Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 11 (11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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faugs- oder Endsituation jeder Erscheinung, so ist die ursprüngliche, wesenhafte Kraft nicht mehr vorhanden, d. h. Ausdruck und Wesen haben sich von einander losgelöst. Wenn diese Stufe nun im Werden einer Religion, z. B. der jüdischen, erreicht ist, so ist damit die eigentliche Krise ihres seitherigen, unveränderten Bestandes gegeben. Die Kraft, die dieses Auseinanderstreben aufheben, rückgängig machen will, ist der Liberalismus, dessen wahrer, letzthin konservativer Charakter hiermit deutlich erscheint. Daß der Liberalismus aus dem einmaligen Wesensgehalt des Judentums heraus „neue" lebendige Formen schaffen will und hoffentlich auch wird, ist ein Suchen, das bei organischem, die letzte Konsequenz ziehenden Vorgehen zum Ausgangspunkt zurückkommen muß, wenn überhaupt von vornherein eine letzte Einheit von Form und Inhalt wirklich bestand. Die Tragik jedes Liberalismus besteht also darin, daß er die Form, die er neu sucht und schaffen will, de facto schon besitzt und sie bei konsequentem Weiter- und Durchdringen wiederum erhalten wird und muß, denn jedes Wesen hat, um es noch einmal zu betonen, nur eine, und zwar eine Ausdrucksmöglichkeit und -form. Auf der Tagung in Frankfurt konnte man diese Tragik außer- . ordentlich stark herausspüren. Mit einer erschütternden Intensität wurde die Forderung auf Neugestaltung des Gottesdienstes und der Gebete erhoben. Hier sprach aus der glühenden, einheitsuchenden Religiosität, mit der von bekannten Rabbinern und sonstigen Führern der deutschen, liberalen Juden gekämpft und gerungen wurde, das Judentum, die unverhaltene Kraft des U rjudentums. Vor diesem Erfassen der unabweisbaren Aufgabe zerfetzte jeder laxe Bequemlichkeitsliberalismus augenblicklich in nichts. Möge man den bestimmten Weg stark zu Ende gehen! Wenn aus dem stetigen, unmittelbaren Bewußtsein des Wesens jeder j ü d i s ch e n Religiosität „Neues" geschaffen wird, ersteht wiederum dieselbe Einheit, die selbst das Leben, — Gott ist und in der das Judentum ursprünglich stand und stehen muß, wenn es seine religiöse Mission erfüllen will. Aus unseren Verbandsgemeinden. Alzev. Am Donnerstag, den 27. Oktober, fand eine Mitgliederversammlung des Zentralvereins statt. Herr Lehrer Stern, Alzev, wurde einstimmig zum ersten Vorsitzenden der Ortsgruppe gewählt. Ein Bericht des Syndikus für Rheinhessen und Starkenburg, Herrn Erwin Baer, Frankfurt a. M. folgte, der insbesondere interessante Ausführungen über die Lage brachte und aufforderte, anläßlich der kommenden Landtagswahlcn bis zum letzten Mann seine Pflicht zu leisten, damit die antisemitisch eingestellten Parteien keinerlei Erfolge erzielten und Hessen zum Schauplatz einer Verhetzung der Konfessionen werden läßt. Bensheim. Am Samstag abend, den 22. Oktober d. I., fand in der hiesigen Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine Versammlung statt. Herr Syndikus Erwin Baer, Frankfurt a. M. gab interefsanten Aufschluß über die Gedankengänge der Nationalsozialisten. Frau Ella Haas, Frankfurt a. M., berichtete in lebhafter und fesselnder Weise über ihre Erfahrungen aus dem Wahlkampf. Hillesheim lRheinhessen). Unsere Gemeinde hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Am 16. Oktober wurde Herr B e r n - hard Hirsch im Alter von 71 Jahren unter außergewöhnlich großer Beteiligung zur ewigen Ruhe beigesetzt. Mit ihm ging eine aewissenhafte. charaktervolle, achtunggebietende Persönlichkeit von hinnen, mit ihm verlieren wir aber auch unseren religiösen Führer, dem man um so williger folgte, als seine Religiosität in allen Lagen des Lebens sich gleichblieb und sein Tun und Lassen mit ihr stets in Einklang stand. — In Gemeinschaft mit seinem ihm im Tode vorausgegangenen Bruder begründete er hier in jungen Jghren ein Fruchtgeschäft. Wie dies im Laufe, vieler Jahrzehnte geführt wurde, davon legte seine Beerdigung Zeugnis ab; es fehlte wohl keiner seiner Geschäftsfreunde von hier und den Dörfern der Umgegend. — Einen eigenen Hausstand zu gründen, war ihm nicht vergönnt, aber seine Herzensgüte und Menschenliebe fanden doch reiche Betätigung. Verwaisten Kindern seiner Familie wurde er ein guter, aufopferungsfähiger Vater, seine Verwandten, seine Mitmenschen überhaupt, fanden in ihm den Freund, der mit Rat und Tat ihnen stets zur Seite war. Den Armen und in Not Geratenen wurde er ein Wohltäter im Stillen. — Am Grabe entwarf Herr Rabbiner Dr. L e v i aus Mainz in erhabenen Worten ein Lebensbild des Heimgegangenen, wie es