Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 4 (4.1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9582242-9623184-9620407--0242-9620414- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Neuerliche Funde frühmittelalterlicher jüd. Grabsteine in Mainz. Nachdem schon im vorigen Jahre zwei Steinfragmente aus dem Besitz des. Herrn Dr. F. Th. Klingelschmitt durch Schenkung in das Eigentum der israelitischen Religionsgemeinde Mainz übergegangen waren, hat in den letzten Wochen die auf dem Deukmalfriedhof der Gemeinde aufgestellte Sammlung alter Grabsteine wiederum eine wesentliche Bereicherung erfahren, so daß diese Belegstücke der alten Judengeschichte auf die Zahl von 195 Denkmälern gestiegen ist. Bei der Niederlegung eines auf dem Jckrath'schen Gartengelände an der Gonsenheimcr Straße befindlichen Gartenhauses zeigten sich im Mauerwerk und Fundament Steine, die nach Form und Material darauf schließen ließen, daß es sich bei ihnen um alte Judengrabsteine handele. Die unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. L e v i vorgenommenen Bergungsarbeiten bestätigten diese Vermutung und brachten, wie schon manches mal bei der Niederlegung alter Bauwerke m Mainz, auch hier teilweise sehr gut erhaltene Grabsteine zu Tage. Diese fünf Steine, die, soweit die Schrift noch lesbar war, von Herrn Dr. Levi entziffert wurden, stammen aus den Jahren 1169, 1176, 1261, 1277 und (?) nach 1240. Die Jahreszahl dieses letzteren Steines, wie auch der Name, den der Stein trug, sind nicht mehr zu entziffern. Der älteste Stein von 1169 war einem Bochur und Bräutigam Rabbi Jsaac bar Meir gesetzt, der zweite aus dem Jahre 1176 einer Frau Sarah, Tochter des Mar David, der dritte aus dem Jahre 1261 einer Frau Rahel, Tochter des Rabbi Salomo und der vierte aus dem Jahre 1277 einer Frau .... gil, Tochter des Rabbi Joseph. Auffallend ist bet dem zweiten Stein die seltene Titulierung „Mar", welche nach unserer bisherigen Kenntnis in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts außer Gebrauch kam. Erwähnung verdient auch, daß auf dein dritten Stein die Frau Rahel als „Habechurah" bezeichnet wird, was man in landläufiger Bezeichnung gewöhnlich mit „Jungfrau" übersetzt, hier aber wie auch auf anderen Steinen der Mainzer Sammlung zumindest als „junge Frau" übertragen werden muß, weil diese Rahel als Ehefrau bezeichnet wird. Vielleicht werden eingehende Untersuchungen noch neue Ergebnisse über den Begriff „bochur" und „bechurah" zeitigen. In dankenswerter Weise hat der Besitzer des Gartens, in welchem diese Funde gemacht wurden, Herr I ck r a t h , die Steine der israelitischen Religionsgemeinde schenkungsweise überlassen. In einem anderen Falle, wo im Sommer 1927 ein historisch interessanter Grabstein in der Straßenmauer eines Hauses, Juselstraße 6, entdeckt worden war, ist es leider nicht gelungen, dieses Denkmal frei zu bekommen und der Sammlung einzuverleiben. Die Namen der Juden. Von S. Rothschild- Worms. Sehr lange Zeit gab es bei den Juden nur Vornamen und zwar biblische. Diese hatten ursprüglich ihre Bedeutung. Adam (Erdensohn), Rüben (Sehet ein Sohn!), Joseph (Möge mir Gott noch einen Sohn schenken!), Moses (Aus dem Wasser gezogen), Noemi (Die Liebliche) usw. Bei manchen wurde der Name Gottes (EI Gott) hinter den Namen gesetzt. Uriel (Mein Licht ist Gott), Raphael (Mein Arzt ist Gott), Michael (Wer ist wie Gott?), Gabriel (Meine Stärke ist Gott). — Die meisten biblischen Namen kommen nur einmal vor. Abraham, Jsak, Jakob, Moses, Aron, David, Salomo, Sara, Rebecka, Rahel finden sich nicht zum zweitenmale. Aber auffallender Weise finden wir selbst in der talmudischen Zeit, also lange nach Christi Geburt nicht den Namen Abraham, Aron, David, Israel, Moses, Salomo. Erst vom 9. Jahrhundert an waren diese Namen wieder in Umlauf. Zum besseren Verständnisse des Folgenden ist hier festzustellen, daß nach Zerstörung des ersten Tempels (586 v. Ehr.) die Juden babylonische, persische, griechische ägyptische, syrische und römische Gefangene wurden. So finden wir die Tatsache, daß die Juden die Namen derjeiiigen Länder annahmen. in denen sie wohnten. So hatten Daniel, Chananja, Michael und Asarja auch aramäische (babylonische) Namen. Die Königin Ester hieß auf hebräisch Hadassa (Myrte); ihr persischer Name war Ester (Stern). Oft blieb der hebräische Namen mit der aramäischen Endung ai: Schammai, Chaggai. Nachdem Alexander der Große das persische Reich erobert hatte, wurden die Juden griechische Gefangene. Alexander behandelte sie aber so freundlich, daß sie aus Dankbarkeit allen im folgenden Jahre geborenen Knaben den Namen Alexander gaben. Das Gotteshaus, das bisher (bes-hakkeneses — Versammlungshaus) geheißen, wurde nun mit dem griechischen Namen Synagoge bezeichnet. In jener Zeit des Hellenismus waren noch hebräische und aramäische Namen im Gebrauche. Die fünf