Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 9 (9.1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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LT3«a Grundlage stehen, teils auf der des Zentralvereins, sich in öffentlichen Versammlungen Schande und Spott antnn. Sic ist getrennt in religiöser Beziehung: genau wie die Erwachsenen spaltet sie sich in ein orthodoxes und liberales Lager. An diesen: Zustand hat sich vor allem auch nichts geändert seit der gut gemeinten Revolution von 1018. Man sieht: Fragen, die die jüdische Jugend berühren, gibt cs die Fülle. Es ist hier nicht der Ort zu untersuchen, wie sw vielleicht im einzelnen gelöst werden könnten. Wer aber kümmert sich überhaupt um sie? Tie Jugend im allgemeinen erfährt ja heute inehr als je ciiw Behandlung, die ihrer besonderen, ihrer jugendlichen Einstellung gerecht zu werden sucht. Besonders auf dem Gebiete der Rechts- und Wohlfahrtspflege und der Pädagogik sind gerade in den letzten Fahren wesentliche Aenderungcn zum Besseren eingetreten. Tie jüdische Fugend dagegen kann nicht von sich behaupten, daß ihre besonderen Interessen von seiten der jüdischen Tessentlichkeit eine besondere Würdigung erfahren. Fch spreche hier nicht von der noch schulpflichtigen Fugend: sie ist zu Hause und in der Schiile ivenigstcns im allgemeinen gut „aufgehoben". Unter jüdischer Fugend verstehe ich in diesem Zusammenhang in erster Linie die Fugend vor: der Zeit der Schulentlassung bis zu der Mitte der zwanziger Fahre, die Fugend in jenen entscheidenden Fahren also, in denen sich das geistige Gesicht, dw geistige Figur eines Menschen bildet. Wer aber küinmcrt sich nn: die Fragen, die diese jüdische Fugend angehcn? Tie Eltern? Es ist heute leider vielfach so, daß Eltern für die Empfindungen und Regungen ihrer über ein gewisses Alter binansgekommenen Kinder nicht mehr das erforderliche Verständnis ansbringcn können. Mit ihrem Fndentum vollends wissen heilte die meisten jüdischen Eltern so wenig mehr anznfangen, daß sie ihre auch darin sehr anspruchsvoll gewordcncl: Kinder nicht noch darin unterrichten können. Von den Eltern also kann im allgcuieincn eine Erneuerung nicht ansgehcn. Tie Rabbiner und Lehrer? Sie tun für die jüdische Fugend alles, was in ihren Kräften steht. Tafür ist ihnen die jüdische Tessentlichkcit den größten Tank schuldig. Es versteht sich aber von selber, daß ihre Kräfte, die größtenteils von ihrem Hauptberuf in Anspruch genommen werden, nicht ansreicheu. Tein wäre auch lücht gut so. Tenn es ist leider festznstellcn, daß aiich die -jüdische Fugend, instinktiv, ans der Erinnerung noch vo:: der Schulzeit her, mit einer gewissen Skepsis alle dem begegnet, was von „Lehrerseite" kommt. Tie Akademiker? Auch hier muß leider sestgestellt werden, daß vor allein die jungen jüdischen Akademiker, die am ehesten dazil berufen wären, Führer der jüdischen Fugend gu sein, sich der Mitarbeit in jüdischen Jugendsragen fast ausnahmslos versagen. Tie Fugend selber? Entweder iveiß sie von den jüdischen Fragen, um die sie sich kümmern sollte, überhaupt nichts, oder sie steht ihnen, mit wenigen Ausnahmen, ratlos gegenüber. <-o sind es bisher in: allgemeinen nur die Fugendvereine, die sich, wenn auch mit geringem Erfolg, mit den Angelegenheitei: der jüdischen Fugend besaßt haben. Damit dieser Erfolg