Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 10 (10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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2. Die diesjährige Generalversammlung des israelitischen Landesst hrervcreins im Volksstaate Hessen sand am Sonntag, den 20. Aug. in Ossenbach a. M. statt. Die ausallen Teilen Hessens gut besuchte Versammlung nahm einen recht würdigen Verlauf. In entgegenkommender Weise halte der Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde die herrlichen Räume seines imposanten Geinemdehauses zur Verfügung gestellt, wofür ihm au dieser Stelle, gleichzeitig aiich für die liebenswürdige Belvirtuiig, berzlichjt gedantt sei. Nach einer vorbereitenden Vorstandssitzung erösfnete der erste Vorsitzende, .stoll. st ahn, gegen l l Uhr die Tagung mit Worten herzlicher Begrüsiung an die erschieneiieii Gäste uiid Kollegen. Alsdann begrüßte Herr Rabbiner Dr. Dieneinarin die Tagung iu ivarincn, mit Thora gewürzten Worten. Herr Rechtsanwalt Dr. Guggeiiheim gab als Vertreter des Vorstanoes der Israelitischen Religionsgemeinde seiner Freude Ausdruck, über die Wahl Offenbachs als Taguiigsort und entbot gleichzeitig den Gruß des Oberrates des Landesverbandes. Zu unserer besonderen Freude sahen wir unter den stollegeri den Nestor der jüdischen Lehrerschaft Hessens, Rothschild, Warins. Auch ihm zollte der Vorsitzende herzliche Begrüßungsworte, die Kollege .Rothschild iii humorvoller Weise erwiderte. Hierailf erstattete Kollege Kahn den mit größter Sorgfalt ausgearbeiteten Geschäftsbericht, der auch von den anwesenderi Nichtlchrern mit größtern Interesse gehört lviirde. Daiitbar anerkamit wurden die Verdienste des Oberrates, der stets von dein Streben geleitet war, den jüdischen Lehrerstand ideell und materiell zu sördern. Ter fehlende Staatszuschuß ließ jedoch die verechtigten Wünsche der Lehrerschaft zerschellen, so daß auch für die Zukunft die Stelluiig des jüdischen Lchrerstandes iu den hessischen Landgelneinden itoch viel zu würischeii übrig lassen wird. Es soll auch in diesem Berichte iiicht unerwähnt bleiben, daß es von der israelitischenLehrcrschastHessens immer wieder schmerzlich enipfuiiden wird, daß eine Einigung mit dem Tarmstädter Verbaiide iiicht zu erzielen war, trotz gröhteii Entgegenkommens seitens des Landesverbandes der israelitischen ßleligioiisgemeinden Hessens. Auf dieses mit großem Beisall aufgeuomincne Referat folgte ein mit viel Fleiß und Sachkenntnis ausgearbeiteter Vortrag des stollegen Dr. Strauß, Offenbach, über „Die Lebciisforincn der Jugendlichen". (Siehe Referat in dieser Nuinvier des Mitteilungsblattes.) In der, diesem Vortrag sich auschließcndeii kleinen Pause, ivurde eine Besichtigung des Gemeindehauses und der herrlichen Synagoge vorgenoninien. Iit gehobene Stimmung ivurden die Teiliiehmer versetze, als die mächtige Orgel erbrauste und Kollege Aguliiik, Worms vor den vielen Sachverständigen deii Weschonerii vv'n Lewaiidoivsky sehr stinimuiigsvoll zei Gehör brachte. Inzwischen lud eiiie reizend gedeckte Frühstückstafel zum Essen ein. Nach Taiikesworten des stoll. Sulzbacher, Groß-Bieberau, aii die Gastgeber, verrichtete Herr Rabbiiier Dr. D i e n e in a ii n das Tischgebet. Tie Nachmiitagssibung leitete der stellvertretende Vorsitzende, Kollege S i m o u , Tarmsladt. Er erössnete dieselbe mit einein Nachrufe auf den verstorbenen Kollegen Driels, Großkarbcn, dessen Audentcn in der üblichen Weise geehrt wurde. Iii der nun folgenden lebhaften Aussprache wurden recht viele Anregungen gegeben. Begreiflicherweise klang aus den Worten sämtlicher Redner bittere Klage darüber, daß auch das koilliiiende Jahr die restlose Eingruppieriing deii israelitischen Lehrern Hessens iiicht bringen wird. Einen wichtigen Punkt der Aussprache bildete der Anschluß des israelitischen Landeslehrervereins Hessens ari den Rcichsverband der jüdischen Lehrervereine Teutschlarids. Zu Pfingsten 1928 hatte der Vorstand bereits eine Besprechung mit dem 1. Vorsitzenden des Reichsverbandes, Kollegen Stern, Berlin, in Friedberg. Nach einer gründlichen Aussprache herrschte iunerhatv des Vorstandes des Hess. isr. Landeslehrervereins Einstimmigkeit über die Notwendigkeit und Möglichkeit eines baldigen Anschlusses an deii Reichsverband. Der