Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 3 (3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Harnan und Esther. Von Leopold von Sacher-Masoch. Wir haben in unserer letzten Februarnummer mit einem Hinweis auf die Schriften, welche aus der Feder Frieda Weißmann's erschienen sind, einen Artikel „Haman" gebracht. Da der Mangel an guten jüdischen Iugendschriften immer wieder beklagt wird, bringen wir heute eine Erzählung, welche dom von E. Gut herausgegebenen Bande „Für unsere Jugend" (Verlag von I. Kaufsmann- Frankfurt a M) entnommen ist, und welche wiederum mit Rücksicht auf das Purimfest von uns ausgewählt wurde. Es war zur Zeit des Schuschan-Purim, die ganze Stadt Sandomir war in heiterer Aufregung und ein jeder nach Kräften beniüht, die Nacht in Hellen Tag zu verwandeln. Alle Fenster waren erleuchtet, hie und da die Häuser mit farbigen Lämpchen und Ballons geschmückt, an den Fenstern saßen schöne jüdische Frauen und Mädchen in üppige Pelzjacken geschmiegt und lachten und aßen Backwerk, und die Straßen durchzogen fröhliche Menschen in langen Kaftanen, und die Maskerade war in vollem Zug. Hier kam ein Trupp jüdischer Jünglinge, die als kleinrussische Bauern gekleidet waren und vor jedem Hause haltmachten und kleinrussische Volkslieder sangen, wobei sie sich mit Geigen, Baßgeigen und Flöten begleiteten. Andere kamen als Bären und schreckten die Mädchen, die in den Türen standen. Wieder andere führten das Ahasverusspiel auf. Da war Esther, die, in Seide, Samt und Hermelin gekleidet, eure Krone von Goldpapier aus dem Kopfe, von vier Sklaven getragen wurde, König Ahasverus mit seinem roten Mantel, Monderisch (Mardochai) mit seinem großen Turban, und endlich Haman, die Hauptperson, der mit einem schäbigen Zylinder aus dem Kopfe, in weiße, zusammengenähte Leintücher gehüllt, aus Stelzen einherging, wie ein Riese" die Menge überragte und seine große Nase mit den drei gigantischen Karsunkelwarzen bald hier, bald dort an einem Fenster des ersten Stockes der kleinen Häuser scheinen ließ, so daß die Schönen erschreckt zurücksuhren und das Necken und Lachen kein Ende nahm. Haman war natürlich Laktef Wilna. Wer hätte auch in Sandomir gewagt, den Haman darzustellen, als Laktef Wilna, der hübscheste, kräftigste, keckste und lustigste jüdische Bursche der ganzen Kreisstadt, der es wahrscheinlich an Juden m keiner Weise fehlte. Wo der echt türkische Lärm der großen Trommel, der Blechdeckel und einer heißeren Trompete das Herannahen der Personen des Ahasverusspieles ankündigte, wurden trotz der grimmigen Kälte die Fenster ganz oder doch ein wenig geöffnet, und rosige Mädchengesichter und dunkle Frauenaugen blickten in die Straßen, und schnell war Laktef Wilna zur Stelle und spielte den Neugierigen irgend einen Possen. Der Madame Pflaumenbaum, die nur einen Augenblick das Guckfenster handbreit öffnete, warf er einen alten Pantoffel hinein, der schönen Frau Zuckerspitz, die in ihrer mit Zobel ausgeschlagenen und gefütterten Pelzjacke im Fenster lag, denn sie wollte gesehen werden, überreichte er einen großen vergoldeten Husaren aus Lebkuchen und machte sie erröten und blitzschnell verschwinden. Der etwas allzu schlanken Tochter Grünwald schwor er, daß er einen sehr passenden Mann für sie gefunden habe, und gab ihr einen Hering. Bei Jonathan Schmeikes, dem Kaufmann, wo ein halbes Dutzend junger Mädchen versammelt war, ließ er eine Maus in das Zimmer, und ergötzte sich an der wilden Jagd, die nun folgte, an dem Zetergeschrei, mit den: alles, was lange Röcke trug, auf Stühle und Tische sprang, bis der kleine Störenfried glücklich in ein Mauerloch geschlüpft war. Auf diese Weise kam Laktef Wilna auch zu einem ganz kleinen Hause in der langen Gasse, dessen Mauern sich wie die Blätter eines Kartenhauses nach innen neigten, und in dem, hinter mit Papier zusammengeklebten, zerbrochenen Scherben und morschen Türen, in zwei Stockwerken und zwölf Zimmern bei dreißig dürftige jüdische Familien wohnten. Er blickte durch ein Fenster, dessen Scheibe ein großes Loch hatte, das nicht mehr durch bunte Papierstreifen unschädlich gemacht werderr konnte und daher mit verschiedenen alten Strümpfen verstopft war, und sah in einen Stübchen, nicht größer als ein Hühnerstall, ein Mädchen in einern schlechten, geflickten Kattunkleidchen sitzen und bitterlich weinen. Das verdarb Laktef Wilna den ganzen Schuschan-Purim, denn er hatte wie alle leichtsinnigen Menschen das beste Herz und konnte vor allem keine Tränen sehen. Er verhielt sich also vollkommen stille, legte seine Riesennase cm die Scheibe und horchte. In dem Stübchen brannte in einem ausgehöhlten Erdapfel ein Stümpfchen Talglicht, und saß in einem alten Lehnstuhl, dem ein Bein fehlte, ein Mann in einem