Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 9 (9.1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Schon diese kurzen Hinweise auf einzelne unserer Neujahrsgebete machen es uns deutlich: hier ist heiliges Land, das wir betreten, hier webt Gottesgeist, der Flügelschlag des Ewigen, der uns hier umweht, berührt. Kein Wunder, daß die erhehende, beseligende Wirkung dieser Gebete sich jedem mitteilt, der teilnehmend und verständnisvoll sich dieser Geisteswelt naht und bon ihr sich umfangen läßt. Mit anderem Sinn und mit besserem Recht können wir am Schluß deu Glaubensbrüdern das alte Dichterwort zurufen: „Tretet ein, denn hier findet ihr Gott". Schicksal und Freiheit. Von Rabbiner Dr. D i e n e m a n n , Ossenbach a. M. Am Neujahrstage, so lautet die alte Ileberlieserung, ziehen die Menschen au Gottes Auge vorüber, Gericht wird über sie gehalten, und jedem Geschöpf wird sein Geschick bestimmt, wie seines Lebens Los in dem kommenden Jahre lauten soll. Es ist diese Vorstellung, die mit am stärksten dazu beigetragen hat, dieses Fest mit jenem Schauer der Ehrfurcht zu umkleiden, die auch noch heute, iu den Tagen des Verfalls und des Niederganges der Religiosität, den Juden anpackt, wenn die Tage des neuen Jahres anheben, die es bewirkt, daß dieses Fest in einem stärkeren Maße von Gesamt-Israel geheiligt wird als andere Feste, die ihm und dem heiligen Tage der Versöhnung den Namen der Evr eingetragen haben. Aber ist es wirklich so, daß alles an diesem Tage von Gott dem Allmächtigen, dem Richter voll Erbarmens, bestimmt wird? Daß das ganze Schicksal des Menschen in allen Einzelheiten seines Erlebens festgelcgt wird? Daß alle Maße seines Erfolges vorbestimmt sind? Ist keinerlei Freiheit mehr vorvorhanden? Ein Wort der Alten schränkt die Schicksalsbestimmung ein und öffnet weit eine Pforte zur Freiheit. „Am Neujahrstage", so lautet ein alter Spruch, „wird dem Menschen zugemesscn das Maß seiner Nahrung, seiner Einkünfte, nur nicht das, was er ausgibt für die Heiligung des Sabbats und die Erziehung seiner Kinder, streut er .da mit weitgeössneter Hand, streut auch ihm Gott mit weitgeössneter Hand, spart er da, spart auch Gott an ihm." Ein ganz merkwürdiges Wort, von einer kaum ausschöpfbaren Tiefe. Man bedenke! Alles ist dem Menschen vorbestimmt, er mag sich noch so sehr mühen, nie wird ihm mehr Erfolg geschenkt, als Gottes Vorsehung für gut und heilsam für ihn hält, aber in einem hat er freie Hand, je reicher er seinen Sabbat ausgestaltet, je mehr Opfer er bringt, ihn mit Weihe zu erfüllen, um so reicher wird ihm das vergolten. Er denke ja nicht, daß er damit das Matz dessen schmälern, was zu seineni Leben notwendig ist, was er für seines Sabbats Weihe hingibt, das geht nicht ab von seines Lebens Notdurft, im Gegenteil, zwiefach, überreich kommt es wieder in seine Scheuern zurück. Das Wort der Alteri wäre schon stark und groß, würde es nur für den Sabbat und den Festtag gelten, da könnte es schon in dieser Begrenzung maüchem eine Mahnung sein, der da meint, er könne keinen Augenblick entbehreii für feine Arbeit, der da meint, der Erwerb, das Geschäft sei so der Herr seines Lebens, daß er keine Minute, auch nicht die Stunde der Andacht ihm entziehen dürfe — wie wenn nicht die seelische Erhebung eines Feiertags, einer