Makkabäer hatteii auch griechische Namen, denen wir auch in Alexandra, Aristobul, Antigonus begegnen. Manchmal bildete man auch aus jüdischen Namen griechische wie Jason oder Jesus von Josua Unter der Herrschaft der Römer finden wir die lateinischen Namen wn Ägrippa, Veturia. Bei den Juden zeigte sich dieselbe Erscheinung wie bei anderen Völkern. Sobald die Sprache des herrschenden Volkes bei ihnen allgemein war, nahmen sie auch die Naiueii von demselben an. Erst in der Zeit Bar Kochba's (165 n. Ehr.), der den Kampf gegen den römischen Kaiser, der Rabbi Akiba marterte, aufnahm, suchte man alle heidnischen Namen zu verdrängen, um gegen den grausamen Kaiser Hadrian vorzugehen. Die Oppositioli dauerte bis zum 6. Jahrhundert. Trotzdem verschwanden die heidnischen Namen nicht gaiiz. Neben Alexander und Kalonymos finden wir auch die Namen Faiber — Phöbus und Scheneor — Senior. Inzwischen haben sich die Namen wenig verändert, bis int Jahre 1000 die Sitte auskam, die ber den Juden sich heute noch erhalten hat, den Enkeln die Namen ihrer verstorbenen Großeltern zu geben. Dieser Brauch war dann sehr wichtig bei Aufstellung eines Stammbaumes, da die Juden keine gesetzlichen Standesbücher hatten. Aus den Wimpeln, das sind leinene Streifen, auf welchen der Namen des neugeboreneii Jungen, der Namen von dessen Vater und die Geburtszeit angegeben urid die zum Umwickeln der Thorarolleii dienen und aus den Memorbüchern (Aufzeichnung der Verstorbenen und der Sterbezeit) ist man imstande, einen Stammbaum herzustellen. Nicht selten hält man Namen für jüdische, die es aber durchaus illcht sind, wie Anschel — Amseln; — Bärmann — Bär, Berle; Falk — Feilt. Die Frauennamen Blümchen, Bienchen, Fradel, Frommet, Madel, Hindel, Röschen, Vögelchen, Veilchen sind lauter deutsche Namen: auch Ester ist, wie ich oben angedeutet, nicht hebräisch, sondern persisch. Die jüdischen Frauen in Deutschland führten auch spanische und italienische Namen: Beile — Bella, schön; Delz — Dolce, süß; Sprinz — Speranza; Beßle, vielleicht Abkürzung von Elisavet. Abkürzungen sind ferner: Trainle Katharine. Kathrein: Merle — Mirjam, Marie. Zuweilen begegnen wir einem hebräischen Namen, der dann ins Deutsche übersetzt ist, so z. B. entspricht Zipper dem hebräischen Zipporah, das in der lieber setzung Vögelchen; Debora zu deutsch Bienchen bedeutet. Bei den Juden stoßen wir auch auf viele Tiernainen. Man spottet oft über diese Namen, die von Deutschen übernommen wurden. Während bei Juden nur 12 Tiernamen im Gebrauch waren, gibt es bei Christen deren viel mehr. Die jüdischen Männernamen sind: Bär, Falk, Hirsch, Fischet, Lämmle, Löb, Wolf; die Frauennamcn: Hindel, Taube, Vogel, Bienchen, Zipper. Durch Verfolgungen und Vertreibungen ist ein Mischmasch von Namen verschiedener Länder entstanden: Feibel, Feiber. Feibisch von Phöbus; Sander und Sanders von Alexander. Von Abraham stammt Frum, Aberle; voti Jsak Jtzig, Eisik; von Jakob Koppel, Kobel, Jokel und Jekel; von Joseph Seppel, Josel; von Elieser Leser, Lase; von David Dewele; von Samuel, hebräisch Schemuel: Schmul. Im Laufe der Zeit haben die Christen die Namen abgelegt, die auch Juden getragen haben, wie im Kirchenkonzil zu Nicäa 325 die Christen den bisher mit den Juden gemeinschaftlich gefeierten Sabbat auf den Sonntag verlegt haben. Im Jahre 1787 wurde den Juden in Böhmen verboten, Namen zu führen, die für christlich gehalten wurden, 1837 auch in Preußen, die Juden sollten nur alttestamentliche Namen führen. Während in Böhmen das Verbot 50 Jahre aufrecht erhalten, wurde es in Preußen nach kaum einem Jahre durch das Auftreten des großen Gelehrten Dr. Zunz wieder aufgehoben. Ich konime nun zu den Familienitamen. Im Jahre 1600 treten diese bei den Christen auf, und zwar richteten sie sich anfänglich nach den Berufen wie Schmidt, Müller, Bäcker usw. Bei den Juden geschah es auf Befehl Napoleons. Ehe ich weiter darauf eingehe, möchte ich auf eiue reizende Erzählung Sacher Masochs (Lindheim) Hinweisen, die in dem Bande „Judengeschichten" enthalten ist und sich betitelt: „Der Handel mit dem Namen". In dieser Geschichte — es war zur Zeit Kaiser Joseph II. — wird erzählt, wie die Frau des Polizeidirektors sich mit einem Sekretär vereinigte, dahin zu wirken, daß bei der Namengebung der Juden ein materieller Vorteil dadurch erzielt werde, daß man für einen schönen Namen ein großes Honorar verlangte, und wer dies nicht konnte, müsse sich mit einem verächtlichen Namen begnügen. Der Dichter schildert dann die Kämpfe einer armen Familie, die lieber ihr Häuschen verkaufen wollte, als mit einem häßlichen Nameil durch die Welt zu gehen. Im Jahre 1808 wurden die Juden in Hessen verpflichtet, sich Familiennamen beizulegen, 1812 in Preußen, 1813 in Bayern und 1828 in Württemberg. Es ist nicht bekannt geworden, daß mau in den genaniiten Staaten zu so verwerflichen Mitteln gegriffen 7