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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-08-01 · 8 (8.1927) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
8 (8.1927)
Date
1927-08-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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des sächsischen israelitischen Gemeindeverbandes dessen Vorsitzender, Herr Rechtsanwalt Paul Salinger, Dresden, über diese Frage Bericht und sührte u. a. aus: „Der Reichsverband wird und mutz kommen. Zu seiner Verwirklichung sührt der Weg aber nur über die Landesverbände. Die Reichstagung halte ich für überslüssig; die mit den Wahlen für die Reichstagung verbundenen Kosten wären — wenigstens sür unseren sächsischen Verband — auch durchaus nicht tragbar. In der Frage der Wahlen sür den Reichsverband wird eine Einigung nur zustande kommen, wenn man es den Landesverbänden und den Gemeinden, die einem Landesverband nicht angehören, überlätzt, wie sie ihre Delegierten sür den Reichsverband wählen wollen." Diese Auffassungen, welche sich mit denen der süddeutschen Arbeitsgemeinschaft vollkommen decken, wurden dann in einem Beschlutz als die Willensmeinung des sächsischen Verbandes sestgelegt. So kann man hoffen, datz, wenn auch allmählich erst, doch die Grundlagen sür die Gesamtorganisation geschaffen werden, ohne datz eine Vergewaltigung im Ausbau und eine Majorisierung in der Arbeit besürchtet werden mutz. Jedenfalls dürfen wir seststellen, datz unser deutsches Judentum an Organisation und an Arbeit innerhalb dieser Organisationen in den letzten Jahren erfreuliche Fortschritte gemacht hat. L. Zum 500. Todestage des Maharil. Von S. Rothschild, Worms a. Rh. Am 1. September d. I. sind 500 Jahre verflossen, seitdem man einen Großen in Israel zu Worms in das Grab gesenkt hatte; es war Rabbi Jakob b. Moses Halevi, von den Späteren mit der üblichen Zusammenziehung der Anfangsbuchstaben, des Titels, des Namens und der Genealogie Maharil genannt. Sein bürgerlicher Zuname war Molin nach fernem Vater Moses-Molin, vermutlich — klein Mose, ein Kosename sür Moses, der nach der Sitte der Zeit dem Vornamen nachgesetzt wurde (Pros. Kaufmann). Der Grabstein ist, wenn auch beschädigt, noch erhalten und befindet sich inmitten des Rabbinerplatzes, der dadurch, daß die Gräber ringsum höher liegen, als das Grab Maharils, förmlich einen Kessel bildet. Sicherlich läßt sich diese topographische Lage durch die ausdrückliche Anordnung Maharils erklären, daß innerhalb vier Ellen im Umkreis seines Grabes kein anderes gemacht werden sollte; ebenso bestimmte er durch letztwillige Verfügung, daß die Frontseite seines Grabsteines gegen den üblichen Gebrauch nicht von Osten nach Westen, sondern von Süden nach Norden gerichtet wurde. Maharil ist in Mainz geboren, wo sein Vater, bei dem er sich nicht lange ausgehalten zu haben scheint, ein angesehener Rabbiner war, in welcher Stellung er ihm nachmals folgte. Sein Geburtsjahr ist nicht bekannt, es dürfte etwa in das fünfte Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts fallen. Maharil ist zweimal verheiratet gewesen; seine erste Frau nahm er in Verona, wo er eine Zeitlang im Hause seines Schwiegervaters R. Moses Neumark Cohn zubrachte. Es scheint, daß er sich von dieser Frau hat scheiden lassen. Seine zweite Frau Gimchen hatte er als Witwe geheiratet. Maharil gedenkt zweier Brüder und zweier Schwestern. Von seinen Kindern spricht er nicht, wohl aber sein Schüler von zwei Söhnen und einer Tochter. Soviel über seine Familie. Maharil lebte eine Zeitlang in Oesterreich, wie er denn auch sehr oft Gebräuche aus Oesterreich auzuführen pflegt; er scheint als Kantor in Regensburg ebenfalls angestellt gewesen zu sein, wo er auch beim Rabbinate mitwirkte; später wurde er Rabbiüer in Mainz. Als solchen sehen wir ihn bereits 1394, umgeben von einer großen Anzahl Schüler und Verehrer. Um jene Zeit erkrankte Maharil sehr gefährlich an „Hirnbrut", ein Starrkrampf, in dem er drei Tage verharrte, nichts aß und trank, kein Glied bewegte, keine Empfindung im ganzen Körper 2 äußerte — selbst nicht gegen die von den Aerzten an chm versuchten Nadelstiche reagierte. Als er nach seiner Genesung wieder die Synagoge besuchte und die ganze Gemeinde fastend und besondere Gebete „Selichot" für ihn verrichtend, vorsand, dankte er herzlich für ihre Teilnahme und lebte nachher noch mehr als 30 Jahre. In betreff der Speisegesetze und anderer Satzungen trat er stets den Verschärfungen seines Lehrers Schalom in Wien bei; solche