zerrissenen Kaftan, ein Käppchen auf dem ergrauten Kopfe, die Hände gefaltet und starrte ins Leere. Es war der blinde Flickschneider Tobia Fischtran und das Mädchen seine Tochter Esther. Laktef Wilna kannte sie jetzt. „Weine nicht," sprach Tobia milde, „vom Weinen verliert man das Augenlicht. Was soll werden, wenn auch du nicht mehr arbeiten kannst, Esterka?" „Was hilft es, zu arbeiten, Vater," erwiderte das Mädchen seufzend, „wenn man von Gott verlassen ist?" „Kein Mensch ist von Gott verlassen," versetzte Tobia, „keiner, nur geprüft wird man von Gott, nicht verlassen." „Wir werden aber mehr geprüft als alle anderen zusammen," gab Esther zur Antwort, „und doch haben wir nicht mehr gesündigt als sie. Bin ich nicht fleißig vom Anbruch des Tages bis tief in die Nacht hinein und kann nicht einmal meinem blinden Vater das Stübchen heizen und Kuchen backen, die doch der Ärmste hat zum Schuschan-Purim." „Was brauchen wir Kuchen, wir hören doch die Musik und hören die Leute lachen," sagte Vater Fischtran. „Mir tut es von Herzen weh, wenn sie lachen," murmelte das arme Mädchen und begann wieder zu weinen, aber ganz leiss, damit es ihr alter Vater nicht hören sollte; denn sehen konnte er es ja nicht, wie sie die kleinen mageren Hände vor die Augen preßte, aber Haman sah es, Laktef Wilna sah es und eilte auf seinen Stelzen rasch davon. Er war der Sohn wohlhabender Eltern, er hätte können Geld in Esthers Fenster werfen, und der Armen wäre geholfen gewesen, aber das hätte ihm keine Freude gemacht; er war nur dann zufrieden, wenn er den Leuten irgend einen Schabernack antun konnte, und so war er auch jetzt entschlossen, hier den Armen einen liebenswürdigen und anderswo den Reichen einen ärgerlichen Possen zu spielen. Er ging zuerst zu dem Hause des Holzhändlers Jainkes Jeiteles, lehnte sich an die Hofmauer und begann von dem Jenseits hoch aufgeschichteten Holze ein Scheit nach dem andern herüberzuziehen und dem untenstehenden Monderisch, seinem Freunde Teitel Silberbach, zuzuwerfen. Dann kehrten sie rasch zu dem Hause, wo Esther wohnte, zurück, Laktef stieg von seinen Stelzen herab, und beide schlichen bis zu Fischtrans Tür und schichteteil das Holz vor derselben aus. Als dies geglückt war, eilte Haman rasch durch die Straßen und blickte in alle Feilster, und richtig, bei Jonathan Schmeikes, dem Kaufmann, hatten sie auf das Küchensenster zwei große Schüsseln mit dampfendem Kuchen gestellt, und die Köchin war eben beim Herde beschäftigt und kehrte ihm den Rücken. Schnell hatte sich Haman der Kuchen bemächtigt, und wie mit Siebenmeilenstiefeln ging es wieder zurück zu der kleiiien Esther. Jetzt schlich Monderisch mit seinem großen Turban hinaus, klopfte dreimal laut an die Tür und entfloh. Jil dem Augenblick, da Esther ausstand und öffnete, zog Laktef Wilna eilig die Strümpfe heraus, warf die Kuchen durch das Loch in der Scheibe hinein, verstopfte dasselbe wieder ulid versteckte sich dann hinter der Dachrinne. Als Esther die Tür öffnete, rief sie: „Vater, wir haben Holz, wer hat uns das gebracht?" „Holz?" sprach Tobia staunend, „wer sollte uns Holz bringen?" „Es hat doch dreimal geklopft," fuhr Esther fort, „und als ich öffne, liegt das Holz da, und was für ein prächtiges Holz! Darf ich das nehmen?" „Frage nicht lange, mein Kind." „Aber es ist wie ein Zauber!" Sie schichtete das Holz hinter dem Ofen auf, zerhackte eines der großen Scheite machte Späne, und bald prasselte im Ofen ein kleines Feuer, und die kleine Stube erwärmte sich behaglich. Esther trocknete ihre Tränen. „Und hier! was soll das bedeuten," schrie sie aus, „das ganze Fenster voll Kuchen!" „Kuchen?" wiederholte der Blinde ungläubig, vor Freude bebend. Esther reichte ihm einen, und beide begannen zu essen. „Noch ganz warm," sprach sie, „aber das ist ja alles wie ein Wunder." „Siehst du, Esterka, Gott hat uns nicht verlassen," sprach der Blinde, „das ist der Prophet Elias, der deine Tränen gesehen hat und gekommen ist, uns zum Schuschan-Purim zu beschenken." „Ja, Vater, niemand als der Prophet Elias." Beide begannen zu beten. „Wenn er aber bei uns ist und sieht unsere Not," begann wieder Esterka, „warum bringt er mir nicht auch warme Kleider und Schuhe, meinen blinden Vater zu kleiden?" „Was brauche ich warme Kleider," rief Tobia lächelnd, „Hab' ich doch jetzt ein warmes Stübchen, aber du, mein Kind, du läufst zu den Leuten durch Frost und Schnee in deinen zerrissenen Schuhen und deinem dünnen Kleidchen." „Verlange nicht zu viel, Vater," beschwichtigte ihn Esther, „Hab' ich doch auch ein warmes Tuch." „Wenn der Prophet Elias will," entgegnete der Blinde ärgerlich, „so kann er dich kleiden wie eine Prinzessin, er kann dich kleiden in Zobelpelz, wenn er nur will." „Aber Vater!" 5