Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 9 (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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bctung des einig-einzigen Gottes wurde gänzlich verboten. Isebel ließ überall die Altäre Gottes einreißen und die Propheten Israels nmbringen und setzte Götzenpriester über das israelitische Land. Nur wenigen israelitischen Propheten war es gelungen, sich vor den mörderischen Anschlägen der Isebel zu retten, zu ihnen gehörte auch der Prophet Elia, der gewaltige Eiferer vor dem Herrn. Von dem Königspaare berichtet die biblische Geschichte, daß es sich einen neuen Palast in der Stadt Iesreel erbauen ließ, die zur Residenz erwählt wurde. Neben dem königlichen Palaste aber hatte ein Bürger mit Namen Naboth einen Weinberg, den der König sich gern zu einem Garten umgewandelt hätte. Er ersuchte deshalb den Naboth: „Gib mir deinen Weinberg, weil er nahe an meinem Palaste liegt. Ich will dir dafür einen besseren geben, oder wenn es dir recht ist, seinen Wert m Geld bezahlen." — Naboth aber erwiderte dem Könige: „Bewahre mich Gott davor, dir das Erbe meiner Väter abzutretcn." — Ahab erzählte diese Antwort seiner Gattin, der Königin Isebel. Diese aber, die Holze, tyrische Königstochter, der Gewalt vor Recht ging, sagte ihm: „Bist du darum Kön'g von Israel, daß du dir solches solltest gefallen lassen. Naboth wagt es, sich deinem Wunsche zu Widerschein Ich werde dir den Weinberg verschaffen!" — Isebel nun, die rachcdnrstige Königin, schrieb im Namen des Königs an die Aeltesten der Stadt Jesreel: „Rufet eine öffentliche Festversammlung aus^und weist dem Naboth einen Platz unter den Vornehmsten der <-tadt an. Ihn: gegenüber setzet zwei schlechte Memchen, die gegen ihn falsches Zeugnis aussagen, daß er Gott und den König gelästert habe. Dann verurteilt ihn zum Tode und stciitigt if)n/' — Die Stadtältesten waren ebenso gottvergessen und gewissenlos wie Isebel. Lie riefen eine Volksversammlung aus, wtzten Naboth obenan, da kamen die beiden nichtswürdigen Menschen und zeugten gegen ihn angesichts des ganzen Volkes:'„Naboth hat Gott und den König gelästert!" —Auf dieses Zeugnis hin ließen die ^Ltadtältesten nach kurzem Prozeß den unschuldigen Mann vor die Stadt führen und steinigen. — Sobald nun Isihel dies vernommen hatte, sprach sie freudigen Herzens zu Ahab: „Naboth, der dir den Weinberg nicht abtreten wollte, ist tot, nimm jetzt ungehindert seinen Weinberg in Besitz!" — Gerade als der König im Weinberge Naboths sich erging, da trat plötzlich Elia vor ihn hin und rief ihm zu: „Du hast gemordet und willst auch noch Erbe sein! An der Stelle, wo die Hunde das Blut Naboths geleckt haben, sollen sie auch dein Blut lecken und Isebel, die dich zu so schändlichem Tun verleitet hat, soll an der Stadtmauer Iesreels von den Hunden gefressen werden!" — Das Schicksal hatte das Königspaar ereilt, ähnlich wie es ihnen der Prophet Elia vorhergesagt und auch ihrer Tochter erging es so. Die Tochter Ahabs und der Isebel, die blutdürstige Königin Athalia, war auch eines gewaltsamen Todes gestorben. Woher wußte Elia, wie sich die Angelegenheit mit Naboth verhielt? Hatten es ihm vielleicht die Stadtälteften verraten? Ach nein, das können wir nicht annehmeli, die pflichtvergessenen Männer, die den unschuldigen Mann umbringen ließen, werden viel zu feige