Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 9 (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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aus der Kürze unseres Verstehens das Leben zu berechnen suchen, indem wir starre, ewig festliegende Gesetze annehmen, wo sein lebendiger Wille doch waltet, wo sein Wille jeden Tag die Erneuerung der Welt und der Menschheit zu wirken vermag. Nicht uns zu erdreisten gegen ihn, den einzig Großen, ist die Mahnung, die uns entgegenklingt, an seinem Willen entzünde sich unser Wille, und ist er erst in Flammen und Glut, dann gibt es keinen Verfall, keinen Untergang Israels, dann lebt es durch die Demut unseres Gehorsams gegen ihn. Der Midrasch schließt: Ein W' ist, wer da ist?s>2 „ein Mann des Streites". Ganz wörtlich soll das gelten. Wer, wo das Ganze unserer Gemeinschaft in Gefahr ist, wo manche Gemeinden dicht vor dem Untergange stehen, wo man auf alle Kräfte angewiesen, auf die freudige Mitarbeit jedes einzelnen nicht verzichten kann, feine persönliche Eitelkeit, sein Gekränktsein, seine Ehrsucht in den Vordergrund stellt, der ist ein der ist sündig. Wer um Kleinlichkeiten und Kleinigkeiten willen den Bestand der Gemeinde gefährdet, mit seinen Streitigkeiten den Namen Israels in der Welt und vor den Augen der Menschen schändet, ist ein Wer aus der Enge seiner Parteimeinung den Gegner schmäht und verkleinert und seine heilige Arbeit für Israel geringachtet, ist ein Wer um die Förderung seiner Richtung willen die Einheit der Gesamtheit Israels verleugnet und die heilige Einheit des •Jxntyi ^2 verneint, lieber die Kräfte zersplittert sein läßt als mit dem zusammengeht, der nicht in allen Stücken seines Sinnes ist, ist ein Nicht, daß Kritik und Tadel ausgeschaltet sein soll, heißt es doch ausdrücklich: „Zurechtweisen sollst du deinen Nächsten, sonst trägst du seinetwegen Sünde." Aber kein Tadel und keine Kritik darf bis zur Spaltung führen und die Einheit zerreißen, auch Tadel und Andersdenken muß von Liebe zum Andersdenkenden, von Achtung vor seiner Ueberzeugung, von Anerkennung seines Rechtes getragen sein. Wir suchen am Versöhnungstag die Einheit unserer Seele, wir finden sie leichter und rascher in der Einheit des 7X*iti>i ^2. Versöhnung und Verzeihung. Von Rabbiner Dr. S. L e v i, Mainz. Das alte, auf unsere Zeit der Buße bezügliche Wort „Gott verzeiht uns erst dann, wenn wir den Nebenmenschen verziehen haben", welches den Kindern in der Schule als eine Grundlehre des Judentums eingeprägt wird, hat seine Geltung nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene und hätte häufig selbst hochbetagten Männern und Frauen eine beherzigenswerte Wahrheit zu verkünden. Zeiten, die wir selber nicht miterlebt haben, können wir zwar in allen ihren Eigenheiten nicht kennen und beurteilen. Nach den Berichten aber, die wir aus früheren Zeiten besitzen, scheint es so, als ob unsere Väter und Vorfahren der Erhaltung oder Wiederherstellung des Friedens unter den Menschen mehr Bedeutung zugemessen hätten, als wie es heute zu geschehen pflegt. Auch innerhalb der jüdischen Gemeinden und^Familien, in der Stadt wie auf dem Lande, sind Reibereien, Feindschaft und gegenseitige Verbitterung häufig zu verzeichnen. Es ist doch manchmal so, daß Brüder in der gleichen Gemeinde, vielleicht nur wenige Häuser von einander getrennt, wohnen, welche aus irgendeinem Grunde aneinander und derart auseinander gerieten, daß sie Jahre lang keinen Gruß miteinander wechseln, kein Wort miteinander reden und selbst in der Stunde, in welcher der eine von ihnen zur ewigen Ruhe gebettet wird, der andere abseits steht oder sich völlig fern hält von der Stätte, wo der Bruder, das Kind derselben Mutter und desselben Vaters, zur Ewigkeit fortzieht. Gewiß, es wird nicht immer ein fiXJtP (ein grundloser Haß) gewesen sein, der diese Menschen inFeindschaft trennte, aber der talmudrsche Satz NX122> ipby ix x^x tnx irp2 1^2 mixa mna px „Es gibt keinen Streit in einem Menschenhaus außer wegen des Ertrages" wird wohl zumeist den Grund der Feindschaft zwischen Brüdern zeichnen. Der Ertrag des Feldes oder Geschäfte, Vermögensansprüche oder Besitzwünsche bringen häufig, oder zumeist die Menschen, welche von Natur aus zusammen gehören, in Feindschaft auseinander. Das aufwallende Temperament mancher Menschen in der Stunde eines Streites, welches wir zwar bekämpfen sollen, sei als eine kleine Entschuldigung in Betracht gezogen; wenn aber die stürmische Welle der Erregung verebbt ist, wenn die scharfen Worte verklungen sind, dann sollte doch Besinnung wiederkehren und der Wunsch sich regen, einen derartigen Zustand der Entzweiung nicht andauern zu lassen oder zu verewigen. Feindschaft ist eine Entweihung des göttlichen Willens und Wortes, ist ein Hohn auf den ewigen Vater, dessen Kinder wir sind. Darüber hinaus aber ist es ja auch eine Zertrümmerung des eigenen Menschenlebens: Wer bei dem Gedanken an Verwandte oder frühere Freunde, wer beim Anblick des Bruders den Groll in sich aufsteigen fühlt, wird des Lebens nicht mehr froh; jede heitere Stunde verdüstert sich ihm, jede fromme und erhebende Regung wird verbittert. Aus dem engen Zirkel der eigenen Brust greift die Düsterkeit hinaus in den weiteren Kreis der Familie und wirft Schatten auf Betätigung und Leben. Es ist schon Wahrheit, was im Bibelmidrasch steht (Schemoth Rabbah, Abschn. 