Gottesdienststunde alle Lebensenergien unmeßbar erhöhen würde; — auch in dieser Begrenzung schon zeigte es den Arbeitskncchten, die wir heute alle sind, ein Stück unserer nie verlorenen, nur unserem Bewußtsein entschwundenen Freiheit. Aber das Wort der Alten hat gar nicht diese Enge. Sabbat ist in der Sprache der jüdischen Frömmigkeit nicht nur der Sabbat, „der Sabbat wiegt alle Gebote auf", Sabbat ist der Inbegriff allen jüdischen Lebens. Und der Spruch unserer Alten will sagen: je mehr du für das Judentum au Opfern bringst, um so größer wird das Maß dessen, das dir zum Leben und dessen Schmuck gegönnt ist. Denk nicht, daß du in Wahrheit ein Opfer bringst, daß das, was du jetzt hingibst, dir zum Leben fehlen wird, das Gegenteil ist der Fall, jede Hingabe, jede Gabe steigert nur die Fülle der Güter. Wer weiß, wie unendlich schwer es ist, bei so vielen Juden der Gegenwart die Bereitwilligkeit zur Hergabe von Mitteln für jüdische Zwecke zu finden, wie sie ängstlich jeden Pfennig, den sie sich abringen, als Verlust buchen, der weiß, wie not es tut, jenes alten Spruches unserer Weisen wieder bewußt zu werden. Und das Gleiche gilt für des Satzes Schluß: „je mehr man ausstreut für die Erziehung der Kinder, um so mehr streut uns Gott, je mehr man daran spart, um so mehr spart Gott an uns." Welche Erziehung hier gemeint ist? Darüber darf wohl kein Zweifel herrschen. Juden sind immer bereit, für die Erziehung ihrer Kinder Opfer zu bringen; aber wenn es sich uni die Erziehung ihrer Kinder zum Judentum handelt, dann ist plötzlich das kleinste Opfer zu groß. Man weiß, wie es besonders auf dem Lande heute ist. Eineu Lehrer anzustellen, damit die Kiiider nn Judentum erzogen werden, ihm das erforderliche Maß des Lebensunterhaltes zu gewähren, jedes Opfer erscheint da als zu groß. Allerhand Ausflüchte werden gemacht; wer selbst keine Kinder mehr hat, zuckt die Achseln und erklärt, ihn ginge das nichts an, er habe ja keine erziehungsbedürftigen Kinder mehr. Alles erscheint da als Opfer, alles wird berechiiet iiach dem Umfang, ,n dem die herzugebende Summe anscheinend denl gesamten Lebensunterhalt entzogen wird. All solchem Rechnen und Reden will das Wort der Alten entgegentreten. Alle jüdische Erziehung ist Angelegenheit aller, nicht nur der Eltern, und jedes Opfer, das man dafür bringt, trägt zwiefach, reichlich feinen Lohn und seine Frucht, erhöht die Lebensenergien und die Widerstandskraft der Gesamtheit und stützt so den einzelnen. Jedes Sparen an dieser Stelle schwächt die Kraft der Gesamtheit und entzieht dem einzelnen damit eine Stütze, der er, früher oder später, driiigend bedarf, und deren Fehlen ihm all fein Geld und Gut wertlos macht. Hier öffnet sich in aller Abhängigkeit und Gebundenheit des Menschen ein Tor zur Freiheit, zur wirklichen sittlichen Freiheit der Gestaltung des inneren Schicksals des einzelnen, und der Gesamtheit. So wird 'jenes Wort der Alten zu einem flammenden Aufruf jederzeit, lind befoiiders am Beginn eines neuen Jahres. Möge er von vielen verstanden uiid gut verstanden werden. Was lehrt uns der Festkalender (Luach)? Voii Rabbiner Dr. Sander, Gießen. Weiili die religiöse Bibliothek des Jsraeliteii iioch so gering ist und vielfach nur aus zerrisfencn Exemplaren von Gebetbüchern besteht, die trotz aller Pietät des