gewesen fein, um sich der Königin gegenüber in Gefahr zu bringen. — Elia, der gewaltige Gottesmann, kannte den Charakter der Isebel, feinfühlia hatte er sich in das Gewissen und das Innenleben der Königin hineingedacht und es war ihm alles klar geworden. Er erkannte den ganzen Sachverhalt, ohne daß es ihm jemand gesagt hatte, in seiner inneren geistigen Schau hatte er es gesehen. — Und nun tritt er mutig und furchtlos vor den König hin im Namen der Gerechtigkeit und schleudert ihm den furchtbaren Vorwurf zu: „Du hast gemordet und willst nun auch noch Erbe sein!" — Ich denke, der Elias ist doch geeignet, unserer Jugend den Männerstolz vor Königsthronen eindringlich und faßlich vor Augen zu stellen und ihr zu zeigen, was ein wahrhafter, fester Charakter ist. Es ist schon gar oft in Lehrerversammlungen die Frage erörtert worden, ob die biblischen Geschichten für die Schule paffen. Fürwahr, wenn sie nicht da wären, diese Erzählungen der Bibel, man müßte sie erfinden. Aber wer vermöchte so etwas zu erfinden? Kann der Lehrer wünschen, auf solche Tinge zu verzichten? Wo fände er Bilder, wie diese, um ewig wiederkehrende Vorgänge, Typen aus der sittlichen Sphäre der Jugend verständlich zu machen: Tie Willkürherrschaft eines Tyrannen, die bohrende Beredsamkeit eines hochfahrenden und begehrlichen Weibes, die stets bereite, auch zu jeder Schandtat willfährige Dienstfertigkeit der höfischen Umgebung, die blöde Haltlosigkeit der Masse und dann dagegen die grandiose Tapferkeit dieses einen Mannes, dieses Elia, eines Mannes, dem sein Gewissen, dem sein Gott nicht erlaubt, zu heucheln oder zu schweigen! Was wir hier von Elia hören, ist uns ja auch von anderen Propheten bekannt. Wir wissen, daß auch der Prophet Nathan vor den König David hingetreten und ihm in der Parabel von dem Schäfchen' des armen Mannes in Jerusalem, das der Reiche hatte stehlen lassen, die Schuld des Königs veranschaulichte. — Auf den in voller Entrüstung ausgestoßenen Ausruf des Königs: „Der 4 Mann, der das getan) hat, ist des Todes schuldig!" sagt Nathan: „Atto hoisch! Du bist der Mann! Oder hast du nicht getan, was böse ist in Gottes Augen? Uria hast du durch das Schwert erschlagen lassen und sein Weib hast du dir zum Weibe genommen!" Worauf der Köiiig antwortete: „Ehotoßi laadaunoZ Ja, ich habe gesündigt vor dem Ewigen!" Die Propheten in Israel fühlten sich dazu von Gott berufen, das Unrecht zu geißeln und dem Volke das Gerechtigkeitsbewußtsein zu schärfen. Nicht der Götzendienst Ahabs, sondern sein begangenes Unrecht war es, das den Propheten Elia veranlasse, ihm den Uiitergaiig zu prophezeien. Die Propheten in Israel haben aufgehört, nicht aber, was sie gewirkt, ihre Aufgabe hat der Versöhnungstag übernommen. Wie Elia vor Köiiig Ahab hintrat uiid ihm zurief: „Dil hast gemordet uiid willst iinn auch iioch Erbe sein!", wie der Prophet Nathan dem Könige David die Schuld vorhielt und ihm sagte: „Du bist der Mann!", so kommt durch die Jahrtausende, hindurch alljährlich der Iaum-Kippur zii einein jeden Israeliten iind klagt ihn an: „Atto hoisch! Du bist der Mann!" Darum prüfe deiii Tun, halte Eiiikehr, überdenke dein Vcrhalteii gegen Gott, gegeii dich selbst, gegen deine Familie, gegen alle Menschen! Prüfe, ob dein Tun vor der Gerechtigkeit Gottes bestehen kann. Im Zwiegespräch mit dir selbst, werde dein eigener Ankläger! Gib