Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 9 (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem Handel kannten neben kleineren Käufen zwei Erwerbungen getätigt werden, die sich in den grundlegenden Charakter unserer Sammlung insofern fügen, als sie zu M a i n g besondere Beziehung haben: Eine silberne Gewürzbüchse in Turmfarm, welche früher im Gebrauche einer alten Mainzer Familie stand, und ein ebenso seltener wie schöner „Schelauach monaus- Teller", der einst einer Mainzer Familie gehörte und über den Handel von Berlin wieder hierher zurückkam. Dieser Teller interessiert vor allem auch deswegen, weil er in der Kurmainz'.schen Manufaktur zu Flörsheim entstanden ist und weil die in der Mitte der Innenfläche aufgemalten Figuren des Mardechai und Haman kurmainzische'Uniformen tragen, wie sie um die Entstehungszeit des Tellers in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Mainz üblich waren. Schließlich wurden in den letzten Tagen für uiisere Sammlung drei palästinensische Münzen erworben, welche Anschauungsmaterial für Lehrzwecke und Anregung für das Kunsthandwerk bieten können. Diese Münzen, deren eine noch die Spuren aus der Ueberprägung eines römischen Geldstückes zeigt, stammen zun- Teil aus der Makkabäerzeit, zum Teil aus der Zeit des Barkochba-Aufstandes. Sie sind Tank- und Befreiungsmünzen, welche Geldwert besaßen, und silid in ihrer Beschriftung wie in ihren fymbolifchen Bilddarstellungen (Weintraube, zwei Kriegstrompeten, Weintraube am Stiel, Palmbaum, Lulav mit Ethrog und Kelch) gut erhalten. Sie werden sehenswerte Stücke unserer Sammlung bleiben. Möge das am 1. Oktober beginnende neue Vereinsjahr uns recht viele neue Mitglieder bringen. K. L. Aus unseren Verbandsgemeinden. Butzbach. Am 29. August d. I. sprach in einer Versammlung der hiesigen Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Herr Syndikus Erwin Baer, Frankfurt a. M. über das Thema: „Politischer Frieden?". Er beleuchtete eingehend die heutige Lage und gab vertrauliche Mitteilungen aus der Arbeit des Zentralvereins zur Kenntnis. Mit einer Aussprache über die Arbeit des Zentralvereins endete die Versammlung, die eine überaus starke Beteiligung aufwies. Büdingen (Oberhessen). Unter zahlreicher Beteiligung der hiesigen Bevölkerung ist Frau Joh. Stern Witwe am 29. Juli zur ewigen Ruhe gebracht worden. Seit Ausbruch des Krieges lebte sie im Hause einer in Usingen verheirateten Tochter. Einem früheren Wunsche gemäß wurde' sie auf dem hiesigen Friedhof bestattet. Herr Lehrer Halberstadt von hier würdigte in seiner Trauerrede das vorbildliche Wirken der Verstorbenen für Haus uud Familie. Der iu Viehhändlerkreisen weit über die Grenzen unseres Hessenlandes hinaus bekannte Herr Hermann Stern von hier beging am 19. August seinen 8«. Geburtstag. Herr Stern entstammt einer alteingesessenen Familie aus Bindsachsen im Kreise Büdingen, pflegt getreulich die ihm im Elternhaus anerzogenen Formen des traditionellen Judentums. Kinder und Enkel, Geschwister, Verwandte und Freunde waren von nah und fern herbeigeeilt, um den frohen Tag zu einem würdigen Familienfest zu gepalten. Zahlreiche Geschenke und Glückwünsche zeugen von der Beliebtheit des Jubilars. Möge sein Lebensgang auch fernerhin ein gesegneter sein. Flonheim. Sonntag, den 2. September, war ein Festtag für unsere israelitische Gemeinde. Die renovierte Synagoge wurde an diesem Tage durch unseren Bezirksrabbiner Herrn Tr. Lewit aus Alzey aufs Neue geweiht. Unser schon mehr als ein Jahrhundert altes Gotteshaus wurde in diesem Sommer renoviert dank der Freigebigkeit der Gemeindemitglieder, dank auch der hochherzigen Gabe unseres bisherigen Herrn Staatsministers Ullrich, die er an seinem Jubelfeste der israelitischen Synagoge gespendet hatte. Das schöne Werk steht nun vollendet da und wurde am Sonntag durch unseren Herrn Rabbiner dem heiligen Gebrauche übergeben, damit es schon an den hohen Feiertagen die andächtige Gemeinde rm Gebete erhebe. Es hatten sich zur Einweihung die ganze israelitische Gemeinde und auch die nichtjüdische Bevölkerung in großer Zahl eingefunden, auch Herr Bürgermeister Rickerich und der gesamte Gemeinderat waren in der Synagoge erschienen. Der evangelische Geistliche hatte sein Fernbleiben mit verbindlichen Worten des Bedauerns durch den eigenen Gottesdienst entschuldigt, der katholische Geistliche hatte auch selbst Gottesdienst zu versehen, doch war er zur Verschönerung des Festes aus kurze Zeit in der Synagoge anwesend. Herr Lahm begrüßte mit freuiidlichen Worten die Erschienenen, besoiiders Herrn Rabbiner und die Ehrengäste und sprach Herrn Staatsminister Ullrich innigsten Dank aus. für die große Spende, durch die er die Renovation des Gotteshauses möglich machte. Hierauf hielt der Herr Rabbiner die herzliche Weihepredigt, in der er in längerer