Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 2 (2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1925 aber 20401 ergab, so ist damit zwar bewiesen, daß die Gesamtzahl der jüdischen Bewohnerschast Hessens in diesen 15 Jahren um 3662 Seelen gesunken ist; wie weit dieser Rückgang aus geringere Geburtenziffern, auf Abwanderung oder aus die Kriegsverluste zurückzusühren ist, müßte aber erst durch eingehende Untersuchungen geklärt werden. In kurzen Worten darf jedenfalls gesagt werden, daß die Geburtenzahl in diesen 15 Jahren derart zurückgegangen ist, daß sie den Hauptfaktor für den Zahlenrückgang darstellt. Es mag fein, daß die wirtschaftlich schweren Zeiten die Hauptschuld an dieser Erscheinung tragen. Wenn in früheren Jahrzehnten jüdische Familien mit 10 bis 12 Familienangehörigen nicht zu den Seltenheiten gehörten, so finden wir im Jahre 1925 Familien mit 12 Familienangehörigen überhaupt nicht mehr; Familien mit 11 Familienangehörigen gab es noch 3, mit 10 noch 2, mit 9 noch 9, mit 8 noch 22, mit 7 noch 57, mit 6 noch 127, mit 5 noch 339, mit 4 noch 572, mit 3, d. h. mit einem Kind, 878, mit 2 d. h. kinderlose Ehepaare, 827. Diese Zahlen können eine deutliche Sprache reden. Gewiß find ähnliche Erscheinungen auch in nichtjüdischen Kreisen zu verzeichnen; der Ehrgeiz der jüdischen Eltern, ihren Kindern gute geistige und berufliche Ausbildung zuteil werden zu lassen, mag allerdings die Erscheinung in jüdischen Kreisen noch stärker oder zeitlich früher hervortreten lassen. Die Wandlung, die aber hier vor sich gegangen ist, gibt, wenn man nicht unbesorgt um den Bestand der jüdischen Familien und Gemeinden ist, zu denken. Wir wissen wohl, daß vielfach die Auffassung vertreten wird, es sei richtiger, wenig aber für den Lebenskampf gut ausgerüstete Kinder zu haben, als viele'Kinder, die infolge der wirtschaftlichen Notlage im Elternhaus vernachlässigt werden müßten. Und ganz gewiß soll hier einer bedenkenlosen zahlenmäßigen Vermehrung nicht das Wort geredet werden. Aber man sehe sich einmal um, ob in allen Fällen das „einzige Kind" das körperlich, geistig und sittlich gesündere ist. Und die Eltern, die die gewollte Beschränkung der Kinderzahl mit der Rücksicht aus das Lebensfortkommen des Kindes begründen, sollen sich doch einmal ehrlich fragen, ob nicht vielmehr die Rücksicht auf die e i g e n e B e q u e m l i ch k e i t für ihr Verhalten maßgebend ist. Ungestörte Reisen und Vergnügungen jeder Art werden allerdings den Eltern zahlreicher Kinder versagt sein, wenn sie ihrer Pflicht in der Erziehung ihrer Kinder nicht untreu werden wollen. So liegt in vielen Fällen diesem Verhalten der Eltern ein unjüdischer und unreligiöser Egoismus zugrunde, den man in früheren Jahrzehnten als unwürdig weit von sich gewiesen hätte. Aber eine andere Erscheinung, aus die wir in diesem Zusammenhang Hinweisen müssen, geht aus der in der Ianuarnummer unseres „Mitteilungsblattes" veröffentlichten Statistik hervor. Es wird in unserer Zeit fast allenthalben darauf hingewiesen, daß infolge des Ueberwiegens des weiblichen Geschlechts, die Gründung einer Ehe für Mädchen sehr erschwert sei. Tatsächlich stehen auch in Hessen 9748 jüdischen Männern 10653 jüdische Frauen gegenüber. Aber diese Ueberzahl von 905 Frauen verteilt sich in Hessen auf solche Altersstufen, die für eine Eheschließung gar nicht in Frage kommen; denn unter den Ledigen von 15—20 Jahren befinden sich 820 männlichen und 788 weiblichen Geschlechts; unter den Ledigen von 20—25 Jahren befinden sich 763 männlichen und 665 weiblichen Geschlechts; unter den Ledigen von 25 bis 30 Jahren befinden sich 531 männlichen und 359 weiblichen Geschlechts. Wenn dann zwar in der Altersstufe von 30 bis 40 Jahren den 377 männlichen 389 weibliche