Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 4 (4.1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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seine Gestalt, Macht und Wirkung läßt, soweit wir sie durch die Nebel der Geschichte hindurch erkennen, alles uns vertraute mcnschliche, irdische Matz weit hinter sich. Und doch konnte und kann keine Zeit und kein Geschlecht daraus verzichten, diese grotze und übcrgewaltige Gestalt der Vergangenheit nachzuzeichnen, zu verstehen, zu erklären. Denn der Mensch ist ein historisches Wesen auch in dem Sinne, datz er, zum Bewutztsein seiner selbst gelangt, von der Geschichte seines Geschlechtes lebt. Nun geben uns ja "die Urkunden unseres heiligen Fünfbuches vieles wertvolle Material an die Hand, um ein historisches Bild dieses grötzten Sohnes unseres Stammes zu entwerfen. Woran man aber nicht dachte, das ist die, wenn ich sie so nennen darf, inoffizielle Geschichtsquelle zu befragen, die es abseits von der offiziellen gibt, und die uns gar manches zur Erhellung und Erklärung der grotzcn Gestalt der Vorzeit beitragen, die uns vor allem möglich machen könnte, die Heldengestalt, wenn auch nicht historisch wissenschaftlich, so doch seelisch, menschlich besser zu begreifen und innerlich zu erleben. Diese Quelle ist die Sage, die Legende, die cstische Volksdichtung. Mag es auch nur phantasievolle Dichtung sein, die uns die Sage darbietet, so ist es doch auch eine Art Wahrheit, die sich hier vernehmen läßt, fast könnte man sagen, eine höhere Art von Wahrheit. Enthält denn nicht jede Poesie eine Art Wahrheit, die höhere Wahrheit gegenüber der Prosa? Wie der einzelne Mensch das, was ihn im Innersten bewegt, beseligt, beglückt, was er im Tiefsten seines Herzens erlebt, in dichterische Formen kleidet, in der Sprache der Dichtung wiedergibt, so sprechen Völker und Gemeinschaften in ihrer Jugendzeit ihr gewaltigstes und tiefstes seelisches Erleben in Sagen und Legenden aus. Hier tritt es vertieft und erhöht und doch wieder unmittelbar und unverfälscht an den Tag. Aus dem Urgrund der Menschenseelcn tritt es hervor, darum hat es nicht bloß einen dichterischen, sondern auch einen Wahrheitswert. Wie das Wasser des Quells da, wo es in den Bergen aus den Tiefen der Erde ungehemmt hervorbricht, am reinsten und lautersten fließt, reiner und lauterer als in den breiten, wohlabgemessenen Flußtälern der Ebene, so lehrt uns zuweilen Sage und Legende wahrer und klarer als prosaische Geschichte den Sinn und Geist großen geschichtlichen Erlebens, großer geschichtlicher Epochen und Persönlichkeiten. Und schließlich mag dieses Urteil des Volkes, wie es sich in seiner Dichtung, in seinen Legenden ausspricht, vor dem Richterstuhl des kritischen Forschers nicht bestehen können, so zeigt es uns immerhin, wie das Volk seine großen Männer gesehen hat und hat sehen wollen. Ja, man darß wohl sagen: solches Volksurteil zeigt uns zugleich wie in einem Spiegel die ideale Vision, die das Volk von sich selber hatte. Die Strahlen, mtt denen der Volksgeist die Gestalten seiner Vergangenheit umspinnt, haben zuvor in seinem eigenen Innern irgendwie schon geleuchtet, haben sein Ideal erhellt, gebildet. Das Volk zeichnet, schildert sonach auch sich selbst, indem es seine Helden schildert und besingt. Von diesem zwiefachen Gesichtspunkte aus gesehen als Darbietung eines von der dichtenden Phantasie umwobenen und beseelten Bildes der großen Führergestalt, wie sie in der Vorstellung des Volkes lebte, und als ein Spiegelbild des alten israelitischen Volkes, seines Charakters und seiner Denkungsart, verdient die jüdische Volkssage über das Leben und Wesen Mosis unsere Beachtung. Als Anleitung zu solcher Betrachtungsweise mögen die wenigen charakteristischen Legenden dienen, die hier aneinandergereiht werden. Da ist vor allem die Geburtslegende, die jich uns darlnetet. Die Geburt Mosis wird dem Pharao durch einen Traum angezeigt. In seinem Traume sieht er sich auf dem Throne siyen und einen alten Mann mit einer Wagschale vor sich stehen. Dieser hängte die Wage vor ihm auf, band die Aeltesten Aegyptens, seine Fürsten und Weisen, und legte sie auf die eine schale. Dann nahm er ein zartes Lämmlein, legte dieses auf die andere Schale und siehe da: diese senkte sich. Das Lämmlein war schwerer als die vornehmsten und weisesten Männer Aegyptens insgesamt. Als Pharao am anderen Tage seinen Hofleuten und Raten den Traum erzählt, deuten sie ihn dahin, daß dem israelitischen Volke ein Kind geboren werden wird, das an Weisheit alle Weisen Aegyptens überragen und kraft derselben das ägyptische Reich in die größte Gefahr bringen werde. Diese Legende enthält die.sehr richtige Erkenntnis, daß echte Weisheit Glicht in der Fülle und Weite des Wissens, sondern in der Art und Beschaffenheit derselben besteht, und ferner daß für den Sieg auf dem Mebiete des Geistigen und Seelischen nicht die Zahl ihrer Vertreter, sondern der innere Wert entscheidend ist und die