treffender nicht gezeichnet werden konnte. Hierauf schilderte Herr Max Gabriel, der Vorsteher unserer Gemeinde, in trefflicher Weise die Verdienste des Heimgegangenen um die Gestaltung des Gemeindelebens und legte im Namen der Gemeinde das Gelöbnis ab, dem edlen Vorbilde nacheifern zu wollen. — Am Sonntag, 23. Oktober, veranstaltete 8 die Gemeinde dann noch in der Synagoge eine würdige Gedenkfeier. fi-ÄJri Mainz. Die rückständigen Kultussteuern werden hiermit zur Zahlung angemahnt. Die Entrichtung hat innerhalb acht Tagen zu geschehen. Mainz. Es ist zu begrüßen, daß eine Reihe hiesiger jüdischer Vereine sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zwecks Abhaltung von gemeinsamen Vorträgen zusammengeschlossen hat. Dadurch werden einerseits Kräftezersplitterung und gleichzeitiges Zusammenfallen von verschiedenen Veranstaltungen vermieden, andererseits das Heranziehen erstklassiger Redner erleichtert und hoffentlich auch der Besuch der Vorträge im ganzen gehoben. In diesem Winter soll mit einer Vortragsreihe des Herrn Dr. Ernst Simon, Frankfurt über „Jüdische Geschichte des letzten Jahrhunderts" begonnen werden. Näheres darüber geben die beteiligten Vereine bekannt. Der Redner ist durch frühere ausgezeichnete Vorträge hier kein Unbekannter mehr. Dem großzügigen Versuch ist guter Erfolg. zu wünschen, damit auch in Zukunft auf gemeinsamer Basis weiter gearbeitet werden kann. Oppenheim. Am Sonntag, 30. Oktober 1927, fand eine Versammlung des Zentralvereins statt, in welcher nach einem eingehenden Referat des Syndikus, Herrn Erwin Baer, Frankfurt am Main, eine lebhafte Aussprache über die rheinhessischen Verhältnisse stattfand. Man war sich darüber einig, daß anläßlich der bevorstehenden Landtagswahlen sich niemand seiner Wahlpflicht entziehen darf, und daß den völkischen Gedankengängen die Ideen des Rechts und der Gerechtigkeit entgegengehalten werden müssen. Verbände und Vereine. Von der Zcutralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden werden wir darauf aufmerksam aemacht, daß von dem Preuß. Ministerium für Volkswoblfabrt Nachschulungslehrgänge zur Vorbereitung von männlichen Wohlfahrtspflegern (Fürsorgern. Sozialbeamten) auf die staatliche Prüfung aenebmigt sind. Die Nachschulungslehrgänge sollen lediglich der Nachschnlung von Praktikern dienen. Es werden deshalb nur solche Bewerber zugelassen, die mindestens 3 Jahre auf einem Gebiet: A) der Jugendwohlfahrtspslcge, oder N) der Wirtschafts- und Berufsfürsorge, oder O) der Allgemeinen Wohlfahrtspflege, hauptberuflich tätig gewesen sind. Für dwienigen, die erst Wohlfahrtsvfleaer werden wollen, kommt lediglich die Teilnahme an den ordentlichen zweiiähriaen Lehrgängen in Frage. Genehmigt sind für die Nachschulung bis jetzt Kurse an den folgenden Schulen: 1. Wohlfahrtsschnle des Sozialpolitischen Seminars der Deutschen Hochschule für Politik. Berlin W 56, Schinkelplatz 6. Vom 1. November 1927 bis 1. März 1928. 2. Wohlfahrtsschule des Sozialpolitischen Seminars der Deutschen Hochschule für Politik. Berlin W 56. Schinkelplatz 6. Vom 15. November 1927 bis 15. März 1928. Der Kursus wird in Waldenburg in Schlesien abgehalten werden. 3. Westfälische Woblfahrtsschule, Bochum. Vom 1. Dezember 1927 bis 1. März 1928. 4. Wohlfahrtsschule für Schleswia-Holstein in Kiel, Flethörn 25. Vom 4. Januar 1928 bis 31. März 1928. 5. Woblkabrtsschule für Hessen-Nassau und Hessen in Frankfurt am Main, Seilerstraße 32. Die Termine werden noch bekannt geaeben. 6. Niederrheinische Verwaltnngsakademie in Düsseldorf, aemeinsam mit dem Verein für Säualingsfürsorge und Wohlfahrtspflege im Regierungsbezirk. Eröffnung am 1. November 1927. Dauer 4 Monate. 7. Wohlfahrtsschnle der Stadt Köln in Köln, Rheinstr. 3. Eröffnung im Oktober 1927. Die Zentralwohlfahrtsstelle teilt ferner mit, daß unter den Ausbildungsstätten für Wohlfahr^Zvflegerinnen für das Hanvtfach „Gesundheitsfürwrae" das „Indische Sänalinasheim" Berlin- Niederschönhausen. Moltkestraße 8 9. die staatliche Anerkennung erhalten hat. Schließlich wird bei dieser Veranlassung noch darauf hingewiesen, daß das Mütter- und Säuglingsheim des Frauenvereins der Berliner Logen N.O.B.B., Berlin N., Brunnenstraße 41, die staatliche Anerkennung zur Ausbildung jüdischer Säuglings¬ und Kleinkindervflegerinnen besitzt. Nähere Auskunft erteilt die Geschäftsstelle der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin 0 2, Roienstr. 2—4. Der Israelitische Hilfsverein, Frankfurt a. M., Langestraße 30, teilt uns folgendes mit: „Rentenansprüche" stellende Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene Polen in Hessen und Hessen-Nassau und der Pfalz werden