Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 9 (9.1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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lim und her bewegt. Darum heil dem jüdischen Jüngling, heil der jüdischen Jungfrau, in denen die Liebe zu den Eltern, die Liebe zu den Geschwistern, die Rücksicht aus die Familie so gewaltig leben und wirken, daß sie fest wie der Fels dastchcn, der nicht wanket und nicht weichet! Fürwahr das fromme Elternhaus vermag gar Wunderbares den Kindern mit auf den Lebensweg zu geben, daß sie des rechten Zieles nicht verfehlen! Ganz gewiß heute mehr als früher ist der Satz des Propheten Jeremia von der weinenden Mutter geeignet unser Denken und Empfinden beim Beginne des neuen Jahres zu erfüllen. Ja, wir stimmen ein in den Hymnus auf die Esches eliajil im' letzten Kapitel der Sprüche Salomos: „Rabbaus bonaus ossu chojil weat oli.s al kullono". „Viele Franen haben sich wacker erwiesen, Du aber, o Mutter, hast sie alle übertroffen!" Volk der Thora. Rabbiner Tr. Ignaz M a y b a n m , Bingen a. Rh. Unter den Bezcickmungen, die die Neuzeit dem jüdischen Volk gegeben hat, verdient das Beiwort, das uns das Volk des Buches nennt, unsere Aufmerksamkeit. Wir Juden sind das Volk des Buches: die Heilige Schuft 'st für umer Sck'ckfal das Klima aewesen, das uns gebildet bat Das bedeutet wer u'^'t, dm de" md-sicke Mmick <iu intllükun bcr Tvn -s ü ^as i"d sche o'k Vckk von Büchcrwsern und solckcn, d e nur :n Ge' sin. m d k u asi'o n-ck't uns d.r UnmK.elbaeke't d.s natürlichen Eensins und Empfindens. Das Buch, von dem die Rl.de ist, ist die Heilige Schrift. D'cse liest man nickt, 10 wie man Bücher liest und weglegt. Die Heilige Schrift lebt man. Sie eröffnet uns den Inhalt der jüdischen Frömmigkeit, ist die ewige Wiederholung und daher immer die einfache Sprache von dem Einen, das not tut, und ist fern von aller Sckriftgelahrtheit. Das jüdische Volk als Volk des Buches ist nicht Träger irgend einc§ Bildungsstoffes, sondern ist Träger des Gotteswortcs. Das Wort Gottes nennen wir die Thora. Die Verwechslung von Frömmigkeit mit einer Art von Wissen ist in der jüdischen Geschickte selbst angelegt nnd aus ihr erklärlich. Als nach der Rückkehr aus Babylon die Juden daran gingen, sich geistig einzurichten, war die Situation folgende: Tie Heilige Schrift — zum größten Teil wenigstens — war vorhanden, es war nur die Frage, wie gelangt sie zu allen Teilen des Volkes. Da entstanden die Einrichtungen der Schriftvorlesung und der Schrifterklärung in der Synagoge, und neben der Synagoge entstand das Lehrhaus, in dem in aller Energie die Heilige Schrift durchforscht und alle Möglichkeit, ihren Gehalt in die Praris umzusetzen, gesucht wurde. Das Ziel wurde erreicht: das ganze Leben des jüdischen Menschen von der Kindheit b's zum Grabe war begleitet von religiösen Vorschriften und Lehren. Für den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend, für jede Stunde und jede Situation war alles geschaffen, was zum religiösen Hausrat gehörte: Segenssprüche, Gebete, Spruchweisheit und religionspädagogische Erzählung. Eine religiöse Kultur, fest verwurzelt in'allen Teilen des Volkes, entstand. Es ist begreiflich, daß die Kräfte, die dieses Werk geschaffen