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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-09-01 · 9 (9.1928) · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
9 (9.1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Au einem Ehrenplatz nahm der Gottesdienst seinen Anfang, verschönt durch Orgelspiel uud das vom Chorverein und Kantor vorgetragene „ma towu". Ergreifend gestaltete sich das Anfrusen des von seiten des Rabbinats mit dem Titel Chower Ausgezeichneten. Der l. Kantor, Herr Agulnik, brachte mit hohem Jaamot unter voller Entfaltung seiner prächtigen Stimmittel die große Freude aller über die verdiente Auszeichnnng in erhebender Weise znm Ausdruck. Ein Glanzpunkt der Feier war die Predigt des Herrn Rabbiner Dr. Holzer. Er würdigte das pflichttreue Wirken nnd Schaffen des idealen Beamten, der sich jahraus, jahrein, Tag um Tag seiner Pflicht als Vorbeter der Gemeinde voll bewußt war, und der nichts unterließ, um sein Leben den sittlichen und religionsgesetzlichen Forderungen anzupassen. Schöne Gesänge des Ehorvereins und das mustergültig zu Gehör gebrachte Halleluja von Hummel des 1. Kantors rahmten die würdige Feier ein, die bei allen Besuchern einen nachhaltigen Eindruck hiuterließ. Nach dem, Gottesdienst begaben sich der Gesamtvorjtand urid alle Beamten in die Wohnung des Scheidenden. Hier übergab Herr Rabbiner Dr. Holzer eine künstlerisch ausgefertigte Urkunde zur Verleihung des Ehowertitels. Ter 1. Vorsitzende der Gemeinde, Herr Sanitätsrat Dr. Nickelsburg, dankte gleichzeitig im Auftrag des Oberrats des Landesverbandes der hessischen Gemeinden, für die treu geleisteten Dienste und noch dafür, daß sich Herr Rosenthal bereit erklärte, auch fernerhin an den hohen Feiertagen der Gemeinde seine Kräfte zur Verfügung zu stellen; der Vorsitzende gab ihm deshalb die Ernennung zum Ehrenkantor bekauut und überreichte eine ebenfalls von' Künstlerhand geschaffene Urkunde. Für die Knltussektion sprach Herr Isidor Kiefer. Er wies darauf hin, Mß auf die Ehrenkunde mit Absicht der Oron Hakodosch gemalt worden sei, denn es sollte dem damil Bedachten durch den dort versinnbildlichten Spruch Rabbi Simons vor Augen geführt werden, daß er sich durch Studium die Krone der Wissenschaft und die Krone des Priestertums angeeignet, daß er sich aber auch die große Kroue, die alle anderen überragt, die Krone des guten Namens voll und ganz dazu erworben habe. Um dem Dank für dies alles Ausdruck zu geben, überreichte Herr Kiefer namens der Gemeinde ein Abschiedsgeschenk. Alsdann widmete HerrAgulnik für die Beamten dem Kollegen anerkennende Abschiedsworte. In feinsinniger Weise, seine große Bescheidenheit dokumentierend, dankte der Gefeierre, hervorhebend, daß er es stets als große Ehre betrachtet habe, in der altehrwürdigen Gemeinde Worms wirken zu dürfen, wo so viele große und bedeutende Männer vor ihm an seiner stelle gestanden hätten, Nicht unerwähnt sei, daß Herr Rosenthal sich vielfältig als tüchtiger Lehrer auszeichnete, und daß ei an der Entzifferung der viele hundert Jahre alten Grabsleine ans dem alten Wormser Friedhof hervorragenden Anteil hatte. Möge es dem Ehrenkantor vergönnt sein, so schloß auch Herr ^anitätsrat Tr. Nickelsburg seine Ansprache, sich noch eine lange, lange Reihe von Jahren des besten Wohlseins zu erfreuen, um zur Freude der Angehörigen und aller Gemeindemitglieder wirken zu können: ad multos anno,s! Zur Entgiftung der jüdischen Presse. Von Lazarus Fri e d m a n n , Mainz. Wenn nicht alles täuscht, darf man demnächst eine Wendung im Verhalten der streitenden jüdischen Parteien erwarten. Wenigstens scheint der sür die Beurteilung jüdischer Angelegenheiten angeschlagene Ton der jüdischen Blätter ein würdigerer werden zu wollen. Alle Mahnungen für eine Entgiftung unserer jüdischen Piesseberichterstattung hatten bis jetzt wenig gefruchtet; nach wie vor hat diese Presse stets das Trennende hervorgehoben, das Gemeinsame jedoch nur wenig beachtet. Der Zwiespalt wurde dadurch immer größer. Tie Palästinafrage bildete einen Spaltungsgrund besonderer Art. Tie Parteien, die in Wirklichkeit den Ausbau Palästinas nicht wollen, dies aber öffentlich nicht zu gestehen wagen, um ihren Einfluß bei dem Teil der jüdischen Bevölkerung, dem Palästina religiös und gefühlsmäßig im Herzen wurzelt, nicht zu verlieren, boten alles auf, um der Welt zu beweisen, daß Palästina weder politisch noch wirtschaftlich zur Kolonisation sich eigne. Dem Palästinagedanken sollte dadurch Abbruch getan werden. Erfreulicherweise sind in der letzten Zeit zwei Ereignisse im jüdischen Leben eingetreten, wodurch man eine Wendung zum Besseren erhoffen darf. Wir meinen 1. den unlängst in London erstatteten Bericht einer Kommission von vier prominenten Persönlichkeiten über Palästina und 2. die in den letzten Wochen in Berlin stattgefundene Weltkonferenz