sittliche Reinheit und Lauterkeit derselben. Weisheit, die aus göttlicher Quelle geflossen, ist darum wirksamer und heilsamer als alle Weisheit weltlicher Weisen insgesamt. Als Mose geboren wurde, so lautet eine andere Legende, da erstrahlte das ganze Haus in hellstem Glanze. Und das Licht 4 wurde größer und immer größer, drang vom Hause Amrams hinaus in die Weite, verdrängte die Wolken und erhellte das Dunkel, bis daß es die Erde von einem Ende bis zum anderen wie mit einem Lichtmeer bedeckte. Dieser Legende liegt die Anschauung zugrunde, daß das Licht der Lehre Mosis die Länder und Völker der Erde zu erleuchten, sie von Wahn und Irrtum^zu erlösen und zik-Tugend und Erkenntnis zu führen bestimmt ist. Israels Religion soll eine Religion der Menschheit werden und Israels Volk ein Träger des Heils und ein Sendbote Gottes zur Verbreitung dieses Gotteslichtes auf Erden. Als Mose sieben Jahre alt war, so erzählt ferner die Legende, wurde er zur Königstochter gebracht. So lebte er fortan an dem Hofe und wurde dank seiner Klugheit und kindlichen Aninut der Liebling aller. Auch der König wandte ihm seine Huld zu. Einst saß er auf seinem Schoße, als die Fürsten des Reiches bei ihm waren. Da geschah es, daß Mose seine Hmid nach der Krone des Königs ausstreckte, sie ihm vom Haupte nahin und sich aussehte. Alles erstaunte und ward beunruhigt, am meisten der König. Die darüber befragten Weisen und Zauberer deuten das Vorkommnis dahin, daß Mose dem König einst Krone und Reich entreißen und selber regieren werde. Fast wäre Mose ums Leben gekommen, wenn nicht Jethro, damals noch einer der Ratgeber des Königs, diesen beruhigt hätte. Er riet nämlich, eine Schüssel glühender Kohlen und zugleich Edelsteine vor das Kind hinzulegcn. Wenn es nach den Edelsteinen griffe, wäre seine Klugheit und damit auch seine Schuld erwiesen, griffe es aber nach den brennenden Kohlen, so wäre seine Harmlosigkeit und Unschuld deutlich und klar. Kaum war solches geschehen, da wollte Mose nach den Edelsteinen seine Hand ausstreckcn, doch ein Engel lenkte sie zu den Koblen hin. Mose erfaßte sie und berührte damit seine Lippen. Seitdem war seine Zunge-schwer, aber sein Leben gerettet. In dieser Legende spricht sich wohl die Ueberzcugung des Volkes aus, daß der zu großen Aufgaben bestimmte Mensch schon früh diese seine gottgewollte Bestimmung erkennen läßt und daß er von himmlischen Mächten beschützt und behütet wird. Daß Mose überall dem Unrecht und der Gewalttätigkeit entgegentritt und dem Gerechten und Verfolgten beisteht, weiß die Legende uns vielfältig zu erzählen, so auch in der Schilderung eines Kampfes, den er für einen König im Lande Kusch führt. Hier schildert sie ihn als Verteidiger des verfolgten Königs, sodann als einen Regenten, der, in schwerer Zeit auf den Thron erhoben, nur für das Wohl seiner Untertanen lebt, diese zu Liebe und Erbarmen im Verkehr miteinander anleitet, Recht und Gerechtigkeit in ihrer Mitte begründet und, nachdem er dem Lande den Frieden gesichert, freiwillig auf Krone und Herrschaft verzichtet und das Land wieder verläßt. So steht die Legende, die dichtende Volksseele, schon in ältester Zeit in Mose den Träger und Erwecker, den Verwirkliche:: und Vollstrecker aller der Hochziele, der Menschheilslehren und Gedanken, die nachmals den Lebenssinn und Daseinszweck des Judentums bilden und dem israelitischen Volke seinen Weg und sein Fortschreiten in der Geschichte der Völker vorzeichnen sollten. Eine höhere Wertung Mosis und eine bessere Selbstcharakterisierung des alten jüdischen Volkes, als sie hier unbewußt geübt wird, gibt es sicher nicht. Elternpflicht. Von Studienrat Dr. L o r g e - Mainz. Welche Wichtigkeit das jüdische Gesetz der religiösen Erziehung der Jugend beimißt, das geht aus zahlreichen Stellen der heiligen Schrift hervor. Besonders aber in dem Schriftabschnitt über das Pesachsest wird zu wiederholten Malen der Jugend gedacht und dem Familienvater sehr nachdrücklich das Gebot eingeschärft: rmti „Du sollst deinem Kinde erzählen, wie Großes und Wunderbares der Herr an uns getan hat, als wir aus Aegypten zogen". Ja, die Schrift macht es sogar den Eltern zur Pflicht, die Kinder, falls sie nicht fragen oder nicht fragen wollen oder können, aus eignem Antriebe über das Gebot der Pesachfeier zu belehren und aufzuklären. Warum aber die Schrift gerade beim Gebote dieses Festes so viel Rücksicht auf die Kinder nimmt, ist begreiflich. Kein anderes Fest regt die Jugend so sehr zum Fragen an wie Pesach mit seinen vielen religiösen Vorschriften, kein anderer Feiertag aber ist auch so geeignet, die Lehre von dem gerechten Richter, dem Gott der Geschichte, dem Verständnis der Heranwachsenden Generation näher zu bringen. Deshalb fordert die Religion von den Eltern, sich ari den Abenden des Pesachfestes, den beiden Sederabenden, mit den Kindern am Familientisch zu versammeln, um diesen laut und feierlich dre Geschichte der Väter zu verkünden, damit sie aus ihr die