30): N2'->2 X2W pxi 21U 12T px „nichts Gutes und kein Friede kommt von einem Streit". Wer ruhig überlegt und die bleibenden Werte des Lebens erwägt, muß sich ja auch sagen, daß der Gegenstand des Streites kaum einmal diese dauernde Selbstverbitterung und Selbstentwertung lohnt. Man glaubt oft, es seiner Ehre und seinem Charakter schuldig zu sein, daß man auf seinem Recht besteht; man glaubt, es nicht nötig zu haben, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun, weil ja der andere Unrecht habe. Aber kein Streit ist nur aus dem Recht des einen und dem Unrecht des anderen hervorgegangen: Ein kleines Teilchen Unrecht liegt auf beiden Seiten. Und ist es nicht vielmehr Beweis von Ehre, Charakter und Kraft, wenn man sich selbst besiegt und sich überwindet, ein Unrecht, welches in der Welt liegt, gleichviel ob man es begangen oder erfahren hat, aus der Welt zu schaffen? „Wer ist ein Held?" So wird in den Sprüchen der Väter gefragt und die Antwort lautet: „Der, der sich selbst besiegt." Und ob nun unsere Väter weniger Verfeindung kannten oder mehr als wir (ich glaube nicht, daß sie sich so häufig „einen Rooges geschnitzt" d. h. einen Grund zur Feindschaft konstruiert haben, als wie die Menschen unserer Tage), aber in dem Bemühen, eine bestehende Feindschaft aus der Welt zu schaffen, waren sie sicherlich größer als wir. So heißt es im Sefer Maharil (Hilchoth leil jaum kippur): „Jeder Mensch suche Vergebung von seinem Nächsten, wenn er ihm das Geringste durch Worte oder Taten an Leid zugefügt hat; und wenn der ihm nicht unter vier Augen verzeiht, dann bringe er drei Merfschen mit und versuche ihn in deren Gegenwart zu beschwichtigen; wenn der ihm beim ersten Versuch nicht vergeben will, dann versuche er's ein zweites und ein drittes Mal und wenn er dann immer noch sich weigert zu vergeben, dann bringe er zehn Menschen und stelle sie in einer Reihe vor ihm auf und bekenne vor ihnen: Ich habe gegen diesen Mann gesündigt, und er will mir nicht verzeihen. Daraus wird Gott erkennen, daß er sich selber vor jenem demütigt, und Er erbarmt sich, vergibt und verzeiht ihm." Wenige Zeilen weiter sagt dann Maharil: „Jedermann bemühe sich zu Kolnidre zeitig ins Gotteshaus zu gehen, damit einer den anderen noch um Verzeihung bitten kann, bevor der Vorbeter das Vorbeterpult besteigt." So hat dieser alte Meister einen Weg gezeigt, wie man „mechiloh beeten" kann: Ein kurzes Wort, ein Gruß, ein Wunsch räumt jahrelangen Groll bei Seite und öffnet einen lichtvolleren Weg. Was helfen alle großen Gedanken und tiefe Ideen der jüdischen Lehre und unserer höchsten Feste, wenn der Mensch in seinen naturgegebenen Gefühlen und menschenwürdigen Empfindungen zerrissen ist, wenn er mit verbittertem Herzen große Worte des Gebetes spricht und von dem höchsten Wesen für das ganze Weltall Versöhnung erwartet, während der Mensch im eigenen kleinen Kreis nicht zu schaffen vermag, was ihm als Ziel dieser Tage vor Augen schwebt! Die größten Werke haben immer ein kleinstes Beginnen (im Guten wie im Bösen), so wie der Baum einmal aur feinsten Würzelchen die erste Kraft des Wachstums sog. Der Prophet Elia im Kampfe gegen Ahab und Jsebel. Von Rabbiner Dr. Julius Lewit, Alzey. Es war nach dem Tode des Königs Salomo, als sich das israelitische Volk durch den Neid und die Mißgunst der Stämme in zwei Reiche teilte, in das Reich Juda, an dessen Spitze ein König aus davidischem Geschlechte stand, und in ein Reich Israel, das von Königen beherrscht wurde, die dem Hause Josefs entstammten. Die Könige von dem Zehnstämmereich Israel strebten danach, das Volk unabhängig zu machen vom Heiligtum auf Zijon in Jerusalem und waren deshalb dem Götzendienst geneigt. Der König Ahab übertraf noch seine Vorgänger an Sündhaftigkeit. Er heiratete die Jsebel, eine Phoenicierin, die Tochter des heidnischen Sydonierkönigs, der durch Brudermord auf den Königsthron gekommen war. Jsebel glich dem Vater, sie war herrschsüchtig, grausam und blutdürstig. In der Hauptstadt Samaria ließ der König zu Ehren der Königin einen Tempel des phönicischen Baal und der Astarte errichten. Am Tische der Königin Jsebel aßen 450 Propheten des Baal und 400 Propheten der Astarte. Der phönicische Götzendienst mit all seinen Gräueln sollte fortan Staatsreligion sein, aber die An- 3