Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 2 (2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Gestalten aus der alten Wormser jüd. Gemeinde. - Von S. Rothschild, Worms. X. Rabbiner Abraham Samuel Bacharach. (1605—1615) ^ein Geringerer als R. Jehuda Liwa ben Bezalel, der hohe R. Löw genannt, die berühmteste und bedeutendste rabbinische Persönlichkeit seiner Zeit, war der Ahnherr der Familie Bacharach. Ehawa, die Enkelin R. Löws, war die Gattin von Abraham Samuel Bacharach. Nicht lange währte es und der Ruf des jungen, von Gelehrsamkeit erfüllten und vom Glanze des höchsten Familienadels beschienenen Rabbiners drang hinaus ins Reich. Nachdem er Prediger in Prag und Rabbiner in Jung-Bunzlau in Böhmen gewesen, ward er als Nachfolger hochgefeierter Vorgänger auf den Rabbinatssitz von Worms berufen. Es war eine Ehrenstellung, die da dem jungen Gelehrten übertragen wurde, wie innerhalb der deutschen Judenheit nur wenige zu vergeben waren. Wie die durch Alter und Tradition ehrwürdige Gemeinde ein Vorort für die Juden Deutschlands geworden war, so hatten die Behörden sich gewöhnt, dem Rabbiner von Worms eine Art Primat zuzugestehen. Hervorragende Rabbiner hatten vor seiner Berufung dort gewirkt und ebenso hervorragende Assessoren, von denen nur Mose Lursa, R. Elia b. Mose Blin genannt seien. So jung er war, so brauchte er vor niemand zurückzustehen, wenn es galt, eine rabbinische Entscheidung zu fällen und zu begründen. Gereist und gelehrt, weit über seine Jahre hinaus, konnte er als beste Rechtfertigung der ehrenvollen Wahl, die auf ihn gefallen war, auf die auszeichnenden Berufungen Hinweisen, die er von zahlreichen der angesehensten Gemeinden erhalten hatte. Sein zurückgezogenes Leben war ganz der Heranbildung von Schülern wie der Vertiefung und Erweiterung seines damals schon bewunderungswürdigen Wissens gewidmet. Gefestigt im Charakter wie in den Erfordernissen seines Lehramts brauchte er bei aller Bescheidenheit seines Lebens Eingriffe in seine Sphäre weder zu fürchten noch zu dulden. Als 1609, wahrscheinlich von seiten des Frankfurter Rabbmats, ein Uebergriff erfolgte, der seinen Amstbereich verletzte, trat er mit einer durch keinerlei falsche Bescheidenheit geschwächten Festigkeit für sein Recht und seine Stellung ein, voll berechtigten Selbstgefühles auf die Lehrer weisend, zu deren Füßen er gesessen, auf die Schülerschar, die er herangebildet, wie auf die gelehrten Greise seiner Gemeinde, die seinem Rabbinate Glanz und Autorität verliehen. Er fürchtet die Gefahr der Verleumdung nicht; er weiß, daß kein redlicher Mann in öffentlicher Wirksamkeit es allen zu Liebe machen und ohne Feindschaft bleiben kann. Ter Brief, in dem er seinen Standpunkt wahrt, ist gleich sehr ein Denkmal der Hoheit seiner Gesinnung wie für die Meisterschaft seiner Sprache. Wohl scheint die erste Zeit seiner Wirksamkeit in Worms von Anfechtungen und Kämpfen nicht frei gewesen zu sein, aber die unbeugsame Gradheit seiues Wesens wie die uuwidersprechlicheMeisterschaft in seinem Berufe erzwangen ihm bald die allgemeine Anerkennung, die sonst dem fremden, jungen Manne leicht hätte versagt werden können. Mitten aus seiner friedfertigen und gesegneten Wirksamkeit heraus ritz ihn ein Schicksalsschlag, der seine altehrwürdige Gemeinde zu zertrümmern drahte, ihn selbst aber sein junges Leben gekostet hat. Eine Verfolgung aus der Mitte der Zünfte brach über die Wormser Judenschaft herein, die vor den Greueln, die ihr drohten, flüchtete, ihr Teuerstes, das Gotteshaus und den Friedhof der Wut der Unholde überlassend. Am Karfeitig, den 7. April 1615, ward das Dach der Synagoge abgedeckt und der Friedhof verwüstet, indem man die Grabsteine, ihres Alters nicht achtend, umstürzte. (Siehe S. Rothschild: „Vergangenheit und Gegenwart der jüd. Gemeinde Worms. 6. Auflage. Seite 41.) Der Rabbiner R. Samuel war nach Gernsheim am Rhein geflüchtet. Wohl hatte am 24. April der Churfürst und Pfalzgraf von Heidelberg dem Aufruhr mit bewaffneter Hand ein Ende gemacht, aber die Opfer, welche gefallen waren, konnten nicht ins Leben zurückgerufen werden; eines derselben war R. Samuel. In seinem 40. Lebensjahre starb er auf fremdem Boden und ward am 26. Mai 1615 auf dem hochgelegenen Friedhofe von Alsbach an der Bergstraße zur ewigen Ruhe gebracht. So jung er war, so barg sein Nachlaß doch schon bedeutende literarische Schätze, nicht nur talmudischen Inhalts, sondern auch Untersuchungen über den jüdischen Kalender, die Gestalt der Erde und anderes mehr. Haman. Wir haben in unserer letzten Nummer