Besitzers durch neue ersetzt werden sollten, e i ii Büchlein schafft er sich immer in neuster Auflage an: den Kalender, Luach genannt; d. h. wörtlich „Tafel", weil die urfprüngliche Form der Wandkalender war, bis die Buchform den Sieg errang. Mit Wehmut wird der Kalender des abgelaufenen Jahres außer Dienst gesetzt, denn maiicher, der dariri verzeichneten Tage hat sich mit tief ent Ernst ins Gedächtnis eingeschrieben, maiicher hat wohl auch die Seele freudig aufjubelu lassen; mit fragendeni uiid hoffciidein Blick wird die Reihe der künftigen Tage betrachtet, die auch wieder dem Meere der Ewigkeit zuströmt uud mit unaufhaltsamer Gewalt alles Lebende sanft mit sich reißt. Der Kalender kündet die Flüchtigkeit uiid Vergänglichkeit alles Irdischen in feiner schlichten und doch so beredten Weise. Aber nicht zu allen Zeiten konnte man schon so sicher int voraus über die Einteilung uiid Gliederiiiig der Zeitabschnitte Tag, Monat und Jahr unterrichtet werden. Erst seit rund 1600 Jahreii besteht der für Ulis iiiaßgeberide Festkalender. Bis dahiii hat man erwartungsvoll iiach der Erneuerung des Moiides ausgeschaut, uni daun auf Gruiid gewissenhafter Zeugenaussage jedesmal den Eintritt des neuen Monats feierlich zu begrüßen,oder wie der talmudische Ausdruck lautet: den Monat zu heiligen, um danach die Festtage zu bestimmen. Dieses umständliche, auf sinnlicher Wahrnehmung beruhende Verfahren wurde treu der Ueberlieferuiig geübt, als die Gelehrten bereits lange imstaiide waren, den Eintritt des Neumonds auf Gruiid astronomischer Kenntiiisse im voraus mit Sicherheit zu berechnen. Dieses veraltete Verfahren, in feinen Mäligelri längst erkannt, führte zu Meiliungsverschiedenheitcn uiid bot reichlich Anlaß zu ernstem Streit. Aber alle Abweichungen m der Ausübung der Religionsgesetze hätten iiicht den Bestand des Judentums so sehr erschüttert, wie die Festesfeier an verschiedenen Tagen. Wohl haben Pharisäer und Saddilzäec um die Festsetzung desSchowuausfestes streiteii fönnen, in der Praxis zeigte sich Einigkeit. Kein Wuiider, daß Rabboii Gauiliel uni 100 nach der gew. Zeitrechiiuiig, uin die Eiiiheit des Judentums zu wahren, feine ganze Amtsgewalt einsetzte, um dem voii ihm bestimmteii Versöhnungstage die unumstrittene Heiligkeit zu sichern, nnb nic^t zugab, daß eine verineiiitliche bessere Einsicht eiiien früheren oder späteren Tag zum Festtage erklärte. Mit schwerem Herzen unterwarf sich Rabbi Josua der Entscheidung des Patriarcheii, und auch erst, nachdem Rabbi Akiba, der es später wagte, das schwache Völkchen der Jiiden zum Kriege gegen das römische Weltreich aufzurufen, Rabbon Gamliels Forderuiig als berechtigt erklärt hatte. Die Zeitgenossen erkannten, daß Rabbon Gamliel recht handelte, wenn er rücksichtslos die Uebereinstimmung der Festesfeier auf Gruiid seiner Entscheidiiiig zu erhalten suchte, nur wurde es ihm nicht verziehen, daß er, um die gegenteilige Ansicht zu unterdrücken, den Gegner zu demütigen suchte. Eiu ergreifendes Bild ist es, wenn Rabbi Josua auf Befehl des Patriarchen im Werktagsgewand demütig vor Rabbon Gamliel erscheint, an dem Tage, den er als den wahren Versöhnungstag ansieht und Gamliel den viel jüngeren Josua mit den Worten empfängt: „Mein Lehrer und niein Schüler; ntein Lehrer nn Weisheit und meiri Schüler, da Du 3