ein größerer werde, bedürfen sie aber der Unterstützung. Tiefe Unterstützung steht in erster Linie den neutralen Jugendvereinen zu, denjenigen Fugendvereinen also, die sich in jüdischen Fragen nach ^irgend einer Seite hin nicht festgelegt haben, vielmehr jeden Standpunkt, der ein aufrechtes Judentum vertritt, tolerieren. Zwei Gründe, ein äußerer und ein innerer, sprechen für die Unterstützung gerade der neutralen Jugendvereine. Tenn einmal stehen hinter denjenigen Jugendvereinen, die in jüdisch-politischer oder religiöser Hinsicht einseitig orientiert sind, an sich schon . große politische oder religöse Organsationen. Diese anderen Jngcndvereine brauche:: also diese Unterstützung nicht oder doch nicht so notwendig. Außerdem aber sind die neutralen Jngcndvereine dieser Unterstützung auch am ehesten würdig: sie ^wollen der Sammelpunkt der jüdischen Jugend sein; die Stätte, ch: der sich junge jüdische Leute auch entgegengesetzter Anschauungen zur Aussprache über diese Anschauungen und zu einem besseren gegenseitigen Verständnis ein Stelldichein geben. Ich weiß: daran, daß die neutralen Jugendvereine heute größtenteils so sehr darniederliegen, sind nicht zuletzt sie selber schuldig: schlechte Organisation; mangeli:der Eifer der Vorstände. Meines Erachtens kommt aber noch'ein anderer, wichtiger Grund hinzu. Tie Fugeudvcreiuc entbehren heute noch der tatkräftigen Unterstützung der einflußreichsten Stellei: im Leben der jüdischen Oessentlichkeit: der jüdischen Genwinden. Ich denke dabei nicht ai: die einzelnen Gemeindemitglieder, vielmehr an deren offizielle Vertretungen, in erster Linie also die Vorsteherämter. Ich denke auch nicht an diejenigen, besonders Landgemeinden, die wegen der Knappheit ihrer Mittel und der geringen Anzahl ihrer Mitglieder mit sich selber genug zu schassen haben. Ich weiß auch, daß es auch hier wie' überall rühmliche Ausnahmen gibt: was tun heute im allgemeinen die Gemeinden für das geistige Wohl der schulentlassenen jüdischen 10 Jugend? Was tun sie — was heute beinahe dasselbe ist — für die Jugendvereine? Es' will mir scheinen, als ob die Gemeinden heute ihre Aufgabe allzusehr auf verwaltuugstcchnischem Gebiete erblickter: anstatt, wie cs ihrer Stellung entspräche, darin, geistige Führer der jüdischen Tefsentlichkeit zu sein. Tie Jugcndvcrciue bedürfen der materiellen Unterstützung der Gemeinden. Sie brauchen Geld. Es rnüßte sich ermöglichen lassen, daß in dein Gcmeindeetat laufend entsprechend der Mitgliederzahl eines Jugcndvereins ein bestimmter Betrag ausgeworscn wird. So müssen die Jugendverciiw von Fall zu Fall mit Gesuchei: antichambrieren. Oder sie urüssen -der: Mitgliedsbeitrag ii: einer Höhe sestsetzeu, der zu der Zahlkrast vor allem der jilgeudlichen Mitglieder außer Verhältnis steht. -Oder müssen sie endlich Bettelbriefe in die Welt hinausscndcn, ärgerlich für den Verein wie die Empfänger und sehr oft ohne Erfolg. Weil die Fugcn-dvercine kein Geld haben, fehlt es an Bibliotheken. Der Hinweis aus die Bibliothekei: anderer Stellen kann nicht durchschlagen. Denn, da die Jugend andere geistige Bedürfnisse hat als die Erwachsenen, braucht sie auch andere, eigene Bücher. Vor allen: aber fehlt es an geeigneten Räumen. Es dürfte nicht Vorkommen, daß die Jugendvereine ihre Veranstaltungen in Hinterzimmern von Wirtschaften und ihre