Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 4 (4.1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Vorstandswahl wurden die Herren David Kulp und I o se f A u l wiedergewählt. Bürgel b.Offenbach. Herr Joseph Hetz und Frau Jettchen geb. Eichel feierten am 25. März 1928 chre diamantene Hochzeit. Herr Hetz ist 88 Jahre alt, bie Jubelbraut vier Jahre jünger. Joseph Hetz ist der älteste Bürger in Bürgel bei Offenbach, dem Heimatorte feiner Frau (er selbst stammt aus Bergen bei Frankfurt). Er hat den Feldzug 1870/71 mitgemacht und ist Mitgründer vieler Bürgeler Vereine und Organisationen, auch langjähriger Vorstand der israelitischen Gemeinde. Herr Hetz versteht noch in der Gemeinde Bürgel mit jugendlich kräftiger Stimme den Vorbeterdienst. Die Jubilare erfreuen sich grotzer geistiger Rüstigkeit. Möge dem greisen Paare ein ruhiger und zufriedener Lebensabend beschieden sein! Griesheim. Dahier verstarb im 59. Lebensjahr Frau Jettchen Levi, Ehefrau des Herrn Adolf Levi. Heusenstamm (Kreis Offenbach a. M.). Vor einigen Wocyen wurde das^lanchährige Vorstandsmitglied der hiesigen Religionsankfurter nach kaum vollendctein 71. Lebensjahre zur letzten Ruhe gebettet. Dieser Mann verdient es, daß seiner auch in diesen Blättern in ehrender Weise gedacht werde. Einer ssrommen Kantorfamilie Schleswig-Holsteins entstammend, hat er stets die religiösen Ueberlieferungen des Elternhauses bewahrt und betätigt. Den Mitgliederri der kleinen Gemeinde in den praktisch religiösen Dingen des jüdischen Lebens ein zuverlässiger Berater, hat er ihnen auch durch den würdigen und verständnisvollen Vortrag der Gebete an Sabbat und Feiertagen religiöse Werte vermittelt und so wesentlich zum Zusammenhalt der jüdischen Gemeinde, die schon seit Jahren des eigenen Lehrers entbehrt, beigetragen. Herr Rabbiner Dr. Dienemann zeichnete das Bild des trefflichen Mannes nach dem Thorawort: „Es sei dir zum Zeichen an deiner Hand und zum Erinnerungsband zwischen deinen Augen, damit die Lehre des Ewigen in deinem Munde sei", ausführend, wie Herr Frankfurter durch feinen unermüdlichen Fleiß in seinem bürgerlichen Beruf, durch sein redliches Streben, seine ehrenhafte Gesinnung und seinen rechtschaffenen Lebenswandel sich die Wertschätzung seiner Mitbürger — ohne Unterschied der Konfession — erworben, so den Namen Gottes auf Erden verherrlicht und durch seine echt jüdische Lebensführung „die Lehre des Ewigen" in die Tat umgesetzt habe. — Von der großen Beliebtheit Frankfurters gab nicht nur das überaus große Trauergeleite — voran der Turnverein Heusenstamms, dem der Verstorbene fast 40 Jahre angehört hatte — Zeugnis, sondern auch die tiefempfundenen Abschiedsworte des Bürgermeisters des Ortes, die im Wortlaut folgen mögen: Liebe Trauerversammelte! Wir stehen hier an dem offenen Grabe unseres Freundes, Turners und Bürgers der Gemeinde Heusenstamm, Isidor Frankfurter ist sein Name! Unser lieber Freund Isidor Frankfurter ist ein Eckpfeiler auf den Fundamenten unseres Turnvereins. Frankfurter gehörte unserem Verein seit 40 Jahren an und hat sich in , dieser Zeit als ein echter, braver deutscher Turner erwiesen, aber er war auch ein Bürger von echtem Schrot und Korn in der Gemeinde