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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-09-01 · 9 (9.1927) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
9 (9.1927)
Date
1927-09-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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m i meinem Befehle gehorcht hat". Auch den letzten Nest der strengen Herbheit Gamliels vergessen wir. Als er nämlich wegen der wiederholten Maßregelungen Rabbi Josuas, der seine abweichende Meinung nicht zurückhält, seines Amtes entsetzt wurde, blieb er trotzdem'dem Lehrhaus nicht fern, sondern setzte sich in die Reihe der Zuhörer, wies aber auch das Amt nicht zurück, als man ihm in Abwechslung, mit dem jungen Elasar ben Asaria den Vorsitz im Lehrhaus übertrug und begnügte sich mit einem geringeren Teile seiner früheren Machtstellung. Ob es dem Judentum zum Schaden gereicht, daß es nicht mehr die Autorität eines Patriarchen kennt? Manchmal wünschte man eine Zentralstelle, von der aus die Leitung der gesamten jüdischen Angelegenheiten erfolgte und die auch durch ein strenges Machtwort die Ausführung ihrer Anordnungen erzwingen könnte. Der Ruf nach einem religiösen Diktator mag manchmal nicht ganz unberechtigt erscheinen. Tatsächlich aber hat das Judentum sich wie durch ein Wunder ohne diese Zentralgewalt behauptet und in den grundlegenden Fragen eine bewunderungswürdige Einmütigkeit gezeigt. Als der Patriarch Hillel der Zweite im Jahre 344 oder 358 nach der gew. Zeitrechnung den festen Kalender einführte, nach welchem die gesamte Judeiiheit bis auf den heutigen Tag ihre Festtage berechnet, gab er seinen Rechtsanspruch preis, den Termin für die Feste vorzuschreiben, und seine Nachfolger im Amte erkannten diese Maßregel, die einen ernstlichen Bruch mit der Vergangenheit bedeutete, weil vernünftig und zweckmäßig, ohne Widerspruch an. Kein Widerspruch erhob sich gegen diese Neuordnung, obwohl' sie auch willkürliche Bestimmniigen enthält, die leicht als Gesetzesübertretuiig gedeutet werden köniiteii. Ist doch in diesem Kalender Vorsorge getroffen, daß der Janm Kippur ans praktischen Erwägilngen iiicht ans einen Freitag oder Sonntag, das Bachweidensest „Hauschanoh raboh" niemals auf einen Sabbat fällt. So ruft uiis das kleine Kalenderchen aii jedem Tage zu: „Eure Väter habeii meinen Vorfahr mit solcher Einniüligkeit ausgenommen, und ich schlinge mich als das festeste Band der Vereinigung um die gesamte Jndenheit." Vergleicht man, wie laiige die Vrotestanten sich weigerten den Gregorlaiiischen Kalender, die Griechisch-Orthodoxen sogar bis in unsere Zage sich des Julianischen Kalenders bedienten, so darf man das Wort der Tbora in freier Anwendung gebrauchen (5. M. 4, 8): „Israel ist doch ein weises und verständiges Volk, es folgt den Gesetzen der Vernuiist und weiß in Ansehung großer Aufgaben auch ernste Bedenken zurückzudrängen." Was hiermit der Gesamtheit Israels verküiidet wird, das cstlt für jede Einzelgemeiiide und jedes Einzelmitglied. Im Interesse der geschlossenen Einheit niuß aucki jede einzelne Gemeinde einem leisen Zwange sich fügen unb darf nicht ans ihre absolute Souveränität oder Autonomie pochen. Unterwerfuiig der einzelnen Mitglieder unter die Autorität der Gemeindeverwaltung muß ebenso gefordert werden. Wie aber Rabbon Gamliel sich nicht aus gekränktein Ehrgeiz dem Lehrhause entzog, und sich mit Halbieruiig feiner Macht zufrieden gegeben bat, so sollen auch die Männer, die das Vertrauen ihrer Gemeinde genießen nicht bei jedem