Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-09-01 · 9 (9.1928) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
9 (9.1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9582242-9623184-9620466--0299-9620471
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

jüdischen Geschichte, die Volkswerdung unter anschaulichen Wunderberichten in eindringlicher Form zu künden weiß; und Schowuaus, als Tag der Offenbarung der Gotteslehre am Sinai. Suckoth ist keinem so weit hinleuchtenden Ereignis geweiht, aber indem es an den göttlichen Schuh Israels während der Wüstenwanderung anknüpft, erscheint es als das Dankfest für die Rettung Israels durch die Gefahr aller Zeiten hindurch, als ein Bekenntnis: Israel steht seit drei Jahrtausenden unter göttlichem Schuh. Dieses Wunder der Geschichte erfüllt uns mit heiligem Dank. So viel Selbstachtung müssen wir heutigen Juden zeigen, so viel Anerkennung dem einzigartigen Verlauf der Geschichte zollen, so viel Bewunderung dem Heldenmute unserer Vorfahren entgegen bringen, die an dem Wunder der Erhaltung von Volk und Lehre tätigen, und noch mehr leidenden Anteil hatten, um das Fest des Schutzes als Dank- und vorzüglichstes Freudenfest zu begehen. Daß aber dieses Fest nicht als einseitig nationales Fest angesehen werde, dafür sorgt die Hastara des ersten Festtages, in der der Prophet Secharia gerade dieses Fest als das einstige universelle, allen Völkern gemeinsame, hinstellt. In diesem Sinne machten auch unsere Talmudlehrer die Bemerkung: Die siebzig Stiere, die Israel insgesamt an den Tagen des Festes darbringt, sind die Sühneopser für die siebzig, das heißt für alle Völker der Erde. So erscheint auch die Festhütte als das Symbol des einstigen Weltfriedens, der die gesamte Menschheit beglücken soll. In der Thora wird unser Fest das Einsammlungssest genannt. Als unsere Väter als ein Bauernvolk im Heilgen Lande lebten, wurde dieses Erntefest begreiflicher Weise als echtes Volksfest gefeiert, verbunden mit allen leiblichen Genüssen, mit Tanz und Gesang, immer aber durchtränkt von religiöser Weihe; man darf als sicher annehmen, daß auch diese Volksfeste sich von allen bedenklichen Ausschreitungen fernhielten und Ernst und Würde bei allem Festesjubel ihren berechtigten Platz einnahmen. In Israel ist Festesfreude nicht gleichbedeutend mit Zügellosigkeit. Schon lange ist Sukoth nicht in seiner ursprünglichen Bedeutung als Erntefest: in Israel begangen worden; denn schon lange hat der größte Teil des jüdischen Volkes seinen Lebensunterhalt nicht durch Landwirtschaft, sondern durch Handel und Gewerbe gesunden. Man kann dies aus wirtschaftlichen, sozialen und volksbygienischen Gründen bedauern; und das Bestreben, unsere Stammesgenossen der Landwirtschaft zuzusühren, verdient gewiß die weitgehendste Förderung, gelte es in europäischen Ländern oder in Palästina oder sonstigen außereuropäischen Ländern. Nach der gegenwärtigen Sachlage ist damit zu rechnen, daß nur ein ver- * schwindend kleiner Bruchteil der Juden sich der Landwirtschaft wird zuwenden können. In Deutschland, und besonders in unserem Westen, Land zu erwerben, um es mit jüdischen Bauern zu besiedeln, ist mit unüberwindlichen, vor allem, materiellen Schwierigkeiten verbunden. Für absehbare Zeit wird sich an der Struktur der jüdischen Bevölkerung nicht viel ändern lassen. Der Zug nach der Stadt, der in der Kriegs- und ersten Nachkriegszeit eingedämmt war, wird wohl auch nicht mehr allzu lauge ausgehalten werden können; ob mit Recht oder Unrecht, zum Heile oder zum Schaden der gesamten Judenheit ist schwer zu entscheiden. Man '.nag die Freuden des Landlebens noch so hoch preisen, die Juden haben, anfangs gezwungen, dann freiwillig, das Leben in den Städten und in den Großstädten, dem ländlichen Leben vorgezogen. Ter Schwerpunkt des Judentums, die Erhaltung der Religion, liegt — in den Städten. Kann Suckoth nicht als Erntefest in des Wortes ursprünglichster Bedeutung von der überwiegenden Mehrzahl der Juden gefeiert werden, so ist seine Bedeutung, in Anlehnung an das Thorawort: Du sollst dich freuen an deinem Feste.denn es wird dich segnen der Ewige, dein Gott in allem, was dir zuwächst und bei allem, was deine Hände tun, und du sollst wahrhaft fröhlich sein" unverkennbar eine Wertschätzung des Berufslebens jeglicher Art. Der göttliche Segen ruht aus jedem Berufe, den der Mensch gewissenbaft ausübt; den Judenfeinden zuliebe soll niemand zu einem Berufe gezwungen werden, der seiner Neigung und Anlage nicht entspricht. Tie wirtschaftliche Umschichtung, so wünschenswert sie auch