Gebräuche pflegte er auch zum Gegenstand seiner religiösen Vorträge zu wählen, deren er drei im Jahre hielt, am Sabbat vor Pesach, zu Neujahr und vor dem Versöhnungsseste. Es mutz noch hervorgehoben werden, daß er in seinem Benehmen gegen seine zahlreichen Schüler seinen ganzen Gesinnungsadel bekundete. Er wohnte und speiste mit ihnen zusammen in einem Hause, pflegte ihnen zweimal im Jahre, jedesmal nach beendeten zwei Talmud Traktaten Festmähler zu geben. Von den Landesvorstehern Nl'NvN 'iQns nahm er zur Erhaltung seiner Lehranstalt eine kleine Unterstützung an, doch vermied er jede Belohnung für seine rabbinische Amtstätigkeit. Für seine milde Anschauungsweise spricht auch der Umstand, daß er niemand in den Bann tat und nur einmal benutzte er dieses Mittel gegen den Sohn eines Synagogendieners, der einen seiner Schüler schwer beleidigt hatte, aber auch der Grobian befand sich nur wenige Tage in Bann und wurde sofort davon befreit, als er den Rabbi und den beleidigten Schüler um Verzeihung gebeten hatte. Maharil scheint, wie dies auch sein Vater getan, auch die Funktion eines Vorbeters ausgeübt zu haben, und zwar am 1. Tage Roschhaschonoh, am Jom Kippur, am Vorabend des Tischoh-Beaf, am Hoschanoh Rabbo; auch hat er eiumal auf Bitten der Gemeinde das Gebet um Regen am Schemini Azeres vorgetragen, wie er denn den Gesangsvortrag mit Verständnis und wirkungsvoll behandelt zu haben scheint. Um den gesanglichen Teil des Gottesdienstes scheint sich Maharil sehr gekümmert zu haben. So billigte er es nicht, wenn inan eine Melodie, an die eine Gemeinde bereits gewöhnt war, leichtfertig änderte, weil Melodie und Gebetstück im Laufe der Zeit so eng mit einander verwachsen, daß sie nur zum Schaden der allgemeinen Andacht getrennt werden könnten. Ebenso wurde die Aufnahme fremder, nicht jüdischer Singweisen für den Gottesdienst mißbilligt und das laute Mitsingen der Gemeinde mit dem Vorbeter getadelt. Außer dem Amte des Rabbiners und Kantors scheint Maharil wie viele seiner Amtsgenossen jener Zeit als Schadchen tätig gewesen zu sein. Natürlich verlangte er hierfür kein Entgelt, aber das angebotene Honorar wurde nicht verschmäht, sondern für wohltätige Zwecke oder zur Erhaltung talmudischer Lehranstalten verwandt. Ein Zeitgenosse des Maharil schildert die Achtung, welche man für einen seitens dieses großen Schriftgelehrten gemachten Heiratsvorschlag hatte, mit den Worten Hiobs: „Auf mich hörten sie und sie harrten und warteten schweigend auf meinen Rat, nach meinen Worten sprachen sie nicht wieder und auf sie träufelte meine Rede." Maharil hat nichts für die Oeffentlichkeit geschrieben; nur seine Gutachten ließ er abschreiben in der Absicht, sie gesammelt herauszugeben. Der Tod hinderte ihn jedoch an der Ausführung seiner Absicht. Die Briefe wurden, wie sein Schüler mit Unwillen bemerkt, von den Söhnen verzettelt, und so ist nur eine verhältnismäßig kleine Sammlung von Gutachten auf die Nachwelt gekommen. Seine mündlichen Mitteilungen, die Wahrnehmungen über sein Verhalten in Leben und Lehre, sowie Aussprüche und Mitteilungen von anderen Zeitgenossen hat sein Schüler Eleasar b. Jakob mit dem Begleitnamen S a l m a n n aus St. Goar gesammelt. Diese Sammlung, welche wesentlich von den Minhagim (Bräuche) handelt und deshalb auch mit diesem Namen belegt wird, hat eigentlich den Ruf Maharils in der späteren Zeit begründet. Die Sammlung ging durch viele Hände, wurde vielfach, sogar noch vor ihrer Vollendung, abgeschrieben und ist nachmals die Fundgrube geworden, aus welcher man über die Tradition im synagogalen und Gemeindeleben sich belehrte. Wenden wir nun unsere Aufmerksamkeit dem Grab st eine Maharils zu, der aller Wahrscheinlichkeit nach von ruchloser Hand beschädigt wurde. Prof. David Kaufmann beschäftigt sich mit diesem m ausführlicher Weise in der „Monatsschrift für dm Wissenschaft des Judentums". Lewysohn gibt in seiner auf Seite 48 das Epitaph, hat aber nach Kaufmann übersehen, daß die Anfangsbuchstaben der Schrift das Akrostichon 'V?n U. ergeben. Daraus kann man vermuten, daß die fehlenden Rechen in ihren ersten Buchstaben den Namen Maharils vervollständigen. Natürlich ist es unmöglich, das Fehlende zu ergänzen. Aber durch Abklatsche, die sich Prof. Kaufmann von dem verstorbenen Vorstandsmitgliede Julius Goldschmidt, der sich um die Altertümer der jüdischen Gemeinde sehr verdient gemacht, verschafft hatte, konnte er die Grabschrift Lewysohns verbessern und ergänzen.

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