der Wahrheit und der Gerechtigkeit die Ehre, suche das Unrecht, das bu getan, im aufrichtigen Bedauerii wieder gut zu machen. — Ja, wenn wir also zum Bewußtsein unserer Verirrung und Versündigung gekommen sind, daß wir das schinerzliche Bekenntnis aussprechen: „Ich habe gesündigt vor dem Ewigen!", dann wird uns auch der Versöhnungstag die tröstenden Worte zurufen, wie der Prophet Nathan dem reuigen David: „Gott nimmt deine Sünde von dir!" — David wurde gerettet durch sein Eingeständnis, indem er die Gerechtigkeit und Wahrheit anerkannte und so zum Bewußtsein seiner Sündhaftigkeit kam und seine Sünde eingestand. Das Haus Ahabs ging aber unter durch diesen Justizmord, durch dieses mit meineidigen Zeugen und charakterlosen Richtern begangene Verbrechen an dem schlichten Landmanne Naboth, weil es sich seiner schweren Schuld gar nicht bewußt wurde. — Seien wir darum nicht verstockt wie Ahab und Isebel, sondern erkennen wir unsere Sünde wie David. Tann wird der Versöhnungstag uns aufs Haupt Segen bringen und wir werden bester, gerechter und edler aus diesem heiligen Tage herausschreiten, Frieden, Harmonie, Uebereinstimmung, Versöhnung, wird in uns leben und wir werden die Erfüllung der Verheißung des Propheten Iesaia empfinden: „Ich tilge hinweg wie Gewölk deine Missetaten und wie Nebeldunst deine Sünden, kehre um zu mir, denn ich erlöse dich!" Das Hüttensest; seine religiösen und wirtschaftlichen Lehren. Rabbiner Dr. Sander, Gießen. Als nach der Teilung des salomonischen Reiches König Ierobeam das Zehnstämmereich endgültig vom Zweistämmereich Juda loslösen wollte, setzte er für sein Reich, in Erinnerung an die Begeisterung, mit der das Hüttenfest in den Tagen Salomos im Anschluß an die Tempelweihe gefeiert worden war, cm Stelle des alten Hüttensestes im siebenten Monat, ein Fest im achten Monat ein. Das Hüttenfest schien ihm als ein so festes Band um das gesamte Volk, daß erst mit seiner Beseitigung der Zusammenhang zwischen den beiden Reichsteilen gelöst und seine eigene Herrschaft gesichert werden könnte. So wurde nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil von unseren Vätern als erstes Fest auf heimatlichem Boden das Hüttenfest gefeiert, und als die Makkabäer den Tempel aus der Gewalt der Syrer befreit hatten und das Weihefest begingen, hielten sie, so heißt es im zweiten Makkabäerbuche, eine achttägige Feier, „gleich einem Laubhüttenfeste, dessen eingedenk, wie sie noch während des Laubhüttenfestes auf den Bergen und in den Höhlen gleich wilden Tieren ihr Leben frisieten. Darum trugen sie mit Laub umwundene Stäbe und schöne Reiser, auch Palmzweige, und stimmten dem zu Ehren Loblieder an, der die Reinigung des ihm geheiligten Orts hatte gelingen lasten." Das Hüttenfest wird überschattet durch die ihm vorausgegangenen ernsten Feste, Neujahrs- und Versöhnungsfest. Es macht sich, namentlich in den Großstädten, aber auch in den Mittelgemeinden eine Feiermüdigkeit bemerkbar, die zu der Bedeutung dieses Festes für unsere Religion im schärfsten Widerspruch steht, obwohl unsere Zeit wahrlich zu sonstigen Festesfeiern n.ur allzu geneigt ist. Der Feier des Sukothfestes 'kann wohl auch bei oberflächlicher Betrachtung der Umstand abträglich fein, daß es nicht an die weltgeschichtliche Bedeutung der beiden anderen geschichtlichen Feste heranreicht: Pesach, das den Beginn der