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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-09-01 · 9 (9.1927) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
9 (9.1927)
Date
1927-09-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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der Thorah vorgelesen war, als der Anfang der Thorah:*) Anfang und Ende der Thorah, durch den Geist des Versöhnungstages miteinander verbunden. Beide Stellen künden von der Sonne, die eine von ihrem Aufgang, die andere von ihrem Untergang. Was ist es denn, was dem Jom-Kippnr einen Glanz gibt, daß wir -- längst in den Alltag zurückgekehrt, noch ein stilles Leuchten in unserem Herzen tragen, was anders als daß dieser Tag selbst ein Sonnenaufgang ist, ein Morgen, ein neuer Anfang in unserem Leben. Was anders aber auch, als daß über ihm ebenso gebreitet liegt die stille Feierlichkeit eines Sonnenunterganges — zumal in der Scheidestnndc, zu N'ilah, da alles von Minute zu Minute stärker an Abschied gemahnt, immer stärker das Ahnen in uns erwacht an jene Stunde, da auch unseres Lebens Sonne sich dem Untergange neigt und wir mit einem letzten Blick der Liebe noch einmal alle die segnend umfassen, die unserem Herzen nahe standen. Das Ende der Thorah kündet von: Untergang der Sonne. Es ist die strahlendste, die jemals dieser Erde leuchtete, es ist die Lebenssonne unseres großen Führers Mose. So viel erhabene Stellen die Thorah auch besitzt, keine wohl ist so ergreifend, keine wohl so aus jüdischem Geiste geboren, wie der Bericht von der Sterbestunde des Mose. Ein M e n s ch st i r b t, das ist der Sinn der wenigen Sätze, die wir mit bewegter Seele lesen. Auf beiden Worten liegt der Ton: aus dem Wort „sterben" und dem Wort „Mensch". Das Wort „sterben" gibt dem Bericht das Große, das Feierliche, und das Wort „Mensch" gibt ihm die demutsvolle Zurückhaltung, ausgedrückt durch jene Keuschheit der Sprache, wie sie in unerreichter Meisterschaft nur die Bibel besitzt, jene Keuschheit der Sprache, die mehr verhüllt als entschleiert, mclw andeutet als ansspricht. Das empfinden wir vor allem in dem Satze, der uns Nne keine andere Stelle der Heiligen ^christ die ganze Größe des Mose nahebringt: m r.x ‘r nsrn r:r, p: p „Josua, der Sohn des Nun, war erfüllt vom Geiste der Weisheit, denn Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt." Die ganze Größe des Mose? — Klingt das nicht wie Uebertreibung? Hier ist doch kaum von Mose die Rede? Von Josua ist die Rede, daß er „erfüllt war vom Geiste der Weisheit"! Wir haben Mose mit einer Sonne verglichen. Wie man die Kraft und Schönheit der Sonne niemals empfindet, wenn man in sie hineinschaut, sondern nur, wenn man ihre Wirkung beobachtet, das Licht, die Wärme, den Segen, den sie allen Wesen beglückend spendet, so verfährt die Heilige Schrift bei der Schilderung des Mose. Viel zu erhaben, ihn selbst schildern, ihn selbst iit Worten zeichnen zu können, weist sie nur aus den Segen, aus die Wirkung hin, die von diesem einzigartigen Menschen ausgeht. Von Josua spricht sie, dem Jünger des Mose, i h n rühmt sie, und zwar das Höchste, was man von einem Menschen rühmen kann: „daß er erfüllt war vom Geiste der Weisheit" und läßt uns nur ahnen, daß diese Weisheit stammt von einem anderen, der tausendmal größer war als er, von