Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 11 (11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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meinen innigen Dank darzubringen für Ihre sprachlich und naturhistorisch wichtige Arbeit über die reiche Zoologie des Talmud. Die freundlichen Aeußerungeu des Briefes, welche Ihre mühebolle Arbeit begleiteten, erhöht den Wert eines solchen Geschenkes. Wir haben keine Arbeit, die man der Ihrigen gleichschätzen kann. Sie erweitert die Geschichte der Zoologie früherer Jahrhunderte. Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung und lebhaftem Dankgefühl Ew. Wohlgeb. gehorsamster gez. A. v. Humboldt." Außer kleineren Arbeiten in den verschiedensten Zeitschriften hat Lewysohn noch veröffentlicht: „Die Opfer des alten Testaments", Beitrag zum Studium der biblischen Archäologie; außerdem viele Arbeiten in schwedischer Sprache. In Stockholm amtierte Lewysohn von 1889 bis 1883. Eine ihm unfreundliche Partei hat ein solches Gezänk in die Gemeinde getragen, daß er sich entschloß, freiwillig aus sein Amt zu verzichten. Im Jahre 1889 feierte er seinen 70. Geburtstag. Von ganz Europa kamen Telegramme und Schreiben, die den Gelehrten, oft in überschwenglichen Worten, feierten. Natürlich fehlte auch die Wormser jüdische Gemeinde mit Glückwünschen nicht, da sie ihrem früheren Prediger besonders zum Dank verpflichtet war wegen Uebersendung einer alten kaiserlichen aus Worms bezüglichen Urkunde, und wegen seiner nützlichen, die Einrichtung des Gemeindearchivs betreffenden Ratschläge. Lewysohn starb in Stockholm am 26. März 1901. Das Begräbniswesen der Juden Gießens in Vergangenheit und Gegenwart. Von Josef Marx, Gießen. Schon seit fast 100 Jahren hat die hiesige Bevölkerung einschließlich der Juden ein gemeinschaftliches Friedhossgelände. Die jüdische Abteilung aus demselben ist nur durch ca. 3 Meter breite Wege von den christlichen Gräbern getrennt. Bis zum Jahre 1 8 3 6 beerdigten die Juden Gießens und folgender umliegender Ortschaften ihre Toten aus einem großen Begräbnisplatz zu G r o ß e n I i n t> c n : 1. Wieseck, 2. Heuchelheim, 3. Großenlinden, 4. Lauggöns, 5. Kirchgöns und Pohlgöns, 6. Leihgestern, 7. Steinberg, 8. Watzenborn, 9. Garbenteich, 10. Steinbach. Sämtliche Gemeinden hatten sich dahin geeinigt, die Oberaufsicht über den Friedhof zu Großenlinden dem Vorsteher von Kirchgöns zu übertragen. Dieser hatte als Unteraufseher den Flurschützen zu Großenlinden, der laut landrätlicher Verfügung hierfür eine jährliche Gebühr erhielt. Bis zum Anfänge des 19. Jahrhunderts scheint sich auf dem Gebiete des Begräbniswesens alles glatt abgewickelt zu haben. Tie Verstorbenen wurden nach damaliger Sitte möglichst noch am Todestage, spätestens jedoch am folgenden Tage beerdigt. Unterm 8. April 18 2 8 verfügte der Landrat, daß der jüdische Begräbnisplatz zu Großenlinden mit einer U m z ä u n u n g versehen werden müsse, andernfalls die Umfassung behördlicherseits angeordnet werden und die entstandenen Kosten eingetrieben werden müßten. Dem Verlangen des Landrats wurde alsdann auch sofort entsprochen und dem Flurschützen Johann Müller für Beaufsichtigung des Iudenbegräbnisplatzes 2 Gulden pro Jahr bewilligt. Trotz dieser Aussicht war bereits im Jahre 1 8 33 keine Spur von der Hecke des Totenackers mehr vorhanden, die im Jahre 18 2 8 neu angelegt worden war. An dem Tore waren die Kloben weggerissen. Tie Umzäunung der Anliegenden war ganz unversehrt. Ter ganze Friedhof glich einem Ackerfelde. Auf eine Beschwerde an den Kreisrat ersuchte dieser den Bürgermeister Leun um eine strengere polizeiliche Aufsicht und bestimmte, daß in Zukunft die Flurschützen erst dann ihre Vergütung erhalten sollten, wenn sie ein Zeugnis des ersten Vorstehers beibringen könnten. Diese und andere Mißstände, welche sich zu dieser Zeit mehr als je bemerkbar machten, veranlaßten den Vorstand der Gießener israelitischen Religionsgemeinde im Jahre 1 8 34 die Anlage eines neuen Friedhofes in unserer Stadt ins Auge zu fassen. Ter Stadtvorstand, an den man sich dieserhalb wandte, forderte 334 Gulden für die Rute, eineu für damalige Zeiten enorm hohen Preis und wollte auch selbst den Platz bestimmen. Taxatoren schätzten schließlich das Gelände zu 1 Gulden 8 Kreuzer pro Klafter ab. Die Gesamtkosten zur Anlage des Friedhofes, der an den christlichen Friedhof grenzte und nach einigen Jahren durch Niederlegung der Grenzmauer mit demselben vereinigt wurde, betrugen 1 60 0 fl. Freitag, den 4. November 1 8 3 6 wurde die Begräbnisstätte mit der Beerdigung eines 83jährigen, in der Klinik verstorbenen Mannes ihrer Bestimmung übergeben. (Schluß folgt.) Das Hebräische als Umgangssprache. Von Lazarus Friedmann, Mainz. Durch die glänzenden Aufführungen des hebräischen Kunstlertheaters „Habima" ist die hebräische Sprache