haben, in der Wertschätzung besonders stiegen. Das Thorastudium wurde das Höchste. Hieß, früher das Ideal der Frömmigkeit der Zaddik, der Fromme schlechthin, so wurde es nunmehr der Chochom, der Fromme, der die Schrift kannte. Das ging so weit, daß man die eigene Vergangenheit 'nicht mehr verstand. Abraham z. B. in der Ägada ist nicht mehr der, der er in der Bibel ist. In der Bibel ist er der Typus naiver Frömmigkeit, die keine gelernten Gebete, keine formulierte Lehre besitzt, die nichts hat, als das Erlebnis der Ehrfurcht vor dem Erhabenen und das Bewußtsein von der unerschöpflichen Liebe, die alles Geschaffene umgibt. Ju der Agada: ein Kenner der Thora, in ihr lernend und Schüler darin unterrichtend. Der Thora, die es zu feiner Zeit doch nicht gab. Ja, es konnte sogar die Frage entstehen, ob man ein Frommer sein kann, wenn man kein Schriftkundiger ist. Das heißt nun wahrlich die Forderung sehr hoch spannen. Die ganze Exklusivität, der Stolz und das Glück, auserwählt zu sein zu religiöser Sendung, haben hier ihre Wurzel. Es wurde mehr verlangt als bei allen andern Völkern. Jude war man vor allem durch einen geistig-religiösen Besitz. Ob wir diese Vergangenheit billigen oder nicht, wir sind die Kinder dieser Vergangenheit. Es singt in unserem Blute, daß wir die Kinder derer sind, die die Krone der Thora höher stellten als alles andere, denen einer, der die Sckrift in ihrer ganzen Weisheit und Erhabenheit wirklich kannte, mehr galt als ein König in Purpur und Macht. Wie steht cs nun mit den Möglichkeiten, diese Vergangenheit zu erhalten? Wir kennen heute neben der Religion das bürgerliche Gesetz. Zur Zeit aber, da die Thora gleichsam pie Vers a's s u n g der jüdischen Gemeinschaft war, wurde dieser Unterschied nicht anerkannt. Die Thora enthält auch, so sagte man, wenn man in ihr zu suchen versteht, alles, was weltlichen Handel und Wandel regelt. So entstand aus der Thora Mischnah und Talmud. Ein großangelcgtes Unternehmen, eine Gemeinschaft nicht durch ein bürgerlich-weltliches, sondern durch ein religiöses Recht zu verwalten. Aus dem jüdischen Volke wurde unter dem Einfluß der auf das juristische Gebiet erweiterten Thora die jüdische Gemeinde. Tie Idee der erweiterten Thora ist nicht vereinbar mit dem Gedanken der Trennung von Religion und bürgerlichem Recht, oder, wie es schlagwortartig heißt, der Trennung von Staat und Kirche. Die Idee der erweiterten Tora hat sich ungeheuer schöpferisch erwiesen. Sie ließ unsere Gemeinschaft den Untergang als Staatsvolk, als Volk der Thora, überdanern. Nun aber steigt eine Neuzeit herauf, die den Begriff der Trennung von Staat und Kirche, von Religion und Recht, in alle Köpfe hämmert. Zum Vorteil der Religion. Denn Religion gewinnt, wenn der Ltaat ihr die Aufgaben, die Außenwelt zu verwalten, abnimmt. Sie verinnerlicht sich bei dieser Teilung und kann sich auf ihr eigenstes Gebiet zurückziehen. Auch aus jüdische Verhältnisse muß sich dieser Gewinn auswirken. Der Talmud, wie sehr auch als Ouelle zur Erkenntnis der jüdischen Vergangenheit geschätzt und geliebt, ist heute nicht mehr die religiöse Behörde, die die jüdische Gemeinschaft in weltlichen Dingen lenkt. Auch der orthodoxeste Jude richtet sich, wenn er ein Haus verkauft, Geld