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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-10-01 · 10 (10.1927) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
10 (10.1927)
Date
1927-10-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Saat und Ernte. Von S. Eschelbach er. Mainz. Ein neues Lesebuch, das in den höheren Schulen eingefükrt worden ist, trägt den vielsagenden und schönen Titel „Saat und Ernte". Neben der Erwerbung von Sachkenntnissen ist der Inhalt besonders geeignet, aus Herz und Gemüt zu wirken. Es soll den jungen Menschenblüten schon in der Schulzeit vor Augen gestellt werden, daß die Höhepunkte menschlichen Strebens und Schaffens „Saat und Ernte" bilden. Dieser Gedanke hat ja auch seinen Niederschlag in dem bekannten Sprichwort: „Wie die Aussaat so die Ernte" gefunden. In unserem jüdischen Schrifttum ist viel Schönes und Treffliches über die Bedeutung der guten Aussaat für eine gute Ernte niedergelegt, wenn das richtige Gottvertrauen damit verbunden ist. Der Psalmist sagt im Psalm 120: „Die in Tränen säen, werden in Freuden ernten. Es geht dahin und weint, wer den Wurs des Samens trägt, doch jubelnd kehrt er heim, tragend seine Garben." Auch in der Malerei haben große Künstler „Saat und Ernte" zum Vorwurf für ihre Darstellungen genommen. Allgemein bekannt sind die Bilder: der Sämann und die Aehrenleserinnen von Francois Mittet, der sich ganz in die Welt der Bibel und des Psalmwortes versenkt hat, und dessen dargestellte Personen von einem heiligen Ernst für ihre Betätigung erfüllt sind. Im Hinblick darauf, daß der Erntesegen der Erde überaus geeignet ist, das Herz zu erfreuen und den Geist zu erheben und zu Gott empor zu lenken, verordnet die Schrift: „Wenn ihr eingesammelt habt den Ertrag des Landes, sollt ihr dem Ewigen ein Fest seiern." Wohl hat das Fest, unser Sukkauthsest, auch eine geschichtliche Bedeutung. Als Hüttenfest erinnert es uns an den Schuh, den Gott unseren Vorfahren in der Wüste angedeihen ließ. Wenn wir die natürliche Bedeutung des Festes, als Fest des Einsammelns ins Auge fassen, sind es besonders drei Punkte, auf welche sich unsere Aufmerksamkeit lenkt: Das Saatkorn, die menschliche Arbeit und der göttliche Segen. Was wir säen, das ernten wir. Diese Wahrheit predigt unter allen Predigern am lautesten die Ernte. Da zeigt sich klar, daß nur gute Saat gute Frucht bringen kann. Wer schlechte Saat gestreut hat, der kann, sei der Boden noch so vortrefflich und das Wetter noch so günstig, keine gute Frucht erwarten. Das gesunde und kräftige Saatkorn behält seine Triebkraft ungeheuer lang. In Aegypten, wo die uralten, steinernen Grabdenkmäler der Könige, die riesigen Pyramiden stehen, zu deren Bau unsere Vorfahren in der Knechtschaft Steine schleppen mußten, öffnete man vor etlichen Jahrzehnten solch ein Grabdenkmal, das seit dreitausend Jahren keines Menschen Fuß betreten hatte. Bei der Mumie eines alten Königs fand sich eine Schachtel mit Weizenkörnern, welche man ihm mit ins Grab gegeben hatte. Man legte solch ein uraltes Weizenkorn in die Erde, und siehe, es keimte und trug noch eine Aehre. Dreitausend Jahre also hatte das gute Saatkorn seine Triebkraft behalten. Bedarf es der Hinweisung daraus, daß dies auch vom geistigen Saatkorn gilt? Das Wort Gottes, das vor Jahrtausenden gesät wurde, hat heute noch die alte Triebkraft und bewährt sie an uns; es wird sie haben und behalten und bewähren bis in Ewigkeit. Von selbst drängt sich wohl den Eltern der Gedanke aus, in die empfänglichen Herzen ihrer Kinder von früh aus den Keim alles Guten zu legen. Das Wort von der guten Kinderstube, die sich ja auch