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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-09-01 · 9 (9.1928) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
9 (9.1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Ein Festtagsgebet. Von Rabbiner Dr. Erich Bien heim, Darmstadt. Die überwindende Macht der hohen Feiertage auf die Bekenner des Judentums beruht nicht zum wenigsten auf der tiefgreifenden Wirkung, die von den Gebeten dieser Tage auf die Herzen der jüdischen Menschen ausgeht. Die religiöse Gedankenwelt, die mit dieser Festzeit verknüpft ist, ging in den Gebeten solch eine innige Verbindung mit den Worten ein und hat in ihnen eine derart vollkommene Darstellung gefunden, daß sie urunittelbar zum Gemüt des Betenden spricht. Und da die Gebete zudem noch von Melodien getragen werden, die das Wort durchleuchten und seinen Sinn erhellen, die alle Saiten unseres Gefühlslebens anschlagen und zum Tönen bringen, so hat der jüdische Gottesdienst noch immer die Kraft gehabt, die Menschen umzuwandeln und innerlich neu zu schaffen. Der Gedanke, daß Gott am Beginn des Jahres Gericht über die Menschen hält, bildet den Inhalt des Gebetes „Un'ssanne Tokef". In einer großartigen Vision hat dieser Gedanke Gestalt gewonnen. Unnahbar hoch thront Gott, und die himmlischen Heerscharen sind um ihn versammelt. Aber anders wie bei irdischen Gerichtshöfen ist Gott hier Richter und Kläger und Zeuge und Schreiber zugleich. Vor ihm liegt das Buch der Erinnerung, in dem der Schriftzug eines jeden Menschen enthalten ist. Aus diesem Buch wird gelesen, und nichts wird vergessen. Ta erschallt des Schofers Ton, aufrüttelnd und erschütternd, und die Engel des Himmels selbst erbeben und zittern noch vor dem Nachhall dieses Tons: vor dem strengen, allgewaltigen Richter sind sogar die Himmlischen nicht rein. Und dann ziehen alle Geschöpfe der Welt an ihm vorbei. Wie der treue Hirt seine Herde mustert und sie unter seinem Stab vorbeiziehen läßt, so läßt Gott alle Lebenden vorbeiziehen und prüft ihren Wandel und ihre Gesinnung. Und jeglichem wird nun sein Schicksal bestimmt, jeglichem sein Urteilsspruch gefällt. Am Anfang des Jahres wird das Urteil niedergeschriebcn, aber erst am Versöhnungstag besiegelt: noch eine letzte Frist ist den Menschen gesetzt, noch können sie das Geschick abwenden. Aber am Versöhnungstag fällt die Entscheidung, wer leben und wer sterben wird, wer Ruhe und Sicherheit findet und wen Verderben und Strafe trifft, wer erhoben und wer erniedrigt wird, wer reich wird und wer verarmt. Und da wir Menschen uns kennen und wissen, daß wir alle schuldig sind, müßten wir da nicht verzagen und verzweifeln? In des Richters Hand steht Leben und Tod, steht Gedeih und Verderb, und in seiner Seelenbedrängnis schaut der Mensch nach Rettung aus. Da fallen drei Worte wie helle Lichtstrahlen in nächtliches Dunkel, und die Melodie, die noch eben unendlich ernst und klagend erklang, schlägt in frohe, beglückte Töne um: es gibt eine Hoffnung, es gibt eine Hilfe für den irrenden Menschen! Und niemand braucht sich für verloren zu halten: Umkehr und Gebet und W o h l t u n wenden das böse Verhängnis ab. Das menschliche Leben weist eine dreifache Bindung auf. Es ist geknüpft an unser eigen Herz und Seele, an Gott und an die Mitmenschen, und gegen alle drei haben wir gefehlt. Wir taten nicht immer, was gut und was recht ist, und trübten dadurch die Reinheit unserer Gesinnung. Auf unseren falschen Wegen vernehmen wir die Botschaft dieser Tage: „Kehret um. ihr irrenden Kinder!" Wer reuevoll seine Schuld bekennt und zukünftig zurücktindet auf den Weg der Wahrheit und der Gradheit, der beginnt ein neues Leben, und seine Schuld wird getilgt werden. Jede böse Tat hat uns von Gott entfernt, wir haben uns durch unser Tun von Gott losgesagt. Und doch bleibt er uns nahe, und doch wartet er stets aus unsere Heimkehr zu ihm: „Kinder seid ihr dem Ewigen, eurem Gott, auch wenn ihr nicht als Kinder Gottes euch bewährt." Und wenn sich erst einmal im Gebet die Starrheit des .Herzens löst, wenn der Mensch aus tiefster Seele spricht: „Unser Vater, unser König, wir haben gesündigt vor dir", dann hat er der Versöhnung mit Gott bereits den Weg gebahnt. Unsere Gottesfurcht aber erweist sich erst in der Liebestat für den Menschenbruder. Oftmals waren wir hart und streng und ungerecht gegen unsere Nächsten, unsere Freunde und unsere Familie. Aber sie haben einen Anspruch auf unsere Güte, auf unsere Liebe und Hilfsbereitschaft. Ohne Liebeswerke kann die Welt nicht bestehen. Erst wenn wir zu unserem besseren Selbst, zu Gott und zu den Menschen zurückgefunden haben, können wir Versöhnung erlangen; Umkehr und Gebet und Wohltun wenden das böse VerhäAgnis ab. Und worauf gründet sich die Hoffnung, daß Gott dem Reuigen Verzeihung gewährt? Gott ist langmütig und barmherzig, schwer zu erzürnen und leicht