einem, der ihn nur zu berühren, nur seine Hände aus ihn zu legen brauchte, um ihn der Fülle seines Segens teilhastig werden zu lassen. Tie Hände des Mose! Wer den Sinn der ganzen Heiligen ^christ in wenigen Sätzen kennen lernen will, der braucht nur die Erzählungen zu lesen, in denen von den Händen des Mose die Rede ist: Tie Hände, die das Antlitz verhüllen in scheuem Erbeben, als Gott dem Mose am Dornbusch erscheint, die Hände, die den Stab erheben in gläubigem Vertrauen, als Gott die Wogen des Schilfmeeres teilt, die Hände, die die Tafeln des Gesetzes zerbrechen in heiligem Zorn, die Hände, die unermüdlich treuen Hände, die Tag und Nacht sich regen für sein so störrisches, hartnäckiges und doch von ihm über alle Maßen geliebtes Volk — das alles braucht man nur zu lesen, um zu wissen, was das Judentum unter Ehrfurcht, was das Judentum unter Glauben, was das Judentum unter heiligem Zorn, unter Kraft, unter Hilfsbereitschaft versteht. Kein Bericht aber ist vielleicht so eindrucksvoll, keiner so geeignet, uns in der N'ilahstunde Kraft für den Alltag mitzugeben, wie die Erzählung vom dem betenden Mose. Mose steht aus dem Berge, die Hände im Gebet erhoben für die drunten im Tale kämpfenden Brüder. Aber Mose ist nicht allein. Zwei Gefährten stehen rechts und links von ihm, die ihn stützen. Und unter dieses wundersame Bild setzt die Heilige Schrift die Worte, gleichsam den ganzen Lebensinhalt unseres Lehrers Mose widergebend: „Seine Hände waren Treue bis zum Untergang der Sonne." Wir haben Mose mit der Sonne verglichen. Ein Leuchten ging von ihm aus, ein Segen. Seine Hände waren es, die segneten, seine Hände waren es, die leuchteten. In der Erzählung von dem betenden Mose auf dem Berge liegt der Quell für das Licht, liegt der Schlüssel für den Segen. Weshalb ward Mose so groß? Weil er sein Leben lang sich selbst klein gedünkt, weshalb durste er hinansteigen zur Höhe Gottes wie kein Sterblicher fonft, weil *) Als später das Fest der „Thorahfreude" auf das Schlußfest verlegt wurde, trat an diesem Tage zu 7W1 Gen. Kap. 1 als neue Perikope hinzu. (Siehe Elbogen, Der jüd. Gottesdienst, S. 167.) 6 UIUK Uli lUU'lUf C-lll Iv v ./ ' 'V vc 2 - it ü tz t sich, stützt sich ans die drei Machte, ohne die 10 lagen innere Lehrer — kein Mensch wahre Größe zu erringen vermag, drei Mächte, die eine von ihnen sichtbar, die beiden anderen unsichtbar. Tie sichtbare Macht, das ist der Mensch neben und mit uns, und die unsichtbaren Mächte: es ist iin Himmel über uns, unser Gott, und es sind in der Erde unter uns unsere Vater uiid Mütter, die längst im Grabe schlummern, deren Geht und bereit Blut aber unseren Geist uiid unser Blut gestaltet haben. N'ilah entläßt uns, u»i ben Kamps des Lebens wieder aufzilnehmen. Wie wären wir besser gerüstet als mit dem Bilde der zum Himmel erhobenen Moseshände im Herzen. Das iit vielleicht die erhabenste Lehre des Versöhnungstages: Eiiier muß den arideren stützen, ein Mensch den arideren, ein Volk das andere, eine Religion die andere. Das ist der „Geist der Weisheit", den die Moseshände — wie ciirst dein Josua — so jetzt uns m die Seele Wersen. Wir solleir uns stützen aus den Menschen. Aber in aller Geineinsamkeit mit anderen Menschen, in allem Vertrauen zu denen, die mit uns gehen, laßt uns iricht vergesseir, daß alles Irdische