als eine lebende Umgangssprache in weiteren Kreisen bekannt geworden. Bis vor kurzen: glaubte niemand, daß jemals die hebräische Sprache lebendig werde; seit nahezu zweitausend Jahren wurde sie zu den toten Sprachen wie Lateinisch und Griechisch gezählt. Zwar wurde wahrend dieser ganzen Zeit die reichhaltige jüdische Literatur fast ausschließlich in der hebräischen Sprache geschrieben, allem diese Literatur bestand meistens aus religiöser Gesetzgebung und aus moralischen Schriften, die ebenfalls mit dem Religiösen verknüpft waren. Auch die kurze Periode nach Mendelssohn und die große Entwicklung des Hebräischen bei den Ostjuden kennzeichnet das Hebräische 'als Schriftsprache, aber niemand dachte oder glaubte daran, daß es sich einmal zur Umgangssprache entwickeln werde. Nun ist aber gerade in den letzten Jahren ein bedeutender Fortschritt zu verzeichnen. . Palästina spricht hebräisch; nicht nur dcr größte Teil der Juden, auch manche Araber, die Verkehr mit Juden haben, bemühen sich, hebräisch zu sprechen. Die Gerichtssprache ist neben Englisch und Arabisch auch das Hebräische. Fast alle Unterrichtsanstalten, vom Kindergarten bis zu den Hochschulen lehren in hebräischer Sprache; die Vorlesungen in der Universität und nn Techiiikum werden hebräisch gehalten. Dies alles ist den sich für Palästina interessierenden Kreisen bekannt. Diejenigen aber, die bisher wenig oder garnichts hiervon hörten oder die argwöhnig lächelten, werden durch den außergewöhnlichen Siegeszug der „Habima" eines anderen belehrt. Man ist erstaunt und hingerissen von der Techiiik, mit der diese Künstler die Schönheit^ der Sprache meistern. Erstaunt frägt maii „mi boro elc?" Wie ist es möglich, daß eine Sprache nach Jahrtausende langem Schlummer gleichsam dem Grabe entsteigt und zum Leben erwacht! Ebenso ist die Frage zu stellen, was denn diese begnadeten Künstler veranlaßte, ihre Kunst gerade in einer schwierigen, den meisten Zuhörern nicht verständlichen Sprache zu bieten und nicht in ihrer Muttersprache, die für sie viel leichter gewesen wäre und in der sie sicher ebenso große Erfolge erzielt hätten? Aus diese Fragen gibt es nur eine Antwort: Tie Macht des jüdischen Idealismus! Der Idealismus, der in den letzten Jahrzehnten die Palästina- Aufbau-Bewegung entfachte und der zur Bildung eines jüdischen Zentrums ansehnliche Erfolge erzielte, hat auch den Gedanken der Wiedergeburt der hebräischen Sprache Wirklichkeit werden lassen. Tie Tatsache, daß für eine Gruppe Menschen, die aus allen Weltteilen nach Palästina kommen, sei es um sich religiös oder national auszuleben, eine einheitliche Sprache notwendig ist, wird wohl niemand bestreiten. Und daß diese Sprache nur die Hebräische sein kann, ist selbstverständlich. Es ist natürlich, daß denjenigen, die für ein großes Ideal kämpfen und die unsägliche Opfer für Erez Israel bringen, auch das Aufblühen der hebräischen Sprache am Herzen lag und daß sie trotz der großen Schwierigkeiten nicht ruhten, bis sie auch hierin ungeahnte Erfolge erzielten. Die Kraft des in Palästina herrschenden Idealismus ist auch aus die Judenheit iu der Diaspora nicht ohne Einfluß geblieben. In mehreren großen Städten wurden von den Gemeindeverwaltungen und auch von privater Seite hebräische Lehr- und Sprachkurse eingerichtet. Ebenso wird in verschiedenen Vereinen hebräisch gelernt und^es sind Ansätze vorhanden, die für die Zukunft Gutes erwarten lassen. So waren wir beim letzten Sukkoth-Feste Zeuge, wie die vereinigten Jugendvereine in Mainz in der von ihnen hergerichteten und hübsch ausgestatteten Sukkoh gemütlich beisammen waren und hebräische Lieder sangen. Eine große Anzahl von Damen und Herren haben freudigen Herzens diesen Vorträgen zugehört. ..... ^r hatte es vor zwanzig Jahr für möglich gehalten, daß die jüdische fugend, zum Teil voll assimilierten Eltern stammend, die vielleicht noch nie in eine Sukkoh sahen, sich hierfür begeistern könnte. Man sieht also, wie das Aufblühen der hebräischen Sprache m Palästina bereits auch die Juden in der Diaspora befruchtet und so werden weitere Fortschritte nicht ausbleiben. In Anbetracht dieser Tatsache wäre es zu wünschen, daß Lehrer und Erzieher der Jugend diese Gelegenheit benützen und Ehr als bisher ihr Augenmerk auf das Hebräische lenken. Die Methoden des Unterrichts müssen nach dem Bedürfnis und »der Empfänglichkeit der heutigen Jugend umgestellt werden. Die fugend, unsere Zukunft, will die Wiederbelebung unserer ehrwürdigen spräche. Es sollte daher m. E. die Aufgabe der Lehrer und ^ugendfuhrer sein, mehr wie bisher die Fortgeschrittenen mit ™°kci:nen_ hebräischen Literatur bekannt zu machen Neben Sprachkursen loll die äugend Kenntnis und Verständnis von der gegenwärtigen indischen Dichtergeneration erhalten. Sie wird dadurch Lust und Liebe bekommen, das jüdische Schrifttum kennen 6