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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-05-01 · 5 (5.1928) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
5 (5.1928)
Date
1928-05-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Die jüdische Bevölkerung in Hessen. Von Dr. Walter Stern, Mainz. Auf Grund der Volkszählung vom 16. Juni 1925 wurden bereits in diesen Blättern einzelne Ausschnitte aus der Statistik der jüdischen Bevölkerung Hessens nebst kritischen Bemerkungen hierzu wiedergegeben. Insbesondere befaßten sich diese Darlegungen mit dem erschreckenden Rückgang der Kinderzahl in den einzelnen Familien und der geringen Zahl der rein jüdischen Eheschließungen, obwohl gerade im heiratsfähigen Alter mehr jiidische Männer als Frauen in Hessen vorhanden sind und damit die Möglichkeit weit zahlreicherer jüdischer Eheschließungen vorläge. Zweck dieses Artikels ist es, über die bisherigen Einzelbetrachtungen hinausgehend nach verschiedenen Richtungen die Ergebnisse der Volkszählung, und zwar im Vergleich mit der letzten die Konfession berücksichtigenden Zählung des Jahres 1910 aufzuzeigen. Diese Betrachtung dürfte geeignet sein, auf sicherer, zahlenmäßiger Grundlage die Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung und ihre Veränderung zu kennzeichnen und damit einen Blick auf die voraussichtliche Entwicklung zu Wersen. Grundlegend ist die absolute und auch relative Verminderung der jüdischen Vevölkerungszahl Hessens in den beiden Vergleichsjahren. Während Ende 1910 noch 24063 Juden in Hessen lebten, — 1,88 Prozent der gesamten Bevölkerung, waren es im Jahre 1925 nur 20401 — 1,51 Prozent, was einen Rückgang von mehr als 15 Prozent bedeutet. Es dürfte zunächst von Interesse fein, die Entwicklung auch für die einzelnen hessischen Landesteile nachzuprüfen, wie sich insbesondere diese Verschiebung in den größeren Städten Hessens als den Hauptzentren der jiidischen Bevölkerung ausgewirkt hat. Die Zahl der Juden betrug: iin Jahre 1910 1925 Mainz 2931 2738 Ofsenbach a. M. 2361 1682 Darmstadt 1998 1646 Worms 1281 1194 Gießen 1035 1017 Bingen 601 501 Friedberg 491 380 Alzey 320 237 Danach war die Abnahme besonders stark in den Städten Offenbach a. M. mit annähernd 30 Prozent, in Darmstadt mit 17,6 Prozent, während sie in Mainz und Worms nur ca. 7 Proz. und-in Gießen nur 1,8 Prozent betrug. Sehr kennzeichnend ist es, daß inr übrigen in den kleineren Gemeinden mit geringer Judenzahl der Rückgang verhältnismäßig groß war und in einzelnen Kleingemeinden die Juden seit 1910 überhaupt verschwunden sind. Von den Provinzen Hessens ist der stärkste Rückgang in Rheinhessen zu verzeichnen, und zwar ohne die Städte Mainz und Worms mit einer Verringerung von 23 Prozent. Diese Entwicklung ist um so bemerkenswerter, als die sonstige Bevölkerung Hessens in der gleichen Zeit zugenommcn hat, und zwar die evangelische um 4,4 Proz., die katholische um 4,6 Porzent, so daß der Rückgang sich insofern noch sehr viel schwerwiegender answirkt. Da naturgemäß ein kleines Land wie Hessen bei einer statistischen Betrachtung wegen spezieller und zusälliger Verschiebungen allein keine zuverlässige Möglichkeit für Schlußfolgerungen allgemeiner Art zulüßt, sei vergleichsweise nachstehend auf die Ergebnisse der gleichzeitig auch in den übrigen deutschen Ländern stattgefnndenen Volkszählungen verwiesen. Hiernach ist im Gegensatz zu Hessen eine relative Zunahme der jüdischen ^Bevölkerung in Preußen zu verzeichnen, und zwar um 10,1 Prozent, in Sachsen sogar eine solche um 32,2 Prozent, und im übrigen nur noch eine geringe in Lübeck mit 0,96 Prozent und Hamburg mit 2,2 Prozent. In allen anderen deutschen Ländern zeigt sich die gleiche Erscheinung eines erheblichen Rückgangs bei gleichzeitiger Vermehrung der Gesamteinwohnerzahl in diesen Ländern innerhalb der Vergleichsperiode, und zwar am stärksten in Mecklenburg-Strelitz mit ca. 30 Prozent. Durch den überwiegenden Einfluß Preußens, der wiederum im wesentlichen auf die Bevölkerungsznnahme in Berlin und einigen großstädtischen Zentren des Rheinlandes und Westfalens zurückzuführen ist, ist immerhin noch im gesamten Deutschen Reich eine Zunahme von 6,6 Prozent und absolut von ca. 30 000, nämlich von 535122 auf 564 379 Juden festzustellen. Diese Bevölkerungszunahme ist jedoch, wie sich aus dem Beispiel der meisten deutschen Länder ergibt, nicht die Folge einer natürlichen Entwicklung, d. h. eines Ueberschusses der Geburten tiber die Sterbefälle, sondern einer Zuwanderung vor allen: aus den abgetretenen Gebieten sowie der Einwanderung ostjüdischer Kreise. Lehrreich dürfte die nachfolgende Einzelbetrachtung der großen Mittelpunkte der jüdischen Bevölkerung Deutschlands