zerbricht, alles Sterbliche vergeht. Laßt uns eingedenk bleiben jener Stütze, die, wie sie einst unsere Väter im Lebenskampf begleitete, so auch uirs altein die wahre Kraft zrr geben vermag, und das ist der alte treue Gott der Väter, der der Hüter Israels. So gewappuet wollen wir die Werktagsarbeit^ wieder aufnehmen, wie Mose getreu bis zum lliitergaiig der Sorine, getreu bis zu jener Stunde, da wir die müden Hände sinken lassen, da unsere Seele sich einporschwingt in das Reich des Friedens und CSr>r'rfirfiff'if Si'S fvvmrtfm 1,1,8 eritimblet" — im ewiaen Leben. Die Orthodoxie in der Organisation der Gemeinden. Bis zum Streit um die Liturgie des Hamburger Tempels, gegen den der große Sohn der Mainzer Gemeinde, Jsaac Bernays s. A., in vorderster Reihe gekämpft hat, waren die Kultuseinrichtungen der jüdischen Gemeinden Deutschlands einheitlich. — Unbedeutende örtliche Verschiedenheiten des Minhag spielen hierbei keine Rolle. Als jedoch die Modcrnisierungsbestrebungen in die Bet- und Lehrhänscr eindrangen und mit äußeren Angleichungen, wie hochdeutsche Predigt, Ehoralgesänge der männlichen Synagogenbesucher, Auttsrobe des Predigers, Rednerpult abseits der Estrade in der Mitte, mit Konfirmation bezeichnete Religiousprüfung der religiösmündig gewordenen Jugend, Baustil des Bethauses, nicht aufhörten, wurden auch durch Einführung willkürlicher Neuerungen variierende Liturgien in Deutschland und damit Gegensätzlichkeiten innerhalb der einzelnen Gemeinden geschaffen. — Wohl blieb kau in eine größere Gemeinde von den hierdurch hervorgerufenen Kämpfen verschont, jedoch waren diese Kämpfe sowohl m ihrer Form, als in der Art ihrer Abwehr durchaus verschieden. In Hainburg wurde die Gemeinde areligiös gestaltet und es wurden für den Kultus zwei Sonderverbände gebildet. In Breslau wurden zwei getrennte Kultuskommissionen innerhalb der Einheitsgemeiiide errichtet. .In Berlin/ wo immerhin der Ritus der „Alten Synagoge" unveräiidert blieb, schlossen sich die Traditioiistreuen, wie in Frankfurt a. M. und in anderen Plätzen innerhalb der Zwangsgemeinde zil Kultusvereinen und erst nach ihren späteren Erfolgen auf dem Wege der Gesetzgebung, zu Separatgemeinden zusammen. Diese durch die liberalere Gestaltuiig der Gesetzgebung geschaffene Lage stellte die deutsche Judenheit vor ein Novum, zu dein Stellung zu nehmen fast ausschließlich die Orthodoxie berufen war. Jii Posen bestand früher eine liberale Synagogenvereiiiigung, dieselbe ist jedoch schon vor dem Kriege von der Gemeinde etatisiert wordeii. Wenn auch die Frage der Austrittsmöglichkeit uiid der Gemeindebildungsform nur für wenige größere Plätze von Interesse war und ist, und Austritte iin allgemeinen iricht Vorkommen, so war gleichwohl das Austrittsgesetz (Preußen 28. Juli 1870, Hessen 10. Sept. 1878) für die jüdischen Verbände innerhalb der Orthodoxie von hoher Bedeutung. Alle iin jüdischen Gemeindeleben Stehenden, auch sofern sie Mitglieder orthodoxer Austrittsgemeinden sind, wissen die religiöse Verpflichtung der Zugehörigkeit zur örtlichen Religionsgemeinde im allgemeinen zu würdigen. Meinungsstreit besteht nur über den Zeitpunkt des Erlöschens dieser Verpflichtung gegenüber einer Gemeinde, die Einrichtungen unterhält, die der Tradition widerstreiten. <y

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