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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-09-01 · 9 (9.1927) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
9 (9.1927)
Date
1927-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Bekanntmachung! v Hauptsynagoge Mainz. Die derzeitigen Inhaber von Synagogenplähen können ihre Karten noch bis spätestens Dienstag, den 13. September d. I. gegen Ausweis und Zahlung des Mietpreises erneuern. Bestellungen auf andere als im Vorjahre innegehabte Plätze können nur vorgemerkt werden, wenn btefclbcn bis zum 15. September d. I. schriftlich bei uns eingereicht werden. Die Zuteilung erfolgt später. Die Gemeindekasse (Hindenburgstratze. 44, Eingang Gabelsbergerstratze) ist geöffnet: Montags bis Freitags von 9—12 VI: Khr vormittags. M a i n z, - den 8. August 1927. Vorstand der isr. Religionsgemeinde. Aus der Geisteswelt unserer Neujahrsgebete. Von Rabbiner Dr. Holzer, Worms. Ans welcher Stufe der Entwicklung man die Religion auch betrachten mag, auf der ^tufe des primitiven Menschen oder auf den Höhepunkten der Kultur, iibcrall erweist sich das Gebet als das wichtigste Stiick derselben. Wo immer Religion lebt und so -lange sie lebt, äußert sie sich im Gebet, ist Gebet der natürliche, elementare und unerläßliche Ausdruck derselben. In dieses mündet sie, ergießt sie sich und ausZhm erneuert sie sich, schöpft sie neue Kraft, neuen Antrieb und Schwung. Das Gebet ist daher ebenso sehr das lcbenwcckende und lebenerhaltende Organ wie die Kristallisationsform, die Erscheinungsweise jeder Religion. Was der Religiöse fühlt und denkt, die tiefsten und geheimsten Regungen und Empfindungen seines Innern, die ethischen Ideale seines Herzens und die höchsten Erkenntnisse seines Geistes, er trägt sie in das Gebet hinein, hier leben sie wieder auf. Im Gebet besitzen wir daher ein Spiegelbild, und sicherlich das getreueste und zuverlässigste, einer jeden Religion. Wissenschaftliche Darstellungen, Beschreibungen mögen ent objektives Bild einer Religion uns entwerfen wollen, sie werden immer einen Rest von Subjektivität enthalten. Sie mögen Objektivität anstreben, sie werden sie aber nicht erreichen, weil sie das letzte Subjektive nicht völlig ausmerzen, fernhalten können. Ganz abgesehen davon, daß sie ja oft genug zugestandenermaßen nur verteidigen, also apologetisch sein, und damit auch subjektiv sein wollen. Ganz anders das Gebet. Hier ist nichts Gemachtes, Absichtvolles, auf äußere Wirkung Berechnetes, hier ist alles Natur, alles Wahrheit, Unmittelbarkeit. Angesichts dieses für jeden Denkenden offen zu Tage liegenden Tatsachenkomplexes kanu man sich nicht genug darüber wundern, daß das jüdische Gebet so selten znm Gegenstand einer Untersuchung, einer Prüfung auf seinen geistigen, ethischen und seelischen Gehalt gemacht worden ist. Gewiß, Ansätze dazu sind vorhanden, da und dort begegnet man einzelnen Ausführungen hierüber. Aber im Zusammenhang und eingehend ist darüber noch nicht gehandelt worden. Daß diese Erkenntnis, die Ergebnisse solcher Forschung nun gar in weitere Kreise, auch nur unserer Glaubensgenossen, gedrungen wären, daß sie Allgenreinbesitz unserer Gemeinschaft geworden sind, kann man wahrlich nicht behaupten. Jur Gegenteil, man darf wohl die Behauptung wagen, daß von urrserer Religion nichts weniger bekannt ist als der geistige Gehalt, die Ideenwelt, die Seele unserer Gebete. Wer weiß, ob rricht gerade dieser bedauerliche Mangel es ist, der unsere alten, ehrwürdigen Gebete aus. dem täglichen Leben vielfach herausgedrängt, unseren Gotteshäusern viele Beter entzogen hat. Was nun in dieser Hinsicht unsere Gebete zrr geben vernrögen, was sie uns sein können, rnag hier an einigen wenigen Stücken unserer Neujahrsgebete nur beiläufig aufgezeigt werden. Schon das erste Stück unserer Neujahrsgebete, das wir in der Tefilla, dem Hauptgebet unseres Festes, sprechen und das mit den Worten beginnt: N" s--1 führt uns auf eine Höhe, ja auf die strahlendste Höhe alles Menschentums, alles Sinnens und Denkens, alles Fühlens und Wollens. Schon an dieser Stelle läßt der israelitische Beter alles Irdische, Vergängliche weit'hinter sich und schwingt sich in die höchsten Regionen geistigen Lebens empor, wo der Geist lebt, wo die reine, von allen Schlacken des Irdischen befreite Seele Zwiesprache hält mit ihrem Schöpfer, der Weltenseele, der Seele des Alls. * ..r „Möge die Ehrfurcht und die Scheu vor Dir kommen über Alles, was Du geschaffen hast, mögen Dich ehrfurchten alle Wesen, sich beugen vor Dir jede Kreatur, daß sie alle e i n e n Bund schließen, und eine Gemeinschaft bilden, Deinen Willen auf Erden zu erfüllen mit gaiizcin Herzen". Vergeben und vergehen ist aller Haß und alle Rachsucht, die draußen in der Welt wüten, vergehen alle Not und alles Leid, jede