Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 2 (2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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„Wirst du mir Obdach geben?" fragt er die Eiche. Aber sie wogt zornig auf. „Wie kannst du das von mir verlangen — weißt du nicht, daß unter meinen Zweigen Deborah ruht, die Amme der Rebekka?" „Komm nicht zu mir," ruft der Granatapfel, „ich werde dich nicht beherbergen. Meine Früchte gleichen den Frommen — wie dürftest du mir nahen?" So irrt Haman umher in den Wegen seines Gartens, von seinen Schützlingen verstoßen, verbannt aus der Gemeinschaft, die Licht, Wärme und festlichen Glanz in den Kreis des Lebens zu tragen bestimmt sind. Und nirgendwo Erbarmen? Nirgendwo eine Hand, die sich ausstreckt? Nirgendwo eine Stimme, die tröstend spricht: „Genug der Not, genug des Irrens, des Dunkels und der Verfehlungen; komm schlafen, ich will bei dir wachen, bis du zu einem reineren Leben geweckt wirst." Klingt sie nicht, diese Stimme? Und aus welcher Höhe steigt sie nieder zu dem Heimatlosen? Von fern her, wo die schneebedeckten Gipfel des Libanon in die Wolken ragen, kommt ihm die Erlösung, aus Höhen, die ein Wägen und Messen nach Begriffen des Tales nicht kennen. „Das Schlimmste hattest du mir bestimmt," rauscht die Zeder, „den Guten sollte ich leiden machen. Nun komm: statt Mordcchai zu tragen, wie du gewollt, werde ich dich tragen — weil er im Licht bleiben darf, will ich dich in barmherziges Dunkel betten." Gegenwärtig beschäftigt inan sich damit, eine größere Sammelaktion zum Zwecke der Errichtung einer uns noch fehlenden Heilstätte für jüdische, an Tuberkulose erkrankte Männer in die Wege zu leiten, worüber nachfolgendes Zwiegespräch informieren will. Ein Zwiegespräch. Personen: Herr S. Herr W. Szene: Ein Salon. S.: Sie wünschen? W.: Ihnen eine Bitte vorzutragen. S.: Und die wäre? W.:Daß Sie mir einige Lose abkaufen. S.: Sie sind wohl Lotteriekollekteur? W.: Beileibe nicht. Nur vorübergehend aus Neigung, nicht von Beruf. S.: Seltsame Neigung; was soll das bedeuten? W.: Diel. Ich fasse meinen Zeitvertreib sozusagen philosophisch auf. Ich rechne mit der Weichheit und Glückssehnsucht des menschlichen Herzens. S.: Ich bin im allgemeinen dem Glücksspiel nicht ganz hold. W.:Tas ist ein besonderes Glücksspiel. Ein ernsthaftes Spiel, das nicht dem eigenen, sondern anderer Glück gilt. S.: Sie beginnen mich zu interessieren, mein Herr; bitte nehmen Sie Platz. W.: (sich umsehend) Sie scheinen mit irdischen Gütern reich gesegnet zu sein? S.: Gottlob, mir fehlt nichts. Ich bin gut situiert und lebe mit Frau und Kindern in ungetrübtem besten Behagen. W.: Sie verzeihen eine etwas zudringliche Frage: Ist dieser gesicherte Wohlstand heute die Norm oder die Ausnahme? S.: (zögernd, nachdenklich) Vielleicht — die Ausnahme. W.: Vielleicht? Nein, ganz gewiß die Ausnahme, denn Zehntausende verkommen und gehen rettungslos zugrunde aus Armut und Krankheit. Und dieser kranken Armut unter den Juden möchten wir nach einer Hauptrichtung abhelfen. Sie kennen ja wohl Heines Wort von dem dreifachen Unglück, arm, krank und dabei Jude zu sein. Und wir möchten unsererseits nicht die schwere Schuld auf uns laden, stumm bei dem Blute des Nächsten zu stehen. S.: Wir? Wer sind „Wir"? W.: (sich groß aufrichtend, mit starkem Nachdruck) Die Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden! (leichthin) Man erzählte mir von einer gewissen Vorliebe Ihrerseits für die ärztliche Wissenschaft? S.: Die mich sogar veranlaßte, in der Jugend dem ein Semester zu widmen. W.: Doppelt schön. Dann kennen Sie mehr als andere die ungeheure Furchtbarkeit dieses Leidens, dem nur durch rechtzeitige Vorbeugung begegnet werden kann. Und wir wollen dem begegnen. S.: Dem begegnen? Ein Ding der Unmöglichkeit! W.: Der Unmöglichkeit! Nein! Nur ein Ding des guten Willens