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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-04-01 · 4 (4.1928) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
4 (4.1928)
Date
1928-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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der Not und Knechtschaft draußen zermalmt werden konnten, auch hatten sie die Kinder zu allem Guten herangezogen. Das war der eine Grund, auf dem die Erlösung sich aufgebaut hotte. Noch eine andere Würdigkeit zeigte sie reif: „Mischum schelau schinu es schemom". „Weil sie ihren Namen nicht verändert". Die Israeliten in Aegypten erwiesen sich als treue Charaktere, sie waren zuverlässige Menschen, auf die man sich verlassen konnte. Diese Treue führte zur Erlösung. Und so meinten die Rabbiner in Bene Verak, diese Tugenden könnten auch jetzt trotz der Schwere des römischen Krieges die Erlösung bringen. Wir wissen zwar, daß die Römer gesiegt hatten und am 9. Av 135 die Festung Bethar m ihre Hände gefallen war, dennoch sind die Juden nicht untergegangen, sondern bestehen kraftvoll und lebensmutig noch heute und feiern allüberall auf dem weiten Erdenrunde das Pessachfest. Akiba hatte das Unglück, lebendig in die Hände der siegreichen Römer zu fallen, die ihn zum Tode verurteilten. Seine Todesschmerzen sollten durch Marterqualen noch gesteigert werden. Die Haut wurde ihm bei lebendigem Leibe durch eiserne Striegel abgezogen. Trotz der großen Qualen sprach der edle Märtyrer lächelnd das Schema-Gebet. Als der römische Soldat, über diese Standhaftigkeit erstaunt, Akiba fragte, ob er denn ein Zauberer sei, daß er die großen Schmerzen so ruhig ertrage, antwortete er: „Ich habe mein Leben lang gebetet: „Du sollst den Ewigen deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen." „Ich habe Gott geliebt mit ganzem Herzen und ganzer Kraft, meine Seele für Gott hinzugeben, hatte ich keine Gelegenheit. Jetzt ist für mich die große 'stunde gekommen, die eine solche Forderung an mich stellt, und so freue ich mich, für Gott mein Leben hinzugeben." Unsere Alten hatten recht daran getan, als sie den Text der Haggadah festsetzten, uns das Bild vom Seoerabend in Bene Berak vorzuführen, damit es uns zur dauernden Belehrung sei, von charaktervollen Männern zu lernen, in ihnen Vorbilder und Muster für alle Zeiten zu erblicken. Dem Bilde des Sederabends der Haggadah entströmt Frieden und Zuversicht für uns auch in allen Nöten der gegenwärtigen Zeit. Wenn auch Gewölk und Nebel wieder der Sonne Licht zu dämpfen droht, so wollen wir doch den Mut nicht sinken lassen, sondern hoffnungsvoll auf Gott vertrauen, „ki lau jittausch Adaunoj es amau", daß Gott sein Volk nicht verlassen werde. Der Becher des Elia. Von Rabbiner Dr. Sander- Gießen. Dem Grundzuge des Judentums entspricht es, wenn in unserer Haggadah keinerlei Verherrlichung unseres Lehrers Mose sich findet; der Abstand zwischen Gott und Mensch^ist so gewaltig, daß auch der größte der Erdensöhne nicht an den Schöpfer heranreicht. Mose ist geboren und gestorben wie andere Menschenkinder, nur ein Abglanz der göttlichen Majestät hat sein Angesicht erstrahlen lassen. So wird nur in einem ganz versteckten Zitat in der Haggadah der Name Moses genannt; an der Stelle, an der die ägyptischen Plagen von Rabbi Jose Haglili multipliziert werden: „Es sah Israel „die große Hand", die der Ewige ausgestreckt hatte an Aegypten, da fürchtete das Volk den „Ewigen und vertraute auf den Ewigen und seinen Knecht Mose." Auch hier gilt das Zitat nicht dem Ruhme des menschlichen Führers, es scheint fast, wie wenn hier der Name Moses nur mit Widerstreben genannt worden wäre. So werden die zahlreichen Bibelstellen der Haggadah niemals wie sonst öfters eingeleltet, „wie es in der Lehre Moses heißt": Am Pesachabend lag die Versuchung gewiß sehr nahe, den „Mittler" über alles Menschenmaß emporzuheben; bas Judentum hat den entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Lieber soll der Mann Mose ungenannt bleiben und scheinbaren Undank erfahren., als daß der Allmacht des einzigen Gottes auch nur ein vergleichbares Werkzeug zur Seite gestellt werde. Diese Gefahr der Gleichachtung eines Menschen mit seinem Gotte ist bei dem einzigartigen Mose vorhanden gewesen und glücklich vermieden worden, weniger besorgt und ablehnend verhält sich das jüdische Bewußtsein gegen den andern großen Propheten, den Elia. Seiner hat sich die jüdiche Legende ohne Befürchtung der Trübung des Monotheismus in großer Freiheit bemächtigt; für ihn wird auf dem Sedertifch der Becher mit Wein gefüllt und die Tür zu feinem Empfange geöffnet. Von ihm erzählt schon die Heilige schrift das Wunderbarste, wie es im Altertum von den Großen, besonders Religionsstiftern geleistet werden mußte. Er hat Gewalt über die Toten besessen, hat einen Toten lebendig gemacht und ist dann selbst lebendig zum Himmel aufgefahren. Elia erscheint dem Volksbewußtsein nicht in solcher Unnahbarkeit wie Mose; er ist trotz seiner Größe der rechte Polksmann, aber nicht mit