Bedrückung und jede Gewalttat, die man erfahren hat, uiitcr denen man seufzt und denen man so vieles kostbare und unersetzliche Leben geopfert hat iiicm betet für das Wohl und Heil der Welt, aller Welt, aller Menschen, aller Kreatur. Man fühlt sich vereint, verbunden, verbrudert mit ihnen allen und betet für sie alle. Das ist feinstes, reinstes, erhabenstes Menschentum, das hier zum Ausdruck kommt, ein Menschentum, wie es die Propheten des alten Israel auf ihren höchsten Höhen erkannt, geschaut, gelehrt haben. Hier steht unsere Religioii auf einein Gipfel, der von keiner Religioii uiid keiner Philosophie je erreicht, geschweige denn überschritten worden ist. Ein zweites Gcbetstück, das für das Neujahrsfest charakteristisch ist und ihm den Stempel aufdrückt, ist die Litanei u-ck , die morgens und nachmittags nach der Wiederholung der Tefilla gesprochen wird, sofern es nicht ein Sabbat ist. Die 38 gleichlautenden kurzen Sätze, aus denen das Gebet zusammengesetzt ist, sind zu verschiedenen Zeiten im Laufe eines Jahrtausends entstanden. Sie stehen gewiß nicht auf der Höhe des früher genannten Gebetes, weder als Ganzes, noch in einzelnen Teilen betrachtet. Es fehlt ihnen vor allem der große universale Zug, das Menschheitliche, sie sind sichtlich national eingeengt, Kinder leidbeschwerter, sorgenerfüllter, geistgebeugter Zeit. Und doch, und das gerade ist kennzeichnend und beweiskräftig für die Beurteilung des immanenten Geistes unserer Gebete, des in ihnen lebenden und sich auswirkenden Göttlichen und des edelsten Menschlichen. Wie ergreifend, rührend, erschütternd ist das menschliche Weh, Mitleid und Erbarmen, das in ihnen Laut und Ausdruck findet. Hier ist nichts von Auflehnung oder auch nur Klage über unverdientes Leid, herbes Geschick, Verkennung und Zurücksetzung. Einzig und allein um Gnade und Hilfe Gottes betet der israelitische Mensch, betet in tiefster Demut um Sündenvergebung nicht um seinetwillen, da er auf nichts Verdienstliches Hinweisen könne, sondern um Gottes, seines Namens und seiner Barmherzigkeit willen und schließlich um seiner Märtyrer, seiner Väter und Ahnen willen. Ein drittes, das wir noch betrachten wollen, ist das dreiteilige mittlere Stück der Mussaftefilla, das unter dem Namen: Malchujoth, Sichronoth, Schosroth. bekannt ist. Hier ist es wieder die erhabenste Gedankenwelt des Judentums, in die der Beter eintritt und in der er verweilt, um zu immer höheren Höhen des Gedankens, der prophetischen Hoffnung, Sehnsucht und Erfüllung aufzusteigen. Gott ist der Schöpfer und König und Herr des Alls. Von seiner Hand geschaffen, gelenkt und geleitet ist alles, was auf Erden lebt und sich regt. E i n Gott, ein persönlicher Gott, e i n Herrscher, e i n Vater steht über uns allen, regiert über uns alle, schützt und beschirmt und betreut uns alle. „Darum wollen wir huldigen ihm, wir alle". (Malchujoth). Doch nicht nur einen Herrscher, einen Fürsorger hat dies Weltenall in seinein Schöpfer, in seinem Gott, sondern auch einen Richter. „Vor dem Throne seiner Herrlichkeit gibt es kein Vergessen. Vor seinen Augen kann Keiner und Keines sich verbergen oder ihnen sich entziehen. Er schaut und dringt bis ans Ende der Zeiten, wenn zur Prüfung, zum Urteil am Neujahrstage vor ihn tritt jeder Geist und jede Seele, so viele ihrer sind in unübersehbarer Fülle." Wie hoch, wie überragend steigt die sittliche Achtung, die moralische Würde des Menschenwesens, Wert und Bedeutung jedes Erdengeschöpfes, das der liebevollen und eingehenden Prüfung und Beachtung der Gottheit sich als wert und würdig erweist (Sichronoth). Der fürsorgende Schöpfer, der gnädige Richter, er ist aber auch der verheißungsvolle Erlöser, der Träger der Zukunft, der Bringer der Freiheit. „Du hast in herrlichein Glanze Dich einst Deinem heiligen Volke offenbart, vom Himmel herab Deine Stimme es vernehmen lassen. Die ganze Welt erzitterte vor Dir und die Geschöpfe der Erde bebten vor Dir, als Du am Sinai Dich offenbartest, um ihm Lehre und Gesetze kund zu iuit. .... Alle Bewohner des Erdenrunds, wenn das Panier auf den Bergen sich erhebt, ihr werdet es sehen, und wenn das Schofar erschallt, ihr werdet es hören . . . und sie werden kommen, die Verirrten im Lande Aschur und die Verstoßenen im Lande Mizraim, und werden sich sebst allesamt bücken vor dem Ewigen auf dem heiligen Berge in Jerusalem." Zu sieghafter triumphierender Gewißheit erhebt sich in diesen Sätzen die prophetische Erwartung Israels. Ausgehend vom eigenen Volkstum und gerichtet auf das eigene nationale Leben und das eigene Geschick, erhöht und weitet sich der Blick hin zur großen Völkergemeinschaft, zum letzten und höchsten Ziele der Menschheit, zur messianischen Zukunft „wo alles, was Odem hat, den Ewigen preiset" (Schofroth).

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