Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 9 (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Es gehört ferner, um noch das Eine zu nennen, zu den Grundanschauungen des Judentums, daß Gott das Gute belohnt und das Böse bestraft, daß also eine sittliche Ordnung und Gerechtigkeit im Menschenleben herrscht. Kohelet behauptet das Gegenteil: „Beides habe ich gesehen in meinen eitlen Tagen, dem Gerechten half seine Gerechtigkeit zum Verderben und dem Gottlosen seine Bosheit zu langem Leben." Gibt es stärkere Widersprüche gegen die Lehre des Judentums als diese hier von Kohelet geäußerten Anschauungen? Und doch haben die Häupter der Synagoge diese Schrift sogar in die Reihe der heiligen Schriften ausgenommen. -Was hat sie dazu veranlaßt? Mit anderen Worten: Was will und lehrt eigentlich Kohelet? Nun denn, die Weisen des Talmuds sagen es uns: „man wollte ursprünglich Kohelet dem öffentlichen Gebrauche entziehen; warum tat man es nicht? Weil er am Anfang und am Ende die Lehre Gottes verkündet." Kohelet geht von Gott aus. Wohl gerät er in Zweifel, ja in den tiefsten Strudel und Abgrund desselben, alles wankt unter seinen Füßen, er kämpft und ringt mit Zweifeln und Anfechtungen, aber er ringt sie nieder und gelangt schließlich zu Gott zurück, zur stärksten Ueberzeugung von Gott und seiner Wahrheit. Das ist der Sinn unseres Buches Kohelet, das der Grund, weshalb es zur Lektüre am Laubhüttenfeste bestimmt wurde. Es lehrt uns, daß, wer von Gott ausgeht, mag er auch zuweilen von inneren Kämpfen und Zweifeln nicht verschont bleiben, schließlich doch zu Gott zurückkehrt, zurückkehren muß. Was wir für unsere Zeit daraus lernen können? Vor allem, daß wir unsere Kinder von Jugend auf mit den Gedanken an Gott und seine Lehren vertraut machen müssen. Denn, wo Gott am Anfang eines Menschenlebens steht, da steht er auch am Ende desselben. „Weise dem Knaben den rechten Weg, auch als Greis weicht er nicht davon." Einweihung des Erweiterungsbaues des ifr. Krankenhauses und Pfründnerheimes in Mainz. Am Sonntag, den 2. September 1928, vormittags 11 Uhr, konnte der israelitische Hospitalverein Mainz seinen Erweiterungsbau, den er in monatelanger Arbeit hatte errichten lassen, durch eine Feier vor geladenen Gästen der Oesfentlichkeit übergeben. Die Institution dieses Hospitals und Pfründnerheimes war vor 24 Jahren durch eine Vermächtnisstistung des Mainzer Gemeindemitgliedes D. E. Levinger geschaffen worden und hat in diesen 24 Jahren bereits segensreich für Kranke und Greise gewirkt. Wenn aber verglichen mit dem ersten Jahre ihres Bestandes diese Anstalt im letzten Jahre 1927 annähernd die dreifache Zahl von Insassen ausgenommen und verpflegt hatte, so beweist dieser zahlenmäßige Vergleich zur Genüge, daß die an das Haus gestellten Anforderungen wesentlich gewachsen sind. Zwar hatte man im Pfründnerheim jeden verfügbaren Raum für die Aufnahme von Pfründnern in den letzten Jahren ausgenützt und hatte sogar den früheren Lesesaal für Altenzimmer geopfert und die verteuerte Lebenshaltung der Nachkriegszeit hatte Männer und Frauen in wachsender Zahl gezwungen, an die Aufgabe ihres eigenen Heimes zu denken und Unterkunft im Altersheim zu suchen. Auch von auswärts waren derartige Gesuche eingelaufen. Der Fülle dieser Gesuche konnte beim besten Willen nicht mehr entsprochen werden. Die gleiche Raumnot machte sich auch im Krankenhaus bemerkbar. Diese Anstalt wurde in den letzten Jahren unter dem Gesichtspunkt der Hygiene, wie der sanitären Einrichtung, der Bequemlichkeit der Patienten und der übersichtlichen Organisation ausgebaut; Krankenzimmer wurden umgelegt, ein zweiter Operationssaal eingerichtet, ein Personen- und Speiseaufzug war aufgeführt worden: aber die beschränkten Wohnungsverhältnifse unserer Tage, verbunden mit der anerkannt guten Betreuung und Verpflegung im jüdischen Hospital bewog viele Patienten für die Dauer der Krankheit, das jüdische Krankenhaus aufzusuchen. Insbesondere häuften sich die Fälle, in welchen Frauen zum Zwecke der Entbindung diese Anstalt benützten. Obwohl nun ein Neubau in unserer Zeit mit ungewöhnlichen Kosten verbunden ist, entschloß sich der Vorstand des Hospitalvereins und Pfründnerheimes doch, die von der Zeit diktierte Erweiterung seines Hauses in Angriff zu nehmen. Nach gewissenhafter Vorprüfung des Geländes und verschiedener Entwürfe, entschied man sich für einen in der Längslinie des bestehenden Hauptbaues in der Richtung nach Nord-Westen verlaufenden Neubau. Die Schwierigkeiten bei der Bewältigung der Erdarbeiten, welche sich schon bei der Fundamentierung bemerkbar gemacht hatten und 6 welche durch die in der Erdmasse liegenden Felsenadern und durch das abschüssige Terrain bedingt waren, zogen sich bis zur letzten Vollendung des Baues hin. Der Architekt Preis, Mainz und die Baufirma Hauswald, Mainz wurden aber dieser Schwierigkeiten Herr und vollendeten ohne Unfall G. s. D. in der geplanten Frist den Bau, der sich im äußeren Bilde, wie in der inneren Etagenhöhe dem alten Bau harmonisch anschließt. Durch ein Erdgeschoß und zwei Etagen sind sechzehn neue Zimmerräume gewonnen worden, außerdem wurden bei diesem Neubau umfangreiches Nebengelatz, eine Anzahl Bade- und Klosetträume gewonnen. Die oberste Etage des alten Baues führt im neuen Bau aus eine geräumige nach Süden, Westen und Norden offene Liegehalle und Sonnenterrasse, welche zu etwa ein Viertel überdeckt und für Sonnen-Liegekuren in ausnehmender Weise geeignet ist. Ein neuer Eingang mit ausreichendem Flur und Vorraum führt gleicher Maßen zum Altbau wie zum Neubau. Durch diese Erweiterung können neue Räume für Pfründner zur Verfügung gestellt werden, die Zahl der Krankenzimmer ist vergrößert, vor allem aber ist auf einem Stockwerk eine zusammenhängende gynäkologische Abteilung auf der Etagenhöhe der Operatwnssale geschaffen worden. Die Einrichtung aller Räume, die mrt Zentralheizung, fließendem kaltem und warmem Wasser versehen sind, ist in hygienischer und ästhetischer Hinsicht auf der Höhe derZert erfolgt, so daß allen berechtigten Wünschen der Patienten Rechnung getragen werden kann. Der Betrieb und die Kost-