Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 3 (3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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der Hungersnot. Er bat sie, ihm einen Palast zu bauen, sie aber übertölpelten ihn mit Hinterlist. Sie erzählten, sie möchten zu einem Opserfest für ihren Gott drei Tagereisen weit in die Wüste ziehen und dann zurückkehren; für diese Zeit möge man ihnen Silber und Gold und Gewänder leihen. Aber sie flohen mit diesen Schätzen. Und als Pharao ihnen mit seinem Heere nachjagle, nur um sein Geld zurückzuholen, was taten sie ihm da? Sie hatten einen Zauberer bei sich, namens Mose, der sie auf geheimnisvoll verruchte Weise durch das ausgetrocknete Meer führte. Pharao wollte dasselbe tun, sie aber stießen ihn ins Meer zurück, daß er und sein Heer im Meere versanken. All das Gute, das er ihnen vorher erwiesen, hatten die Kinder Israel vergessen. Sind sie deshalb nicht undankbar zu nennen. Auch Amalek stellte sich ihnen auf den Rat des weisen Bileam zum Kampfe entgegen; da wählte sich der grausame, erbarmungslose Iosua zum Kampfe Männer aus, von denen man nicht weiß, ob sie Krieger oder Zauberer gewesen sind. Mose aber nahm seinen Stab, setzte sich auf einen Stein und brachte es durch irgendwelche Beschwörungen zustande, daß Amaleks Hände kraftlos wurden. Sichon und Og, die Helden, vor denen niemand, standhielt, sie wurden unerklärlicherweise besiegt. Iosua eroberte nicht nur das Land Kanaan, sondern er schlug 31 Könige und verteilte ihre Länder an Israel. In der Richterzeit kam ihnen in der Schlacht gegen Sisra der Bach Kison zu Hilfe, der ihre Feinde ergriff und sie in das Meer mit fortriß — und niemand weiß, wodurch sie das zustande brachten. Ihr erster König Saul tötete an einem Tage hunderttausend Reiter von den Söhnen Amaleks. David vernichtete alle übrigen Reiche. Sein Sohn Salomo baute für Israel ein Heiligtum, aber es ist unbekannt, was darinnen war. Bevor sie zum Kriege auszogen, gingen sie hinein, zauberten dort, und wenn sie herauskamen, besiegten sie die Feinde. Aber in ihrem Glücke waren sie widerspenstig gegen ihren Gott. Da kam Rebukadnezar über sie, verbrannte ihr Gotteshaus — und vorbei war es mit ihrem Zauberwerk. Man tötete sie, oder brachte sie in Eisenketten in unser Land. Trotzdem haben sie ihre häßlichen Gewohnheiten nicht geändert, spotten über uns und unseren Glauben. Darum sollen jetzt alle Juden getötet werden, niemand von ihnen darf entkommen." Dieses von der Agada den Hamansfreunden zugeschriebene Edikt enthält eine Charakteristik der Judenfeinde, wie sie wohl besser kaum gegeben werden kann. Was hier jedem unvoreingenommenen Leser alsbald an der Art, wie die jüdische Geschichte betrachtet wird, aussällt, ist ein Wesensmerkmal fast aller Machwerke, die je von Judenfeinden über uns geschrieben wurden: in ihnen gehen Wahres und Falsches ineinander über. Und das ist nicht etwa Unachtsamkeit, sondern das hat meist schon Methode. Diese Art der Darstellung ist überaus gefährlich, weit gefährlicher, als die reine Unwahrheit. Denn man springt so elegant und geschmeidig von der Wahrheit zur Lüge über, daß der unachtsame Leser es gar nicht bemerkt und alles für bare Münze nimmt. Und um so leichter erliegt er der Täuschung, weil sich jene Geschichtsbetrachtung noch das Mäntelchen der Wissenschaft umhängt und anmaßend mit dem Anspruch austritt, als solche anerkannt zu werden. Und zum anderen spricht aus dem Sendschreiben das mangelnde V e r st e h e n. Immer, wenn etwas in der Geschichte Israels geschieht, was