in den einfachsten Häu- 2 fern zeigen kann, ist kein abgegriffenes Schlagwort, sondern hat seine tiefe Wahrheit fürs Leben. Aber nicht nur das ist von Bedeutung, was der Landmann säet, sondern auch w i e er säet, und wie er das Saatfeld bearbeitet. Nicht von jedem Boden können wir dieselbe Frucht erwarten, nicht ein Feld ist zu bearbeiten wie das andere, und nicht jeder Zeitpunkt ist zum Säen geeignet. Was für die Behandlung des Feldes von feiten des Landmannes gilt, das hat auch seine Berechtigung aus dem Gebiete der Erziehung von seiten der Eltern und Lehrer. Wie keine zwei Menschen gesunden werden, die sich körperlich vollkommen gleichen, so auch keine, deren geistige Eigenschaften vollständig identisch wären, eine Beobachtung, die ja die Eltern von selbst an ihren einzelnen Kindern machen können. „Wir können die Kinder nach unserem Sinn nicht formen; so wie Gott sie uns gab, so muß man sic haben und lieben,, sie erziehen aufs Beste und jegliches lassen gewähren." Es darf an Fleiß und Verständnis nicht fehlen, und ganz besonders nicht an Geduld. Wenn der Landmann gesäet hat, muß er sich ruhig verhalten. In der geheimen Werkstatt der Natur und im Menschenherzen regen sich Kräfte, welche Gott in den Samen gelegt hat, und es dauert lang, bis dieser aufgeht. Kleine Kinder, wenn sie ein Samenkörnlein in einen Blumentopf stecken, können nicht erwarten, bis es grünt, und sie graben jeden Morgen nach und wollen sehen, wie weit das Körnlein gewachsen ist. Dadurch zerstören sie den Keim. Erwachsene dürfen keine solche kindliche Ungeduld haben, einerlei ob sie Landleute sind oder Staatsmänner oder was für einen Beruf sie immer 'haben. Nicht zum wenigsten ist dies auch auf Eltern, Erzieher, Lehrer und alle Menschenfreunde anzuwenden. Mau kann das Gras nicht wachsen hören und die Frucht nicht vor der Blüte sehen, sondern muß auf sedem Gebiete zu warten verstehen und wissen, daß zuerst das Gras kommt, dann der Halm und endlich die Frucht. Auch wenn dem Landmann in einem Jahre Enttäuschungen begegnen, so bearbeitet und pflegt er das Feld aufs neue und hofft und wartet auf Frucht im nächsten Jahre; er tut seine Schuldigkeit und überläßt es dem lieben Gott, inwieweit seine Arbeit gesegnet wird. An Gottes Segen ist alles gelegen. „Wenn der Herr das Hans nicht baut, bauen umsonst die Bauleute. Wenn der Herr die Stadt nicht bewacht, so wachet umsonst der Wächter. Es ist umsonst, daß ihr früh aufstehet, und bis spät ausbleibet und esset euer Brot in Sorgen; denn seinen Freunden gibt's der Herr im Schlafe." Ps. 127. Wir aber wollen uns an unserem Feste mit seinen schönen Symbolen freuen. Ist seine Feier doch die beste Widerlegung der antisemitischen Behauptung, daß die Religion der Juden einen kapitalistischen Geist bei ihren Bekennern erzeugt habe. Unsere Vorfahren waren Ackerbauern, und auch aus der spanischen Halbinsel und überall dort, wo sie Grundbesitz erwerben durften, waren sie fleißig und regsam als Ackerleute, Gärtner und Winzer. Und in der Neuzeit sind viele Bestrebungen am Werke, die Juden wieder der ihnen von ihren Vätern überkommenen landwirtschaftlichen Betätigung zuzusühren. Unsere Gegner aber seien an das Wort aus Faust erinnert: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln." Unsere Väter haben zwar nicht immer geerntet, was sie von ihrer Aussaat erwarten durften; aber sie gingen ihr ganzes Leben den Weg der Arbeit und trugen den' Segen ihrer Arbeit in sich und ihren Häusern. Der von ihnen erkannten Ueberzeugung folgend, sind sie unbeirrt durch äußere Erfolge und ungebrochen durch Verfolgungen,

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