Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 8 (8.1928)
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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milienkreise im Freien vollzogen haben werden, und da es folglich bald als vornehm galt, im Freien getraut zu werden, mag sich die Auffassung allgemein durchgesetzt haben, daß Trauungen unter freiem Himmel, in Gassen, Höfen oder auf Plätzen vollzogen werden sollen. Noch zur Zeit Mabarils wurden nur die Paare, welcher aus Witwer und Witwe bestanden, iin Synagogen b o f getraut, wäbrend bisber unverbciratet gewesene Paare — wie wir oben sabcn — in der Synagoge selbst getraut wurden. Für die Trauung im Freien mag in manchen Fällen auch der Grund mitgesprochen baben, daß man vorbandenen Trauernden, welche nach dem Religionsgesctz das Haus frober Feier nicht betreten sollten, die Anwesenheit bei dem Sprechen der Trauungssegensformeln ermöglichen wollte. Eine Begründung für den Trauungsvollzug im Freien, welche auf den Sinn unseres Sprcndlinger Steines überleitet, findet sich nun im Schulckan aruch, Even haöser, § 61,1 Anm. Schluß, wo cs beißt „Manche sagen, man solle die Chuppab u n t e r d e m H i m m e I machen, als glückverbeißendes Zeichen dafür, daß ihre Nachkommen seien wie die Sterne des Himmels." Aus den Divergenzen der verschiedenen rcligionsgesetzlichcn Quellwerke bat siÄ im Laufe des vorigen Jahrhunderts,' besonders in Ungarn, ein Meinungskampf rcligionsgesetzlicher Autoritäten berausgcbildct und mancherorts wurde überhaupt nur d i e Eheschließung als gültig betrachtet, welche unter freiem Himmel vollzogen wurde. Wenn mit diesen Ausfübrunaen auch nicht etwa eine Entscheidung in diesem reIigionsgesctzlichen Kampfe getroffen, sondern nur die Entwicklung eines Brauches in groben Strichen gezeichnet werden soll, und wenn wir auch nicht den ausschließlich maßgebenden Grund für die Entstehung der Trauung im Freien aufwcisen wollen, so ist der Sprendlinacr Stein doch ein Beweis dafür, daß man in dieser Gemeinde Trauungen im Synogogenbof unter diesem Stein vollzog und daß das Sternensymbol als Wunschform in der oben angedeutetcn Weise mitsvrach. Die in der Mitte des erbaben ausgemciseltcn Sternes gesetzten Buchstaben 2 2 (Mkürzuna für Maffeltauv) bekräftigen diese Annahme. Die in die vier Ecken des Steines gesetzten Buchstabcnpaare 3p Np "'p 2*p sind Abkürzungen für die in den letzten TrauungssegcnssPrüchen enthaltenen Worte: n°?2 nip pnn?ip nnL2 nip ptrtr nip (Die Stimme der Wonne, die Stimme der Freude, die Stimme des Bräutigams, die Stimme der Braut.) Rabbiner Dr. Levi, Mainz. Zur Beachtung! Betr. Borbeterdienst. Um unnütze Vergeudung an Zeit und Geld zu verhindern, ersuchen wir diejenigen Gemeinden unseres Verbandes, welche zu den hohen Feiertagen einen Vorbeter brauchen und noch nicht gewonnen baben, uns umaebend unter genauer Angabe, für welche Tage und für welche Funktionen ein Vorbeter nötig ist, ihre Wünsche zu äußern. Gleichzeitig ersuchen wir diejenigen Herren, welche Vorbetertätigkeit ausüben können und wollen, und noch nicht vergeben sind, sich bei uns zu melden unter Anaabe der Tage und der Funktionen, für welche sie sich zur Verfügung stellen können. Wir werden dann gern bereit sein, die Vermittlung derbeiderseitigen Wünsche zu bewirken. Ter Oberrat des Landesverbandes der israelitischen Religionsgemcinden Hessens. Büro, Mainz, Hindenburgstr. 44, Eing. Gabelsbergerstraße. Stefan Zweig. Tt* rireririt ttttb d«rs rverk. Von Frieda Weißmarin, Breslau. Flachdruck nur mit Erlaubnis der Autorin gestattet. In einer bei dem Berliner Verlag erschienenen ernstkritischen und zugleich liebevollen Studie beschäftigt sich Ernst Rieger mit Stefan Zweig, dem Menschen und Künstler. Da er weiß, daß dem Juden vom Schicksal seit langem schon eine Mittlerrolle im weiten Umkreis menschlichen Lebens zugewiesen worden ist, weil er weiß, daß diese Mittlerrolle ihn in viele Situationen hohen und geringen Charakters gezwungen hat, — darum erscheint ihm Stefan Zweig 2 wie eine Bestätigung und Rechtfertigung zugleich: als ein jüdischer Mensch unserer Tage in neuer Erfassung der alten, alten Mission. Stefan Zweig zeigt sich in seiner Veranlagung und in seinem Werk durchaus als Jude echten Stiles mit der Kraft zu erfassen und zu bewahren. Hineingcboren in eine Zeit satter Sicherheit, mit der zur Sensibilität — manchmal vielleicht zur Uebersensibilität — gewandelten vielhundertjährigcn Erlebnisfülle seines Volkes, trägt er in sich