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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-10-01 · 10 (10.1927) · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
10 (10.1927)
Date
1927-10-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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wird nicht mehr für das Individuum geführt, sondern für die Gruppe. Während Demokratie und Sozialismus hierbei das Prinpiz der Gleichwertigkeit aller Gruppen, Klaffen, Völker ufw. verkünden, betonen Nationalismus und Neukonfervativismus das Prinzip der unterschiedlichen Wertigkeit, wobei die eigene Gruppe bochwertig, eiue fremde minderwertig ist. Beide Anschauungen unterscheiden sich in ihrer Auswirkung auf die deutschen Juden insofern, als die erste einen Antisemitismus grundsätzlich ausschlicßt, die zweite ihn unter bestimmten Umständen als Begleiterscheinung zuläßt. Wird nämlich das deutsche Volk, den objektiven Tatsachen entsprechend, als eine politische, kulturelle und sprachliche Gemeinschaft betrachtet, so weist diese Anschauung durchaus nicht die Begleiterscheinung des Antisemitismus auf. Wird sie aber verquickt mit dem Glauben, daß das deutsche Volk vor allem eine ethnische, eine Rassengemeulschaft sei und daß die geistigen und moralischen Eigenschaften jedes Menfchcn durch feine rassenmäßigc Abstammung festgelegt seien, dann ist eine antisemitische Einstellung damit verknüpft. Wer so denkt, schließt die jüdischen Deutschen aus dem deutschen Volke aus und fetzt sich in Gegensatz zu ihnen. Aus feiner Anschauung der Verschiedenwertigkeit der Völker betrachtet er sich selbst als böberwertig, den Juden als minderwertig. Er will an seine Höherwertigkeit glauben, sie turmhoch über der fremden Minderwertigkeit stehen lassen, und aus dieser Einstellung heraus wird alles Jüdische, jede jüdische Persönlichkeit, jede Handlung, jedes Werk und jeder Gedanke von Juden herabgezerrt, als minderwertig und schlecht dargestellt. Die so gekennzeichneten Anschauungen trifft 'man im Leben jedoch selten rein an, sondern sie finden sich in einer llnmenge Misch- und Uebergangssormen, und im täglichen Kampf der Meinungen wird um sie gerungen. Der Kampf zwischen Demokratie und Nationalismus, dem Gedanken des Rechts und dem der Macht, der Freiheit und der Beherrschung, dem Glauben an die Persönlichkeit und dem an die Rasse, wird zu jeder Stunde ausgefochten. Jeder einzelne nimmt bewußt oder unbewußt an ihm Anteil. Jeder einzelne wird in seiner Stellungnahme durch Erlebnisse, Erfahrungen, durch Kenntnisse, die er gewinnt, durch wirkliche oder angeuommene, richtig oder falsch berichtete Tatsachen, durch Persönlichkeiten beeinflußt, und wenn er in seinen Anschauungen auch nicht von einem Extrem ins andere verfällt, eine Entwicklung macht er durch. Ist diese für den Außenstehenden auch beim einzelnen und in einer kurzen Frist nicht erkennbar, beim Heranwachsen einer neuen Generation, deren Anschauungen sich in den geistigen Kämpfen ihrer Jugendjahre bildet, wird sie augenfällig. Das Fortfchreiten der einen und das Zurückweichen der anderen Tendenz ist keine theoretische Angelegenheit, kein Spiel luftiger Gedanken, denn das Schicksal des einzelnen wird ausschlaggebend davon beeinflußt. Ob die Mehrheit des deutschen Volkes, die deutschen Juden als ihr gleichwertig und in jeder Hinsicht gleichberechtigt anerkennt oder ob sie sie als einen minderwertigen Fremdkörper betrachtet, davon hängt das