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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-09-01 · 9 (9.1927) · p. Seite 9

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
9 (9.1927)
Date
1927-09-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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* Völker des Altertums, ja selbst die Kuustschähe des alten Griechenland, so veredelnd sie auch in ästhetischer Hinsicht auf die Menschheit gewirkt haben, was haben sie in der Tat zu bedeuten gegenüber dem unsterblichen Verdienst unserer Ahnen, von denen einst die Lehre und das Wort des Herrn ausgegaugen ist, jenes unvergleichlich herrliche Buch, das — gleich ausgezeichnet durch Schönheit der Form wie durch die versittlichende Kraft seines Inhaltes — nunmehr schon seit Hunderten von Jahren für die ganze zivilisierte Welt eine nie versiegende Quelle des Trostes und der Belehrung geworden ist? Jenes Buch, das zu einer Zeit und in einer Umgebung entstand, wo die Finsternis des Götzendienstes mit all seinen Greueln das Denken der Menschen gefangen hielr, wo das Leben des Schwachen und Wehrlosen für ein Nichts galt, wo es für kein Verbrechen gehalten wurde, das schwache Kind dem Hungertode in deii Bergen auszusetzen und den schutzlosen Fremdling zum Opferaltar zu führen, bis das israelitische Volk kam und die Selbstheiligung, die Gleichheit aller Menschen vor Gott, die Ebenbürtigkeit des Fremden mit dem Eingeborenen, Bis es der Welt Menschlichkeit und Sittlichkeit brachte? Wer hat die Armen aus dem Staube, die Notleidenden, die Verwaisten und Hilflosen aus dem Aschenhaufen erhoben? Das israelitische Volk! Wer hat den ewigen Frieden als heiliges Ideal für die Zukunft aufgestellt, daß ein Volk gegen das andere nicht mehr das Schwert zücken, daß sie nicht mehr die Kriegskunst erlernen sollen? Israels Propheten! Sagt, wenn wir uns all dieses vergegenwärtigen, dürfen wir uns daun nicht freuen ob unserer herrlichen Aufgabe, ob der Bedeutung Israels in der Entwicklung der Menschheit? Dürfen wir nicht freudig bekennen: Ich bin ein Jude, ein Nachkomme jenes Stammes, der der Welt den Monotheismus, den wahren Gottesglauben und die Sittlichkeit geschenkt hat? Aber nicht allein die Tatsache, daß dem israelitischen Volke von der Vorsehung die Aufgabe zuerteilt wurde, das Licht des Gottesglaubens der Welt zu bringen, erfüllt uns mit freudigem Selbstgefühl, sondern auch die Art und Weise, wie das Judentum dieser seiner Aufgabe gerecht geworden ist, wie es Jahrhunderte lang willig den Haß und die Verachtung der Nationen aus sich lud, um der Religion zu dienen, die es von feinen Vätern übernommen und für gut und richtig befunden hatte, il^r könnte alle Taten stillen Leidens und Duldens aufzählen, von denen kein Lied, kein Heldenbuch meldet, wer könnte von all jenen Helden Kunde geben, die mit dem Bekenntnis der Einheit Gottes auf den Lippen mutig den Märtyrertod starben? „Wenn es eine Stufenleiter von Leiden gibt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen wurden, adeln, so nehmen es die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf." Und ist dieses unter so ungeheuren Opfern erkailfte Ausharrcn im väterlichen Glauben, ist dieses stille Märtyrertum nicht ungleich höher zu schätzen als der Kampf eines Volkes um Haus und Hof? Ja, die Bücher unserer Vergangenheit sprechen von unvergleichlichem Weh und beispiellosem Jammer, aber wir sind nicht unterlegen. Freudig dürfen wir mit dem Psalmisten ausrufen: „Sie haben mich bekämpft von Jugend