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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-08-01 · 8 (8.1928) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
8 (8.1928)
Date
1928-08-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Aus dem Archiv der isr. Religionsgemeinde in Worms. Nachstehend bringen wir den von Herrn Kantor Aguluik, Worms mitgeteilten Wortlaut einer Petition, welche die SalinenverwalUmg Wilhelm Gliicksbrunn im Fürstentum Eisenach im Juni 1765 an die jüdische Gemeinde in Worms gerichtet hat. Dieselbe lautet: „Hoch Edle. Hochgeehrteste Herren." Es ist am 27. Martii 1705 die Stadt Creuzburg säst gänzlich im Rauche aufgegangen und die Einwohner derselben in die erbarmungswürdigsten Umstände gesetzt worden in dem sie, da das Feuer allzu geschwinde überhand genommen, nichts haben retten können. Die Saliuenarbeiter bei der gleich daranliegenden Saline haben in diesem Städtchen ihre Wohnung gehabt, und haben also auch alles das ihrige eingebüßt. Da nun selbige Salinenarbeiter in Erfahrung gebracht, dast die Hochlöbl. Judenschaft auch sousten denen abgebrannten viel gutes thun, so haben sie uns gebeten, an die hochlöbl. Judenschaft zu schreiben, und dieselben in der armen Namen ganz gehorsamst 31t bitten, doch auch die Gütigkeit zu haben, und denen armen abgebrannten Saliuenarbeitern deren etliche 50 an der Zahl wie beikommende Designation ausweiset mit einer beliebigen Bei-: steuer beizuspringen. Wir haben also denselben dieses Hinterbringen uiid die säiiitl. abgebrannten Ihrer Wohlergebcnheit bestens empfehlen wollen. Sowohl wir als die armen abgebraniiteii wünschen denselben alles nur mögliche Wohl und das; Der Allerhöchste die ganze hochlöbl. Judenschaft vor allen Unglückssällen bewahren möge. Tie wir mit aller Hochachtung beharren. Saline Wilhelm Glücksbriiiin, bei Ereiizluirg im Fürstentum Eiseiiach, den 4. Juni 1765. Ew. Hoch Edle unseren hochergebensten Herren ganz ergebeiiste: Hierauf folgen die Namen der Saliiieiiarbeiter. Wolf Breidenbach und sein gelauster Sohn. Von S. Rothschild, Worms a. Rh. Zu den wenigen Männern, die sich in Teiitschland bemühten, die bürgerliche Gleichstellung der Juden zu erlangen, besonders aber ben Juden-L eibz 0 ll abzuschaffen, gehörte Wolf Breidenbach. Er war in dem Dorfe Breidenbach bei Kassel 1751 geboren und ist 1824 in Offenbach gestorben. Er war als Talmudjünger nach Fraiikfurt gekommen uiid in Dürftigkeit lebend, hatte er sich heimlich an Mendelssohns Schriften und an der Literatur der Bleassiinschule gebildet. Er war ein Meister im Schachspiele. Ein Fürst, der dieses Spiel liebte, machte zufällig seine Bekanntschaft, übertrug ihm seine Geldgeschäfte und lies; ihm eine bedeutende Summe zur Unternehmung eines Wechsel- und Juwelengeschäftes. Breidenbach hatte Glück in seinen Unternehmungen und wurde Hofagent kleiner Fürsten. Durch deren Hilfe erlangte er die Aufhebung des L e i b z 0 l l s. Im nachfolgenden sei eine Episode aus dein Leben seines Sohnes mitgeteilt. Ein hier wohnender sehr braver pensionierter christlicher Lehrer aus dem Kreise erzählte mir einst, wieviele schwere Gänge er in früheren Jahren nach Darmstadt zu machen hatte, bis er seine zuletzt innegehabte Stelle in E. zudekretiert erhielt. Als er dabei von dem 'damaligen Oberstudienrat Breidenbach sprach, schaltete er hastig die Bemerkung ein: „Wissen Sie auch, daß dieser Herr früher ein Jude gewesen?" „Gewiß," antwortete ich. Kaum hatte er diesen Namen genannt, als eine Geschichte in meiner Erinnerung lebendig wurde, dereu Mittelpunkt dieser getaufte Oberstudienrat bildete. In dem rheinhessischen Dorfe O. lebte der auch in weiteren Kreisen, besonders durch seine philanthropischen Bestrebungen bekannt gewordene jüdische Lehrer K. Er wollte an der dortigen jüdischen Volksschule angestellt fein, weil die jüdische Volksschule seinem Ideal entsprach, aber auch deswegen, weil er ein Mädchen seiner Heimat, dem er schon lange Liebe und Treue geschworen, als Gattin heimführen wollte. Die Hauptschwierigkeiten ergaben sich aus dem Umstande, daß er ein Bayer war. Viele Gänge hatteer schon vergebens nach Darmstadt geinacht. Er kam jedesmal enttäuscht von dort zurück. Er konnte es nicht fassen, daß dieser Oberstudienrat bei eisig-kalter Aufnahme immer noch die Worte gebrauchte: „Mit Euch