Schicksal jedes einzelnen deutschen Juden weitgehendst ab. Das Recht, Gesetzgebung wie Rechtsprechung, paßt sich der landläufigen Anschauung an. Setzt sich die Rassentheorie durch, so wird der -Jude als von vornherein minderwertig anders beurteilt und verurteilt, es werden ihm Rechte versagt, die den „Heimischen" zustehen,,es werden ihm Ausnahmen, Einschränkungen, Kontingentierungen auferlegtj Sein Anteil am Staate wird ihm entzogen. Auf alle Staatsoinrichtungen, die den Bürgern dienen, hat er kein Anrecht. Seine gesellschaftliche Stellung ist die einer verachteten Klasse, und dementsprechend seine wirtschaftliche Lage. So entscheidet der geistige Kamps über das reale Schicksal des einzelnen, fei es hin zur vollen Gleichberechtigung, oder zurück zu einer Pariastellung. Sollen wir in' diesem Kampfe Hammer oder Ambos sein? Diese Frage ist längst entschieden, seit vor mehr als 30 Jahren der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegründet wurde und durch ihn das deutsche Judentum tatkräftigst und nachdrücklichst in den Kampf eingegriffen hat. Heute ist erkennbarer wie je, wie bedeutungsvoll und wirksam dieses Eingreifen ist. Wir stehen in einem biebergangszeitalter, das die Erlebnisse und Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit, die, mehr als uns bewußt, uns beherrschen, einordnet in das Weltbild normaler Zeiten. Manches vom Geiste jener Jahre wurde und wird noch abgestreift, anderes bleibt unverloren. Kämpfen wir dafür, daß nichts vom Ungeist jener Zeit verewigt wird. Zu diesem Ungeist gehört vor allem jene Kriegspsychose, die vor dem Gegner zugleich Angst hat und ibn als minderwertig herabsetzt, eine Kriegspsychose, die in der Nachkriegszeit das Objekt gegen den Juden vertauscht hat. Sie drückt sich aus in einer pathologischen Angst vor jüdischer Weltherrschaft (man lese Müller-Claudius: Deutsche Rassenangst, Berlin, C. A. Schweschke & Sohn), sie erlebte ihren Höhepunkt'in der Riesenauflage der „Protokolle der Weisen von Zion" und ist verknüpft mit einer nie dagewesenen Herabwürdigung alles Jüdischen. 8 Gegen diese Psychose gibt es ein Mittel: Klarheit, Aufklärung. Zunächst durch rücksichtslose Klarstellung aller, auch der unscheinbarsten falschen Angaben über Juden und Judentum und Anprangerung all derer, die solche falschen Angaben und Verleumdungen wider besseres Wissen verbreiten. Jeder Verleumdung, jede Falschmeldung, trägt dazu bei, uns iu den Augen Objektivscinwollcnder herabzufctzen. Deshalb muß jeder einzelne mit allen juristischen und publizistischen Mitteln verfolgt werden. Darum ist vor einigen Jahren vom Direktor des Zentralvereins, Dr. Ludwig Holländer, angestrengte Prozeß gegen den bekannten Hammer-Verleger Fritsch, m welchem Fritschs Fälschungen von Talmudzitaten gerichtlich festgestellt wurden, darum ist der kürzlich in Bamberg geführte Prozeß, in dem der gerichtliche Nachweis der Unwahrheit, Verleumdung und Religionslästerung jener antisemitischen Behauptungen erbracht wurde, das Judentum enthalte Vorschriften, die der Sittlichkeit widersprechen, von überhaupt nicht zu überschätzender Bedeutung. Und nicht anders verhält es sich mit der jahraus jahrein erfolgenden Festnagelung und Bestrafung all der Herabwürdigungen und Verleumdungen des Judentums, die an einer Stelle ausgesprochen, sofort in ganz Deutschland verbreitet find und die Anschauungen des ganzen Volkes beeinflussen. Diese negative Aufklärungsarbeit bedarf der positiven