Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-03-01 · 3 (3.1928) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
3 (3.1928)
Date
1928-03-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9582242-9623184-9620396--0228-9620400
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

des großen Sterbens in der Judengasse Hütte R. Lamfon die große Freude gehabt, seinem Sohne das Rabbinat Koblenz, wie un vorigen Bilde schon erwähnt, verliehen zu sehen. Es war ein ebenso ansehnliches als nährendes Amt, gehörte doch Koblenz zu den wenigen Städten, die kein Ghetto hatten. Es war eine bewegte Zeit, in der R. Ehajim sein Amt antrat. Tie Wellen der sabbatianischcn Bewegung gingen eben am höchsten; Ehajim und sein Vater waren tief davon ergriffen. R. Ehajim hatte ein förmliches Archiv über die sabbatianische Bewegung angelegt. Daß er als gereifter Mann, vielleicht Jahrzehnte nach den Ereignissen, den Namen jenes Messias nicht niederschrieb, ohne ihn Rabbenu ^abbatai Zewi zu nennen, beweist zur Genüge seine inneren Beziehungen zu dem Urheber jener traurigen Vorgänge. Aber bald verfolgte ihn auch hier sein bisheriges Ungeschick. Nach dreijährigem Wirken wurde Bacharach nicht wiedergewählt; er iah sich brotlos und vor die Türe gesetzt. Wenn es für Bacharach einen Trost dafür gab, daß er aus der mit Liebe und Strenge geübten rabbinischcn Wirksamkeit so plötzlich herausgerissen wurde, so war es der Gedanke, durch die Rückkehr nach Worms seinem Vater wieder näher gebracht zu sein. Am Schlüsse des Jahres 1669 zu Beginn der Winterszeit ließ er sich wieder in Worms nieder; doch wenige Monate nachher, un April 1670, starb sein Vater, vorher mündlich und schriftlich die Hoffnung ausdrückend, seinen Sohn als seinen Nachfolger bestellt zu sehen. Doch er hatte sich bitter getäuscht. Die Wormser hielten R. Ehajim, da er in Worms als Privatmann lebte, für einen ortsansässigen E i n h e i m i s ch e n , dem man die Würde eines Rabbiners iiach den bestehenden Bestimmungen iiicht übertragen dürfe. Wohl übertrug mau ihm die Aemter seines Vaters als Stellvertreter, aber er wußte, daß diese Vertretung ihr Ende erreichen würde, sobald der richtige Mann gesunden war, und er war bald gesuiiden in der Person des R. Ahron Teumim aus Prag. Bacharach hatte den Schmerz, mit den Einrichtuilgen seines Vaters einen Fremden schalten zu sehen und als Privatmann lautlos sich uuterordneu zu sollen, wo sein Wort hätte Befehl sein müssen. Zurückgezogen, nur höchst selten in einem Ehrenamt der Gemeinde hervortretend, lebte er jetzt allein dem Wissen, das ihm Stab und Stütze war, Erwerb und Wirkungskreis ersetzte. Sein Baus war ein Lehrhaus, eine Klause, in der wissensdurstige Männer aus der Gemeinde zusammenkamen und Jünger sich scharten, um an dem Quell seines reichströmeuden Wissens sich zu erquicken. Aber seine meiste Zeit war dem großen Werke seines Vaters und Großvaters und seinen eigenen Werken gewidmet. Diese wollte er herausgeben und der Ruhm, dcu ihm das gesprochene Wort bringen sollte, aber 'nicht gebracht hat, sollte jetzt vom geschriebenen Worte ausgehen. Es erschienen 'eine BauptN'erkc: Ehawos Joir und Ehut haschein iind andere mehr, auch eine Arbeit polemischer Art. Der Ortsrabbiner Ahron Teumim, gegen den er einen innerlichen