Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 12 (12.1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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und es wirkte berauschend auf alle, die mit ihm in Berührung kamen. Aber dieses glänzende Leben hatte auch seine Kehrseite, und diese Kehrseite wirkte womöglich noch verführerischer als all die Pracht und Bildung und der feine höfische Ton. Das war die lockere griechische Lebensanschauung, die in der verderblichen Lehre gipfelte: das h ö ch st e Glück des Menschen i st der Genu ß. Ja, der Genuß überall, das war das Streben jener gebildeten Griechen und der jüdischen Grwchlingc jener Zeit, der Genuß ohne Maß, ohne Ziel und Schranken, an dem auch die griechische Welt zugrunde ging. Hinter der Maske der Bildung barg sich die lächelnde Miene des Spottes für alles, was dem Menschen heilig und unantastbar sein soll. Unheilvoll wirkte die Genußlehre auf alle, die sie in ihren Bann zog, unheilvoll schon deshalb, weil sie die Freude an der Arbeit, am segenbringenden Schaffen und Wirken nicht aufkommen läßt. Und nun müssen wir uns den Augenblick denken, da zum ersten Male dieses feine, gebildete, kenntnisreiche und dabei schamlos genußsüchtige Griechentum gegenübertrat dem ernsten, schlichten, sittenstrengen und sittenreinen Judentum. Wir müssen diesem lockeren, griechischen Wesen das Judentum gegenüberstellen mit seiner Lehre: Das höchste Glück des Menschen b e st e h t in der Erfüllung ferner Pflichten, in der Betätigung des Guten und Edlen. Welch ein Gegensatz! O wie vielen Israeliten wurde die glänzende Außenseite der fremden Kultur zum Fallstrick; wie viele gaben sich willenlos dem Reize hin, den die neue Bildung und auch oft Scheinbildung auf sie ausübte. Wie viele glaubten den Gipfel der Bildung erreicht zu haben, wenn sie den Griechen im Aeußeren nachäfften und über Sport und Theater sich unterhalten konnten, ohne den ernsten Geist des wahrhaft gebildeten Griechen rn sich ausgenommen zu haben, unter Preisgabe der hohen beseeligenden Güter des Väterglaubens. Jene jüdischen Griechlinge (Hellenisten) wußten rrichts davon, daß die wahrhaft klassische Größe des alten Griechentums, die sich in spartanischer Einfachheit und atheirischer gründlicher Wissenschaft, Bescheidenheit und Ehrfurcht vor dem Alter kundgab, den Höhepunkt schon überschritten hatte. Gewiß wollen wir nicht bedauern, daß damals unsere Väter sich auch mit griechischer Wissenschaft vertraut machten, aber leider drang daneben die griechische Sittenlosigkeit verheerend m bie Reihen der Bekenner des Judentums. Ta gab es vor allem unter den Vornehmen und Reichgewordcnen Lügner, Schineichler und Heuchler, die sich durch Nachäffung des äußeren griechischen Wesens die Gunst der Machthaber zu erwerben suchten. Selbst bis in die Reihen der Hohepriester war dieser verderbliche Einfluß gedrungen, sie buhlten um die Gunst des heidnischen Tyrannen und erschlichen sich die höchste Ehrenstellnng durch feigen Verrat ihrer Vätersitten. Gerade in dieser Zeit, wo der innere K a m p f zwischen Judentum und griechischer Lebensanschauung, zwischen Pflichtgefühl und Genußsucht bereits heftig tobte, brach der äußere Kamps los, begann der Syrerkönig die jüdische Religion zu verfolgen und versuchte die Anerkennung des heidnischen Glaubens zu erzwiiigen. Und in eben dieser Zeit, da die Gefahr voii innen uiid außeii drohte, da viele Juden mit dem Griechentum liebäugelten, und zugleich die Heiden das Judentum zu unterdrücken trachteten, traten die Makkabäer auf und befreiten die Religioii aus der doppelten Gefahr, in der sie geschwebt hatte. Das Laiid wurde wieder frei vor: dem Druck des syrischen Gewalthabers, aber die Juden schlossen sich nunmehr auch enger zusammen und ließen die Lockungen des Griechentums nicht mehr an sich heraiitreteii. Uiid so blieb die jüdische Lehre erhalten, die Lehre, daß der Mensch fein Glück zu suchen habe in der Erfüllung seiner Pflichten; sie blieb erhalten bis aus uiisere Tage. Diese Lehre hält uiis zusainmcn zu eriister Arbeit, zu nachhaltigem Schaffen uiid würdevoller Freude, die Lebcnsrichtung auf das Gute und Edle. Diese zweite, nicht minder wichtige uiid hoffentlich unvergängliche Frucht der Makkabäerkämpfe ist aber die: jene Kämpfe haben Juda stark gemacht für alle Zeiten gegen Verhetzung und Unterdrückung wie gegen Lockung und Verführung. Juda, der Makkabäer, hatte gezeigt, wie auch eine kleine Schar, wenn sie iiur einig uiid geschlossen zusammenhält, ihren Glauben zu verteidigen imstande ist. Die späteren Geschlechter sind seinem erhabenen Beispiele treu geblieben und haben tapfer ausgeharrt, was immer an Leid und Elend über sie hereinbrach. In der wechsclvollcn Geschichte um die Erhaltung ihrer staatlichen Selbständigkeit hielten sie standhaft fest an ihrem Glauben, trotz Not und Tod, trotz Drohung und Gefahr. Und doch waren diese Gefahren