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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-07-01 · 7 (7.1927) · p. Seite 14

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In seiner Eröffnungsrede betonte der Vorsitzende, Jnstizrat Dr. Brodnitz, daß der Zweck der Zusammenkunft nicht eine von politischen Tagcsgesichtspunkten veranlaßte Demonstration unter dem Zeichen irgend eines Schlagwortes sein, sondern daß das Material des Vereins in ernster Arbeit geprüft und zur Förderung der deutschen Rechtspflege ausgewertct werden solle. Selbstverständlich bedeute die Tagung keine Absonderung der jüdischen Juristen von ihren nichtjüdischen Kollegen. Landgerichtsrat Dr. Jacques Stern, Berlin zeichnete in leidenschaftsloser und geistig durchdachter Weise das Bild der „völkischen Rechts- und Staatsphilosophie" unter besonderer Würdigung ihrer führenden Köpfe. Er kam zu dem Ergebnis, eine völkische Weltanschauung als Grundlage von Recht und Staat mit dem Ziele der Entrechtung der deutschen Juden sei weder philosophisch noch geschichtlich zu begründen. Ihre Durchführung würfe Deutschland um Jahrhunderte zurück, isoliere es im Kreise der übrigen Nationen und mache so seinen Wiederaufstieg für alle Zeiten unmöglich. Justizrat Dr. Siegfried Löwcnstein, Berlin beleuchtete den „Entwurf eines Allgemeinen Deutschen Strafgesetzbuches" und wies auf die Notwendigkeit hin, gewisse Bestimmungen, wie z. B. „Anreizung zum Klassenkampf" so zu formulieren, wie die Gesamtinteressen des deutschen Volkes und damit auch der jüdischen Deutschen es auf Grund unserer Erfahrungen verlangen. Rechtsanwalt Dr. Erich Eyck, Berlin, beleuchtete in seinem Referat „Die Stellung der Rechtspflege zu Juden und Judentum" an Hand einer sehr großen Zahl von Einzelfällen, die einer eindringenden juristischen Würdigung unterzogen wurden. Er lehnte jede unzulässige Verallgemeinerung bewußt ab, suchte aber die Gründe zu ermitteln, die zu den festgestellten Fehlgriffen geführt haben. Der Vortrag gipfelte in der Forderung unparteischer Gerechtigkeit, nicht nur um der deutschen Juden, sondern um des gesamten großen deutschen Vaterlandes willen. Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, Berlin, schilderte in glanzvoller Rede auf breiter geschichtlicher Grundlage „Wesen und Bedeutung des politischen Prozesses". Er wies darauf hin, daß dieser mehr und mehr nach der Revolution auch in Deutschland ein Faktor des politischen Lebens geworden sei. Diese Tatsache erfordere die Heranbildung von Verteidigern, die die besonderen Erfordernisse des politischen Prozesses zu meistern verstünden. Wer in politischen Prozessen tätig sei, in denen es sich um deutsche und jüdische Fragen handele, müsse sich bewußt bleiben, daß sittliche Eigenschaften, geistige Gaben und Pflichterfüllung, nicht zum mindesten aber vaterländisches Empfinden dem deutschen Juden das Recht und die Pflicht geben, ihre tatsächliche und rechtliche Gleichstellung mit allen nichtjüdischen Deutschen zu erkäyrpfen. Eine vielstündige Aussprache, an der Juristen aus allen Teilen des Reiches, darunter auch Universitätsprofessoren und zahlreiche Richter, teilnahmen, brachte eine Fülle neuen Materials zu den behandelten Fragen. Justizrat Brodnitz konnte in seinem Schlußwort darauf Hinweisen, daß die Tagung, wie erwartet, nicht dem spezifisch-jüdischen Interesse, sondern dem großen Rechtsinteresse unseres gesamten Vaterlandes gedient habe. Verbände und Vereine. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden teilt mit, daß in Landsberg-W. noch in diesem Jahre ein neues und nach modernen Grundsätzen eingerichtetes, rituell geführtes jüdisches Altersheim eröffnet wird. Als Insassen kommen Personen aus den Provinzen Brandenburg und Grenzmark, den abgetretenen Gebieten, aber auch aus Berlin in Frage. Auch aus anderen Bezirken ist der Vorstand bemüht, soweit der Platz reicht, Aufnahmen zu ermöglichen. Es ist aber für Anmeldungen dringende Eile geboten, da die zunächst zur Verfügung stehenden 42 Einzelzimmer aller Voraussicht nach schnell besetzt sein werden. Hingewiesen sei nur noch darauf, daß die gesamte Unterbringung, Verpflegung und Lebenshaltung allen Ansprüchen gerecht werden will, und daß das Heim eine überaus behagliche Ruhestätte bietet. Anmeldungsgesuche sind sofort zu richten an Herrn Rabbiner Dr. Martin Salomonski, Berlin W 10, Bendlerstraße 18, der alsdann die näheren Aufnahmebedingungen mitteilt. Am Sonntag, den 3. Juli, findet in Köln, Roonpraße 80, (Verwaltungsgebäude der Synagogengemeinde) die Mitgliederversammlung des Bundes der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten Deutschlands statt. Im Mittelpunkt der Tagesordnung steht das Referat: „Wie werden Pfleglinge ritueller Anstalten nahrhaft, abwechslungsreich und dabei sparsam ernährt", über das bedeutende Mediziner und Anstaltsleiter sprechen werden. 