Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 11 (11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9582242-9623183-9620352--0186-9620359- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
zu lernen, um die Propheten und Psalmen im Original zu studieren. Das Judentum im allgemeiuen wird viel dabei gewinuen. Es ist nicht das erste Mal, daß die hebräische Sprache eine Wendung im Geistesleben der Juden brachte. Die verschiedenen Epochen zu besprechen, wurde hier zu weit führen. Wir wollen deshalb nur das erwähnen, was in der letzten Generationdie hebräische Sprache der jüdischen Welt gebracht hat. „ Bis Mitte des vorigen Jahrhunderts war die geistige Beschäftigung von Millionen östlicher Juden nur eine einseitige; Talmudstudium und kabbalistische Wissenschaft füllten ihr ganzes Leben und Denken aus. Die Erziehung der Jugend erfolgte durch Cheder und Jeschiboth. Die Elteru untersagten streng ihren Kindern eine andere Sprache zu erlernen, sogar die Landessprache war verpönt. Der Pentateuch Mendelssohns, des „Dessauers", wurde ihnen entzogen, weil er die Bibel ins Deutsche übersetzt hatte. Mancher aufstrebende Jüngling konnte ihn nur in der Verborgenheit studieren. Wer weiß, wie lange dieser Zustand noch gedauert hätte, wenn sich nicht eine Anzahl junger Schriftsteller, wie M a p u , Zederbaum , Lilienblum , Gordon usw. gefunden hätte, die mit einem klassischen Hebräisch an die Oeffeutlichkeit traten und Wandel in das Geistesleben eines großen Teils der Ostjuden brachten. Und wie dieser Umschwung durch die hebräische Sprache gekommen ist, so ist auch in unseren Tagen, den Tagen der Assimilation und des Abfalls diese Sprache berufen, eine Rückkehr zum jüdischen Wissen, zu jüdischem Selbstbewußtsein und auch zum religiösen Judentum vorzubereiten. Bei der Frage über die Notwendigkeit, der Jugend die hebräische Sprache beizubringen, muß ganz besonders die Entwicklung Palästinas in Betracht gezogen werden. Man mag über die Aussichten des Ausbaus des heiligen Landes denken, wie man will. Eines ist sicher: Ein geistiges jüdisches Zentrum wird im Laufe der Jahre dort entstehen; die Anfänge hierzu sind bereits vorhanden. Ein Zurückweichen oder ein Beiseitestehen ist undenkbar. Und je mehr das jüdische Geistesleben in Palästina Fortschritte macht, um so mehr wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, die jüdische Jugend in der Diaspora Interesse für jüdische Angelegenheiten und für die hebräische Sprache gewinnen. Und auch mit dem zunehmenden Besuch Palästinas aus allen Weltteilen wird sich das geistige Band immer weiter enb wickeln. Eine gegenseitige Verständigung wird dann durchdiehebräische Sprache wesentlich erleichtert. Mancher Jude wird dann aber auchseiue ungenügenden Kenutuissck'hierin bedauern und mancher wird dabei an seine früheren Lehrer denken und sie zum Teil als Mitschuldige betrachten. Möge deshalb jeder, den es augeht, sich der Größe seiner Aufgabe bewußt sein! Tagung des Hess. Landesverbandes jüdischer Iugendvereine. Der Hessische Landesverband der jüdischen Iugendvereine hielt am Sonntag, den 9. Oktober 1927 seine diesjährige Delegiertentagung in Worms ab. In den Räumen der Dalbergloge fanden sich der Landesverbandsvorstand und die Delegierten der einzelnen Vereine (Frankfurt, Höchst, Mainz, Offenbach, Wiesbaden, Worms usw.) mit einer stattlichen Anzahl interessierter Verbandsangehöriger zusammen. Die Tagung gewann nicht nur durch diesen starken Besuch, sondern ganz besonders dadurch ihre Bedeutung, daß an ihr sämtliche jüdischen Kreise regen Anteil nahmen. Als Ehrengäste wohnten ihr bei die Vertreter der Loge (Herr Kiefer), der Gemeinde (Rabbiner Dr. Holzer), des RIF., des CB., der zionistischen Ortsgruppe. In ihren Begrüßungsworten sprachen sie alle ihre wärmste Sympathie für die Bestrebungen der Jugendbünde aus und wünschten ihnen sowohl für die Tagung, als auch für die weitere Zukunft, Erfolg und Glück. Namens des Hessischen Rabbiner-Verbandes übermittelte Herr Rabbiner Dr. Lewit-Alzey die besten Wünsche. Den Tätigkeitsbericht über das verflossene Verbandsjahr