bereits eine kurze Besprechung des Werkes: Frieda Weißmann, „Biblische Gestalten in der Legende", erschienen 1928 bei I. Kauffmann, Frankfurt a.M„ gebracht. Durch das Entgegenkommen der Autorin wie des Verlages haben wir die Möglichkeit, eine der in diesem Werk enthaltenen Legenden unseren Lesern zugänglich zu machen: Wir wählen im Hinblick auf das herankommende Purim-Fest die Legende „Haman" Diese kurze Legende, die für Jung wie Alt eine fesselnde Lektüre sein wird, gibt zugleich eine Probe von der wertvollen Ligenart des genannten Werkes. Kenntnis des jüdischen Schrifttums, Tiefe des jüdischen Empfindens, Klarheit der Gedanken und Schönheit der Sprache verbinden sich hier in einer seltenen Vollkommenheit. Der kurze Auszug, den diese eine Legende darstellt , kann natürlich kein Ersatz sein für das Gesamtwerk, welches wir unseren Lesern empfehlen. . Sanft wehte der Frühling durch die Gärten von Susa am Tage, da auf königlichen Befehl Haman sterben sollte. Aus der Höhe und aus dem Glanze, darin die Herrschenden ihre Tage verbringen, hinabgestürzt in die Finsternis der Todesnähe, schien ihm die Welt ganz verwandelt. Vergeblich hatte der verstoßene Günstling seine vielen ehemaligen Freunde gesucht. Freunde? — Freunde? — Wo waren die Hände, die immer so bereitwillig sich ihm entgegengestreckt, die Lippen, die ihm demütige und herzliche Worte gesprochen, die Augen, die ihm gelächelt? Wie in einen luftleeren Raum eingeschlossen fühlte er sich — fern von allen seinen früheren Genossen; seine Hände griffen ins Leere, und kein Ton einer warmen Menschenstimme erreichte sein lauschendes Ohr. Allein! Bitter zu begreifen für den, der das Alleinsein nie gekannt. Das Herz schnürte sich ihm zusammen in der ungewohnten Stille, die ihn plötzlich umgab, und ein Suchen stieg in ihm auf, ob denn nirgendwo Wesen seien, die auch jetzt noch zu ihm sich bekannten. Von Manschen, das ahnte er nun, durste er nichts mehr erhoffen. Aber gab es nicht etwas, was er geliebt, was er gehütet hatte und gepflegt ohne die Hoffnung auf irdischen Gewinn? So weit er auch seine Gedanken auf die Wanderschaft schickte, sie kehrten immer wieder unerlöst zu ihm zurück — immer wieder mit derselben Botschaft: „Ausgestoßen — verfemt". Da trieb ihn die Unruhe seiner Seele aus dem Palast hinaus in den Garten, vielleicht, daß im Rauschen der Bäume ihm Tröstung käme. „Ihr Bäume, in deren Schatten ich so oft gewandelt, seid ihr mir Freunde geblieben?" Er horchte nach ihrer Antwort, daß sein Herz stille werden könnte. Aber es war, als ob auch diese Freunde nichts von ihm wissen wollten. Da stand der Weinstock und die Eiche, der Feigenbaum und die Palme; und wie sie verschieden waren an Wuchs und Gestalt, so redete auch jedes seine eigene Sprache. Aber Haman verstand, daß sie alle das gleiche ihm sagen wollten; ob es in ihnen rauschte oder flüsterte, deutlich vernahm er ihr unerbittliches: „Hinweg, Böser!" „Hört mich, hört mich," bat er in seinem Herzen, das bisher zu bitten nicht gelernt hatte, „möge doch einer von euch sich erbarmen und mich mit seinem Schatten decken, wenn ich nun selber leiden muß, was Mordechai nach meinem Willen hat leiden sollen." Aber noch bevor er zu Ende gedacht, wird das Brausen stärker; Zorn weht ihm von allen Seiten entgegen. „An mir kannst du nicht hängen", ruft der Weinstock, „aus meinen Trauben wird der Wein für den Altar gepreßt, wie könnte er rein sein mit solch einer finsteren Erinnerung?" „Behüte Gott, auch an mir nicht", zittert es vom Oelbaume her, „sonst müßte das Licht der Menorah sich trüben." Jedesmal, wenn ein Baum seine Stimme erhebt, lauscht .Haman, und die Hoffnung wird wieder wach in seinem Herzen. Äch, immer nur für eine kleine Weile. Denn was sein Ohr ihn zu hören zwingt, das beugt ihn zu Boden und macht ihn ganz verzagt. Aber dennoch! Es haben noch nicht alle Bäume gesprochen — vielleicht, daß doch einer sich erharmt. Zögernd naht er der Palme. „An mir wolltest du hängen?" rauscht sie in Empörung, „weißt du nicht, daß ich im Feststrauß zn Sukkaus prange? Mein Stamm ist schlank und schön wie die Kinder Israel, was willst du dornenscharfer Bösewicht bei mir?" Und er hastet weiter, steht vor dem Esrogbaum. „Nein, mein", wehrt sich der, „ich kann dich nicht bergen, wie dürfte ich in Festesfreude leuchten, wenn solche Last mich drückte?" In leisem, glücklichem Flüstern schließt die Myrte ihre Blättchen zusammen. „Geh weiter, geh weiter, sieh — ich bin viel zu zart, dich zu tragen; nur zur Freude der Menschen Han ich da, bestimmt, mit meinem Duft sie zu erquicken." 3