Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 12 (12.1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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seit über 80 Jahren int Besitze Hon Privaten sein. Aus den übrigen Grundstücken hat man anscheinend die Denkmäler entfernt. Da das Grundbuch im Jahre 1856 legalisiert wurde, konnte eine Aenderung im Verwaltungswege nicht herbeigeführt werden. Auch Bemühungen, auf g ü t l i ch e m Wege etwas zu erreichen, waren bisher vergeblich. Das Gesetz über d e n D e n k m a l s ch u tz verhindert wenigstens die Entfernung der noch erhaltenen Denkmäler, die allerdings in absehbarer Zeit immer tiefer in den Boden sinken. Allein die b e t r. G r u n dstücke sittd und bleiben Eigentum der jetzige tt Inhaber, falls man dieselben nicht unter schweren finanziellen Opfern ankaufen sollte, wozu wohl wenig Aussicht vorhanden ist. Die neue, im Jahre 1 9 08 ihrer Bestimmung übergebene israelitische Abteilung des neue n Friedhofes am Rodberg liegt im nordöstlichen Teile des jetzt eröffneten Geländes. Es sind hier 1049 Grabstätten vorgesehen, und zwar 78 Erbbegräbnisse an der Mauer, 16 Einfassungsgräber daselbst, 60 Gräber für Erbbegräbnisse, 585 Reihcngräber für Erwachsene, 39 Gräber für Kinder von 3 bis 10 Jahren, 271 Gräber für Kinder bis zu 3 Jahren. Das für die Juden bestimmte Fried h-ofsgebäude wurde im September 1907 fertiggestellt. Ter Neubau ist in spätromanischen Formen nach dem Entwürfe und unter Leitung des Stadtbauamtes ausgeführt. Für das am südlichen Giebel vorgebaute Portal, für Tür- und Fensterumrahmungen, Gesimse und Giebelabdeckungen ist roter Mamsandstein verwendet, für die Trittstufen Odcnwälder Granit. Die äußeren Mauerflächen find in Basaltlava hergestellt. Die hebräische Inschrift über dem Hauptpartal ist dem Buche Hiob, Kap. 1,21 entnommen und lautet in deutscher Uebersetzung: „Ter Ewige hat's gegeben, der Ewige hat's genommen, der Name des Ewigen sei gepriesen!" Ter' südliche Teil des Baues, der die Trauerversammlungshalle mit einer Bodenfläche von 70 Quadratmetern enthält, ist durch eitte überwölbte Vorhalle mit dem nördlichen Anbau verbunden. In diesem befinden sich drei Leichenzellen, an welche sich zwei Räume für die Leichenwache und die übrigen erforderlichen Nebenräume anschließen. Die Baukosten, die vollständig aus städtischen Mitteln bestritten wurden, betrugen 35 000 Jl für den Bau uitd die innere Einrichtung, außerdem 2500 Jl für die Anpflanzung der Umgebung, die Anlage eines Brunnens und die Herrichtung der Wege. Plan und Ausführung des Geländes zeugen von feinem Geschmack und rechtem Verständnis für die Forderungen, die an diesen Qrt gestellt werden. Die jüdische Gemeinde hat allen Grund, der Stadtverwaltung Dank zu zollen für die bereitwillige Erfüllung aller Wünsche, soweit sie religiösen Bedürfnissen entsprangen. Mit diesem Tanke verbindet sich der gegen das Stadtbauamt, das sich mit einem reichen Maße von Liebe seiner Aufgabe entledigte. Gestalten aus der alten Wormser jüd. Gemeinde. Von S. Rothschild, Worms. VIII. Professor Friedrich Gernsheim. Wer mit der Musikliteratur einigermaßen vertraut ist, der weiß, daß Friedrich Gernsheim zu den hervorragendsten Musikertt der Gegenwart zählte, und zwar nicht nur als bedeutender Pianist, sondern auch als ebenso bedeutender Dirigent und Komponist. Als Sohn eines Arztes am 17. Juli 1839 in Wornts geboren, führten ihn seine Eltern bei hervorragender Begabung dem musikalischen Berufe zu, und nachdem er den Anfangsunterricht in seiner Vaterstadt genossen, kam der kaum neunjährige Knabe nach Frankfurt und von da später nach Leipzig und Paris, wo er mit den berühmtesten Zeitgenossen in Verkehr trat. Seine erste selbständige Stellung war in Saarbrücken; in Köln der- Adam Hatzmann jr.,«.™.»».