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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-04-01 · 4 (4.1928) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
4 (4.1928)
Date
1928-04-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Bedeutung unserer Völkermission erkennen und neuen Mut und frische Kraft aus ihr schöpfen. Jüdische Eli?rn dürfen sich keine Gelegenheit entgehen lassen, die geeignet ist, die religiöse Ausbildung ihrer Kinder zu fördern; denn die religiös-sittliche Erziehung ihrer Jugend ist heiligste, von Gott geweihte Lebensaufgabe der Eltern. Die jüdisch-liberale Zeitung berichtet in Nr. 7, Jahrgang 1928 über den ersten öffentlichen Vortrag in der rel.-lib. Vereinigung Hannoverscher Juden: „Auch der Religionsunterricht war wiederum einmal Gegenstand ausgiebiger Debatte, wobei Herr Landraböiner Dr. Freund die Lehrerschaft gegen ungerechtfertigte Vorwürfe verteidigte." Man erhebt in den letzten Jahren in fast allen Gemeinden unseres deutschen Vaterlandes den Vorwurf, daß es mit der religiös-sittlichen Bildung unserer Jugend nicht gut stehe und schreibt vielfach die Schuld dieses Uebels einem mangelhaften Religionsunterricht in den Schulen zu. Dem ist aber nicht so; denn sonst hätten solche Klagen vor Jahrzehnten laut werden müssen, zu einer Zeit, in der keine wissenschaftlich-und pädagogisch- und methodisch-gebildeten Lehrer den Religionsunterricht erteilten. Nein, der Fehler liegt im Elternhaus. Die Lehrer für Religion sind Wohl fast, ausnahmslos von dem ernsten Willen beseelt, der ihnen anvertrauten Jugend ihr Bestes zu geben uiid ihr den Weg zu zeigen, von dem sie glauben, daß er zur Erneuerung und Vertiefung des religiösen Lebens führt. Dieses Ziel aber kann durch den Unterricht allein nie und nimmer erreicht werden. Auch der beste Unterricht vermag wenig zu erreichen, wenn er nicht durch das Beispiel unterstützt wird, welches das Leben im Innern des Hauses wie nach außen hin dem Kinde bieten muß. Die jüdische Religion ist keine sogenannte Festtagsreligion, sondern eine solche de^ Tat. Ihr Hauptprinzip ist: filtWi maty? na^l zu lehren, zu lernen und danach zu handeln. Die Schule vermag nur dann etwas Ordentliches zu leisten, wenn die ihr anvertrauten Schüler und Schülerinnen im Hause die religiös-sittliche Grundlage erhalten und das Bestreben der Lehrer von den Eltern in jeder Art und Weise kräftig unterstützt wird. Wenn aber das Kind sieht, daß die Eltern alle anderen Unterrichtsgegenstände überwachen, sich jedoch niemats nach den Fortschritten im Religionsunterricht erkundigen und diese Disziplin nicht einmal eines Blickes würdigen, wenn gar das Elternhaus nicht mehr eine Stätte jüdischen Lebens ist oder — was nicht selten vorkommt — der gewissenhaften und schwierigen Sämannsarbeit des Lehrers entgegenarbeitet, dann kann wahrlich vori einem Erfolge des Religionsunterrichts bei Kindern, die diesen Häusern angehören, gar keine Rede mehr sein. Daß durch diese Schüler und Schülerinnen aber auch die wünschenswerte Förderung ganzer Klassen empfindlich leidet, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Die Klage der Eltern ob der mangelhaften religiösen Bildung ihrer Söhne und Töchter erscheint dann aber auch jedem Besserdenkenden als die lächerlichste Inkonsequenz solcher Menschen, denen das Wesen der Erziehung völlig unbekannt ist. Jüdische Eltern! Werdet euch eurer Verantwortlichkeit bewußt! Die Forterhaltung unseres Glaubens beruht auf “pa1? irum Ihr sollt eure Jugend mit der Vergangenheit eures Geschlechtes, mit den religiösen Einrichtungen und Handlungen vertraut machen und dafür sorgen, daß die Ueberlieferung nicht aushört, damit „unser Gott und der Gott unserer Väter" auch der Gott unserer Kinder und Enkel werde! Lasset eure Erziehungsarbeit mit der der Schule Hand in Hand gehen! Erfüllet eure Eltcrupflicht! Nur mit eurer Hilfe und eurer Unterstützung kann die Schule das Ziel erlangen, das sie mit ihren Schutzbefohlenen zu erreichen gedenkt. Wenn beide heilsam sich verbinden, Dann streuen sie den Segen aus — Und gute Menschen stets entstammen Der Schule wie dem