Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 10 (10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Generalversammlung des isr. Landeslehrervereins im Bolksstaate Hessen am 26. August 1928 in Offenbach a. M. 1. Gesehciftsberieht, erstattet von dein Vcrcinsvorsitzendcn Lehrer Kahn, Alsfeld. Der Bericht, den ich Ihnen heute im Auftrag des Vorstandes gehe, erstreckt sich auf das 3. Geschäftsjahr unseres Landeslehrervereins. In unserer letzten Generalversammlung, die am 11. und 12. Sept. vorigen Jahres in Mainz stattfand, wurde Ihnen Rechenschaft abgelegt über die Tätigkeit Ihres Vorstandes innerhalb des Landesverbandes, sowie über feine Stellungnahme 31t allen Fragen des öffentlichen jüdischen Lebens. Sie haben damals durch Ihr einstimmiges Votum sich zu dieser Politik bekannt und insbesonders die Tätigkeit, die ihre Vertreter innerhalb des Landesverbandes entfalteten, gebilligt und gutgeheißcn. Wenn ich nun daran gehe, Ihnen den Jahresbericht dieses letzten Jahres vorzutragen, so kann und mutz ich schon gleich eingangs dieses Berichtes die Feststellung machen, daß wir wieder dieselben Wege, die Sie damals mit uiis als die richtigen erkannten, folgerichtig weiter gegangen find. Und weiter darf ich heute feststellen, daß, trotzdem das abgelaufene Jahr einen großen Teil unserer Hoffnungen nicht erfüllte, uns die Ereignisse dieses Jahres doch von neuem die Bürgschaft geben, daß wir Lehrer doch den richtigen Weg beschritten haben, den Weg, der als Fiel die soziale und rechtliche Hebung des jüdischen Lehrerstandes ins Auge gefaßt hat. Gewiß, das Ziel, das uns als Ideal vorschwebt, ist noch lange nicht erreicht. Sie nsissen, daß ich stets vor allzu großem Optimismus gewarut habe, auch das kommende Jahr wird noch nicht alle unsere Hoffnungen erfüllen; aber, wenn Nur doch die heutige Lage der jüdischen Lehrerschaft mit der vergleichen, iit welcher sie sich vor dem Kriege oder noch vor drei Jahren befand, dann dürfen war ohne Ueberhebung und ohne alle Schönmakerei uns gestehen, daß wenigstens auch hier in Hessen der Anfang gemacht wurde, die jüdische Lehrerschaft aus einem unerträglichen Zustand zu^befreicn, und üsir dürfen heute bekennen, daß auch im abgelaufencn Jahre ein gut Stück Arbeit von uns geleistet wurde, und daß das Ziel, dem wir zustreben, wenn auch noch in weiter, so doch nicht mehr in unerreichbarer Ferne liegt. Ein großer Teil unserer Tätigkeit für den Verein und für einzelne Mitglieder desselben spielte sich vor aller Oeffentlichkeit ab. Das Mitteilungsblatt des Verbandes gab Ihnen in regelmäßigen Zeitläufen Kenntnis davon, was wir getan und geleistet haben. Ich kann deshalb heute davon absehen, Ihnen dies alles nochmals in aller Weite und Ausführlichkeit vorzutragen. Doch gestatten Sie mir, Ihnen wenigstens in einigen großen Zügen eine Aufstellung zu geben von dem, was erreicht wurde und für die Zukunft bereits sichergeftellt werden konnte. Ihre Vertreter nahmen seit unserer letzten Generalversammlung an vier Sitzungen des Oberrates, an zwei Sitzungen des Schulausschusses und am Gemeindetage am 1. Juli d. I. teil, und in allen diesen Zusammenkünften ftnb wir mit Wort und Tat aufgetreten, unserem Stande zu nutzen und ihm diejenige Stellung zu verschaffen, die ihm auf Grund seiner Wichtigkeit zukommt. Und wenn manche Erfolge zu verzeichnen sind, so haben wir es der verständnisvollen Bereitwilligkeit und dem loyalen Entgegenkommen des Oberrates zu verdanken. Während im ersten