Ergänzung. Wie viel Unkenntnis, Jrrtümer und daraus folgend jüdische Minderbcwertung findet inan bei Menschen von ehrlichem 'Charakter, von Willen zu Objektivität und Rechtlichkeit und als solche darf inan doch die erdrückende Mehrzahl des deutschen Volkes ansehcn. Diese über die religiösen Lehren, die Literatur, soziale Lage, Geschichte und Gesinnung der Juden durch objektive Darsteiluug aufzuklären, fällt auf fruchtbarsten Boden. Die Publikationen, die diesem Zwecke dienen, sind wohl allen Lesern dieses Blattes bekannt. Tie vielseitige Literatur, die der Philoverlag herausgibt und besonders die au 00 000 christliche Bezieher kostenlos gehende „C. V.-Zeitung". Es ist außerordentlich interessant, immer und immer wieder von Empfängern der letzteren gu hören und zu lesen, welche Aufmerksamkeit sie den Aufsätzen der „C. V.-Zeitung" schenken, cs ist befriedigend, das ehrliche Eingeständnis mikgeteilt zu bekommen, daß durch die Lektüre der „E. V.-Zeitung" die Beurteilung der Juden eine andere geworden sei, und es ist erfreulich, festzustellen, wie durch diese streng objektiv gehaltene Aufklärurigstätigkeit der Werbearbeit und dem Missioiisdrang der Rafsenfariatiker Schranken gefetzt werden. Ein Blick auf die geistigen Strömungen innerhalb der Jugend unserer Zeit, der Generation, die irr eiriem Jahrzehnt die Geschicke des deutschen Volkes bestimmen wird, zeigt, wie sehr gerade heute die Lage der deutscheir Juden voir dem Ausgang dieses geistigen Ringens abhängt. Der Lauf dieser Untersuchungen ergibt: Diejciiigen, die überall Antisemitismus sehen, und die, die ihn nirgends erblicken, beide, die sich mit dieser falschen Beobachtung untätig abfindcn, sind an der Oberfläche geblieben. Tatsächlich ist neben denen, die unwandelbar antisemitisch, und denen, die überzeugungsstark keinerlei antisemitischen Einflüssen zugänglich sind, eine große, große Zahl Werdender, Reifender, ihre Meinung sich neu Bildender, Argumenten von hüben und drüben Zugänglicher. Sie werden wjr überzeugen können, da die Wahrheit der Tatsachen für uns ist, aber nur dann, wenn wir auch die Aufgabe erfüllen, sie die Wahrheit erkennen zu lassen. Dieser Aufgabe entzieht sich noch immer eine Minderheit unter uns, die ewig Gleichgültigen, die ewig Kleinlichen, die stets Bequemen und nie Opferbereiten. Sie sollten eingedenk sein, daß iu diesem schweren Ringen um einen großen, wertvollen Teil unseres deutschen Volkes niemand entbehrt werden kann, sie sollten eingedenk feil:, was sie der Zilküllft, der kommenden jüdischen Generation in Deutfchlalld schulden. Aufruf! Seit dem Ende des Weltkrieges ist der Hilfsverein der Deutschen Juden nicht an die Glaubensgenossen mit der Bitte herangetreten,' größere Mittel für seine Aktionell zur Verfügung zu stellen. Jetzt glaubt der Hilfsverein die Zeit gekommen, zur Fortführung seiner Arbeit in Deutfchlalld auf dem Gebiete der Emigranten-, Pagromwaiscn- und Studentenfürsorge, sowie gitr Wiederaufnahme feiner Tätigkeit in Rußland und im Orient die Mitwirkung der deutschen Juden wieder in stärkerem Maße in Anspruch nehmen zu dürfen. Unter dem Drucke wirtschaftlicher Notwendigkelten vollzieht sich gegenwärtig in Rußland der Nebergang der Juden zum Ackerbau und zur industriellen Arbeit. Die zuständigen russischen Behörden fördern die ländliche Ansiedlung der Juden, die großen jüdischen Wohlfahrtsgesellschaften beteiligen sich ihrer Durchführung.

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