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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-04-01 · 4 (4.1928) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
4 (4.1928)
Date
1928-04-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Aus dem Midrasch zum hohen Lied. Von Rabbiner Dr. Dienemann -Offenbach a.M. Mit dem Pessachfeste ist im Gottesdienste ein biblisches Buch in besonderem Maße verbunden, das Hohe Lied. An einem der Pessachtage soll es im Gottesdienst von allen, gelesen werden, und seine Schönheit und die Glut, die es durchströmt, soll m die Herzen eindringen, sie durchglühen und höher schlagen lassen. Es war nicht ganz leicht, dieses Buch in den Kreis der heiligen Schriften einzugliedern, die Sprache der Liebe, die in ihm gesprochen wird, ist so stark, so natürlich, daß man sie seltsam fand in einem heiligen Buche, aber schließlich siegte die Ansicht, daß es ,heilig sei, und man prägte sogar das Wort, „wenn alle Lieder heilig sind, so ist cnnyn T>2> „das Heiligste des Heiligen". Das konnte nur sein, weil man alles in diesem Lied Besungene auf das Verhältnis Israels zu Gott und Gottes zu Israel bezog. So wurde es zum hohen Liede der Liebe, durch die Gott und Israel miteinander verbunden sind. Und war erst einmal dieser Gedanke fest und klar erfast, dann war es ein Leichtes und Selbstverständliches, jedes Wort des Buches auf Israel zu beziehen, und so in diesem Buche Wahrheiten zu finden, die zu wissen not tut, dw zu wissen gut ist. Des zum Zeugnis sei hier ein Midrasch wiedergegeben aus dem Midrasch zum Hohen Liede. Es heißt dort: „In den Nuß garten stieg ich hinab"; unmöglich, so dachten die alten Weisen, kann das wörtlich gemeint sein, damit mutz Israel gemeint sein, Gott steigt hinab zu Israel, und nun geben sie dem Vers eine vielfache Deutung. Sie sagen: einer Nuß gleicht Israel, wie die Nutz, wenn sie in Schmutz gefallen ist, doch nicht heillos verloren ist, man spült sie ab, wäscht und reibt sie ab, und dann ist sie rein, wie sie am Baume war und köstlich zu genießen, so auch Israel, mag es noch so sehr von Sünde befleckt sein, am Tage der Versöhnung wird es rein und frei von jeder Befleckung. Und mit dieser Deutung steht vor uns neu die erhabene Lehre von der ewigen Erneuerungskraft, die in jeder Menschenseele lebendig und wirksam ist, die jüdische Lehre von des Menschen Kraft, an ferner Reinigung zrr arbeiten, von dem Jneinanderklingen menschlichen Ringens und göttlicher Gnade. Sie sagen zum anderen: einer Nutz gleicht Israel; nimmst du eine von ihnen vom Haufen weg, schlagen die anderen alle sich überrollend an einander, so auch Israel, wird einer aus ihrer Mitte geschlagen, weil er zu Israel gehört, spüren es alle, die den Namen Israel tragen. Und mit dieser Deutung steht vor uns die ewige Wahrheit von der Schicksalsverbundenheit aller Juden, daß jeder Angriff, der auf einen Juden irgendwo in der Welt gemacht wird, weil er ein Jude, daß jede Anfeindung, der irgend einer ausgesetzt ist, um seines Judeseins willen, alle insgesamt trifft und von jedem als seine persönliche Schmach empfunden werden muß. Jene Wahrheit, die die Voraussetzung unseres Rechtskampfes ist, und die ihm das heilige Feuer der Begeisterung vermittelt. Sie sagen ferner: einer Nuß gleicht Israel; jemand trägt einen Sack voller Nüsse, das läßt sich nicht verbergen, man merkt es, er könnte den Zoll dafür nicht umgehen, so auch Israel, wo immer einer des Weges geht, er kann nicht sagen, ich bin kein Jude, er wird als Jude doch erkannt. Und damit ist nicht gemeint, daß sein Gesicht ihn kenntlich macht, sondern gemeint ist, daß sein Charakter, sein Tun ihn kenntlich macht, ein Jude kann gar nicht anders sein als wohltätig und barmherzig, voller Nächstenliebe, voller Hingabe an große Menschheitsideen. So wird diese Deurung zu einem Stachel, unsere Tat unserem jüdischen Charakter entsprechend zu gestalten und auf ihn stolz zu sein. Sie sagen weiter: einer Nuß gleicht Israel; es gilch Nüsse, die sind so zart, daß ein leichter Schlag genügt, sie aufzubrechen, andere, die sind mit festerer Schale umgeben, es ist nicht ganz so leicht, sie aufzubrechen, aber mit ein wenig Mühe erreicht man es, daß die Schale nachgibt und der edle Kern freiliegt, und andere gibt es, die haben eine so harte Schale, kein Schlag bricht sie auf; so auch Israel, in ihm sind welche, man braucht nur eine Forderung der Religion ihnen nahe zu bringen, schon wird sie begriffen und erfüllt, man braucht nur eine Gabe von ihnen zu verlangen, schon geben sie sie freudig. In ihm sind andere, die sind von härterer Art, die Forderungen der Religion muß man ihnen mit stärkerer, überzeugungskräftiger Rede klar machen, dann gewinnt man sie vielleicht, verlangt man eine Gabe von lhnen, so muß man schon einen scharfen Druck auf sie ausüben, bann geben sie sie schließlich doch. Aber es gibt in ihm auch welche, die sind wie die härteste Nuß. Man kann die religiöse Forderung ihnen noch