kaufmännisch empfänat oder verg'bt, nach dcrii bürgerlichen Recht, nicht nach dem Tolllind. Er r 'ft?’ir Abfassung des Sckriststückes nicht den Rab- ' r o"der ' d Rechtsanwalt. Tie Verwaiidluiig eines mittel- ■ -^ c” -r' ' ea' s in c'ncn weltl'chm Rechtsstaat nennt „-äf.t a.sisirung Es -st gle'chsalls Säkular'sierung, wenn der Talmud seit der Emanzipatioil dem bürgerlichen Gesetz den Platz geräumt hat, und wir wären wieder einmal so weit, daß wir die Worte, die einst Israel zu Samuel sprach: „Wir wollcii sein wie alle anderen Völker" zu unseren eigenen machen köniiten. Dieser Ruf darf aber nicht bedeuten: „Wir wollen nicht mehr sein das Volk der Thora". Sofern wir diese Stelle richtig aus ihrem geschichtlichen Zusammenhang begreifen, bedeutet sie: Das Judentum ist verraten, wenii wir in ihm nichts arideres sehen als ein Familiemdyll, und dabei das Schicksal des Gemeinschaftsganzen iiicht beachten. Als zur Zeit Samuels die Erkenirtuis reifte, daß die patriarchalische Familienordirung isicht mehr geniige, um das Judentum zu erhalten, daß dazu eine über die Familien hinausgreifende Zusammenfassung irötig sei — damals das Königtum —■ formulierte man: „Wir wollen fein wie alle andern Völker". In diesem Siirne dürfen wir uns die Schriftstclle zu eigen machen. Wir bleiben das Volk der Thora, auch weurr gairze Bezirke des Lebens der talmndiscben Tiktiorr entzogen wurden, anch weirn die iirittelalterliche Kebillovcrfassuiig nickt mehr besteht, seit die Emanzipation aris den Juden Staatsbürger gemacht hat. Es ist eure andere Umgebung, iir der wir als ireuzeitliche Menschen die Thora, die von nun an wieder n n r die Heilige Schrift ist, leben. Wir gehen einen iieuen Weg. und jeder Weg ins Neue ist gewiß etwas Gefährliches. Doch besitzeii wir einen guten Konipaß, und das ist die Treue. Wir siiid wohl eine Zwischengeneration. Wenn uns aber die Treue führt, bleiben wir — unter welchen Bedingungen auch immer — was wir immer waren: das Volk der Thora. Von Rabbiner Dr. Italiener, Tarmstadt. „Die iSerrhcbfett des Ewigen erstrevlt übe Dir/' In manchen Gegenden war cs früher Brauch, daß mail zu N'ilah ilochmals zum Allerheiligsten hinaufschrittsi nochmals die heilige Lade öffnete nnd die Thorah herausnahm, um daraus vorzulesen. Mit Recht. In feiner Stunde des Jahres gehören die Thorah und der Jude so zueinander wie in der N'ilahstnnde, da er im Begriffe steht, das Gotteshaus zu verlassen und ins Lebeii znrückzukehren. Im Gotteshaus Frieden, draußen Kampf, int Gotteshaus Reinheit, draußen die Niedrigkeit des Alltags, im. Gotteshaus Festigkeit, draußen Versuchuiig uiid Sünde. Wo ist die Macht, die dem Juden Schutz verleibt, wo die Kraft, die ihii halten kanii? Da fällt fein Blick auf das Allcrheiligste, iliid er iiiiiimt sie iioch einmal herails die Thorah uiid siehe da, wie er sie an sich drückt, deii warmen Stroni ihres Lebclis in seinen Adern spürt, da ist es ihm, als ob auch etwas voii ihrer Seele auf ihn überströmte: Kraft voll ihrer Kraft, Geist voii ihrem Geist, und da erst erlebt er gaiiz das Wunder voii N'ilah: „Die Herrlichkeit des Ewigen erstrahlt über Dir." Was ivar cs denii, das in jener Stunde vorgelescn wurde? Was könnte es anderes fein, nachdem zu Minchah der Schluß 5 I