen läßt sich, daß zwischen der.Kinderzeit und dem sich erwachsen fühlen, die Zeit jener furchtbaren Kämpfe liegt, von denen kein Junge und kein Mädel verschont bleibt, und die deshalb so besonders hart und bitter sind, weil der schlechteste Helfer in dieser Zeit gerade der Erwachsene ist, der man selbst gern sein möchte. Bei jedem Menschenkind ist die Zeit so bedeutungsvoll uiid entscheidend, bei dem jüdischeii jungen Menschen jedoch ganz besonders. Professor Erich otern hat recht, wenn er sich zum Verständnis des jüdischen Kiiides wesentlichen Aufschluß holt bei der Theorie des Wiener Professors Alfred Adler, die man mit dem Namen „Jndividualpsychologie" bezeichnet. Was hier in Bezug auf das Kind zu sagen ist, gilt mindestens auch für den jüdischen Jugendlichen. Wir Religionspäöagogen uiid Erzieher aber müssen uns einmal mit dem Wesen dieser Lehre vertraut machen. Adler geht von der Voraussetzung aus, daß die psychischen Unterschiede der einzelnen Individuen auf körperliche Verschiedenheiten und auf Milieuunterschiede zurückzuführen find. Der eigene Körper gilt für das Seelenleben in gewissem Sinne als Umwelt, als Milieu. Jedes Einzelwesen hat Organ-Minderwertigkeiten, die Ursachen entsprechender Gefühle sind. Diese Minderwertigkeitsgefühle streben nach einem Ausgleich, noch mehr, der Zögling sucht durch einen psychischen Ueberbau, die Minderwertigkeiten nicht nur zu überwinden, zu kompensieren, sondern die Tendenz geht sogar dahin, eine über das Normale hinausgehende Leistung zu erzielen, also eine Ueberkompensation. Ich habe vor einigen Jahren Adler selbst gehört, wie er seine Theorie darlegte, es geschah mit einer zur Illustration dienenden Fülle von Beispielen. Am interessantesten war es, als er aus seiner Schulzeit von seinen eigenen, 6 überkompensatorischen Leistungen in Mathematik sprach, zu denen er sich aufraffen mutzte und konnte nachdem ein Lehrer seinem Vater den Rat gab: „Nehmen Sie den Jungen aus der Schule, er packt es doch nicht." Die Entstehung der Minderwertigkeitsgefühle ist leicht zu begreifen. Das Kind wird in eine Umgebung hinein geboren, die ihm weit überlegen ist. Dieser Umgebung gegenüber fühlt es sich unterlegen und minderwertig. Wenn nun bei dem Jugendlichen oft noch ein ungerechtes und unberechtigtes Nichtverstehcnwollen von seiten des Erwachsenen hinzutritt, so wird dieser Druck als unerträglich empfunden. Der Gedanke, daß man immer suchen muß, wo der Erwachsene vollkommen uiid fertig erscheint, daß man gehorchen muß, während der Erwachsene von uns als Gebieter gesehen wird, schasst schon ohne weiteres ganz natürliche, wir dürfen fast sagen, wüilschenswerte Minderwertigkeitsgefühle. Ich denke hier an eine den Jugendlichen umgebende Welt, die stets Verständnis- und liebevoll zu ihm ist und die ihm zustehenden Freiheiten nicht versagt. Anders, wenn ihm Verständnis- und Lieblosigkeit täglich seine Schwächen von neuem zum Bewußtsein bringt und dadurch die psychische Entwicklung des jungen Menschenkindes gar oft hemmt. Aber bei jüdischen Kindern läßt sich sagen: Je stärker dieser Druck, um so stärker sind auch die Minderwertigkeitsgefühle. Wo aber Minderwertigkeitsgefühle bestehen, streben sie nach einem Ausgleich. Man hat den Wunsch, als Vollkommener betrachtet zu werden. Insbesondere der Jugendliche will als größer und erwachsener angesehen werden. Ein heißes Verlangen nach mehr Geltung erfüllt fein Inneres. Tiefes Geltungsverlangen soll das Minderwertigkeitsgefühl ausgleichen. Erfährt der Jugendliche in dieser schweren Zeit seines besonders sehnsuchtsvollen Strebens irgend eine