des religiösen Liberalismus, zwei Ereignisse, die jeder aufrichtige Jude mit Freude begrüßen muß. Zum erstenmal wurde ein Gutachten von jüdischen und nicht-jüdischen, anerkannten Fach¬ 8 leuten abgegeben, die nicht durch eine idealistische Brille sehen, sondern vom sachlich wirtschaftlichen Standpunkt aus urteilen. Nach diesem Gutachten ist nicht mehr zu bezweiseln, daß der Aufbau Palästinas Aussicht auf Erfolg hat, wenn nur ein guter Wille und die nötigen Mittel aufgebracht werden. Auf Grund ihrer Erfahrungen hat die betreffende Kommission bestehend aus Lord M elchett (Alfred Mond), Lee Frankel, Felix M. W a r - bürg und Oskar W a s s e r m a n n einen Bericht au Louis M a r s ch a l l, Führer der amerikanischen Juden und an Professor W e i z m a n n , Führer der zionistischen Organisation veröffentlicht, worin die Kommissionsmitglieder ihre Bereitschaft erklären, mit Rat und Tat an dem Aufbau Palästinas mitzuwirken und eine jährliche bedeutende Summe für diesen Zweck festzusetzen, wodurch der längst gehegte Wunsch weiter Kreise der Judenheit in Erfüllung zu gehen'scheint. Die gegnerische Presse verliert dadurch ihr Hauptmotiv, womit sie den Aufbau Palästinas bekämpft. Sie wird genötigt sein, einen Ton bei der Besprechung der Angelegenheit einzuschlagen, der der Sache würdig ist. Auch die Tagung der religiös liberalen Juden verspricht gute Resultate zu zeitigen und wird wohl auch aus die Presse nicht ohne Wirkung bleiben. Zwar war die Tagung, was Palästina anbelangt, streng neutral gehalten; dennoch ist ans den Referaten und Debatten zu ersehen, daß bedeutende Delegierte der Tagung das Bestreben haben, die Einheit des jüdischen Geistes und die Zukunst des Judentums zu betonen, was auch'kurz vorher in einerjüdischen Zeitung von angesehenen Rabbinern und Gelehrten in tiefflichen Ausführungen klar dargelegt wurde. Noch deutlicher hat die Konferenz der jüdisch-liberalen Jugend, die gleichzeitig tagte, erklärt, daß sie sich nicht begnügen wolle mir der Ethik des Judentums, sie verlange vielmehr auch positives, lebendiges Judentum und mache ihre weitere Mitarbeit davon abhängig, daß mit dem von den liberalen Organisationen und ihrer Presse geübten feindseligen Gebühren gegenüber anderen lieberzeugungen endgültig Schluß gemacht werde. Die für die Zukunft allseits gewünschte Einigkeit des Judentums stößt aber infolge der verschiedenen Auffassungen in religiöser und politischer Hinsicht auf große Schwierigkeiten. Die Anerkennung des Palästinaaufbaues als eines alle Parteien angehenden Faktums könnte wesentlich zur allgemeinen Verständigung beitragen. Man darf deshalb erwarten, daß die Herren Rabbiner und Prediger an den hohen Feiertagen von der Kanzel aus auf den inneren Frieden und auf die Zukunft Israels eingehend Hinweisen und aus die Worte unserer Weisen QWr. ns-Q pmö ^3 px aufmerksam machen. Bericht des Vereins zur Pflege jüdischer Altertümer in Mainz über das Geschäftsjahr 1927/28. Das jetzt zu Ende gehende Vereinsjahr war in seinem ersten Viertel der Herausgabe der „Magenza" gewidmet; dieses Sonderheft über die Geschichte und die Eigenheit der Gemeinde Mainz, welches als „Menorahheft" herauskam, erschien Ende Dezember und wurde den Mitgliedern unentgeltlich überreicht. Mit Genugtuung kann festgestellt werden, daß die durch dieses Sonderheft verfolgte Absicht, den Verein und seine Ziele in einer weiteren Oeffentlichkeit bekannt zu machen, von Erfolg gekrönt war. Bedauerlicherweise muß aber festgestellt werden, daß der gleichzeitig ergangenen Aufforderung des Vereinsvorstandes an die Vereinsmitglieder, neue zahlende Mitglieder zu werben, in dem erwarteten Umfang nicht entsprochen wurde. Die im Vorjahre begonnene Sichtung der in den Landgemein den noch vorhandenen Altertümer und Dokumente wurde in diesem Jahre fortgesetzt. Im Laufe der Sommermonate haben der Vereinsvorsitzende und der Sammlungsleiter einige rheinhessische Gemeinden ausgesucht und verschiedene, nicht mehr im Gebrauch befindliche ältere Ritualgegenstände in Verwahrung genommen. Diese Gegenstände, welche das Eigentum der Gemeinden verbleiben, werden in der Vereinssammlung, Hindenburgstraße 44, unter Angabe des Herkunftsortes zur Aufstellung kommen. Die Fortführung dieser Sammeltätigkeit, die sich über ganz Hessen erstrecken soll, aus Mangel an Mitarbeitern aber nur langsam vorwärts schreitet, wird allmählich dahin führen, daß unsere Sammlung sich zu einer Sammelstätte jüdischer Altertümer der weiteren Heimat entwickelt. Der geschichtliche und künstlerische Wert dieser in den Landgemeinden aufgebrachten Gegenstände darf freilich nicht überschätzt werden. lieber die erfreuliche Tatsache, daß unserer Sammlung Geschenke aus Privatbesitz zugewiesen wurden, haben wir im Laufe des Jahres verschiedentlich berichtet.

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