Widerspruch, auf ben sie stoßen, ihr Amt -als lästige Bürde von sich werfen. Der Gesamtheit im engeren oder weiteren Kreise zu dienen, muß als Pflicht und Ehre empfunden werden. So werden die letzten Worte unseres Kalenders: „das neue Jahr möge uns zum Segen werden" in diesem erweiterten Siiine ziiin Keil-, des gesamten cvuö:rt'’ms ßch erfüllen RahK weint um ihre Kinder. Von Rabbiner Dr. Julius Lewit, Alzey. Wir siiid gewohnt, daß die heilige Schrift uns über die Bedentung der Feste belehrt, so enthält die Schriftvorlesung an den Wallfahrtsfesten ausdrückliche Belehrungen über den Inhalt der Feste. An den erhabenen Festen, die wir nun durch bic Gnade Gottes wieder feiern werden, forschen wir jedoch vergebens in der Schriftvorlesung nach der Bedeutung von Rausch-Haschono. Mit keinem Worte geschieht des großen Festes Erwähnung als Tag des Gerichtes, der Erinnerung, der Erschütteruiig. Aus der Thora werden wir an beiden Festtagen mit Erzählungen aus dein Leben des Patriarchen Abraham, aus dem Prophetenabschnitt am ersten Tage mit Hanna und Samuel und am anderen Tage mit dem 31. Kapitel aus dem prophetischen Buche Jerernia bekannt gemacht. Und dennoch, wenn wir uns in die Erzählungen, die uns am Neujahrsfeste aus der heiligen Schrift näher gebracht werden, hineinleben, so werden wir finden, daß es geeignetere, belehrendere, anregendere und ernstere Gedanken nicht geben kann, die wert und würdig sind, unser Denken und Empfinden zum Beginn des neuen Jahres zu erfüllen. Vor allem ist es das Kapitel aus Jerernia am zweiten Neujahrstage, das alljährlich, so oft ich es der lauschenden Gemeinde vortrage, mein Herz tief ergreift und meine festliche Stimmung erhöht. Es sind die Worte zumal von der weinenden Mutter Rahel. „Kaul beromc> nischmo. „fSme Stimme wird gehört zu Nama, Wehklagen und bitterliches Weinen. Rahel meint um ihre Kinder, sie will sich iiicht trösten laßen, ^enn ihre Kiiider sind dahili. Aber Gott spricht: „Heuiine -vmn Weineii und die Tränen Deiner Augen, denn der Lohn für Deine Muhe bleibt bestehen Tie Kinder werden wieder in die Heimat zuruckkehren. Ja, es lebt die Hoffnung für Deine Zukunft, spricht der Ewige!" „Roche! mewacko al boneho . „Rahel Meint um ihre Kinder." Die weinende Mutter! Es gibt kein erschütternderes Bilddas uns Dichter und Maler vorsühren können. Dieses Bild der weinenden Mutter übt auf jeden Menschen seine Wirkung aus. Wir haben den entsetzlichen Weltkrieg erlebt, wir haben die weinende Mutter gesehen und gehört, die Mutter, die un^ ihre Kinder weint. Rahel, das geliebte Weib des Patriarchen ^acob. starb mitten aus dem Wege, als lioch eine weite Strecke bis zur Höhle Machpela, der Fainilienbegräbnisstätte war, wo die beiden Stammütter Sara uiid Rebecka und der Stammvater Abraham zur ewigen Ruhe gebettet waren. - r r. n ™ o* r r Es war sehr heiß, Jacob konnte sein vielgeliebtes Weib Rahel nicht bei den Eltern betten, sondern er mußte sie dort, wo er sich gerade befand, in Rama bei Bethlehem begraben. Der Patriarch hat es nie überwinden können und noch cmf seinem Sterbebette in Aegvpten, als er seinen Lieblingssohn Josef bittet, ihn in der Höhle'Machpela im Lande Kanaan bei den Eltern beizusetzen, erwähnt er es, sich gleichzeitig entschuldigend, daß er Josefs Mutter iiicht in der Familiengrabstätte begraben hatte, soiiderii unterwegs bei Rama, weil es ihm anders iiisolge der noch weiten Entfernung und der großen Hitze unmöglich gewesen war. Dieses Grab der Mutter Rahel zu Rama war bei' den Nachkommen hochgeschätzt, eine