Geschäftsjahre des Verbandes nur etwa 7000,— RM. als Beihilfen au schlecht besoldete Kollegen verteilt werden konnten, betrug die Summe, die der Verband für Unterrichtszwecke in diesem Jahre ausgab, mehr als 19 000 RM. Und wenn auch eiu großer Teil dieser Summe nicht direkt als Beihilfen an Lehrer, sondern als Zuschüsse für den Religionsunterricht an leistungsschwache Gemeinden gewährt wurde, so kam trotzdem dieser ganze Betrag, wenn auch auf einem Umwege, der jüdischen Lehrerschaft zugute. Also auch hier ein Fortschritt, der, wenn auch in keiner Beziehung als ausreichend betrachtet werden kann, dennoch von uns dankbar anerkannt werden muß. Uebrigens waren die Beihilfen in diesem Jahre ungefähr um 200 RM. höher als im vorigen. Wurden doch immerhin Subventionen bis zu 600 RM. gegeben. Im kommenden Jahre ist wieder mit Bestimmtheit damit zu rechnen, daß die zu verteilende Summe höher sein wird, und daß dann auch, wenn nur irgendwie möglich, die einzelnen Gehaltsbeihilfcn höher sein werden. Trotzdem wird noch weiterhin ein großer Teil der jüdischen Lehrerschaft Hessens darauf verzichten müssen, daß chie Zusage, die der Verband wiederholt gegeben hat, nämlich die restlose Eingruppierung der jüdischen Lehrer sich schon jetzt realisieren läßt. Zu groß sind noch die Widerstände, die einer Erfüllung dieser Zusage im Wege stehen. Zunächst fehlt uns noch, der Staatszufchuß, der, wenn wir ihn von der hessischen Regierung bewilligt bekämen, eine merkbare Erhöhung des Etats des Landesverbandes ausmachen würde, eine 2 Erhöhung, die zum größten Teil der jüdischen Lehrerschaft zugute käme. Aber selbst diese 16 000 RM'., die im allerbesten Falle zur Auszahlung kommen, find in keiner Weise ausreichend, die Lage des jüdischen Lehrerstandcs grundlegend zu ändern. Es muß zunächst, wie mir vor kurzem eiu lieber Kollege schrieb, eine Reform an Haupt und Gliedern am hessischen Judentum vorgenommeu werden. Diese Reform vorzunehmen, dazu sind wir jüdischen Lehrer nicht in der Lage, allein wir müssen bei allen sich uns bietenden Gelegenheiten immer und immer wieder darauf Hinweisen, wie unhaltbar die Lage der jüdischen Lehrerschaft in Hessen ist und daß, wenn nicht bald eine völlige Umwandlung der bisherigen Besoldungs- und Anstellungspolitik erfolgt, diese Frage, die z. Zt. die brennendste Frage der hessischen Iudcnheit ist, nicht mehr erörtert zu werden braucht, gauz einfach aus dem Grunde, weil in absehbarer, naher Zukunft es fast keine jüdischen Lehrer in den Mittel- und Klcingemeindcn Hessens inehr geben wird. Ich habe schon wiederholt auf diese Zustände hingewiesen und mit Zahlen, die jeder Statistik standhalten, bewiesen, daß durch die wirtschaftliche Not der Lehrer, die religiöse und geistige Not unserer Gemeinden bedingt wird. Trotzdem diese Darlegungen, die auf dem letzten Gemeindetage in wirksarner Weife, von verschiedenen Rednern, so von den Herren Rabbinern Dr. Sander und Tr. Levi, unterstützt wurden, und auch, dies darf ebenfalls festgestellt werden, unverkennbaren Eindruck gemacht haben, ist bisher nichts geschehen, um diese üblen Zustände zu beseitigen und aus der Welt zu schaffen. Wir wissen, daß es viele leistungsschwache Gemeinden gibt, die wirklich kaum mehr als das, was sie bisher aufbringen, leisten können. Wir wissen aber auch, daß sehr viele Gemeinden, die sich nach außen alT leistungsschwach ausgeben, in Wirklichkeit leistungsfähig sind und sehr viel mehr leisten können wie bisher. Es