Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 10 (10.1927)
- Date
- 1927-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Schmähungen und Verleugnungen ihren Weg durch die verschiedenen Wandlungen der Geschichte gegangen, Gott getreu, im Dienste alles Guten und im Glauben an eine lichte Zukunft des ganzen Menschengeschlechts, geleitet von dem Worte aus dem Prediger: „Am Morgen säe deine Saat, auch am Abend laß deine Hand nicht rasten; denn du weißt nicht, welches da gelingt, ob dieses oder jenes, oder ob beide zugleich gut werden." Gestalten aus der alten Wormser jüd. Gemeinde. Von S. Rothschild. Worms a. Rh. VI. Rabbiner Dr. Alexander Stein. Tie Freude des Vorstandes, einen Mann im Amte zu haben, der Rabbiner und Prediger in einer Person vereinigte, war nicht von langer Dauer, nachdem Dr. Jastrow, der erste Rabbiner und Prediger, schon nach zwei Jahren sein Amt niedergelegt, um einem Rufe nach Philadelphia zu folgen. Er hatte bei seinem Weggange wohl den Ruf eines hervorragenden .Kanzelredners zurückgelassen, aber die Einigung der Gemeinde war ihm liicht gelungen. Wieder stand der Vorstand vor der Aufgabe, einen Prediger und Rabbiner anzustcllen. Er wählte aber diesmal nicht den Weg des öffentlichen Ausschreibens, sondern wandte sich an Seminardirektor Dr. Frankel in Breslau, welcher ganz besonders den Rabbinatskandidaten Tr. Alexander Stein aus Grombach (Baden) empfahl. Während die guten Zeugnisse — besonders die äußerst warme Empfehlung Dr. Frankels — sowie die Heimat Steiiis (Süddeutschland) etwas Verlockendes für eiiizelne Vorsteher hatten, glaubten andere durch Berufung eines, wenii auch noch so warm empfohlenen, aber sehr jungen, uiierfahrencn, 24jährigen Mannes nach einer durch Parteien aufgeregten Gemeinde einen großen Fehler zu begehen. Der Vorstaiid hielt es deshalb für geboten, vor Eiitscheidung in dieser wichtigen Frage die Gemeinde zu hören. Nach längerer gründlicher Aussprache erklärte sich die Gemeindeversammlung in ihrer Mehrheit für Berufung Steins, der dann zur Abhaltung von zwei Predigten an den beiden Schofuostagen eingeladen wurde. Die Predigten Steins, sowie sein ganzes Auftreten gefielen so gut, daß ihm die Stelle am 1. Sept. 1807 Provisorisch übertragen wurde. Stein hatte erst einige Klassen des Gymnasiums zu Wertheim a. M. besucht, dann sechs Jahre das zu Karlsruhe, sich gleichzeitig bei Oberrat Altmann für das Studium der Theologie vorbereitend. Nachdem er im Jahre 1802 das Abitnrientenexamen daselbst bestanden hatte, bezog er die Universität Breslau und trat als Hörer in das jüdisch-theologische Seminar ein. Er schloß seine akademischen Studien durch das 1.860 in Halle abgelegte Doktorexamen ab, nachdem er vorher die von dem jüdisch-theologischen Seminar gestellte Preisfrage: „Ueber die Fortbildung der hebräischen Sprache der Mischna" gelöst hatte. In den Monaten September und Oktober legte er in Karlsruhe als Badener das theologische Staatsexamen ab und erhielt von Oberrat A l t m a n n und Rabbiner Geismar iSinsheim) die rabbinische Autorisation. Nach bestandener Prüfung mußte er in der Karlsruher Synagoge eine Predigt halten. Während der Prediger Jastrow mit dem Vorstand einen gereizten Briefwechsel ob der Autonomie des Vorstandes geführt hatte, schien der junge Rabbiner für derartige Auseinandersetzungen weder Lust noch Zeit zu haben. Mit der ihm eigenen Ruhe, Besonnenheit, Klugheit und Energie warf er sich sogleich auf seine Arbeiten und da er für das Erblühen einer Gemeinde einen geregelten Religionsunterricht als erste Forderung hielt, so galt diesem sein Hauptaugenmerk. Mit der größten Gewissenhaftigkeit erteilte er am Gymnasium, au der Real- und höheren Mädchenschule und auch an der Volksschule seinen Religionsunterricht. Der jüdische Religionsunterricht an den höheren Anstalten war bis jetzt nur ein geduldeter. Im Laufe der Jahre gelang es idem energischen, hesonnenen Vorgehen Steins, daß er zu allen Konferenzen geladen, daß der Religionsunterricht, wenn es nur einigermaßen ging, gleichzeitig mit dem der christlichen Schüler abgehalten wurde. — Um unbemittelten Schülern und Schülerinnen den^ Besuch der höheren Schulen zu ermöglichen, gründete er den „Schüler-Unterstützungsverein", dem eine Stiftung, die seinen Namen trägt, angegliedert wurde. Er hielt an jedem Sabbat abwechselnd eine Predigt oder Schrifterklärung, selbstverständlich an den Festtagen, an Purim und Tischohbeaf. Seine schlichte, aber herzliche und eindringliche Art der Rede und seine überaus große Milde und Güte gewannen ihm bald aller Herzen. Um den Gottesdienst zu verherrlichen, half er den Synagogen-Chorverein (Männerchor) begründen, nur bei der Konfirmationsfeier wirkten auch Damen mit. Dem Wunsche, den Gesang durch Harmoniumbegleitung zu unterstützen, stellte