Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 11 (11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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seines Bestehens, dankbar an. Der israelitische Landeslehrerverern wird alles daran sehen, daß auch nicht ein Lehrer in Hessen wirkt,^ der nicht zu seinen Mitgliedern gehört, weil nur dann die Möglichkeit der Vereinigung aller Gemeinden Hessens im Landesverband gegeben ist. Resolution 2: Der israelitische Landeslehrerverein im Volksstaate Hessen gestattet sich, dem Schulausschuß des Landesverbandes folgende Entschließung vorzulegen: Der Schulausschuß möge durch einen Antrag bei dem Oberrat des Landesverbandes bewirken, daß in allen Religionsgemeinden, die sich dem Landesverband angeschlossen haben, in Zukunft bei Stellenwechsel nur solche Bewerber angestellt und evtl, durch den Landesverband subventioniert werden dürfen, welche die gesetzlich geforderten Lehrerprüfungen abgelegt haben. Resolution 3: Der am 11. und 12. September in Mainz versammelte israelitische Lehrerverein im Volksstaate Hessen wendet sich einstimmig und dringlich an den Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens mit dem Ersuchen, alsbald für eine wesentliche finanzielle Besserstellung zahlreicher jüdischer Gemeindelehrer besorgt zu sein, da diese Lehrer schon seit langer Zeit ein unwürdiges und ungenügendes Einkommen haben und bei den durch die bevorstehenden allgemeinen Gehaltsaufbesserungen erwachsenen Lebenskösten in eine unerträgliche Lebenslage kommen. An bic_ Tagung schloß sich im Restaurant Ratskeller Mainz ein gemeinsames Mittagsmahl an, zu dem der Vorstand der gastfreien israelitischen Religionsgemeinde Mainz die Lehrerversammlung in liebenswürdiger Weise eingeladen hatte. Die Schriftführer: London, Mainz. S e e l i g , Friedberg. Zum Kapitel „Jüd. Gemeindeverbände in Hessen". In unserem Nachbarland Bayern hat die unablässige und uneigennützige Arbeit starker jüdischer Persönlichkeiten reiche Früchte getraaen. Ein jüdischer Gcmeindeverband — von seiner Geburt an mit Mißtrauen besehen, weil liberale Väter ihn gezeuget, in seiner Entwicklung kritisch überwacht, weil man befürchtete, nicht genügend Verständnis für die Bedürfnisse orthodoxer Kreise finden zu können — gießt seinen Segen ans über Gemeinden, Institutionen und Beamte jedweder Art. Man möchte — wie sich ein alter, streng frommer bav. Lehrer mir gegenüber äußerte — Brochoh machen über die Väter solcher Arbeit, sie einreihen in die Reiben der „Gerechten dieser Welt". Die Annäherung zwischen Orthodorcn und Liberalen zeitigte ein Versieben für die Belange der gesetzestreuen Kreise, führte zu einer Verbreitung altjüdischen Geistes zur Anerkennung der Verbindlichkeit des p*i in Führung jüd. Angelegenheiten. All diese Tatsachen sind weithin und als nachahmenswert bekannt geworden: inan kann nicht annehmen, daß sie-den Führern der hessischen Orthodoxie entgangen sind. Was aber veranlagt diese in Hessen sevarat Vorgehen zu wollen und alle Versuche, eine geschlossene Vbalanr zu bilden, zum Scheitern zu bringen? Als Schreiber dieser Zeilen einem Führer des aesetzestreuen Verbandes die Znsicheruna gab, daß bei einem Zusammengehen an unsachliche Kampfesweise, mt Intoleranz oder gar Machtdünkel liberaler Kreise nicht zu denken ist. daß diese der Orthodoxie jedwede Sicherung neben wolle, die letztere sich selbst wünsche, da erhielt er die Antwort (sinngemäß wicdergegeben): Wir wollen gerne mit dem „Mainzer Verband" in rein wirtschaftlichen Fragen zusammenberaten. nie und nimmer aber — und gingen die Kautellen zur Sicherung der Unverletzlichkeit des P'i in dem Statut des Landesverbandes noch so weit — werden wir den Zusammenschluß zu eine m Verbände nach bah. Muster propagieren. Daß man für solche Gedankengänge außerhalb der hessischen Grenzen auch in frömmsten Kreisen kein Verstehen hat, beweist die Aeußerung eines Vorstandsmitglieds einer frommen bay. Großaemeinde, die etwa lautet: man könne sich in Bayern, wo doch die Liberalen den größten Opfersinn zur Erhaltung aller jüdischen Institutionen an den Tag legen, und für ihre finanziellen Mehrleistungen nicht das geringste Aequivalent in Gestalt einer Beeinflussung oder Bevormundung der orthodoxen Minderheit fordern, keine Vorstellung davon machen, warum gerade in Hessen ein Zusammengehen mit den Liberalen Befürchtungen religiöser Art auslösen müsse. Die fromme Lehrerschaft Hessens, einschließlich ihrer im Dienste des orthodoxen Judentums ergrauten Führer, siebt nahezu vollzählig zum „Mainzer Verband", zur großen Zahl der ihm