die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erfühlen, Begründungen zu ahnen, Traditionen zu ehren und Grenzen zu überschreiten. Aus Intuition, d. b. aus ererbtem Wissen, unterscheidet er zwischen Eintägigem und Immerwährendem, und so erklärt sich, daß viele sonst als grundlegend erachtete Gegensätzlichkeiten von ibm als vorübergehend erkannt, ihn überhaupt nicht berühren, ihn nicht aufzuhalten vermögen in seinem Vordringen zum Eigentlichen und Wesentlichen. So erklärt sich sein „wcltseitiges Europäertum", das ganz weit entfernt ist von aller politischen Verwaschenbeit, so erklärt sich seine Freundschaft für Menschen, die ihm stammesmäßig fremd sind: für Verhaeren und Rolland. „Vielleicht", sagt Rieger, „ist es gerade die Mission des jüdischen Blutes — nicht nur bei uns — daß sich der universelle Typ des Geistigen wieder gestalte." Betrachtet man, angeregt durch seinen Biographen, Stefan Zweigs Leben und Werk, so glaubt man gern, daß Rieger recht hat mit seiner Vermutung; denn es finden sich da ganz starke Ansätze zum Universalismus im Geistigen und Seelischen. Der materiellen Ungebundenheit, die ihm schon früh ermöglichte, auf weiten Reisen vielerlei Eindrücke aufzunehmen. verdankt er eine immer sich vertiefende Kenntnis von Dingen und Menschen, verdankt er den wägenden Blick, die Fülle des Erlebens, Maß und Wertung der Dinge. Es ist begreiflich, daß ein Mensch von der Freizügigkeit eines Stefan Zweig gegen Grenzen, die von außen her errichtet werden, unempfindlich ist; daß solch ein Mensch kraft seiner Liebe für alles Heimatliche und Ueberheimatliche, zunr Uebernationalen sich hinfinden muß; daß er z. B. von der sozusagen organischen Liebe zu Rilke weitergeführt werden muß zu verwandten Seelen auch jenseits von politischen Grenzen und Wcsensverschiedenheiten, zu den großen und seltenen Brudergefühlen, die ihn mit Verhaeren und Rolland verbinden. Mit festen Strichen Begebenheiten nachzeichnend, zeigt Rieger, wie das Band von Gleichgesinntem zu Gleichgesinnten! sich schlingt. Er spricht von einer „Tradition der Brüderlichkeit" und erinnert an Zweigs eigene Darstellung, wonach „Rolland als junger Student in einem Gewissenskonflikt an den fernen Tolstoj schreibt, der nie zuvor auch nur ein Sterbenswörtchen von ihm gehört hat. Und der berühmte russische Dichter antwortet dem Unbekannten mit einem Manuskript von achtunddreißig Seiten, das die Anrede: „Mein lieber Bruder" trägt. Damals, sagt Zweig, hat er (Rolland) in Erinnerung eigener Not, in Erinnerung fremder Tröstung gelernt, jede Krise eines Gewissens als etwas Heiliges zu betrachten, jede Hilfeleistung als erste moralische Pflicht des Künstlers. Und von jener Stunde, dw er das Briefblatt löste, war in ihm der große Helfer, der brüderliche Berater erstanden. Damals begann in dem noch jungen Rolland jene unmittelbare Wirkung auf die Menschen, jene läuternde, fühlende, erhebende, bildende und begeisternde Kraft, die seitdem, durch sein dichterisches Werk immer fernere Kreise umfassend, sich ins Unermeßliche gesteigert hat. Der Funke solch vollendeter Brüderlichkeit im Geist glüht im Osten über herbstlicher russischer Steppe auf, er wird durch schicksalhaften Zufall in ein winziges Pariser Studcntcnzimmer getragen und springt, Jahre später, in das Herz des jungen Wiener Dichters über, der ihn überden Raum durch Europa und durch die Zeit an die Jüngeren weitergibt. So ist der internationale Kreislauf geschlossen. Und in diesein hohen Sinne reicht Stefan Zweigs Werk weit über das Literarische, das Künstlerische in den Bezirk des Menschlichen für uns alle, die darum wissen, strahlend hinauf." In allen Zweigschen Aeußerungen steht das Menschliche und seine Wertung in erster Reihe. Seine Witterung für alles schwer zu Enträtselnde lockt ihn immer wieder in 'die Dunkelheiten menschlicher Wege vom „Frühen Erlebnis" bis zum „Untergang eines Herzens"; van Dickens bis Hölderlin, führt ihn auch notwendig zum Pazifismus als der Ueberzeugung, die daran arbeitet, Widerstände von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk zu beseitigen. Das Wort ist ihm anvertraut als eine in Wahrheit grenzenüberwindende Macht. Sein Wort dringt weit. Es existieren Uebersetzungen Zweigscher Werke ins Französische, Englische, Russische, Polnische, Georgische, Italienische, Ungarische, Jiddische, Hebräische, Schwedische, Rumänische und Japanische. Und so übt er die traditionell-jüdische Mission, die Mission des geistigen Mittlers, indem er der Welt teil gibt an seinem Reichtum.