und Leiden nur ein Vorspiel gegen die Kette von blutigen und grausamen Verfolgungen, die sie nach ihrer Zerstreuung unter die Völker um ihrer heiligen Lehre willen erdulden mußten. Um ihrer Lehre willen sind sie aus ganzen Ländern verjagt worden, in denen sie viele Jahrhunderte in Glück und Wohlstand gelebt hatten; um ihrer Lehre willen haben sie die Scheiterhaufen bestiegen und ihre Seele ausgehaucht mit den Worten: Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziges, ewiges Wesen. Um ihres Glaubens willen verdammte man sie zu völliger Rechtslosigkeit, schloß sie ab von der Gemeinschaft der Menschen und wollte sie in der Abgeschlossenheit verkommen lassen. Aber, was auch Unduldsamkeit und Fanatismus an Israel sündigte, Israel harrte aus im Glauben und im Hoffen; Makkabäergeist war in seinen Bekennern allzeit lebendig, und machtlos zerschellten an diesem Makkabäermut die Wogen des Hasses seiner Gegner und Verfolger. So hat sich Israel erhalten bis auf den heutigen Tag; die Stürme früherer Jahrhunderte sind über den alten Stamm dahingebraust; sie haben wohl manches Blatt verweht, manchen dürren Ast geknickt, aber der Stamm selber blieb stark und fest, und er blüht auch heute aufs neue. Das jüdische Selbstbewußtsein ist wieder erwacht und erstarkt und hat auch in der jüdischen Jugend kräftig Wurzel geschlagen. Tie jüdische Jugend ist die Wurzel am alten Stamm, sie ist berufen, dem Stamm immer wieder neue Kraft zuzuführen. Auf der jüdischen Jugend ruht unsere Hoffnung und Zuversicht. Mögen die Lichtlein der Menorah einen Hellen Widerschein in den Herzen der für alles Edle und Gute und für hohe Ideale begeisterten Jugend erwecken. Es ist das schöne Vorrecht der Jugend, daß sie, verschont von den Enttäuschungen, die das spätere Leben mit sich bringt, gleich den Lichtlein in selbstloser Weise Freude und Glanz um sich zu verbreiten sucht. Mögen sie Leben und Licht zu verbreiten suchen, wofür ihre Väter gelitten und geduldet haben. Ter Schein der kleinen Lichtlein dringe durch die Jahrtausende und ergieff^e seine Flammenpracht über unzählige Geschlechter und verbinde uns mit den früheren. Seine Zauberhelle ströme hin über Länder und Meere, und die Kraft seines Leuchtens besiege jedes Dunkel. Denn es ist nichts anderes dieses Ehanukkahlichtlein als das Gotteslicht selber, das in Israels Geschichte strahlt. Es ist nichts anderes als die ewige junge Tageshelle unserer Religion. Das Ehanukkahlichtlein ist nichts anderes als der Trost und die unerschütterliche, felsenfeste, unausrottbare Gewißheit Israels: Ter Herr ist mein Licht! Das Begräbniswsfen der Juden Gießens in Vergangenheit und Gegenwart. Von Josef Marx, Gießen. (Schluß.) Es ist unbegreiflich, daß man bei den Erörterungen über die Anlage eines Friedhofes für die Gießener Gemeinde den zu Großenlinden vollständig vergessen zu haben schien. Wäre es sonst möglich gewesen, daß man mit einem wahren Vandalismus die Grabdenkmäler beschädigte und zum Teil niederriß, ohne daß sich eine Hand dagegen rührte? Noch einmal, im Jahre 1 838, erklärte der beauftragte Vorstand des Friedhofes zu Großenlinden den Vorständen der israelitischen Religionsgemeinde Gießen, daß er die zur Sicherheit der Gräber erforderliche Umzäunung nicht allein anfertigen lassen könne, da es mit einem kleinen Aufwand nicht getan sei. Der Vorstand bat alsdann um einen speziellen Kostenüberschlag. Im übrigen blieb alles, wie es nun schon fünf Jahre bestand. Dabei kamen die Gießener Gemeinoemitglieder, deren Angehörige dort begraben waren, zweifellos alljährlich zum Besuche der Grabstätten nach Großenlinden und konnten aus eigener Kenntnis die immer fortschreitende Verwilderung des Friedhofes konstatieren. Allein nichts geschah dagegen. Man hatte ja jetzt in Gießen einen eigenen Friedhof und bekümmerte sich nicht mehr um den zu Großenlinden, der mit der Zeit von den Bauern benutzt wurde, als wäre er ihr volles Eigentum. Da niemand Klage erhob, nahmen sich einige kurzer Hand das Recht, ein Stück nach dem anderen niit eiiier Hecke zu verseheii uiid als ihr Eigentum zu reklamiere n. Auf den Nachbargrundstückcn des jetzigen jüd. Friedhofes zu Großenliiiden, die zur Zeit Eigentum verschiedener Ortseinwohner sind, befindet sich eine große A n - zahl jüdischer G r a b st e i n e , ein Beweis, daß auch diese G r u n d st ü ck e u r s p r ü n g l i ch zu dem gleichen B e - gräbnisplatz gehörten. Nach dem Religionsgesetze ist die Veräußerung eines Friedhofes, sowie die Beiiutzung eines solchen zu landwirtschaftlichen Zwecken strengstens verboten und ein V e rk a u f auch nur e i n z e l ii e r T e i I c undenkba r. Die früheren Inhaber der betr. Friedhofsgrundstücke konnten also unmöglich einen Erwerbstitel darüber hesitzen, vielmehr muß s. Zt. eine w i d e r r e ckst l i ch e Aneignung derselben srattgefunden haben. Eine Anzahl von Parzellen mit Grabsteinen soll 3 'mm**