angeschlossenen Gemeinden treten ständig neue hinzu. Wir appellieren deshalb nochmals an die Führer des gesetzestreuen Verbandes: Bleibet nicht außerhalb stehen, fallet nicht der Vereinsamung anheim, schwächet nicht das Ansehen der hessischen Judenheit den Behörden gegenüber! Im starken Gebäude des Landesverbandes ist für alle Platz, hier sollen die jüdischen Belange nach Eurem Wünschen und Wollen gewahrt werden. Wisset Ihr, wie schwer es Eurern Lehrern, die gleich Euch für die Erhaltung und Verbreitung unserer heiligen Lehre kämpfen, ums Herz ist, neben Euch und nicht mit Euch arbeiten zu können! Sehet doch keine Gefahren, wo solche nicht vorhanden sind! Die hessischen jüdischen Gemeinden werden nur sein, wenn wir einig sind. B. Gestalten aus der alten Wormser jüd. Gemeinde. Von S. Rothschild, Worms. VII. Prediger Tr. Ludwig Lewysohn. Dr. Lewysohn war in Schwersenz, Reg.-Bez. Posen, am 15. April 1819 geboren. Unter schwierigen Verhältnissen wandte er sich dem Studium der Theologie zu. Nachdem er bei verschiedenen hervorragenden Rabbinern dem Studium der Bibel und des Talmuds obgeleaen, besuchte er 1842 das Gymnasium in Breslau und bestand in Berlin die Abiturientenprüfung, besuchte die dortige Universität und promovierte 1847 in Halle zum Dr. der Philosophie mit der Arbeit „I)s sacrifioiis veteris testamenti". Im Jahre 1848 wurde er zum Rabbiner von Frankfurt a. d. O. gewählt und im Oktober 1851 berief ihn die Wormser Gemeinde zum Prediger neben Rabbiner Bamberger. Es war keine leichte Arbeit, die hier Lewysohns wartete, denn auf der einen Seite sollte er Schule und Gottesdienst reformieren, auf der anderen Seite aber stand Rabbiner Bamberger, der gegenüber jeder Reform sich ablehnend verhielt. Es muß gleich hier hervorgehoben werden, daß, wenn auch eine Zeitlang durch verschiedene Vorkommnisse das Verhältnis Lewysohns zum Vorstande nicht das freundlichste aewesen ist. das zu Bamberger aber nie getrübt wurde. Das sehen wir an der hervorragenden schriftstellerischen Arbeit Lewysohns, die seinen Namen in die weitesten Kreise getragen, und der heute noch in der wissenschaftlichen Welt in Ehren genannt wird. Es ist die Herausgabe von E'p'HÄ rVw'BJ 00 Epitavhien von Grabsteinen des israelitischen Friedhofes zu Worms. Bei der Entzifferung der oft schwierigen Inschriften hat ihn Bamberger kräftig unterstützt, ebenso hat er auch den Aufruf um Einsendung von Gaben für diesen Zweck mit unterzeichnet. Es war eine schwere und bebre Aufgabe, die Lewysohn durch Entzifferung der Grabsteine sich gestellt batte. Am meisten bat sich die Wissenschaft mit Nr. 1, dem Leichenstein der Sagira, Tochter von Samuel, beschäftigt, da L. das Alter des Steines 905 gelesen hatte. Bei Entzifferung der Grabsteine des alten Friedhofes ist es mir gelungen, nachzuweisen, daß L. sich geirrt hatte und das Zllter des Steines auf 1100 festzustellen sei. Leider verlor L. im dIabre 1852 leine Frau; er verheiratete sich wieder 1854 mit Nhitipnine Bär aus Frankfurt a. M. lieber die Wirksamkeit Lewysohns in der Gemeinde gibt ein Bericht von ihm vom 25. August 1858 an den Vorstand genauen Aufschluß, der aber hier in seiner Ausführlichkeit nicht mitgeteilt werden kann. Wie Lewysohn sich eifrig bemüht hatte, mit Bamberger in Frieden zu leben, so auch der Vorstand der Gemeinde. Lewysohn hatte in mehreren Eingaben unter Zugrundleaung von nicht abzuwenenden Gründen den Vorstand um den Titel „II. Rabbiner oder Rabbinats-Affessor" gebeten. Der Vorstand bat immer wieder in. Rücksicht auf Bamberger den Wunsch Lewysohns abgelehnt. Inzwischen batte sich auch das Verhältnis Lewysohns zu Gemeinde und Vorstand gefestigt, und so gerne man Lewysohn noch länger in seinem Amte gesehen hätte, gönnte man ihm doch 1859 die Berufung nach Stockholm als Rabbiner. Hier batte er sich bald in die neuen Verhältnisse eingearbeitet, und selbst die schwedische Svrache beherrschte er nach einem Zeiträume von 1% Jahren, so daß er in schwedischer Sprache predigen konnte. Er hat dort viel für die Hebung der Gemeinde geleistet, hat eine neue Synagoge einneweibt und besonders Belehrung über Bibel und Talmud'mit großem Erfolge in christliche Kreise getragen. Während seiner langen Rabbinertätigkeit hat er sich besonders auch in schriftstellerischer Weise betätigt. Außer der schon genannten Schrift hat er die „Zoologie des Talmud" berausgcgeben, was ihm viele Anerkennung gebracht hat. Ein ihn besonders ehrendes Schreiben mag hier einen Platz finden: „Ich eile zu einer unheiteren und überbeschäftigten Zeitepoche, Ihnen, verehrter Mann, wenn auch nur in wenigen Zeilen, 5