Groll empfand, mit dessen Predigten er durchaus unzufrieden war, wollte sich jetzt auch als Schriftsteller versuchen, Als Ahron Teumim kurz vor dem Pesachfeste schwer erkrankte, gelobte er, wenn er genesen, wollte er für seine Kinder eine Erklärung der Pessach-Hagadah geben. Er sah sich um so mehr verpflichtet, dieses Gelübde emzulösen, als er bei einer Reise nach Neustadt a. d. Hdt. von einem scheuen, herrenlosen Pferde, als er eben zum Maiuzer Lor herausfuhr, angesallen und auf wunderbare Werfe gerettet wurde. Tie Schrift erschien, Bacharach hatte viel daran auszusetzen, schrieb eine heftige Gegenschrift, veröffentlichte sie aber nicht; von Zeit zu Zeit verbesserte er den heftigen Ton derselben und als er nach 10 Jahren hörte, daß Ahron Teumim, der inzwischen zum Rabbiner von Krakau emporgestiegen war, das Opfer eiires Raubmordes geworden war, vernichtete er sie. Es kam das für Worms unglückliche Jahr 1689. Die Franzosen zerstörten die Stadt, die Synagoge, die Judengasse. In Eile hatte inan Thorabrollen, Vorhänge, Kaiserbriefe nach Metz gebracht; auch Jair war bei der Wormsdr Kolonie. Doch es hielt ihn nicht lange dort. Er begab sich nach Heidelberg und von da nach Frankfurt. Nach dem Frieden voli Ryswyk fonnten auch die Wormser wieder iiach ihrer Vaterstadt zurück, so geriie es Seideiibäiider vereitelt hätte. Frankfurt zeichnete einen großen Beitrag zum Wiederaufbau der Synagoge. Das betr. Spendenbuch befindet sichern Archiv der hiesigen jüd. Gemeiiidc. Es wurden Boten nach allen Städten Deutschlands ausgeschickt. Der Gaben wurden so reichlich gespendet, daß der Aufbau der Synagoge wieder vor sich gehen uiid das Gemeindeleben neu erblühen konnte. Natürlich mußte auch an die Wahl eines Rabbiners gedacht werden, die diesmal nicht schwer fiel. R. Jair Ehajim wurde gewählt. Er hatte sich einst so unglücklich gefühlt, daß er nicht auch wie sein Vater und Großvater als Rabbiner in Worms wirken könne. Nun dankte er der Vorsehung, die ihm, wenn auch spät, beschieden hatte, doch noch der Nachfolger seines Vaters im Amte zu werden. Er trat 1700 sein Amt an, aber leider starb er schon am 1. Januar 1702 im 4 64. Lebensjahre, geliebt nicht nur von seiner engeren Gememde, fonderrt hochverehrt von allen, denen die Pflege der Wissenschaft mti das kostbarste Gut auf Erdeu ist. Mit dieser Arbeit schließe ich meine Veröfsentlichungen über „Gestalten aus der alten Wormser jüdischen Gemeinde" ab. Als Quellen wurden dabei benützt: Archiv der Wormser jüd. Gemeinde. Epstein: Worms nnb Speyer und Minhagbücher von Worms; Erlebtes und Erzähltes; Familiengeschichtliche Aufzeichntingen >Rabb. Samuel Levi, Markus Edinger, Prof, ^riedr. Gernsheim); Kauffmann David: dessen Schriften über die Familie Bacharach; Lewysohn: 60 Epitaphien des Wormser jüd. Friedhofes; S. Rothschild: Aus Vergangenheit und Gegenwart der isr. Gemeinde Worms; Beamte der jüd. Gemeinde Worms; Emanzipationsbestrebungen der Hess. jüd. Gemeinden; Die Schuldem last der Wormser jüd. Gemeinde während drei Jahrhunderte; Festschrift zum 100jähr. Jubiläum der Musikgesellschaft und Liedertafel. Aus unseren Verbandsgemeinden. Alzey. Am Mittwoch, den 15. Februar, fand hier unter großer Beteiligung die Beerdigung des Herrn Hermann o ch w a r z statt, der im gesegneten