fein, die durchweg trotz der gekennzeichneten Tendenz des Rückgangs der jüdischen Bevölkerung eine erhebliche Zunahme isen, und zwar: 1925 1910 Berlin 172672 144007 Köln 16093 13393 Breslau 23240 20212 Frankfurt a. M. 29385 26282 Auch die Hessen benachbarte Stadt Wiesbaden hat auffälligerweise eine Vermehrung erfahren, nämlich von 2744 auf 3088. Interessant ist bei der vorstehenden Zusammenstellung auch die der allgemeinen Anschauung entgegengesetzte Feststellung, daß selbst in dem jüdischen Großstadtzentrum Frankfurt a. M. die relative Anzahl der jüdischen Bevölkerung nur 6,28 Prozent beträgt und sogar hier, zwar nicht absolut, aber relativ ein kleiner Rückgang im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung vorliegt. Um nun auf den Grund dieser zahlenniäßigen Verschiebung einzugehen, so dürfte sich das eine für die interne Veränderung bereits aus den vorstehenden Ausführungen ohne weiteres ergeben haben, nämlich die starke Tendenz nach der Großstadt, in deren Verfolg insbesondere auch Hessen eine starke Abwanderung sowohl im Lande selbst von der Provinz in die Stadt als im ganzen in die größeren benachbarten Städte, insbesondere Frankfurt erkennen läßt. Diese besonderen Verhältnisse werden am deutlichsten bei den Offenbacher Ziffern, woraus sich der besonders starke Rückgang der dortigen jüdischen Bevölkerung durch den/Wegzug nach dem angrenzenden Frankfurt a. M. erklärt. In der amtlichen Landesstatistik Hessens ist der Rückgang der Juden nach drei hauptsächlichen Faktoren wie folgt geschätzt: Verlust durch Zu- und Abwanderung 11,6 Proz. Verlust durch lieber- und Austritt " 1,3 Proz. Verlust durch den Ueberschuß der Sterbefälle 2,6 Proz. Mag auch die letzte Ziffer!m Verhältnis zu der nur das Land Hessen als solches betreffenden Abwanderungszahl gering erscheinen, so ist doch für die Gesamtbetrachtung der jüdischen Bevölkerungsbewegung Deutschlands die Frage der natürlichen Veränderung die bei weitem einschneidendste. Dies erhellt daraus, daß das Ergebnis dieser Bewegung, d. h. der Unterschied zwischen der Zahl der Geburten und Sterbefälle in Hessen bei der evangelischen Bevölkerung einen Geburtenüberschuß von 9,6 Proz. aufweist, bei den Katholiken von 9,8 Proz. und umgekehrt bei den Juden ein Mehr an Sterbefällen von 2,6 Proz. Die bisherigen statistischen Betrachtungen in diesen Blättern haben bereits auf die erschreckende Bedeutung dieser Ziffern hingewiesen, wonach weitaus stärker noch als es z. B. in dem als kinderarm bekannten Frankreich der Fall ist, bei der jüdischen Bevölkerung sowohl die Zahl der Eheschließungen als vor allem die der Geburten bei an sich sehr günstiger Entwicklung der prozentualen Sterblichkeit von Jahr zu Jahr zurückgeht, und während früher 6 und mehr Kinder eine Selbstverständlichkeit bildete, heute schon die Zahl von 2 Kindern zu den rühmlichen Ausnahmen gehört. Wohin diese Entwicklung bei mangelndem Zuzug aus anderen Ländern führen muß, bedarf wohl keiner Erörterung, wie es auch den Rahmen dieses Aufsatzes überschreitet, den sich hieraus ergebenden Appell an den Willen jedes einzelnen zur Abhilfe zu richten. Einige weitere Hinweise auf die Ergebnisse der vorgenommenen Zählung dürften nach anderen Gesichtspunkten von Interesse sein. Erfreulich ist z. B. die Feststellung, daß derBildnugsdrang der jüdischen Bevölkerung in Hessen und die Fürsorge für ihre Kinder das Resultat gezeitigt haben, daß der Besuch der höheren Lehranstalten seitens jüdischer Kinder viermal so stark ist, als es der Gesamtzahl der Juden Hessens entspricht, und zwar am stärksten bei den Realschulen und Realgymnasien. Dieser Umstand ist gleichzeitig lehrreich für die berufliche Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung, die in besonderem Maße sich aus dem Handel in allen seinen Zweigen rekrutiert. Im einzelnen zeigt das Ergebnis der Zählung des Jahres 1925 nach wirtschaftlichen Abteilungen folgendes Bild, wobei nicht nur die im Berufe selbst Tätigen, sondern auch ihre Angehörigen, mit in die Zählung ausgenommen sind: Männliche Weibliche Landwirtschaft, Gärtnerei, Tierzucht, Forstwirtschaft, Fischerei, insgesamt 119 335 Industrie, einschließlich Bergbau, Baugewerbe 1970 1881 Handel und Verkehr, einschließlich Gast- und Schankwirtschaft 6411 6316 Verwaltungs-, Heerwesen, Kirche, freie Berufe 305 301 Gesundheitswesen, Wohlfahrtspflege 183 181 häusliche Dienst- und Erwerbstätigkeit ohne feste Stellung 11 21 ohne Berufsangabe 749 1470 Bei weitem die Majorität findet also ihren Erwerb im Handel und den verwandten Wirtschaftszweigen. Dieser Erscheinung gegenüber fei noch eine Zusammenstellung der Angehörigen einzelner 3

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