Sitziingen in engen Schulziinmcru abhaltcn müssen. Weil es cn: Geld, fehlt, müssen die Jugendverciiw in ihren: Programm Kompromisse schließen: sie iiiüsscn, lediglich aus Propagandazweckcn, Veranstaltungen ansetzen, die mit ihren: eigentlichen Aufgabenkreis nichts zu tun habe::, und umgekehrt niüssci: sie ailf Veranstaltungen verzichte::, die dringend geböte«: ivären. Mehr noch aber als der materiellen bedürfe»: die Jugcndvereine der ideellen Unterstützung durch die Gemeinden. Die Jugendverciiw, vor allem die neutralen, können nur arbeite::, wein: sie wissen, daß jemand hinter ihnen steht. Die Gemeinden inüßtcn in der: Ausschüssen der Jugcndvereiue vertreten sein. Die Fugcndvcreine und ihre »neist jugendlichen Leiter sind nicht so eingebildet, daß sie glaubten, alles allein und besser zu wissen; in: Gegenteil: sie sind für jeden wohlincinenden Ratschlag nur dankbar. Die Gemeinden mühten überhaupt in den Jugendvercincn nach den: Rechten sehen: die Vertreter der Gemeinden müßten selber die Veranstaltungen der Jugendvcreine besuchen, dann aber auch in ihrem meist selber sehr einflußreichen Bekanntenkreise zur Mitarbeit in dc>: Jugendvereinen auffordern und werben. Es will mir scheinen, daß ein gewisser Unterschied besteht, ob es den: ersten besten Unterhaltungsverein g::t geht oder nicht, oder einem Jugendverein. Es will n:ir auch scheinen, daß die Gemeinden mit ihren: Entgegenkommen den Jugendvereinen keine Gnade zeigten, sondern lediglich ihre Pflicht täten. Umgekehrt: ließen sich die Gemeinden die Sorge um die jüdische Jugend mehr als bisher angelegen sein, so würde sich wohl auch die jüdische Jugend mehr um die jüdischen Gemeinden küniuwrn. Sie würde von deren Institutionen erfahren, von denen sie heute größtenteils überhaupt nichts weiß. Sie würde sich an den Wahlen beteiligen, denen sie heute — uurichtigerweise — völlig gleichgültig gegenüber steht. Sie würde vielleicht auch zum Gottesdienst zurückkehren. Man sieht: nicht nur den Jugcndvereinen wäre mit einem tieferen Verhältnis zwischen jüdischen Gemeinden und Jugendvereinen gedient. Wie überhaupt der Kamps der Jugendvereine nicht um die Jugendvereine als Vereine geht — es scheint leider in weiten Kreisen diese falsche Ansicht zu bestehen —, sondern um die jüdische Jugend als solche; damit aber^um das Judentum überhaupt. Und so wohl auch um das Schicksal der Gemeinden selber. Gerichtsassessor Dr. Walter E i n st e i n , Stuttgart, 1. Verband der jüd. Jugendverciiw Deutschlands. Treffen der süddeutschen Jugendbünde des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands veranstaltete am 14. August in Gaimühle-Eberbach a. Neckar ein Tressen für seine süddeutschen Vereine, an dem über 200 Jugendbündler aus Stuttgart, Eßlingen, Heilbronn, Bruchsal, Karlsruhe, Pforzheim, Emmendingen, Landstuhl (Pfalz), Homburg (Saar), Ludwigshafen, Frankenthal, Worms, Mainz, Höchst, Wiesbaden, Offcnbach, Hamborn und Frankfurt a. M. teilnahmen. Ein Tressen mit den Divergenzen, die ein Zusammenströmen vieler Menschen, besonders junger Menschen, notwendigerweise mit sich bringt, ein Treffen aber auch, das richtunggebend sein ka:u: und soll. Die sportlichen Wettkämpfe, die wohl immer — und mit Recht — derartige Fahrten begleiten werden, mußten wegen des stark einsetzenden Regens ein vorzeitiges Ende nehmen. Es muß