gleicher Würde wie Mose ausgestattet. Das Bild dieser einzigartigen Persönlichkeit grabt sich tief in die Volksseele ein; was bei seinen Lebzeiten als ein Mangel empfunden worden sein mag, das stößt die dahinrollende Zeit ab und läßt die Vorstellung von dem unerschrockenen Gotteskämpfer und dem mutigen Volksmanne, der dem Könige Ahab, und was noch gefährlicher war. der Königin Jsebel rückhaltlos ihre Schandtaten vor Augen stellt, übrig. Dieses weltgeschichtliche Ringen des Elias für den einzigen Gott kann sein Volk nicht vergessen. Schon frühzeitig empfängt ihn liebevoll die Legende und trägt ihn über alle Wirklichkeit empor. Schon im Propheten Maleachi steht die Verheißung: „Siehe, ich sende euch den Propheten Elia, bevor der Tag des Herrn erntritt, groß und furchtbar. Er wird wieder zuwenden das Herz der Väter den Kindern und das Herz der Kinder den Vätern." Die Mischna spricht von der Wiederkehr des Propheten, um einstens Frieden zu stiften, und die Gemara gebraucht schon, wenn die Diskussion zu keiner Entscheidung führt, die Formel: Elia wird die Entscheidung treffen. Bald aber gesellt sich zu dem Glauben an die Wiederkehr des Propheten die Vorstellung von seinem Eingriff in die Alltäglichkeit des Lebens, um dem Frommen in unverschuldeter Not Beistand zu leisten, dem Bösen auch bisweilen einen schlimmen Streich zu spielen. In der „Nacht des Schutzes", in der einstens unsere Vorfahren den göttlichen Schutz erfahren haben, in der aber noch öfters unsere Väter des göttlichen Schutzes gegen die empörendsten Anschuldigungen und grausamsten Verfolgungen bedurften, da erscheint Elia, der Vorläufer des Messias, um den Glauben an diesen neu zu beleben. Der Becher für den Elia ist die anschaulichste Form, in der dieser unverwüstliche Optimismus des Judentums zur Darstellung kommt. Wir glauben an die Zukunft der Menschheit, an den Sieg des Guten und der Gerechtigkeit, wie Israels Propheten sämtlich ihn verkündet haben, das ist unser lautes Bekenntnis am Abend des Pesach. Das ganze vorige Jahrhundert hindurch hat das Judentum den Vernichtungskampf gegen alles Legendenhafte in der Religion geführt. Unser Zeitalter nimmt wieder in Ehren auf, was das frühere mit Leidenschaft bekämpft hat. Unser Zeitalter ist durch die strenge Schule der Vernunft hindurchgegangen, die Gefahr der Ueberwucherung des Irrationalen besteht für uns nicht mehr. Unsere Zeit versteht die Zaubersprache der Legende, des Mythos und der Mystik; wir dürfen schon wieder von einem wiederkehrenden und bei uns einkehrenden Elia sprechen, ohne den lauteren Inhalt des Judentums zu trüben. Nicht aber wollen wir unseren Kindern erzählen, daß der Prophet Elia uns süße Festesgaben mitbringt; wir reichen dem Propheten den- Festtrunk. _ Das messianische Zeitalter soll uns nicht als Gnadengeschenk zufallen, sondern wir wollen im ernsten Kampfe um seine Verwirklichung hinarbeiten. Nicht derjenige, der materielle Gaben uns bringt, wird freudig von uns ausgenommen, sondern derjenige, der Israel und der gesamten Menschheit das Friedenszeitalter verkündet. Die Festesgaben mögen unsere Kinder von ihren Eltern empfangen, die Elternliebe wird immer dazu ausreichen, um Festesfreude in den Herzen der Kinder zu entfachen; dazu bedarf es keines übernatürlichen Wundertäters. Mit tiefstem Ernste aber müssen wir die dem wiederkehrenden Propheten schon frühzeitig gestellte Aufgabe erfassen. Es liegen wenige Jabre hinter uns, als alles Heil in dem Zusammenschluß der Jugend erblickt wurde — und alle die Verdienste der Jugendbewegung sollen nicht geleugnet werden, aber die Kehrseite darf auch nicht übersehen werden. Der Gegensatz zwischen dem älteren und dem jüngeren Geschlecht ist dadurch nicht überbrückt, sondern erweitert worden. Auch ern rückständiges Elternhaus kann den Kindern noch reiches sittliches Gut übermitteln und der Jugend den labenden Becher der Freude reichen. Nicht die Loslösung vom Elternhause und seiner Denkweise kann unsere Jugend ' sittlich fördern, sondern das tiefere Verständnis für die dort herrschenden Anschauungen, selbst wenn diese einer vorwärts stürmenden Jugend als überwunden erscheinen. Mancher Mann und manche Frau würden unserer Gesamtheit größere Dienste leisten, wenn sie. anstatt vom. Ehrgeiz getrieben, sich öffentlichen Aemtern zu betätigen, ihren eigenen Kindern mehr Beachtung und sorgfältige Führung angedeihen ließen. Der Becher des Elia soll Jung und Alt Verständnis für einander und Liebe zu einander spenden, hier sprudelt der heiligste Quell des Judentums. Mose in der jüdischen Sagenwelt. Von Rabbiner Dr. H o lz e r - Worms. Es ist gewiß nicht leicht, eine der großen, schöpferischen und führenden Persönlichkeiten der Vergangenheit, über die auch nur ein Jahrhundert hinweggegangen ist, in ihrer ganzen menschlichen Größe, geistigen Höhe und seelischen Tiefe zu erfassen. Um wie viel mehr muß dies von einem Mose gelten, dem unvergleichlichen Göttesmanne. Um gvnHe JahLtausenbe ist. er tfeU uns eutstLnt, 3

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