au, doch überwältigt haben sie mich tticht. Auf meinem Rücken haben sie ihre Furchen gezogen, aber der Herr ist gerecht; er zerschnitt das Seil der Frevler." Unsere bisherige Betrachtung hat uns den Beweis geliefert, daß das Wort unseres' Textes uns mit Genugtuung erfüllen muß im Hinblick auf die Vergangenheit Israels. Berechtigt uns aber die Entwickelung des Judentums in der Gegenwart zu einer ähnlichen Empfindung? Nur wenige Jahrzehnte trennen uns von der Zeit, wo den Juden in Europa das Morgenrot einer neuen Freiheit aufging, und doch — wie kraftvoll hat sich das Judentum entfaltet. Mit Freude darf es uns erfüllen, daß überall dort, wo man den Juden am Wettstreit der Geister teilnehmen läßt, aus unseren Reihen gar viele treffliche Männer hervorgegangen sind, Männer, die nicht allein im Handel, in der Industrie und im Gewerbe, sondern auch in Kunst und Wissenschaft, im gemeindlichen und staatlichen Leben Großes geleistet haben. Zeugt das nicht von einer unvergleichlichen Lebenskraft, zeugt das nicht davon, daß im Judentum ein gesunder Keim liegt, der selbst durch die Jahrhundert langen Ghettoleiden nicht getötet werden konnte? Die schützende Hülle aber, die diesen Keim umgab, dw Macht, welche unseren Vätern die hohe Sittlichkeit und das Interesse an geistiger Tätigkeit erhielt, das war die Religion. Sie war es, welche unsere Ahnen vor dem Untergänge bewahrte und die auch in den Nachkommen die alte Kraft lebendig erhalten hat, die Kraft, die sich im Lichte der Freiheit in Taten nutzbringender Arbeit umsetzen mußte. So muß uns auch im Hinblick auf die rasche Entwickelung des sozialen Judentums in den letzten Jahrzehnten, auf die unstreitigen Verdienste, die sich jüdische Männer in allen ihnen zugänglichen Wissenszweigen erworben haben, auf den Bildungsdrang, der unsere Glaubensgenossen beseelte, uns unsere Zugehörigkeit'zum Judentum mit Freude erfüllen, zugleich aber auch mit'Dank gegen Gott für die segensreiche Lehre, die er uns gegeben hat, an der sich erfüllt hat das Wort des Psalmisten: „Em Baum des Lebens ist sie denen, die sich an ihr festhalten, und wer sie erfaßt, ist beglückt." , Wollten wir bei diesem Punkte unserer Betrachtung steyen bleiben, so würde man uns vielleicht einwenden können: Gewiß, die Vertreter unseres Glaubens haben sich rasch zu angesehenen und einflußreichen Stellungen emporgerungen, aber nur Egoismus ist die Triebfeder ihrer Handlungen, ein Vorwurf, der uns gar zu oft von gegnerischer Seite gemacht wird. Gesetzt nun auch, es wäre tatsächlich nur: Liebe zu der eigenen Person, der wir unsere Erfolge zu verdanken haben; kein Einsichtiger könnte deswegen uns tadeln, sofern wir den Erfolg unseres Strebens nicht nur uns selbst, sondern auch der Allgemeinheit nutzbar machen. Und dieser Pflicht kommt, der Jude im weitesten Maße nach. Nicht nur seinem Hause, seinen Angehörigen und seinen Glaubensgenossen wendet er seine Fürsorge zu, sondern auch dem Fernerstehenden, dem Fremden leiht er willig seine Kraft und feine Hilfe, mag es sich um ideale Bestrebungen ganzer Klassen oder um das Wohltun im Stillen handeln. Dafür sprechen zahlreiche Beispiele des täglichen Lebens. Und wie sollte es auch anders sein bei den Nachkommen Israels, dessen ganzes Leben in der Geschichte einen unaufhörlichen Kampf darstellt für die Wahrheit des einig-einzigen Gottes, der seinen Bekennern als chöchstes Gesetz die Vorschrift gab: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst" lind „Einerlei Gesetz soll Dir sein und dem Frenidling in Deiner