erstattete der 1. Vorsitzende Dr. Kurt Herz. Wenn nicht alle Wünsche in Erfüllung gegangen seien, so sei wenigstens eine Festigung im Verband eingetreten. Unsere Sache bedürfe der Unterstützung weitester Kreise. Mit großem Beifall wurde aufgettommen, daß Herr Kiefer (Dalbergloge) finanzielle Hilfe in Aussicht stellen konnte. Dem Kassenbericht folgte ein Referat von Dr. Kurt Herz „Arbeit und Geselligkeit im jüdischen Jugendverein". Die Ausführungen des Redners gaben Anlaß zu einer regen Diskussion. Sie blieben ebenso wie der Tätigkeitsbericht nicht unwidersprochen. Es war ein gutes Zeichen für das Leben im Verband, daß nach sachlichen Gesichtspunkten Kritik geübt und mancherlei Anregung für die weitere Arbeit gegeben wurde. In der kurzen Mittagspause reichte der Jugendverein Worms, der sich um die Organisation der Tagung das höchste Verdienst erworben hat, den Delegierten eine Erfrischung. Danach traten die Delegierten zu einer geschlossenen Sitzung zusammen, in der dem alten Verbandsvorstand Entlastung erteilt werden konte und der Vorstand für das kommende Vereinsjahr neu gewählt wurde. Am Nachmittag fand eine Besichtigung der jüdischen Altertümer von Worms statt unter kundiger und dankenswerter Führung der Herren Kiefer und Agulnik. Nach Wiederaufnahme der allgemeinen Sitzung wurde der neue Verbandsvorstand vorgestellt. Als 1. Vorsitzender war gewählt Dr. Spier-Höchst, als zweiter Dr. Picard-Mainz. Nach kurzer programmatischer Erklärung ging die Ausspache über die vormittags aufgeworfenen Fragen weiter und führte zu einer abschließenden Klärung, so daß der Referent in seinem Schlußwort die Hoffnung aussprechen konnte, daß auf Grund der gewonnenen Anregungen die Tätigkeit des neuen Vorstandes und der einzelnen Vereine weiter ersprießlich sein werde. Einen Höhepunkt der Tagung bildete der Vortrag des Herrn Rabbiner Tr. Dienemann-Offenb'ach: „Wie soll man jüdische Geschichte lernen?" In außerordentlich fesselnder und anregender Weise gab er Richtlinien für eine Belebung des jüdischen Geschichtsunterrichts. Er solle nicht nur unter literarischen Gesichtspunkten betrieben werden, sondern müsse dadurch an Lebendigkeit gewinnen, daß man ihn in Zusammenhang mit der allgemeinen Weltgeschichte, mit ökonomischen Entwicklungen, mit allgemeinen und Zeitfragen bringe, und daß man das immer wieder hervortretende Streben zu einer Einheit betone. So wird die Geschichte des jüdischen Volkes iiicht eine isolierte, trockene Abhandlung, sondern müsse zur Vertiefung der Kenntnisse über das Judentum führen und zu einer Bejahung aus dem Zugehörigkeitswillen. Lebhafter Beifall bezeugte dem Vortragenden, daß feine Anregungen in den Jugendvereinen auf fruchtbaren Boden gefallen sind und mit der Zusage, daß im Hessischen Landesverband die Arbeitsgemeinschaften in diesem Sinne angeregt werden sollen, schloß der Vorsitzende die interessaiit und belehrend verlaufene Tagung. Es folgte ihr ein geselliges Beisammensein aller Teilnehmer, wo künstlerische Darbietungen und die mustergültige Gastlichkeit des Wormser Verbandes zur Gemütlichkeit beitrugen. Am 23. Oktober 1927 fand in Frankfurt a. M. die Generalversammlung der Bereinigung für das liberale Judentum statt. Es hielten auf derselben Referate: Herr Rabbiner Dr. Dienemann, Offenbach über »Gemeinschaft und Judentum in ihren gegenseitigen Rechten und Pflichten", Herr Erich Bayer, Breslau, über »Der Kultus, die Gemeinschaft und das Judentum", Frau Bianka Hamburger. Berlin, über »Das jüdische Heim — unser zweites Gotteshaus" und Herr Justizrat Dr. Blau, Frankfurt a. M., über „Die Gemeinde und der Einzelne", an die sich eine rege Aussprache anschloß. — Don einem Teilnehmer dieser Bersammlung wird uns nachfolgender Aufsatz freundlich zur Verfügung gestellt: Die Schriftleitung. Gedanken zur Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum am 23. Okt. in Frankfurt a. M. Von Rene H a r t o g s. Eine entscheidende Feststellung: Das Leben ist die absolute Einheit des Inhalts und seiner Form. Steht ein Vorgang in der Substanz oder ein seelisches Geschehen schon außerhalb dieser An- ' BPE 7