so klar und überzeugend vermitteln, ihr Herz bleibt verschlossen, man mag von ihnen eine Gabe mit noch so gutem ^rund heischen, sie öffnen weder ihr Herz noch ihren Beutel, ihr t&inn ist wie Stein, der nicht aufzubrechen ist. Ein Spiegel für alle ist diese Deutung, jeder mag sich in ihr wieöerfinden; und mancher wird sein, der 6 wird in diesem Spiegel, wenn er sich schaut, jenen gewahren, der der harten Nuß gleicht. , .,. __ „ Und schließlich sagen die Alten: einer Nutz gleicht Jiraec; der Kern der Nuß wird bewahrt und erhalten durch seine harte Schale, so wird auch die Thora, der Kern Israels, bewahrt von den pan w den Ungelehrten, der Masse. Nicht nur die Gelehrten, die Wissenden, Kundigen sind die Träger der Thora, die Bürgen der Erhaltung, auch die Ungelehrten, die aus der Sicherheit ihres Gefühles die Thora erfüllen; sind Bürgen von Israels Dauer, Träger seiner Erhaltung. Was will diese Deutung? Das Bewußtsein von der Einheit aller Glieder des Judentums wecken, das Bewußtsein, daß wir alle, geistig, seelisch auf einander angewiesen sind und uns gegenseitig stützen. . „ So wird dieser Midrasch in seiner einfachen, naiven, kindlichen Ausdrucksweise zu einem Quell, aus dem Wille zur Gemeinsamkeit, Wille zur frommen Tat, Kenntnis der Eigenart Israels fließt, — all dies Pessachweihe und Pessachgedanken. Die Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Am Sonntag, dem 25. März d. I., nachmittags 2 Uhr, wurde die Tagung des Preußischen Landesverbandes eröffnet, nachdem der Vormittag bereits von Fraktionssitzungen ausgefüllt war. Einleitend beleuchtete Herr Rabbiner Dr. Emil L e v y , Berlin, die zur Verhandlung stehenden Hauptpunkte der Tagung von seiten der jüdischen Lehre. Vor allem solle die Einheitlichkeit des Gesetzes, wie sie nach der biblischen Vorschrift schon im alten Israel Geltung hatte, auch im Entwurf des neuen Judengesetzes Verwirklichung finden. Die Austrittssrage müsse inan unter dem Geiste Hillels betrachten: „Trenne dich nicht von der Gemeinde". Den allseits erhofften und in Vorbereitung befindlichen Reichsverband der deutschen Juden dürfe man nicht als letzte Stufe der Judenorganisation ansehen, er solle vielmehr eine Vorstufe zur Verwirklichung des Klal-Jisrol-Gedankens bilden. Den Vorsitz bei der bis zum Montag abend sich hinziehenden Verhandlung führte Herr Rechtsanwalt Dr. Heinrich Stern, der beim Eintritt in die Tagesordnung der im abgelaufenen Jahre verstorbenen Mitglieder des Rates dankend gedenkt. Herr Dr. Jsmar Freund wies in seinem Tätigkeitsberichte darauf hin, daß von den 950 Judengemeinden Preußens etwa 700 im Landesverband zusammengeschlossen sind und erhebt besonders Einspruch dagegen, daß die vom Preußischen Staat zur Subventionierung der Rabbiner bewilligten 200 000 RM. nicht vollständig zur Auszahlung gelangt sind. Im abgelaufenen Jahre wurden Unterstützungen an 152 Verbandsgemeinden bewilligt und 62 Lehrern wurde eine Aufbesserung ihrer Bezüge gewährt. Innerhalb des Rates wurden die Arbeiten auf acht Dezernate verteilt, an deren Spitze die Herren Kammergerichtsrat W o l f f, Dr. Freund, Moritz A. Loeb, Professor Dr. Türk, Rechtsanwalt Dr. Klee, Direktor K a r e s k i, Professor Dr. E l b o g e n und Direktor O st b e r g stehen. Auf dem Gebiete des Unterrichtswesens ist von Bedeutung die Einsetzung einer Unterkommission, welche die Eröffnung einer Vorbereitungsanstalt für Volksschul- und Religionslehrer in Berlin beschlossen hat. In der Frage der Revision des preußischen Judengesetzes suchte man mit dem Halberstädter Verband zu einer Einigung über einen gemeinsamen Eingabeentwurf zu gelangen. Zu der Einigung ist es bisher nicht gekommen, die Verhandlungen gehen weiter. Die Verhandlungen über die Begründung eines Reichsverbandes der deutschen Juden sind unseren Lesern aus dem Bericht über die Nürnberger Konferenz bekannt. Herr O st b e r g erstattete den Finanzbericht. In der anschließenden Generaldebatte über den Bericht des Rates, treten die Wortführer der verschiedenen Fraktionen für ihre besonderen Wünsche ein und bekämpfen teilweise in temperamentvoller Art die Auffassungen der Gegenfraktionen. Für die Fassung des Judengesetzentwurfes hatte man nach langen Verhandlungen eine Einigung gefunden: Danach soll in Zukunft allen Gemeindemitgliedern unterschiedslos das aktive und vassive Wahlrecht zustehen. Jede Gemeinde solle einem der bestehenden Verbände angehören. Ein Austritt aus dem gewählten Verband kann nur nach vorangegangener Abstimmung aller Gemeindemitglieder mit dreijähriger Kündigungsfrist erfolgen. Um der Flucht aus der Gemeinde zum Zwecke der Steuerersparnis entgegenzuwirken, soll ein Austritt einzelner Mitglieder aus der Gemeinde nur statthaft sein, wenn gleichzeitig der Eintritt in eine Personalgemeinde erfolgt und die hierfür zu entrichtende Steuerleistung nicht geringer ist, als der an die frühere Gemeinde gezahlte Steuerbetrag.

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