scheinen mag, darf die persönliche Freiheit des Einzelmenschcn nicht beeinträchtigen. Dieses Grundrecht der Berufs- und Wohnungsfreiheit muß auch uns Juden gegenüber uneingeschränkt gewährt werden. Freude muß jeder an seiner Berufsarbeit finden; und diese darf selbst durch die wohlwollendsten Maßnahmen nicht unmöglich gemacht werden. Ob wir mehr Kopf- oder Handarbeiter sein sollen, darf uns durch kein menschliches Gebot vorgeschrieben werden. In Hütten ist Israel einstens in der Wüste beschützt worden; durch zwei Jahrtausende hat es seinen Bestand erhalten, ohne gerade Landbau als die vorzügliche Beschäftigung getrieben zu haben. Nur auf die Freude an seiner Lehre und an seinem Berufsleben kann Israel so wenig wie irgend ein anderes Volk verzichten. Diese Freude aber zu erhöhen, ist der tiefe Sinn unseres vorzüglichsten Freudenfestes. Kohelet. Von Rabbiner Dr. Holzer, Worms. Seit uralter Zeit ist zur Lektüre für das Sukkothfest ein Büchlein bestimmt worden, das zu den gedankenvollsten und tiefsten, aber zugleich zu den merkwürdigsten und rätselhaftesten der ganzen Bibel gehört, das Buch Kohelet. Wer war denn Kohelet, unter dessen Namen das Buch geht? Schon hier beginnt das Rätsel, das Fragespiel. Die alte Ueberlieferung setzt ihn mit Salomo gleich, weil er in der Ueberschrist als ein Davidsohn und dazu noch als ein König in Jerusalem bezeichnet wird. Tie Neuzeit freilich streitet dem großen und weisen König die Abfassung, die Urheberschaft dieser Schrift ab. Und auch die alte Zeit scheint in dieser Hinsicht Zweifel gehegt zu haben. Aber wie dem auch immer sein mag, dieser Umstand allein war es nicht, der einst bei Ausnahme dieses Büchleins in die Sammlung der heiligen Schriften einen heftigen und langwierigen streit verursacht hat. Maßgebend und entscheidend war vielmehr die Tatsache, daß dieses Buch nicht nur von inneren Widersprüchen erfüllt, sondern von starken Zweifeln über die wichtigsten Grundsätze des Judentums durchzogen zu sein scheint. Es gehört zu den anerkanntesten Sätzen und Anschauungen des Judentums, daß die Welt von einem allgütigen und allbarmherzigen Gott geschaffen und ins Dasein gerufen worden ist und daß sie daher gut und vollkommen sein müsse. Einer der bekanntesten deutschen Philosophen drückt diese Anschauung mit den Worten aus: „die Welt, die wir besitzen, ist die beste aller möglichen Welten." Und die heilige Schrift hat hiesür in der Erzählung von der Weltschöpsung den Satz geprägt: „Und es sah der Ewige das ganze Werk, das er geschaffen hatte, siehe, es war sehr gut." Das Judentum steht also auf dem Boden des sogenannten Optimismus, der Beurteilung der Welt als einer guten, ja der besten, die hätte erschaffen werden können, wenn es auch im Einzeliien das Vorhandensein von Uebeln und Leiden in dieser Welt nicht leugiiet. Demgegenüber tritt uns Kohelet in unserem Buche als der Vertreter des Pessimismus, des Weltschmerzes, der tiefsten Welt- und Lebensverachtung entgegen. Die Sage, die uns erzählt, Kohelet sei vom Throne gestoßen worden und der Herrschaft beraubt, als Bettler in Lumpen gekleidet, umhergeirrt, hat insofern ganz Recht. Denn er spricht in der Tat wie ein Mensch, der von der höchsten Höhe des Glückes, des Reichtums und der Ehre in die tiefste Tiefe des Unglücks, der Not uiid des Elends hinabgestürzt worden ist. Wo er erscheint, da erstirbt den Menschen das Lachen aus den Lippen, wird alle Freude ihnen vergällt. Menschen, die sich freuen und heiter sind, ruft er zu: „ivas soll denn eure Freude, welches Recht hat sie in dieser Welt?" Den Greis, der hochbetagt, glücklich und zufrieden zurückschaut auf das vollbrachte Lebcnswerk, der im Kreis der Seinen des Heranwachsenden jungen Geschlechtes sich freut, tadelt er: „Du Tor! die Fehlgeburt, die das Licht dieser Erde nicht geschaut, ist glücklicher als du." Sieht er schließlich eine Mutter, die ihren Sprößling in überströmendem Mutterglück herzt und küßt, so ruft er ihr zu: „Alles ist eitel, iiichtig, wertlos." So ist ihm die Erde ein Jammertal, das Leben nicht lebenswert, die Welt die schlechteste, die hätte erschaffen werden können. Tapeten:: Linoleum Alle Preislagen billigst. * Durch eigne Leger verlegt Christian SC HE PP * Darmstadt Soderstraße 19—21 Telefon 737 Villeroy & Boch, Mainz Keramische Werke A.-Q. Mosaiklairer KaiserstraOe 18 ★ Fernsprecher 728 BnnaB»na«i iiaasflaaBBB ■BIBBBBIBIt Mettlacher Wand- und Fußbodenplatten Feuertonwaren ★ Baukeramik »»»»»»»»»»» Kachelöfen und Kachelherde Lieferung und Ausführung! BRnaBBBIMBI 0

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.