Stätte herzlichsten Gedenkens. Ein Beweis dafür ist, daß der Prophet Jerernia in späteren Zeiten den Satz, der oben angeführt, von der weilienden Mutter Rahel zu Rama gedichtet hat. Diesen ergreifenden Satz hat die Folgezeit lebenssrisch gemacht und viele Sagen daran geknüpft. So die solgeiide: Als das jüdische Volk durch den König Nebukadiiezar in das babylonische Exil geführt wurde, da traten die Vorfahren vor den Thron Gottes und beteten um Girade und um Verzeihung für ihre Kinder, Adam und Eva, Noah, Abraham, Isaak unb Jacob, Moses und Aron, Samuel und David. Aber Gott sagte: „Das Volk hat durch sein sündhaftes Tun das schlimme Schicksal sich selbst versckmldet." Als jedoch der Zug der Verbannten an dem Grabe der Mutter Rahel vorüberzog und Rahel im Grabe das Schluchzen der Kinder hörte, da erhob sie sich im Grabe, so berichtet die Sage, begab sich vor den Thron Gottes und legte Fürsprache für das verirrte, sündige Volk ein, sie weinte um ihre Kinder. Ter weinenden Mutter Gebet koiinte Gott nicht, widerstehen, er erhörte ihr Flehen. — Also heißt es im prophetischen Buche Jerernia im 31. Kapitel: „Eine Stimme wird gehört zu Rama, Wehklagen und bitterliches Weinen, Rahel weint um ihre Kinder, sie will sich nicht trösten lassen, denn ihre Kinder sind dahin. Aber Gott spricht: „Hemme Dein Weineii und die Tränen Deiner Augen, denn der Lohn für Deine Mühe bleibt bestehen. Die Kinder werden wieder in die Heimat zurückkehren. Ja, es lebt die Hoffnung für Deine Zukunft, spricht der Ewige!" Wahrlich, kann es eine größere Verherrlichung der Mutter geben, als dieser Satz von der weinenden Rahel!' Gerade diese Erinnerung an die verewigte Mutter Rubel wurde den Nachkommen ^noch Stab und Stütze für die Zukunft auch in Zeiten ' d t P1 ncrall^c ^'c'"crt aus st de Miitter. So ist : .i che:: C cnu;ridvft mb! st den durch die Jabrd - s a .s den lu uAg ui Tag Tie L ebc zur Mutter oder die weh.n.usvolle Eü.iiicr'.'.na an dst verstorbene Mutter vermag noch immer wieder das jüdische Kind aus den rechten Weg zu führen. Von dem Patriarchensohne Josef heißt es, daß die Versuchung und Verführung in Aegypten im Hause Potiphars an ihn herangetreten waren. Er war noch so jung, niemand war bei ihm, der einen hemmenden Einfluß auf ihn ausgeübt hatte, niemand verwarnte ihn. Und dennoch fand er die Hemmuiig in sich selbst! In dein Augenbl-cke der Versuchung kam ihm der'Gedanke an seine Mutter, an seinen Vater und er erschrak! Tie Frage stieg in ihm .aus, wie könnte ich vor meiner Mutter bestehen, wie könnte ich meiner geliebten, verewigten Mutter in himmlischen Höhen einst begegnen und wie könntestch meinem geliebten Vater in die treuen Augen sehen, wenn ich der Verführung folge unb das Böse tue. Dieses Bewußstein des sich Ermannens war so stark in ihm geworden, daß es ihm zur Hemmung wurde, so daß er zur Besinnung kam und der Sünde tapfer widerstand! In unserer Zeit der Verführung lind der Genußsucht, ivenn unsere Sohne und Tochter das Elternhaus verlassen uiid draußen in der Ferne m den großen Städten weilen, um sich einen Lebensberuf aufzubauen, wie viele vergessen die Eltern, die Geschwister, die Ehre der Familie, die große Verantwortung für sich und die Ihrigen, ihre eigene Zukunft, iiur um eines ei'tlen, kleinen Vergnugens willen Wie viele junge, iioch unerfahrene Menschen, die sich zügellos allen Verlockungen hingeben, gleichen heute mehr als jcinctls burt ]cljiDcutfen Diotjrc, bct§ btt ©CQcnjtctnb bcc 23cQtccbc

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