Juden hat man nichts als Arbeit," während man doch wußte, daß er in früheren Jahren selbst Jude gewesen und von sehr religiösen Eltern erzogen worden sei. Viele Monate waren vergangen, ohne daß K. in seiner Angelegenheit um einen Schritt weiter gekoinmen wäre. Ec war des Wartens müde, die Sache mußte ihm aus dem Kopfe. Also wieder gings nach Darmstadt. Dieselbe kalte Aufnahme, dieselbe unfreundliche Behandlung wie immer. „Was wollen Sie denn überhaupt? Sie sind ja kein Hesse, sondern Bayer," fuhr ihn Oberstudienrat B. an. „Lösen Sie sich zuerst vom bayr. Verbände los!" „Und wenn ich das tue," erwiederte K. „erhalte ich dann mein Dekret?" „Das kann ich jetzt noch nicht sagen." Nach kurzen: Ueberlegen dachte K.: „Ich will sehen, wenn du ein Jude warst, ob uicht in deinem Herzen noch die Seite des „Rachmonus" zum Schwingen zu bringen ist." „Herr Oberstudienrat," sagte K. „gestatten Sie mir nur noch einige Worte, und ich werde Sie nie wieder belästigen. Wenn Sie mir sagen, daß ich, sobald meine Loslösung von Bayern erfolgt ist, mein Dekret erhalte, dann reise ich sofort dahin. Können Sie mir das nicht in Aussicht stellen, dann bitte ich, mir das jetzt sagen zu wollen, denn dann reise ich uicht nach Hause, sondern schicke das Geld meiner armen Mutter." Die letzten Worte waren kaum gesprochen, als sich bei dem hohen Beamten ein Gesinnungswechsel vollzog. Wie ein elektrischer Funke durchzuckte es ihn; das jüdische Herz hatte die Oberhand erlangt und sich kurz besinnend sagte ec: „Reisen Sie ab und kommen Sie ----- er besann sich ein wenig heute in vier Wochen wieder zu mir!" Im Herzen K. jauchzte und jubelte es. Tie Reise wurde unternommen. An dem vom Oberstudienrat Breidenbach bestimmten Tage erschien K. in der Residenzstadt, um das so lauge ersehnte Dekret in Empfang zu nehmen. K. wollte gerade iu die Straße einbiegen, in der B. ivohnte, als ein ariderer jüdischer Lehrer ihm begegnete. „Wo willst Du hin?" „Zu Oberstudienrat B." „Da brauchst Du nicht hin, ich komme von dort, er ist rricht zu Hause. Wie von: Schlage gerührt stand K. da, er vermochte kaum ein Wort hervorzubringen. „Also ist auch der Hinweis arrf ineine arme Mutter spurlos an ihm vorbeigegangen," dachte er. Doch ließ er sich nicht abhalten, zur festgesetzten Stunde bei Br. zu erscheinen, denn er war ja ausdrücklich für dieser: Tag beschieden worden. Vorn Diener nach seinen: Narrrerr befragt, wurde er sofort in ein Zimmer geführt, das einen durchaus jüdischen Charakter hatte. Ganz mit jüdischer: Gemälden verziert, fehlte selbst die Sabbatlarupe nicht. K. hatte kaum Zeit sein Erstaunei: zu unterdrücken, als Oberstudienrat Breidenbach eintrat. Bald nachher wurde K. den: Bruder Breidenbachs, Legationsrat v. B. Stuttgart vorgestellt. Breidenbach erzählte mm K., daß sein Vater ein sehr frommer Jude gewesen, daß er und feilt Bruder sich taufen ließen, weil sie als Juden keine Staatsstellrrngei: bekommen konrrten. „Heute haben wir Jahrzeit," fuhr Br. fort, „da versammeln wir uns mit unseren Familien hier in diesem elterlichen Zimmer. Ich bir: heute für memanden zu sprechen, bin deshalb auch nicht auf dem Bureau. Sie habe ich zu mir gebeten, damit Siediesen Betrag in die <2ynagogenbüchse werfen und für meinen verstorbenen Vater das Kaddischgebet sprechen. Dafür empfangen Sie hier aus meinen Händen das lang ersehnte Dekret zur Erinnerung ai: meine Jahrzeit." Aus unseren Verbandsgemeinden. Schotten. Frau Witwe Jda Katz konnte am 30. Juni d. I. in voller körperlicher und geistiger Frische ihren 80. Geburtstag im Kreise ihrer Kinder, Enkel und Urenkel feiern. Möge der Allgütige ihr auch ferner Gesundheit und Wohlergehen verleihen. n:tr nxa iv Nachdem Herr Salli Katz eine Wiederwahl abgelehnt hatte, wurde Herr Salli Kahn zum 1. Vorsteher gewählt; 2. und 3. Vorsteher sind die Herren Simon Rothschild und Max Stern. Danksagung. Anläßlich des schweren Leides, welches uns betroffen hat, find uns so zahlreiche Bekundungen der Teilnahme zugegangen, daß es uns leider nicht möglich ist, jedem Einzelnen zu erwidern. Wir bitten deshalb, auf diesem Wege unseren Dank für die wohltuenden Beweise des M:teinpfindens, zugleich in: Namen aller A n g e h ö r i g e n abstatten zu dürfen. M a i n z , im August 1028. Rabbiner Tr. Levi und Frau. 0

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