er von seinem religiösen Standpunkte aus kein Hindernis entgegen. An Stelle des Harmoniums trat später die Orgel, 'deren Aufstellung er gerne verhindert hätte. Wie in der Schule und Synagoge, so wirkte er in allen Vereinen der Gemeinde, besonders im Unterstützungsvereine, dessen langjähriger Vorsitzender er gewesen ist. In all seinem Tun war er dem Fortschritte nicht abgeneigt, aber das Alte liebend und verehrend. Bel diesem segensreichen Wirken war es natürlich, daß Vorstand und Gemeinde bestrebt waren, einen solchen Rabbiner für immer an diese zu fesseln. Nach zwei Jahren schon tat der Vorstand alle Schritte zu seiner definitiven Anstellung, die 1873 erfolgte. Im September 1892 waren 25 Jahre verflossen, seit Dr. Stein seine Stelle angetreten hatte. Dieser Tag, der einen Markstein in seinem Wirken bedeutete, sollte auch für die jüdische Gemeinde ein freudiger Erinnerungstag werden. Die Liebe und'Anhänglichkeit der Gelneinde kam in der Synagoge, wo Dr. Salfeld, Mainz die Festpredigt hielt, und bei einem stark besuchten Bankett zum Ausdruck. Vereine und Private wetteiferten in Zeichen der Liebe für den Jubilar. Von vielen schriftlichen Glückwünschen sei nur der folgende Brief des Oberbürgermeisters, des späteren Ftnanzministers Küchler, mitgeteilt: An den Vorstand der israelitischen Gemeinde Worms. Zu meiilem Bedauern .ist mir die liebenswürdige Einladung zur Feier des 25jährigen Dienstjubiläums des Herrn Rabbiners Dr. Stein über Danzig erst jetzt zugegangen, so daß ich auch jetzt erst in der Lage bin, mein Ausbleiben bei der schöllen Feier zu entschuldigen. Daß ich verhindert war, an dem Fest teilzunehmen, ist mir um so bedauerlicher, da ich mit Freuden den Gefühlen höchster Verehrung Ausdruck gegeben haben würde, die die ganze Bürgerschaft für den ehrwürdigeil Geistlichen Ihrer Religionsgemeinde empfindet. In vorzüglicher Hochachtung gez. Küchler, Oberbürgermeister. Dasselbe Bild gewahren wir bei der Feier seines 40jährigen Jubiläums 1907. Dieselbe Liebe, dieselbe Anhänglichkeit, aber leider nicht mehr dieselbe körperliche Kraft. Drei Jahre vorher hatte ihn der Großherzog durch Verleihung des Ritterkreuzes 1. Klasse Philipp des Großmütigen ausgezeichnet. Die Krüste nahmen ab, eiil Augenleiden, das ihli frühzeitig schon befiel, nahm mit den Jahrerl zu und erschwerte ihm die Ausübung seines Berufes, fo daß er sich veranlaßt sah, bei der Grotzh. Negierung und beim Vorstande am 1. April 1910 um feine Entlassung einzukommen. Mit tiefer Betrübllis vernahm die Gemeinde diefen traurigen Entschluß, aber sie mußte sich mit dieser Tatsache abfinden. Am 26. März fand im Festhause eine Abschiedsfeier statt, die in allen ihreil Teilen zeigte, wie fest die Gemeinde mit ihrem Rabbiner verwachsen war; es war ein Abschied wie von einem Vater. Was außer anderen Rednern sein früherer Schüler, I u st i z r a t D r. L ö b , ln inz , der kurz vor seinem Tode durch sein Testament an die deutsche Judenheit „Mehr Steifnackigkeit" besonders bekallnt geworden ist, Rühmenswertes von seinem früheren Lehrer sprach, war llur der Widerhall von dem, was alle Anwesenden empfanden. Der Vorstand ernannte ihn zum Ehrenr a b b i n e r und der Großherzog verlieh ihm zum Ritterkreuz 1. Klasse Philipp des Großmütigen die Krone. In Karlsruhe, wo er seine Jugendjahre verlebt hatte, wollte er seinen Lebensabend verbringen und sich der schönen Erinnerung an die einstige Tätigkeit freuen. Ilmgeben von der treuesten Fürsorge der Seinen, verfolgte er die Strömungen geistigen Lebens im allgemeinen und die des Judentums im besonderen mit größtem Interesse. Am 1. Okt. 1913 feierte er seinen 70. Geburtstag. Da Eres Roschhafchonoh auf diefen Tag fiel, war es dem Vorstande unmöglich, durch eilte Abordnung seine Glückwünsche persönlich zum Ausdruck bringet: zu lassen; er sandte deshalb ein Schreiben, begleitet von einer Blumcnspende. Was so viele an diesem Tage für den ehrwürdigen Greis ausgefprochen und was fo viele intterlich empfanden, es sollte leider nicht in Erfüllung gehen. Tr. Stein starb am 30. Januar 1914, tief betrauert vou feiner Familie, an deren Glück er sich fo lange Jahre sonnen und erfreuen durfte, ebenso tief betrauert von seiner früheren ganzen Gemeinde, feinen vielen Freunden und den vielen, denen er im Leben wohlgetan hatte. Bei der Beerdigung, der auch viele aus der Wormser Gemeinde attwohnten, entwarf Stadtrabbiner D r. Appel ein getreues Bild des Verstorbenen; Stadtverordneter Sigmuttd Mayer 11. sprach im Namen der israelitischen Gemeinde Worms, Rabbiner Dr. Holzer im Namen der Wormser jüdischen Vereine und Prof. Dr. Salfeld im Namen des Hess. Rabbinerverbandes, dessen Vorsitzender der Verstorbene gewesen war. „Was versutlken, kehrt nie wieder, aber gittg es leuchtettd ttieder, leuchtels lange noch zurück."" 3