Vorstand hatte eigeiitlich gehofft, die iii Friedberg gefaßte Resolution in Offenbach bereits in die Tat umsetzen und den Aiischluß an den Reichsverband vollziehen zu können. Leider war dies aber noch nicht möglich. Ganz unverblümt aber wurde dem Vorstande voii der Geiieraiverfammlung zum Ausdruck gebracht, daß dieselbe eiiie weitere Hinausschiebung des Anschlusses des isr. Landeslehrervereins an den Reichsverband nicht zulassen köiiue und die Vollziehung dieses Anschlusses in baldigster Zukunft vom Vorstaride des Vereins erwarte. Es wurde daraufhin nachfolgeiide Resolufton einstimiiiig beschlossen: „Die Generalversammlung des Israelitischen Landeslehrervereins im Volksstaate Hessen voiii 26. Aug. 1928 iii Ossenbach, oilligt die Schritte, die der Vorstand desselben, zwecks Anschluß an deii Reichsverband der isr. Lehrervereine Deutschlands unternommeii hat. Die Geiieralversainnilung beauftragt den Vorstand, diesen Anschluß nach nochinaliger Rücksprache mit dem Vorstand des Reichsverbaiides, die zu einer absoluten Sicherung aller religiösen Belaiige führen muß, innerhalb eines Jahres zu vollziehen." Alsdann erstattete uiiser Schatzmeister S uj zbacher in altgewohnter Gründlichkeit den Kassenbericht der Ltervekasse und des Vereins. Aus der Versammlung wird deiii Kollegen der Dank für die große Gewissenhaftigkeit der Kassenführung ausgesprochen. Der letzte Punkt der Tagesordnung: Vorstandswahl ergibt die Wiederwahl des seitherigen Vorstandes: Kahn-Alsfeld (Vorsitzender), S i m o n - Darmstadt i L-tellvertreter), S u l z b a ch e r - Groß-Bieberau l Rechner), S e e l i g - Friedberg (Schriftführer), M a r x - Gießen, K a h n - Höchst und Stern- Alzey. _ Nachdem den beiden bewährten Vorsitzenden .Kahn und L-imon der Tank der Versammlung für die große Mühewaltung ausgesprochen wurde, schließt Kahn, Alsfeld, die in allen Teilen harmonisch verlaufene Versainmlung mit nochmaligem Danke an den Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens und an die gastfreie Gemeinde Offenbach. Tie nächstjährige Generalversammlung soll voraussichtlich in Gießen stattfinden. Ter Schriftführer: Seelig, Friedberg. 6. Referat von Tr. M a n f r e d Strauß, Ossenbach Ltebev die bcv IärSeirdlieheir In der Psychologie gibt es kein Gebiet, das für uns ein reicheres Beobachtungsfeld wäre, als das des Jugendallers. Aber es. gibt auch kein 'chwieriger zu bearbeitendes Feld als gerade dieses. Eltern und Erzieher empfinden die Entwicklungsjahre der Jugend stets als großes Rätsel, mögen diese auch mit dein besten Willen und ihr gaiizes Leben lang sich dieser Arbeit widinen. Das koinmt daher, weil der Jugendliche selbst vor seiner Hingebung ängstlich die feineren Falten seines Innern verbirgt. Nicht Aufgeschlossenheit, sondern Verschlossenheit ist der sichtbarste Zug, der das jeelische Erwachen des jugendlichen Menschenkindes aiikündigt. Au Stelle kindlicher Offenheit uiid Vertraulichkeit tritt selbst den i ächsteu Menschen gegenüber schweigende Zurückhaltung, scheues Ausweichen, seelische Berührungsfurcht. Das Kind kann nur in Anlehnung an Erwachsene leben. Es ist daher immer ergänzungsbedürftig. Den Jugendlichen zeichnet oft trotftgeSelbständigkeit aus. Zum Verständnis meiiier kurzen Ausführungen über die Leblnsform der Jugendlichen ist es iiötig, zunächst mit einigen Sätzen das zu sagen, was das Kind in seiiier Lebenssorm vom Jugendlichen, zunächst vielleicht von uns Erwachsenen unterscheidet. Daß wir es mit zwei ganz verschiedenen Welten zu tun haben, leuchtet ohne lveiteres ein. Aus der großen Menge von Unterschiedcri uiid dem uneiidlichen Chaos muß eiiies besonders dick in\t 'rstrichcn und hervorgehoben werdeii. Man bezeichiiet die Welt des Kindes als eine Welt des Spieles, eine Welt der Verantwortuiigslosigkeit. Das Kind lebt, wie ein Psychologe sagt, das „Stadium der uuentfalteten Einheit." Zwischen lebendig und nichtlebendig macht das Kind keinen Unterschied. Alles ist für es beseelt. Ein Stock ist Reitpferd. Tiefes tote Holz kann das Kind in langer Spannung halten. Es wirkt bei ihm uiid das ist die Hauptsache, daß es wirkt. Das Kind lebt galiz in dem gegenwärtigen Augenblick iliid in allein rvas es tut nnb treibt. Dagegen kümmert es sich nicht um die Aiißeiiwelt und kaiiii sich ^:Ü^l EPE 5