Rede ausführte, was wir vom Stiftszelt der Wüste und vom salomonischen Tempel noch für unsere Zeit lernen können, und er ermahnte die Gemeinde, daß der schönste Schmuck eines Gotteshauses iu der Fülle der Beter bestehe. Nach der Weihe sprach der Rabbiner mit der Gemeinde das Kaddischgebet. Das Gotteshaus konnte sofort in Gebrauch genommen werden, indem anschließend die religiöse Trauung voll Fräulein Erna Beismann aus Flonheirn mit Herril Edmund Simoil aus Butzbach stattfaild. Frau Siegmund Marx hatte durch ihren erhebenden, schönen Gesang unter Harmoniumbegleitung bei Einleitung der Trauung zur Verschönerung der Feier beigetragen. Tie große Zuhörerschar war über die Trauung im Gotteshause verblieben. Fürfeld (Rheinhessen). Freudig überrascht wurde die hiesige israelitische Gemeinde von dem öfters in seine Heimat wiederkehrenden Herrn Hermann G o l d s ch mi d t aus Los-Angeles (Kalifornien). Sofort bei seiner Ankunft mit seiner Gemahlin Frau E nl in a geb. N e u m a n n erklärte derselbe dem Vorstand, daß er zum Andenken an seine Eltern die Synagoge auf feine Kosten renovieren lassen wolle. Seit dem Neubau 1895 war die Gemeinde nicht in der Lage Ausgaben hierfür zu machen, zumal die Gemeinde ans eigenen Kräften stets einen Kultusbeamten unterhielt, was bei einer kleinen, durch die Inflation geschwächten Gemeinde, eine Leistung ist. Auch stiftet Frau G o l d f ch m i d t aus Anlaß ihrer wiederholt glücklichen Heimkehr eine elektrische Uhr für die Synagoge. Gedern. Am Sonntag, 19. August d. I., fanden in unserem Bezirk eine Reihe von Versammlungen des Zentralvereius deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens statt. Es sprach Herr Rechtsanwalt Dr. Erwin Seligmann, Frankfurt a. M. in Crainfeld über „Burgfrieden?", in Ober-Seemen über „Ein Blick hinter die Kulissen"; — Herr Syndikus Erwin Baer-Frankfurt a. M. in Gedern über „Politischer Frieden?", in Wennings über „Lehren der Reichstagswahlen", in Orb über „Völkischer oder demokratischer Staat?". Säintliche Versammlungen wiesen gute Beteiligung auf, eine Reihe neuer Mitglieder meldete sich an.' Grebenau. Am ersten Tag n'H Tept.) feiert Herr Jacob Jacob, unser ältestes Gemeindemitglied und ältestem Einwohner unseres Ortes in beneidenswerter Gesundheit seinen 90. Geburtstag. Niederflorstadt. Unter starker Beteiligung der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung fand am 2. Sept. die Beerdigling des allzu früh dahingegangenen Herrn I. St e r n statt. Durch seine Religiosität und Rechtschaffenheit erwarb er sich das Vertrauen und die Liebe weiter Kreise. 20 Jahre leitete er als 1. Vorsteher die Geschicke feiner Gemeinde zu deren Wohle. Herr Lehrer Markus aus Assenheim schilderte am Grabe die Größe und die Schwere des Verlustes, die der Heimgang des Verblichenen für seine Familie und Gemeinde bedeutet. Partenheim. Am Freitag, den 24. August, fand die Beerdigung der im 70. Lebensjahre verewigten wackeren Frau Caroline Hirschmann, geb. Bergmann, statt. Herr Bezirksrabbiner Tr. Lewit aus Alzey hielt vor dem Wohnhause die Gedächtnisrede und pries die Heimgegangene als Esches chajil, wie sie sich in den vielen Jahren ihres Witwentums bewährt hat. Ein großes Leichengefolge hatte sich eingefunden. Auch hatte der Gesangverein vor und nach der Leichenfeier in erhebender, zu Herzen gehender Weife Abschiedslieder gesungen. Die Bestattung fand auf dem altehrwürdigen Friedhof in dem nahen Jugenheim statt. Wallertheim. Der Vorstand unserer Gemeinde, Herr Emil Jsaac, sandte dem 90jährigen Priestergreis, Herrn Geistl. Rat Pfarrer Hüfner in Gauweinheim folgendes Glückwunschschreiben: Anläßlich der Vollendung Ihres 90. Lebensjahres gestatten wir uns. Ihnen unsere herzlichsten Glück- und Segenswünsche zu entbieten. Dankbar gedenken wir dabei Ihrer priesterlichen Tätigkeit, die das Wort, „Ein Fürst Gottes sei er in Eurer Mitte" wahrmachte. Unvergessen bleibt Ihnen bei uns Ihr wahrhaft priesterlich-friedliches Auftreten in den vergangenen antisemitischen Zeitläuften, in denen Sie gegen Unverstand und Bosheit energisch Front machten. Die Israeliten hiesiger Gemeinde werden nur mit Verehrung und Liebe von dem lieben „alten Weinheimer Pfarrer" sprechen. Ihnen noch recht viele Jahre glücklichen Alters wünschend, begrüßen wir Sie ergebenst Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde. Mainz. Von der Absicht geleitet, dem Ersuchen der städtischen Wohlfahrtsdeputation nachzukommen und geeignete Wohlfahrts- Pfleger (männlichen und weiblichen Geschlechts) in Vorschlag zu bringen, bitten wir die Gemeindemitglieder, sich in den Dienst der Stadt und der Wohlfahrtspflege zu stellen, und dem Gemeindebüro (Hindenburgstraße) Bereitwilligkeitserklärungen zur Ucbernahme dieses städtischen Ehrenamtes zugehen zu lassen. Zentralwohlfahrtsstelle der isr. Gemeinde. 9