Heusenstamm. Als Turner war er ein Idealist und ein großer Anhänger unserer Jugend, deren Erziehung unser Ziel ist. In meiner Jugend hat er uns stets die Fahne des Turnvereins vorangetragen, und es war ihm immer eine Freude, wenn sich ihm dazu Gelegenheit bot und wenn ein Fest zu besuchen war. Wir alle freuten uns in unserer Jugend, wenn wir unseren lieben Frankfurter an unserer Spitze mit der Vereinsfahne sehen konnten. Datz er ein Idealist war, zeigt seine Aeutzerung, die er vor sechs Wochen, als schon der Todeskeim m ihm lag, unserem Vorsitzenden gegenüber tat: „Aber, wenn es dieses Jahr nach Köln auf das Deutsche Turnfest geht, dann bin ich der Erste und mutz die Fahne des Vereins wieder voraustragen." Meine lieben Leidtragenden, wer ist nicht begeistert, der von so einem alten Turner diese Worte hörte. Leider ist seine Hoffnung nicht in Erfüllung gegangen, da der unbezwingliche Tod ihm ein jähes Ende gesetzt hat. Wie er als Turner war, so war er als Mensch. In diesem großen Wirtschaftskampfe hat er sich stets ehrlich und redlich durchs Leben geschlagen. Er hat in diesem schweren Wirtschaftskampfe gekämpft und gestritten zum Wähle seiner Familie, zum Wohle der Allgemeinheit. Ganz besonders hat er sich im letzten großen Weltkrieg ständig als Mensch und als Wohltäter für uns alle gezeigt. Wir verlieren in ihm einen Freund, ein treues Mitglied unseres Vereins, und die Gemeinde verliert in ihm einen braven Bürger. Mainz. Am Donnerstag, dem 8. März, fand der Vortragszyklus von Herrn Dr. Ernst Simon-Frankfurt über „Jüdische Geschichte des 19. Jahrhunderts" seinen Abschluß. Der Versuch, der hier zum ersten Male gemacht wurde, die jüdischen Organisationen aller Richtungen in einer gemeinsamen Veranstaltung zu vereinen (Ortsgruppen des CV., des RIF., der Zwnisten, Jüd. Jugendverein), erwies sich in seinem Verlauf als ein voller Erfolg. Bisher hatten die Vereine in ihren einzelnen Vorträgen oft kollidiert, sich gegenseitig an Zahl der Besucher geschwächt und sich dadurch an Wirkung und Erfolg geschädigt. Schon dieser rein äußere Mitzstand wurde durch die gemeinsame Abhaltung der Vorträge beseitigt. Bei den Diskussionen trafen orthodoxe und liberale, zionistische und Zentralvereins-Gesinnung vor emem öffentlichen Forum zusammen. Und das Wichtige und Erfreuliche dabei war, datz die verschiedenen Meinungen Verständnis für einander zeigten und die Form sachlicher Aussprache nie gesprengt wurde. Freilich tciffl der Hauptteil dieses Lobes den Referenten selbst. Denn obwohl er ails seiner persönlichen Stellungnahme als orthodoxer und zionistischer Jude kein Hehl machte, so verstand er es doch mil außerordentlichem Takt und seltener Einfühlung in seine Hörer seiner Aufgabe objektiv gerecht zu werden und eine überparteiliche Stellung zu halten. Daß dies nicht immer ganz leicht war, läßt sich denken, um so mehr, als die von ihm betrachtete Zeitepoche nicht in der Geschichte weit zurückliegt uiid in der Meinung der Historiker abgeschlossen dasteht. Als Beweis für die Weite und Tiefe feines Blickfeldes und die für den Laien neuartige Betrachtungsweise bekannter Ziistäiide, seien hier die Themata feiner Einzelvorträge nur kurz genannt: 1. Grundsätzliches zur jüd. Geschichte des 19. Jahrhundert; 2. Jüdische Wissenschaft, 3. Jiidische Reform, 4. Neue Orthodoxie, 5. Juden in deutscher Politik und Wirtschaft, 6. Die Abgefallencii. 