Elternhaus. Vom.Sedertische Maharil's. Rabbiner Dr. S. L e v i, Mainz. Die Bedeutung Maharil's für die religiösen Entscheidungen und für das religiöse Leben der Familien ist gelegentlich seines 500. Todestages wiederholt erörtert worden. Die Betonung der religiösen Bräuche lag Maharil besonders am Herzen. Kein Wunder, wenn er sich mit der Ausgestaltung des Seder ebenfalls beschäftigte. Denn gerade der Seder war ja eine Gelegenheit, religiöses L'eben in den Familien zu fördern. Mit außerordentlicher Gewissenhaftigkeit hat Maharil die Vorbereitungen zum Pessachfeste getroffen und hat aus den alten Bräuchen und Vorschriften manchen tiefen Sinn geholt. Besonderen Wert legte er darauf, daß die Kinder an der Sederfcier teilnehmen, und daß sie durch waches Interesse und Fragen die Feier beleben, wie er überhaupt feines Verständnis für die Kinderseele hatte. Um die Kinder für die Sederseier wach zu halten, riet er, sie am Tage schlafen zu legen und achtete darauf, daß die letzten wichtigen Sederhandlungen bis um Mitternacht vollzogen waren. Er hatte die Auffassung, daß die Frage eines __ Kindes über die Bedeutung des Emporhebens der Sederschüssel zu Beginn des Seder bei Ho lachmo anjo genüge, um sofort mit der Erzählung avodim hojinu zu beginnen, und daß es also dann der Fragen, wie sie in der mah mischtaneh zusammengestellt sind, nicht mehr bedürfe. Den Sedertisch selbst wollte Maharil mit kostbarem Gerät und wenn möglich mit Schmuckstücken aus Edelmetall geziert sehen, während er für die übrigen Feiertage zur Erinnerung an die Tempelzerstörung stets eine kleine Eindämmung der Pracht wünschte: An Pessach sollte Zeugnis abgelegt werden von der gewonnenen Freiheit aus der Knechtschaft. Auch das Esten im angelehnten Zustand empfahl er als Zeichen der Freiheit für Männer, Frauen und Kinder; dem Rabbi legte er nahe, seinen Schülern ausdrücklich Erlaubnis zum angelehiiten Sitzen zu erteilen, damit sie dies aus Rücksicht auf den Lehrer nicht zu unterlassen brauchten. Eine zu reichliche Tafel aii den Pessachabenden konnte Maharil nicht befürworten, er trat sogar für eine Einschränkung der Pessachmahlzeit im Vergleich zu den übrigen Festmaylzeiten des Jahres ein, damit auch der nach der Mahlzeit gleichsam als Nachtisch noch zu genießende Aphikomen mit gutem Appetit und nicht nach Uebersättigung gegessen werde. Zu seiner Zeit waren die Meinungen der Gelehrten noch nicht einig über 'die Frage, ob man das vor und nach der Mahlzeit angesetzte Hallel mit dem üblichen Segensspruch zu beginnen und zu schließen habe; Maharil lehnte diese Segensfprüche ausdrücklich ab und stützte sich aus den Grundsatz „Wenn man d:e Zahl der Segensfprüche einschränkt, so ist dies keine Beeinträchtigung". Bekanntlich ist die Auffassung Maharil's in unserem Pessachritual durchgedrungen. Aber auch dieser große Gelehrte Maharil war nicht ganz frei von Vergeßlichkeit: Einmal hat er vergessen, den Aphikomen zur rechten Zeit zu essen und erst nach vollendetem Tischgebet siel ihm diese Unterlassung wieder ein. Die Frage was mm zu geschehen habe, machte einige Schwierigkeit. Den dritten der vier Becher Wein hatte er beim Abschluß des Tischgebetes mit Segensspruch bereits getrunken, zwischen dem dritten Becher und dem vierten für das Hallel bestimmten sollte man nichts trinken, einen fünften Becher nach dem vierten hatten die alten Meister nicht eingesetzt, um die Zahl der Becher nicht zu steigern; ohne abschließenden Becher Wein bei neuerlich erforderlichem Tischgebet über den Aphikomen wollte Maharil diese Nachspeise nicht genießen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als auf den Genuß des Aphikomen zu verzichten und er hatte die Möglichkeit, sich bei dieser Entschließung auf Entscheidungen früherer großer Gelehrter zu stützen. In dem Werke seines Schülers, welches diese Berichte enthält, ist allerdings hinzugefügt, daß man zürn Genuß des Aphikomen verpflichtet sei, wenn man ihn zur rechten Zeit vergessen und sich an ihn noch vor Abschluß des Tischgebetes vor dem Segensspruch über den Wein erinnere. Hi nflfllßUg BFT5 5

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