14 Die Tagung will bezwecken, durch Austausch praktischer Erfahrungen festzustellen, wie die Ernährungsfragen in rituellen Anstalten zum Wähle der Pfleglinge am geeignetsten zu lösen sind. Ter Verband der Tierschubvereine im Deutschen Reich hatte am 9. und 10. Juni in Darmstadt eine Sitzung, in welcher auch die Schächtfrage behandelt wurde. Die Tierschutzvereine München und Düsseldorf hatten einen Antrag eingereicht, in dem sie bei den gesetzgebenden Körperschaften in Deutschland den Betäubungszwang aller Schlachttiere, ohne Rücksicht auf die rituellen Vorschriften der Juden, verlangten. Da schon seit einiger Zeit auf diese Gesetzgebung vorgearbeitet wurde, wurde trotz der Gegenbemühungen der Herren Rabbiner Dr. Munk, Berlin, und Dr. I. Horovitz, Frankfurt a. M. dieser Antrag mit 70 gegen 7 Stimmen angenommen. Bücherschau. Ein jüdisches Konversations-Lexikon. Ein jüdisches Lexikon in der Art des großen oder kleinen „Meyer" und „Brockhaus" gab es bisher in deutscher Sprache nicht. (Vor 25 Jahren erschien in englischer Sprache die 12bändige „Jewish Enzyclopedia" und vor dem Kriege ein dieser ähnliches Werk in Rußland.) Nach achtjähriger vorbereitender Arbeit gelangt jetzt im jüdischen Verlag, Berlin, die erste Jüdische Enzyklopädie in deutscher Sprache zur Ausgabe. Sie besteht aus vier starken Bänden in Lexikonformat und wird von Dr. Georg Herlitz und Dr. Bruno Kirschner (Berlin) bei Mitarbeit von mehr als 230 der hervorragendsten jüdischen Gelehrten und Schriftsteller in den meisten Ländern der Welt und unter der Fachredaktion von Prof. Dr. Jsmar Elbogen, Dr. Josef Meisl, Dr. Aron Sandler, Dr. Max Soloweitschik, Dr. Felix A. Theilhaber, Dr. Robert Weltsch, Rabb. Dr. Max Wiener herausgegeben. Das Werk umfaßt in etwa 15 000 Stichworten und Verweisungen das Gesamrgebiet der jüdischen Geschichte, Religion, Literatur und Wissenschaft, die Biographien aller bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten der Vergangenheit und Gegenwart, die Darstellung aller aktuellen jüdischen Fragen usw., so daß es ein umfassendes und dabei streng objektives Nachschlagewerk des Wissens vom Judentum geworden ist. Die Enzyklopädie, von der gleichzeitig auch eine Ausgabe in monatlichen Lieferungen erscheint, bringt auf ihren etwa 3000 Seiten weit mehr als 2000 Illustrationen, Noten und Tabellen, außerdem viele Kunstbeilagen. Von den 230 Mitarbeitern seien hier genannt: Julius Bab, Rabb. Dr. Leo Baeck, Prof. U. Cassuto (Florenz), Prof. Simon Dubnow, Dr. Alfred Einstein, Dr. Arthur Eloesser, Dr. Jsmar Freund, Rabb. Dr. Felix Goldmann, Dr. Ludwig Holländer, Dr. Richard Lewinsohn (Morus), I. Mieses, Leo Motzkin (Paris), Arno Nadel, Prof. Franz Oppenheimer, Chefredakteur Dr. Felix Pinner, Jakob Rosenheim, Rabb. Dr. Caesar Seligmann, N. Sokolow, London, Prof. Ch. Weizmann (London), Arnold Zweig usw. Als zweite Veröffentlichung hat der Heine-Bund ein sehr beachtenswertes Werk herausgebracht. Dieses Buch „Gestalten und Momente aus der jüdischen Geschichte", herausgegeben von Professor Dr. I. Elbogen, 320 Seiten, mehrere Bildtafeln, holzfreies Papier, in Ganzleinen gebunden. Mit dieser Veröffentlichung hat der Heine-Bund, eine jüdische Buchgemeinde, Berlin W 9, Linkstraße 39, sich ein großes Verdienst erworben und wird sich gewiß den Dank seiner Mitglieder, die im ganzen Jahre bei jährlicher Vorauszahlung einen Betrag von RM. 14.—, bei vierteljährlicher Zahlung RM. 3.75 zu entrichten haben, erwerben, denn das von Elbogen zusammengestellte Werk gibt einen umfassenden Ueberblick über bedeutende Gestalten und Momente der jüdischen Geschichte von der alten Zeit im eigenen Lande an, über das Mittelalter bis in die neueste Neuzeit. Wenn das Werk auch keine freie Eigendarstellung des bewährten Verfassers ist, so muß die getroffene Auswahl aus Darstellungen und Dokumenten als vollkommen gelungen bezeichnet werden. Jeder Leser, der geschichtliche Dinge auf sich wirken lassen und sich durch die Lektüre von Tatsächlichkeiten zu Gedanken und Urteilen anregen lassen will, wird sich mit Befriedigung in dieses Werk vertiefen und immer wieder gern zu seiner Lektüre greifen. Die Klage, daß wir für unsere jüdische Jugend nicht viel brauchbaren Lesestoff besitzen, ist alt und war auch bis in die letzten Jahre hinein sicherlich berechtigt. Air guter Jugendbücherei kann es überhaupt nicht zuviel geben, denn die Bücher sind für die Jugend in umfangreichem Maße Bausteine des Wissens und der sittlichen Erziehung. Einen sehr dankenswerten Fortschritt in dem Versuch, eine jüdische Jugendbücherei auszubanen, haben wir zu verzeichnen. Unter Mitwirkung der Jugendschriften-

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