«. MOsleinstrafle 2 MdlHZ Fernruf 805 Kohlen :: Koks s: Holz :: Briketts Spezialität: Erstklassige Anthrazitkohlen (Marke * Lan enbrahm) Pa. Zechenkoks a best. Ruhrzechen Reelle Bedienung Billigste Preise Vertretung: Frau Dr. Leopold Mayer, KaiserstraOe 62, Fernruf 967 lebte er Jahre reichen Schaffens und als er 1874 als Kapellmeister nach Rotterdam berufen wurde, fühlte er sich hier, nachdem er schott auf dem Gebiete der Kammermusik-, Klavieruitd Chorkompositionen Bedeutendes geleistet, zu seinen großen O r ch e st e rwerken angeregt: zu zwei Symphonien, denen die Mirjam - Symphonie folgte. Trotz hoher Befriedigung, die ihm die trefflichen Musikverhältnisse in Rotterdam gewährten, war doch setn Herz dem deutschen Vaterlande zugewandt. Und so folgte er 1890 gerne dem Rufe nach Berlin, und zwar als Dirigent des Sternschen Gesangvereins. Bald wurde er m die Oberste Kunstbehörde, die K ö n i g I i ch e A k a d e m i e der K ü n st e als Mitglied berufen, wurde Vizepräsident und Leiter der akademtschen Meisterschule für musikalische Kompositionen. Nachdem Gernsheint überall als einer der bedeutendsten Meister auf musikalischem Gebiete gefeiert wurde, konnte man bei vielen Wormsern den Wunsch begreiflich finden, ihn auch einmal hier am Tirtgentenpulte zu sehen. Und das war anläßlich des ersten Pfälzisch-Hessischen Musikfestes am 2. und 3. Juli 1893 der Fall. Prof. Gernsheim hatte Fretherrn Hehl zu Herrnsheim veranlaßt, dieses Fest in Worms stattfinden zu lassen. Unter anderen größeren Werken, die in Anwesenheit des Grotzherzogs von Hessen zur Auffahrung kamen, dirigierte Gernsheim sein „P r e i s l i e d". Sänger und Sängerinnen konnten den Augenblick nicht erwarten, bis der Komponist in einer Probe erschien, bei der niemand fehlte. Alles schaute bei seinem Eintreten nach dem Manne, dessen Namen ut allen musikalischen Kreisen so ehrfurchtsvoll genannt wurde. Aber bei den meisten konnte man eine gewisse Enttäuschung in den Mienen lesen, als der kleine Mann mit seinem stark ausgeprägten orientalischen Typ eintrat. Bald aber änderte sich die Situation, als er, den Dirigentenstab in der Hand, einem General glich, der mit Energie und Selbstbewutztsein sein Heer leitete. Am Konzerttage wurden ihm viele wohlverdiente Huldigungen cntgegengebracht. Wiederum trat Gernsheim in Worms an das Tirigentenpult. Es war im Jahre 1912, anläßlich der 100jährigen Jubiläumsfeier der Musikgesellschaft und Liedertafel. Gernsheim dirigierte am zweiten Festtage sein Werk „Zu einem D r a m a", Tondichtung für großes Orchester, eine prächtige Komposition, in der, man könnte fast sagen, die Motive seines eigenen Lebens anklingen. Am Abend vorher fand nach Aufführung der „Missa folemnis" von Beethoven ein Festessen in „Heyls Hof" statt, zu dem die Künstler, die Spitzen der Staats-, Militär- und städtischen Behörden, die Kapellmeister hervorragender Theater Einladung erhalten hatten. Auch ich war als Vorstandsmitglied des festgebenden Vereins und als Verfasser der Festschrift eingeladen. Als Gernsheim mich erblickte, begrüßte er mich sofort und nach längerer Unterhaltung bat er mich, ihn am anderen Tage in die Syitagoge und auf den Friedhof zu begleiten, da er diese beiden ehrwürdigen Stätten seiner Tochter zeigen möchte. Selbstverständlich war ich zu diesem Führerdienst gerne bereit. In der Synagoge zeigte Gernsheint seiner Tochter den Platz, wo einst sein Vater gestanden, wo er als Barmizwoh aufgerufen wurde, und man merkte es ihm an, daß jugendliche Bilder an seiner Seele vorüberzogen. Der Weg zum Friedhofe führte an seinem elterlichen Hause vorbei. „Hier", sagte er seiner Tochter und mir (ein Haus am Mainzer Tor, in unmittelbarer Nähe der Judengasse), „hier haben meine Eltern gewohnt. Früher stand hier, wie mein Großvater erzählte, ein kleines, einstöckiges Gebäude, das eine Tafel mit der Aufschrift „Judengefängnis" trug. Dort wurden die Juden, die sich dem damaligen Judenzoll zu entziehen versuchten, gefangen gehalten. Als im Jahre 1793 die französische Armee auf ihrem Siegeszuge durch die Rheinlande das alte Worms besetzte, wurden die sogcttannten Menschenrechte „Iss ckroits cks 1'üomino" angeschlagen und öffentlich verkündet. Nach diesen Rechten gab es weder Christen, noch Juden, sondern nur Bürger, die nach der Devise „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" eine einzige Gemeinde bildeten. Kaum waren diese Menschenrechte proklamiert, als mein Großvater auf einer Leiter zur Tafel mit der Inschrift „Judengesängnis" hinaufstieg und sie mit einem Beil zertrümmerte." Der Besuch auf dem Friedhofe war dem Grabe seines Vaters gewidmet, da seine Mutter in Rotterdam begraben liegt. Der Aufenthalt konnte hier nur kurz sein, da das Konzert bald leinen Anfang nahm. Es galt wohl dem Komponisten und Dirigenten, IR Hamburg-Amerika Linie fi^C Ueberseereisen (Streng rituelle Küche unter Rabbinatsaufsicht.) Vertretung in Mainz : Reisebüro J. F. Hillebrand, G.m.b H., Reiche Klarastrasse 10 und im Kaufhaus Tietz sowie an allen in- und ausländischen Plätzen. 4