zu besänftigen. Er will nicht den Tod des Sünders, sondern daß umkehre von seinem Wege und lebe. Denn Gott kennt die Schwächen des Menschen, seine irdische Natur. Wem gleicht denn der Mensch? Er ist wie zerbrochene Scherbe, dorrendes Gras, welkende Blume, vergehender Schatten, ver¬ 2 schwindende Wolke, verwehender Wind, wirbelnder Staub, verfliegender Traum. Aber unerschütterlich, tief vertrauend, setzt er seine Hoffnung auf den Ewigen, der da König ist, Gott, lebendig und bleibend. So ist uns das Gebet Un'ssanne Tokef zu einer ganzen Predigt geworden. Möchten wir doch in den kommenden ernsten Tagen auf sic hören und sie beherzigen! Mer ist ein Mn? Ein Midrasch. Zum Versöhnungstage wiedergegeben von Nabb. Tr. Tieilemanri in Offenbach. Wir treten in den Versöhnungstag ein mit denr demütigen Bewußtsein, daß wir allesamt sündig geworden sind und niemand ohne Schuld ist. Welches unsere Schuld ist? Das eigene Geivissen muß jedermann das sagen. Es sind aber nicht nur einzelne sündhafte Handlungen, deren wir uns bewußt werden müssen, damit das Werk der Reinigung und Läuterung beginne; die Gesamthaltung unserer Seele ist das wichtigste. An sie war gedacht, als der Midrasch das Wort prägte: „Vier werden genannt." Was sind das für vier Handlungsweisen und Denkrichtungcn, die als frevelhaft gegeißelt werden? Als erstes nennt der Midrasch: „wer seine Hand erhebt wider seinen Nächsten". Das ist eine Verurteilung jedes Willens zur Gewalt, so wie es der Prophet getan hat in dem berühmten Satz: „nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern allein durch meinen Geist, spricht Gott." Und nicht nur für das Verhalten des einzelnen Menschen gegen den anderen gilt das, sondern auch für das ganze öffentliche Leben, für die Beziehungen der Völker, der Stände, der Berufsgruppen zu einander, jeder Wille zur Gewalt ist WEH, ist Beginn der Sünde. Dieser Wille zur Gewalt steckt aber in uns allen. Als Mose, so erzählt die Bibel, die 2 Israeliten im Streit sah, sprach er zu dem „warum schlägst du deinen Nächsten?" Jener aber hatte ja noch gar nicht geschlagen. Ganz klar sagt Mose '"Ott Hü1? „warum wirst du schlagen?" Deutlicher Hinweis darauf, daß in jedem von uns der Wille zur Gewalt verborgen liegt, in unserem Willen, in unserem Denken sind wir manches Verbrechens, mancher Gemeinheit fähig, auch wenn sie nicht bis zur Tat reift. Der Wille aber, das Denken an Sünde, das schon ist Sünde. Das Dämonische der Menschenkultur kommt uns damit zum Bewußtsein. In uns liegen alle Möglichkeiten. Das aber ist zugleich Trost und Beginn der Läuterung. Wenn alle Möglichkeiten in uns liegen, dann ergreifen wir an diesem Tage die Möglichkeiten zum Guten, dann werden wir uns mit verdoppelter Kraft unserer positiven Fähigkeiten bewußt, die den Menschen mit dem Ewigen verbinden. Der Midrasch fährt fort: „Ein JW*i ist, wer sich leiht und nicht bezahlt." Das ist zunächst wörtlich zu nehmen und heutzutage erst recht. Bei der Zerrüttung der geschäftlichen Moral, die in und nach dem Kriege Platz griff, nehmen es gar viele mit der Erfüllung ihrer Verpflichtungen sündhaft leicht und scheuen sich nicht, ihren weitesten Bedürfnissen Genüge zu tun, ehe sie den befriedigt, der als Gläubiger von ihrem guten Willen abhängig ist. Aber über das Wörtliche hinaus hat das Wort einen Inhalt? Wir sind allesamt Schuldner Gottes, dem wir unsere Schuld nur abstatten können durch die Liebestat am Menschenbruder. Wir sind allesamt Schuldner der Gesamtheit aller Menschen. Ein anderer Midrasch macht das deutlich, er sagt: „welche Mühe hatte Adam, ehe er das erste Brot essen konnte, selbst mußte er pflügen und säen und ernten, dreschen, windschaufeln, sieben, mahlen, kneten und backen, und wir stehen am Morgen auf und finden alles fertig hergerichtet auf unserem Tisch; und welche Mühe hatte Adam, ehe er ein Kleid sich anlegen konnte, er mußte das Schaf scheren, die Wolle bleichen und Herrichten, den Faden spinnen und den Stoff weben, und uns wird das alles fertig ins Haus gebracht." So schulden wir alles der Gesamtheit und können unsere Schuld nur bezahlen, indem wir unsere Seele fest verbunden ftihlen mit der Gemeinschaft, nicht für uns nur leben, sondern unsere Kraft in den Dienst des Ganzen stellen, mit Geld und Arbeit unseren Gemeinden willig und freudig dienen. Der Midrasch benennt weiter als einen, der frech ist gegenüber dem, der größer ist als er." Wer ist größer als wir? Kein Mensch, wir sind keine Untertanen. Nur einer ist größer als wir, Gott. Gegen ihn aber erdreisten wir uns unaufhörlich. Gegen ihn erdreisten wir uns, indem wir sein Gesetz verwerfen, seine Forderung mißachten, leben, als wäre er nicht, als sähe er nicht unser Tun, als brauchten wir sein Gericht nicht zu fürchten. Gegen ihn erdreisten wir uns, indem wir aus der Enge unseres Gesichtes,

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