Mitte." Ja, die Erwählung Israels zum Künder des einen Gottesglaubens, der heldenmütige Kampf Israels in der Geschichte, die Leistungen des Judentums in der Gegenwart, die Betätigung der Pflichten der Nächstenliebe in unseren Reihen, sie gewähren uns das Recht, uns mit Stolz Juden zu nennen. Aber wir wollen auch stets im Leben uns dementsprechend verhalten, vor allen Tiiigen dadurch, daß wir aufhören, uns unseres jüdischen Namens zu schämen. Erst wenn wir wieder unsere Selbstachtung gewonnen haben, dürfen wir auf die Achtiiiig anderer rechnen. Lasset uns freudig die Opfer bringen, die uiis unserer Religion wegen aiiferlegt werdet!. Und wenn man uiis fragen sollte: Welcher Religion gehörst Tu an? Tann wollen wir nicht mit dem Gefühle der Selbstüberwindung, sondern frei und offen bekennen: Ich bin ein Jude, und den Herrn, den Gott des Himmels chrfürchte ich! Ich bin ein Jude, der mit Gott verbunden ist, mit Gott kämpft gegen die Mächte der Nacht! Ich bin ein Jude, ein Sohn jenes Stammes, aus dessen Mitte hervorgegangen finb die Propheten und Psalmisten, die der Menschheit die Religionslehre uiid die Lieder der Gotteshärrser geschenkt haben! Ich bin ein Jude, der für feinen Gott zu leben, für seinen Gott zu sterben weiß! Die Jugend in der Gemeinde. Der Verbaiid der (Neutralen) jüdischen Jugcndvereine Deutschlands, der in letzter Zeit mit Erfolg bemüht ist, die gelockerten Beziehungen der jüdischen Jugendvereine des Reichs wieder enger zu knüpfen, veranstaltet in diesen Tagen eine Werbewoche unter dem Thema: „Tie Jugend in der Gemeinde". Dieser Versuch, die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffcntlichkeit in erhöhtem Maße auf die Gegenwartsprobleme der jüdischen Jugend zu lenken, ist auf das Lebhafteste zu begrüßen. Er verdiente es, von allen maßgebenden Seiten mit der nötigen Energie unterstützt zu werden. Vor kurzem erschien ein Buch des bekannten amerikanischen Jugendrichters L i n d s e y (Tie Revolution der modernen Jugend), in dem er die sittliche uiid gesellschaftliche 3co± der gegenwärtigen amerikanischen Jugend darstellt und ihre, wenn auch noch scheue, Aiiflehiiuiig gegen überkommene Aiischauuiigcn und Regeln der „guten" Erziehung. Noch ein anderes Buch ist kürzlich erschienen: Ter kleine Prophet, von Edmund Fleg, einem Franzosen. Er erzählt hier, in fast rührender Weise, die Geschichte eines kleinen Franzosenjuugcn, der seinem (allerdings besonders gearteten) Judentum, von dem er anfänglich überhaupt nichts wußte, in heißem Bemühen nahe kam. Mit dem Hinweis auf diese beiden Bücher werden die Fragen angeschnitten, die heute die Jugend im allgemeinen und die jüdische Jugend im besonderen angehen. Die jüdische Jugend leidet und hat zu kämpfen wie die andere: sie hat sich, genau wie die andere Jugend, mit den geistigen und wirtschaftlichen Umschichtungen auseinanderzusetzen, die sich seit Krieg und Kriegsende vollziehen. Die jüdische Jugend aber leidet und hat zu kämpfen noch mehr wie die andere: nach außen hin hat sie sich mit dem Antisemitismus und dessen Anfeindungen herumzuschlagen. Nach innen hildet sie das getreue Spiegelbild der erwachsenen Juden: sie ist sozial gespalten. Nur daß diese sozialen Unterschiede bei den täglichen Berührungen mit der anderen Schicht noch krasser empfunden werden und tiefere Wunden schlagen. Sie ist zerrissen in politischer Hinsicht: es bietet ein übles Bild und hinterläßt schmerzliche Eindrücke, wenn jüdische Studenten, die teils auf zionistischer 9

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