Zurücksetzung, stößt er z. B. auf Haß und Feindschaft, dann werden seine Minderwertigkeitsgefühle ungemein wachsen. Er wird sich Geltung erkämpfen müssen und zur Erreichung dieses Zieles seine ganzen physischen und psychischen Kräfte anspannen. Es ist aber in den meisten Fällen nicht so, daß der Verfolgte und Gehaßte seine Umgebung meidet, im Gegenteil, er sucht Anlehnung an die Gemeinschaft, dort will er zeigen, was er kann und versuchen, seinen Wert zu erweisen. Aber wehe, wenn es nicht gelingt, wenn er von der Gemeinschaft nicht geduldet wird, dann wird es Vorkommen, daß das Geltungsverlangcn mehr und mehr wächst, einerlei, ob es begründet ist oder nicht. Wir brauchen nicht zu befürchten, daß dieses große Geltungsverlangen eines einzelnen über alle Grenzen geht; denn es sind dadurch in der Gemeinschaft Schranken gesetzt/ daß jedes Ich diesen gleichen Anspruch aus Geltung erhebt. Kann sich das Geltungsverlangen nun wirklich nicht durchsetzen, ist der Druck der Umgebung zu stark, so wird vielleicht der Jugendliche sich fügen. Das wäre der Typus des Folgsamen und Resignierten, der jeden eigenen Willen und jeden Widerstand aufgegeben hat. Dieser Musterzögling ist gar leicht zu lckiten. Fügt er sich aber nur äußerlich, und ist er tückisch und boshaft hinter dem Rücken des andern, dann haben wir es mit dem falschen und feigen Streber, dem Heuchler und Kriecher zu tun. Seit fünf Jahren etwa unterrichte ich Schüler, die mitten in dieser Entwicklung leben und ich sehe immer deutlicher diese prägnanten Typen. Die größte Anforderung an den Erzieher stellt der Jugendliche, der immer Trotz bietet. Leider gilt dieser Trotz dann nicht dem Vater, der Mutter, dem Lehrer, sondern der Erziehung überhaupt. Vernunft und Güte, Klugheit, Vorsicht und Sanftmut werden am meisten ausrichten. Ganz weltenfern und wirklichkeitsfremd ist allerdings jener Zögling, der in stummem Sichergeben auf jegliche Auseinandersetzung mit der Umwelt verzichtet. Professor Stern hat mit Hilfe der Adler'schen Individual- Psychologie diese verschiedenen Typen speziell des jüdischen Kindes zil verstehen gesucht. Auch wir alle wollen uns einmal Augen und Sinn öffnen lassen, um diese Typen zu erkennen. Gar manches Unheil wird von Eltern und Erziehern dadurch angerichtet, daß sie nicht sehen. Von den eigenen Kämpfen aus der frühen Reifezeit wissen wir gar wenig und was wir wissen, ist meist Wahrheit und Dichtung. Mit wirklich Positivem von uns selbst können wir feiten dienen. Wir Jugendpsychologen haben eine ganz besondere Ausgabe zu erfüllen, den jungen Menschen in seiner schweren Epoche auch da zu verstehen, wo er Fehler zeigt, und in rechter Weise ihm klar zu machen suchen, daß diese Fehler gar oft selbst verschuldet. Dieser Aufgabe gerecht zu werden, ist schwer und nicht so billig, wie uns bei jeder nicht gleich verständlichen Handlungsweise zu beruhigen mit den nichtssagenden Worten: „Das hängt mit der Entwicklung zusammen." Die Entwicklung des Jugendlichen ist dann abgeschlossen, wenn er sich selbst gefunden hat. Versteht er seine Umwelt, zeigt er sich zugänglich für all das Wahre, Schöne und Gute, das auf ihn wirkt, so hat die Bildung seiner Persönlichkeit begonnen. Er wird sich schon von selbst Ziele und Ausgaben stellen, sobald diese Kluft zwischen Welt und Ich überbrückt ist. Diese Spannung bildet sich ja erst in den Jahren der Entwicklung heraus. Jedes Menschenkind erstrebt ihre Beseitigung und fühlt sich glücklich in diesem Streben. Beinahe möchte man gar nicht restlose Beseitigung dieser Spannung wünschen, denn sie erst bewirkt in dem werdenden