der Begüterten. Wir sind im Begriff ein Werk aufzuruhten, das eine glanzvolle Ehrensäule für den jüdischen Namen werden kann, mit Gottes Hilfe werden wird. Wir wollen eine Heilstätte für männliche jüdische Lungenkranke in Deutschland bauen. S.: Nur für männliche? W.: Für weibliche ist durch die großartig dotierte M. A. von Rothschildsche Anstalt in Nordrach bereits gesorgt. - S.: So? Prachtvoll. Und da wollen Sie nun der Notwendigkeit Genüge tun und diese Anstalt ergänzen? Ihr Plan ist schön. W.: (Seufzend) Schön, wenn er nur ausführbar wird; denn noch fehlts an der Grundlage: am Geld. S.: Sollte sich denn da nicht auch ein Wohltäter finden, der aus seiner Fülle mit einer großmütigen Gabe sich die Unsterblichkeit sichert, die diesseitige und die jenseitige Unsterblichkeit? W.: Bis jetzt noch nicht. Und da wir nun einmal mit der Unzulänglichkeit und Eigenheit der menschlichen Natur rechnen müssen, da wir nun einmal nicht in den Wolken des Idealismus schweben und darauf Häuser bauen können, so bleiben wir hübsch auf ebener Erde und suchen in diesem Umkreis die Menschen zu gewinnen. Sicher: Ein Viel wäre hier unendlich viel. Auch viele Wenig geben ein Viel. Und darum bitten wir den, der dieses Viel nicht leisten kann oder will, um ein Wenig. Und verbrämen, verzieren, verzuckern dieses Wenig noch, indem wir die Möglichkeit bieten, mit diesem Wenig viel zu erreichen. S.: Sie meinen — ideell, moralisch zu erreichen? W.: Nein, auch materiell. Wir haben mit Genehmigung des preußischen Ministers für Volkswohlfahrt (auch das ist ein Zeichen für die Dringlichkeit und Unerläßlichkeit unseres Vorhabens) eine Wertlotterie zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden inszeniert, deren Los nur 2.— <.% kostet. Und wir bieten wunderbare Gewinne. S.: Was ist denn daran so besonders wunderbar? W.: Sind Bilder von Liebermann und Lesser Urp mit eigenhändiger Widmung nichts Besonderes? Sind sie alltäglich und alltäglich erreichbar? Ist eine Perlenkette im Werte von 18 000.— M nicht ein kostbares Angebinde? Sind Silberkasten für 12 Pers«nen, silbere Kaffeeservice, silberne Platten keine Zierden des jüdischen Heims? Wird man nicht von versönlich signierten Bildern von Steinhardt und Spiro tief ergriffen? Bietet in unserer auf Schnelligkeit eingestellten Zeit ein Automobil keinen Anreiz? S.: (einfallend'! Genna! Ihr Unternehmen ist edel, groß und klug. Ich bealückwünsche Sie zu dem Gedanken und zu Ihrer Tätigkeit für seine Verwirklichung. Darf ich um 10 Lose bitten? W.: Gerne (reicht sie hin). S.: Schön (nimmt einen Hundertmarkschein heraus). Hier. W.:Jch danke Ihnen, mein Herr und wäre froh, wenn ich überall nur stets solchem Verständnis begegnete. S.: Bitte sehr, nicht der Rede wert. Wer nur halbwegs begütert und gewiß, wer, wie ich. reich ist. wer sich des unendlichen Glücks der Gesundheit erfreut, der hat die unbedingte und unabweisbare Pflicht, dieses gewaltige, große Unternehmen zu fördern. W.: Hoffen wir. daß diese Erkenntnis bald die allgemeine sein wird. (Aufstehend) Es war mir ein Vergnügen, mein Herr. S.: Mir noch mehr, auf Wiedersehen. Aus unseren Verbandsgemeinden. Friedberg i. H. Der israelitische Frauenverein veranstaltete am 8. Jan. d. I. ein wohlgelungenes Stiftungsfest. Eingeleitet wurde dasselbe mit einem stimmungsvollen Prologe, der von Frau Lehrer Seelig verfaßt und von Fräulein Elly Schafts wirkungsvoll vorgetragen wurde. Ernste und heitere Darbietungen, zum Teil lokaler Art, verschönten den Abend. Insbesondere fand ein von Schülern flott gespielter Einakter „Tante Lotte" reichen Beifall. Die ganze Gemeinde war vertreten, und wünscht dem Frauenverein ein weiteres Blühen und Gedeihen. Friedberg. Am 19. Januar trafen sich die hiesigen jungen Damen im Restaurant Grünebaum zwecks Gründung einer Vereinigung junger Mädels zur Pflege jüdischer Wissenschaft und 4