fehlt aber fast überall der gute Wille, es fehlt die Opfersreudigkeit, ohne die ein jüdisches Gemeinwesen nicht bestehen kann. Und es ist durchaus falsch, zu glauben, daß unsere Glaubensgenossen auf dem Land alle durch die Inflation verarmt find und nichts bezahlen können für ihre Lehrer und sonstigen jüdischen Zwecke. Solange das Einkommen vieler jüdischer Lehrer noch unter 2000 RM. liegt, solange ein großer Teil der Religionslehrer mit allen Nebeneinnahmen noch nicht einmal im Jahre 3000 RM. verdient, ist cs unsere Pflicht, alljährlich immer und immer wieder diese unhaltbaren Zustände zu geißeln, zu brandmarken und die jüdische Oeffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, daß cs ihre jüdische Bruderpflicht ist, mit dazu beizutragen, daß diese Kulturschande auch aus Hessen, in welchen! Lande sic heute nur noch allein besteht, ausgerottet wird. Wir behaupten und werden auch den Beweis für die Richtigkeit unserer Behauptung erbringen, daß es in Hessen so gut möglich ist, wie es in anderen deutschen Ländern auch möglich war, daß jeder jüdische Lehrer mindestens 11t diejenige Besoldungsklasse eingruppiert werden könnte, die ihm auf Grund feiner Aus- und Vorbildung zukommt. In allen deutschen Ländern mit Ausnahme Hessens, ist diese Forderung der jüdischen Lehrerschaft verwirklicht. Ich hczbe soeben behauptet, daß dies auch bei uns möglich sein könnte, ich werde nun auch den Beweis dafür lieferu, d. h. die Wege zeigen, die beschrittcn werden müssen, um solche geordneten Zustände auch hier herbeizuführen. Dazu ist nun zunächst erforderlich, daß unsere Gemeinden in radikaler Weise mit ihrer bisherigen Besoldungspolitik brechen. Iahresgehälter von 000, 1000, 1200 oder auch 1300 RM. sind bei den heutigen Wirtschaftsverhältnissen ein Unding, darüber ist kein weiteres Wort zu verlieren. Die Gemeinden, wenn sie selbst zu klein und wirklich leistungsschwach und nicht in der Lage sind, mehr als solche Summen aufzubringen, müssen zu Lehrerbezirken sich zusammcnschließcn, wie ja auch der Staat in vielen Fällen bei der Anstellung der jüdischen Religionslehrer, die früher als Volksschullebrer angestellt wurden, es verlangte. Solche Lehrerbezirkc, die unschwer gebildet werden können, müssen verpflichtet werden» mindestens zwei Drittel, in besonders dringlichen Fällen aber auch noch mindestens bis zur Hälfte des Gehaltes ihres Beamten aus eigener Kraft aufzubringcn. Daß diese Forderung nicht unrealisierbar ist. beweisen die Verhältnisse in Süddeutschland, wo in jeder Gemeinde solche Summen von dieser selbst geleistet werden. Das übrige Drittel oder die Hälfte, die dann am vollen Gehalt noch fehlen, muß der Landesverband zuschießcn. Der wird aber bei feinem heutigen Finanzshstem nicht dazu in der Lage fein, solche Summen zur Verfügung stellen zu können. Nach meiner Meinung sind dazu notwendig etwa 80—100 000 NM., welche Summen vielleicht noch zu niedrig eingeschätzt sind. Auch mit Hilfe des Staatszuschwsfes, der-ja noch in weiter Ferne liegt, ist es nicht möglich, solche Leistungen aufzubringen. Es muß deshalb das Besteuerungs- Wesen des Landesverbandes auf einer ganz neuen Grundlage aufgebaut werden. Wir erkennen dankbar an, was vor allen Dingen unsere Großgemeinden bisher für den Verband aufgebracht haben. In der Hauptsache haben sie die Lasten getragen, mit denen bis heute die Finanzierung der Aufgaben unseres Verbandes erfolgt. Auch weiterhin wird fick) dies nicht ändern lassen, wir wissen, daß