7. Zionismus, 8. Die Heimkehrenden bzw. Aufsteigenden. Das beste Zeugnis für das Bedürfnis nach solchen Gemeinschaftsveranstaltungen legt der Umstand ab, datz die Besucherzahl nicht wie sonst bei derartigen Vortragszyklen abflaute, sondern bis zum Schluß immer größer wurde und der vorgesehene Saal öfters zu klein war, alle Hörer zu fassen. Dr. Ernst Simon erwarb sich hier durch seine 'Vorträge eine Anhängerschaft die lebhaft bedauert, datz der Redner nicht auch im künftigen Winter für einen ähnlichen Zyklus zu gewinnen ist. Dies kam in den Abschiedsworten der Arbeitsgemeinschaft gelegentlich des letzten Abends beredt zum Ausdruck. — Besonderer Dank gebührt der Gemeinde für die Ueberlassung des großen Saals im Gemeindehaus, durch den auch rein äußerlich die Gememschaftsgesinnung der Veranstaltung dokumentiert war. Offenbach a. M. Am Montag, den 20. Februar, wurde das langjährige Mitglied unseres Frauenstiftes, Frau Hedwig Löb, zu Grabe getragen. Ihre vielseitige Begabung befähigte sie, mit Rat und Tat in unserem Verein erfolgreich zu wirken. Mit ihrem nie versagenden Lebenshumor und ihrem teilnehmenden Wesen hat sie v'elen in Lust und Leid zur Seite gestanden. Ein treues Andenken werden ihr alle in unserem Verein und außerhalb desselben bewahren. Offenbach a. M. Dienstag, den 13. März, abends 8,15 Uhr, veranstaltete der hiesige israelitische Chorverein einen Robert- Koppel-Abend (Rezitation und Gesang). Der gesamte Reinertrag ist für wohltätige Zwecke bestimmt worden. Offenbach. An dem Sonntag vor fand die gut besuchte Generalversammlung der Chewra Kadischa statt. Nachdem der Vorstand den Rechenschafts- und Kassenbericht erstattet hatte, gab er Kenntnis von einer Neueinrichtung, die von den Mitgliedern aufs wärmste begrüßt wurde und sicher auch anderwärts Nachahmung finden wird. Die Israelitische Religionsgemeinde Offenbach a. M. hat nämlich sämtliche ehrenamtlich tätigen männlichen und weiblichen Mitglieder der Chewra Kadischa und die Gemeindebeamten, die bei den bei einer Bestattung eines Gemeindemitgliedes vorkommenden Handlungen tätig sind, gegen die ihnen aus diesen Handlungen etwa entstehenden Unfälle versichert. Am Abend des Sonntags nach fand wie alljährlich das Stiftunsfest der Chewra Kadischa (Männer und Frauen^ statt. Herr Gumb begrüßte die fast vollzählig erschienenen Mitglieder beider Chevras, den Gemeindevorstand und den Ehrengast des Abends, Herrn Naphtali Fromm aus Frankfurt a. Mi. Er gedachte der im vergangenen Jahre verstorbenen Mitglieder der Frauenchewra — die Männerchewra hat glücklicherweise keinen Verlust zu beklagen — der Frau Hetz und Frau Hedwig Löb und gab die Aufnahme zweier neuer Mitglieder, der Frau Burg und Frau Gottlieb bekannt. Kurz auf die heiligen Pflichten der Mitglieder hinweisend, bezeichnet er die Chewra Kadischa als den Kristallisationspunkt des überlieferten jüdischen Gemeindelebens in unserer K'hilloh. Sie veranstaltet das „Lernen" an Schevuoth und Hauschanoh Rabboh, hält Gottesdienst ab an Jaum Kippur Kotaun Adar u. a. m. r d o r 9