Juden gegenüberstehen, so ist doch für diese heiratsfähigen Altersstufen ein wesentliches zahlenmäßiges Ueberwiegen des 2 männlichen Geschlechts erwiesen. Man müßte also nach diesen Zahlenbelegen annehmen, daß es in Hessen sür jüdische Mädchen leicht sein sollte, einen jüdischen Lcbenskameraden zu finden. Dies ist aber nicht der Fall und die Zahl der jüdischen Eheschließungen geht dauernd zurück. Woran liegt das? Der jüdische junge Mann von heute macht sich, wenn er an die Begründung seines eigenen Heimes denkt, von diesem ein Bild, welches zumeist seiner eigenen Lebenslage gar nicht entspricht. Er möchte, was die Gestaltung seines Heimes, die Zahl der Zimmer und deren Ausstattung betrifft, über seine Kräfte hinausgehen und gleichsam die Sicherung aller Eventualitäten schon bei Beginn in Händen halten, während man früher eben mit einem bescheidenen Anfang begann und im Lause des Lebens, und wie es nottat und möglich war, das Zelt weiterspannte. Durch diese übertriebenen Lebensansprüche werden nicht nur viele junge Männer veranlaßt, irgendwo einheiraten zu wollen, wodurch sie doch in unwürdiger Weise gestehen, daß sie sich ihre Lebensexistenz nicht aus eigenen Kräften aufbauen können; viele junge Männer schrecken auch vor dem Schließen einer Ehe zurück, weil sie fürchten, die Mittel für eine solch anspruchsvolle Haushaltung nicht aufbringen zu können. Der oft gehörte und in dieser Verallgemeinerung unberechtigte Vorwurf gegen die jüdische Frau, daß sie im Haus und im Leben zu großen Aufwand treibe, trifft die Frau nur zum Teil; einen ebenso großen Anteil an der Schuld trägt der Mann, weil er auch seinerseits überspannte Vorstellungen vom Heim in sich trägt. Wenn diese bedächtigen jungen Männer, welche aus feiner Berechnung heraus die Ehe meiden, vorgeben, ihr Leben vernunftgemäß aufzubauen, so ist dies vielfach Täuschung, zumindest Selbsttäuschung. Denn in zahlreichen Fällen gehen diese jungen Herren mit jungen Mädchen Beziehungen ein, die nicht nur Aufwendungen erfordern, durch die man auch einen bescheidenen Familienhaushall führen könnte, sie begeben sich häufig auch auf einen Lebensweg, der mit einem tändelnden Spiel begann und m schmerzlicher Wirklichkeit endet. Daß mancher dieser Herren schließlich, mehr oder minder unter dem Zwang des Unabänderlichen gebunden, seinen moralischen Sinn dadurch zu bekunden sucht, daß er sein Verhältnis schließlich heiratet, kann diese ganze Lebenseinstellung, die sich heute in allen Schichten und Kreisen öffentlich zu zeigen wagt, durchaus nicht als einwandfrei gelten lassen. Wir sind ja heute schon so weit gekommen, daß Eltern zu einem solchen Leben ihres Sohnes nicht nur schweigen, sondern daß sie es durch leichtfertige Witzeleien und durch ihre ganze Einstellung öffentlich dujden und fördern. Wenn sich diese Versallerscheinung auch, wie gesagt, in allen Kreisen zeigt, so darf dies kein Entschuldigungsgrund für jüdische Kreise sein und bei aller Anerkennung des Rechts auf persönliche Selbstbestimmung kann man nicht mit achselzuckender Gleichgültigkeit über Entartungen hinweggehen, die den Halt des einzelnen ebenso gefährden, wie den Bestand der Gesamtheit. Mit schwächlichen Anklagen dem Zeitgeist gegenüber ist hier nichts getan: Nicht die Zeit ist schuldig, sondern die Menschen selber, die den Sinn dafür verloren zu haben scheinen, daß es auch Werte gibt, die nicht nur an die Willkür und die Lust des Augenblicks gebunden find. Zwar haben wirIudenzu allen Zeiten glücklicherweise Z a h - l e n und Massen nicht über uns Gewalt gewinnen lassen, sondern wesentlicher und bestimmend war in unserer Mitte immer der Geist; hier aber sprechen Zahlen eine Sprache, die wir uns einmal bis ins Innerste dringen und zu einem Wandel mahnen lassen müssen.