Greisenalter, im 83. Lebensjahre, nach 47jähriger Tätigkeit als Kultusbeainter der israelitischen Religionsgemeinde in die Ewigkeit eingezogen war. Er hatte eine vielseitige Wirksamkeit, im Gotteshause, bei der Gemeinde, bei den zahlreichen Vereinen und als Schächter. Auch uach seiner Pensionierung hatte er sich noch nicht die Ruhe gegönnt, sondern verwaltete auch weiter noch sein Amt in der Synagoge. Wenn er am Rausch-Haschono zur Erweckung der Beter' den Schofarton erschallen ließ, wenn er nach dem Nilo- Gebet sich an den Altar stellte zum Mariw, so sah man ihm an, daß er sich glücklich fühlte, wie an einem siegreichen Tage. So blieb er bis in sein hohes Alter. Als er am Sabbat des 4. Februar, aus dem Gotteshause gegangen, stürzte er. Der Unfall fesselte ihn ans Krankenbett und schon nach einer Woche verschied er. Herr Rabbiner Dr. Lewit hielt^ ihm einen ehrenden Nachruf, dem er die Worte der heiligen -L-chrift zugrunde legte, die auf Moses gesagt sind: Bechol bessi ne-emon hu!" „Im Hause Gottes war er bewährt!" Er war Freund und hilfreicher Berater in den Familien, besonders in Trauerfällen hatte er Ehesed schel emes geübt. Er hatte sich des Vertrauens würdig gezeigt. Die Vereinsgelder hatte er einzuziehen. In den 47 Jahren ist niemals ein Irrtum vorgekommen. Es kanu ihm zu ferner Ehre nachgesagt werden, daß er pflichttreu und eifrig in hohem Maße seines Amtes gewaltet hat. Auch der Vorstanösvorsitzeude Herr Küchler hatte dem Heimgegangenen freundliche Abschiedsworte nachgerufen. Der Verewigte wird iit der Gemeinde vermißt werden! p’HX “OT Sein Andenken wird in Ehren und zum Segen fortleben! Bingen (Rhein). Am 27. Februar verließ Herr Rabbiner Dr. Maybaum unsere Gemeinde, um eiuem Rufe nach Frankfurt a. d. O. zu folgen. Sein tiefes Wissen, seine glänzende, lebendige Rednergabe haben ihn weit über die Grenzen Billgens hinaus bekannt gemacht. Warmer Dank und allgemeine Verehrung in der Gemeinde und in ben nahestehenden Vereinen, für welche er mit äußerstem Fleiß und Verstärchnis arbeitete, begleiten ihn nach seiner neuen Wirkungsstätte. Friedberg (Hessen). Die Vereinigung jüdischer junger Mädchen veranstaltete in ihrem Vereinslokal am Samstag, den 25. Februar, einen gutbesuchten Vortragsabend, an welchem Herr Lehrer Ehrmann über das Thema „Die Geschichte der Juden Friedbergs" sprach. Gießen. Sonntag, den 12. Februar, veranstaltete der isr. ,5rauenverein ein wohlgelungenes Kinderfest als Vorfeier für Purrm auf der Liebigshöhe. Der Besuch von Groß und Klein war ein außerordentlich zahlreicher. Ungefähr 180 Kinder tvurden mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Zuerst wurde ein Prolog gesprochen, dann folgten sehr gut einstudierte Tänze verschiedener Art rn besonders netten Kostümen. Die Jazzkapelle bestand aus 14iahrrgen Buben, die alle durch ihre fidele Musik erfreuten, zlt der auch die größere und kleinste Jugend fleißig tanzte. ' Groß-Steinheim. Am 25. Januar faud vor dem Provinzialausschuß in Darmstadt Termin über den Antrag der Stadt Groß-Stemheun, einen Teil des alten israelitischen Friedhofes zum Ausbau einer Wohnstraße zu enteigllen, statt Ter Provinzralausschuß lehnte den Antrag ab ilnd legte der Stadt die Kosten des Verfahrens auf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.