man sich nicht erklären kann, wird es als teuflischer Spuk, als höllische Zauberei 2 hingestellt, als das Werk von lästerlichen Gewalten, mit denen Israel im Bunde stehen müsse. Als Pompeius bei der Erstürmung des Tempels zu Jerusalem bis in das Allerheiligste vordrang, wuchs sein Erstaunen mit jedem Schritt, weil er in dem Raume keinerlei Götterbild vorsand. Es war ihm unbegreiflich, wie man zu einem unsichtbaren Gotte beten konnte, und er rief aus: „Wahrlich, das ist ein Volk von Philosophen!" Damals wie heute steht der uns feindlich Gesinnte verständnislos vor der Erscheinung des Judentums, er erkennt nicht die ungeheueren Lebenskräfte, die in Israel wirksam sind. Und da er das Judentum in das Schema der gewohnten Erscheinungen nicht einordnen kann, empfindet er es als ein Fremdes, vielleicht sogar als etwas Unheimliches. Und wir, was wollen wir demgegenüber tun? Wir wollen es mit Ben Soma halten, der auf die Frage: „Wer ist weise?" antwortet: „Wer von jedem Menschen lernt." So wollen wir aus den anfangs erwähnten Vorwürfen lernen, mit denen Haman sein haßerfülltes Vorgehen gegen das Volk des Mordechai in den Augen des Königs rechtfertigen will. Wohl können wir die Behauptung, daß wir die Gesetze der Obrigkeit nicht befolgen, als dreiste Verleumdung zurückweisen, und ferner daraus Hinweisen, daß wir noch immer überall, wo man uns Gerechtigkeit widerfahren ließ, unseren Fleiß und unsere Tüchtigkeit und Tatkraft in den Dienst der allgemeinen Wohlfahrt gestellt haben; wohl können wir für uns aus Grund der Gewissensfreiheit das Recht in Anspruch nehmen, unseren eigenen religiösen Satzungen gemäß zu leben, zumal niemand einen Schaden davon hat; wir können betonen, daß unsere Zerstreuung unter die Völker einstmals durch die Rot der Zeiten und römische Legionen erzwungen worden ist, und man uns nicht als Schuld anrechnen darf, was unser Schicksal ist. Aber jenes Wort: „Da ist ein einig Volk", dieses Wort, das als Vorwurs gedacht ist, es muß uns zu einer Mahnung werden, zu einer Forderung, hinter der wir zumeist zurückgeblieben sind. Ja, wenn die feindliche Umwelt uns befehdet, dann schließen wir unsere Reihen enger, und das Bewußtsein, daß wir auf Gedeih und Verderb zusammengehören, wird stark und lebendig. Aber wie häufig vergessen wir sonst, was uns eint, und das Trennende der Meinungen wird über Gebühr hervorgekehrt. Welche Klüfte reißt jene hochmütige Überheblichkeit auf, mit der nur allzu oft der Besitzende auf den Besitzlosen, der Gebildete auf den Einfachen, der all den Satzungen Gehorsame auf den demgegenüber die eigene Verantwortung Wahrenden herabsieht! Hier ist Einkehr notwendig. Im übrigen aber kündet uns das Estherbuch die frohe Botschaft, daß Gott niemanden zuschanden werden läßt, der aus ihn vertraut, und deshalb ist uns das Buch lieb und wert. Arbeiten wir an uns, damit aller Makel von uns abfalle. Und wenn Notzeiten kommen, prüfen wir uns, ob wir nicht in Selbstgerechtigkeit unsere eigene Schuld übersehen möchten, denken wir'dann an das Wort unserer Weisen, daß es uns erhebe über allen Hamansgeist: „In der Stunde, in der die verderbenbringenden Erlasse mit dem königlichen Siegel versehen wurden und das Unheil herannahte, ^begegnete Mordechai mehreren Knaben, die aus dem Schulhause kamen. Da fragte er einen von dem jungen Geschlecht, aus das wir immer wieder die Zukunftshofsnung setzen: „Wohlan, sage mir ein Bibelwort, das dir am Herzen liegt!" Und der Knabe sprach: „Schmledet einen Plan -- er wird zerstört, saßt einen Beschluß — er besteht nicht, denn mit uns ist Gott!"