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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-07-01 · 7 (7.1927) · p. Seite 12

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
7 (7.1927)
Date
1927-07-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Begründung, vor allem aber feblt es an geeigneten Erzieher- Persönlichkeiten. Sawadh empfahl daher vorläufig die Errichtung von E r z i e h u n g s b e r a t u n g s st e l l e n, an welche Kinderhorte anzuschließen wären. Die A u fg a b e n di es er B e r a t u n g s st c l l e n sind nicht nur die Beratung der Eltern, die V e r b i n d u n g mit der Schule und die B e o b a ch t u n g und Beeinflussung der Kinder, sondern auch die gutachtliche Aeußerung falls intensivere Erziehungsmaßnahmen, z. B. ein Ilmgebungswechsel, erforderlich sind. Die wichtigste Aufgabe der Beratungsstelle aber ist und bleibt die ständige Verbindung mit den Eltern. Neben der psychotherapeutischen Tätigkeit hat die Beratungsstelle auch die Aufgabe der Sammlung wichtigen Materials, das Beratungs- und Wohlsahrtsstellen sich gegenseitig zur Kenntnis bringen sollen. Die Beratung hat nach der Meinung Sawadys auszugchen: 1. von dem Psychiater, dem ein Kinderarzt zur Seite stehen muß, 2. von dem Heilpädagogcn und 3. von der heilpädagogisch ausgebildeten Fürsorgerin. Alle drei müssen Hand in Hand arbeiten und sich gegenseitig beraten und ergänzen. In der Diskussion über dieses Referat wies vor allem Rabbiner Dr. Horowitz, Frankfurt a. M. darauf hin, daß die Dinge auf dem Gebiete der Psychopathenfürsorge befouders schwierig liegen. Er glaubte vor ungefähr 15 Jahren, daß mit einem Psychopathenheim bzw. mit einer jüdischen Abteilung, die einer interkonfessionellen Anstalt angegliedert wird, das wesentliche geschehen sei. Damals hatte er einen recht erheblichen Betrag für ein derartiges Heim gesammelt. Inzwischen hat er sich, je länger er sich mit der Frage der Fürsorge für jugendliche Psychopathen befaßt bat, desto mehr davon überzeugt, daß diese Frage eine der schwierigsten ist, die es zu lösen gibt. Vor allen Dingen weist er darauf hin daß nach neueren Forschungen auf dem Gebiete der Heilpädagogik 9 verschiedene Gruppen von weiblichen und 5 Gruppen von männlichen Psychopathen unterschieden werden. Fast alle diese Gruppen kommen mehr oder weniger auch bei jüdischen Jugendlichen vor, und fast für jede dieser Kategorien ist eine andere Behandlung notwendig. Bei der einen ist diese, bei der anderen jene Art von Anstalten der gegebene Weg; wieder andere Psychopathen gehören überhaupt uicht in die Anstalt. Bei dieser Sachlage können rein jüdische Anstalten allein uns einer Lösung nicht näher bringen. Zu den angegebenen Schwierigkeiten kommt die Frage der Berufsausbildung hinzu; sie ist das wichtigste in der ganzen Heilerziehung. Während aber normale Menschen sich durchschnittlich für eine größere Reihe von Berufen eignen, kommt für einen Psychopathen oft nur ein einziger, bzw. ganz wenige Berufe in Betracht. Nur eine größere Anstalt mit vielen Handwerkstättcn und Ausbildungsmöglichkeiten kann hier Aussicht aus Erfolg bringen. Horowitz glaubt daher daß zu erstreben sei, jüdische Abteilungen an die besten dazu geeigneten allgemeinen Anstalten anzugliedern, ähnlich, wie es der Hessische Landesverband für jüdische Wohlfahrtspflege bei der Heilerziehungsanstalt Calmenhof Idstein im Taunus gemacht hat. Eine Kommission von Fachleuten mühte prüfen, welche Anstalten in Betracht kommen. Für kleinere Kinder, bei denen eine eigentliche Berufsausbildung noch nicht in Frage kommt, könnte und müßte evtl, eine eigene jüdische Anstalt geschafsen werden, zunächst für diejenigen Kategorien von psychopathischen Kindern, die unter den Juden besonders stark vertreten sind. Vorläufig aber fehlt es an Lehrern. Alles muß geschehen und alle Organisationen müssen zusammen wirken, daß wir endlich dazu kommen, wirklich geeignete Persönlichkeiten für diese große und wichtige Aufgabe heranzubilden. Leider muß festgestellt werden, daß man nicht viele Lehrer findet, die geeignet und gewillt wären, jüdische psychopathische Kinder bei sich auszunehmen. Ebensowenig, wie wir eine geeignete Anstalt haben, können Familien benannt werden, die solche Kinder bei sich aufnehmen und heranzubilden in der Lage sind. Das größte Gewicht ist darauf zu legen, daß die zukünftigen Lehrer und Lehrerinnen aufheilpädagogischem Gebiet auf das sorgfältigste theoretisch und praktisch ausgebildet werden. Das letztere ist nur möglich in interkonfessionellen Anstalten. Nach Meinung von Tr. Horowitz könnte viel Unglück verhütet werden, wenn Eltern und Lehrer sich mit allen Errungenschaften der modernen Psychologie des Jugendalters vertraut machen würden. „Wie das große Werden der Schöpfung, so beginnt alles Werden der Kinderseele mit einem Chaos. Viele der Edelsten und Besten verkommen und gehen zugrunde, weil ihnen die liebereiche Hand fehlt, die sie führt und der Führer, zu dem sie ausschauen können und der ihnen zeigt, daß dieses Chaos die Vorbedingung 12 ist für alles Wachstum und sie ehrfürchtig aufblicken läßt zu dem Geist Gottes, der über den Wassern schwebt." Auch die weitere Diskussion über die Fürsorge für jugendliche Psychopathen brachte mancherlei Anregungen, die zum Schluß in nachstehenden Resolutionen zusammengcfaßt werden, deren Durchführung siich die Zentralwohlfahrtsstelle bzw. die Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Ge-fährdetenfürsorge" angelegen sein lassen wird: 1. Durch Sachverständige auf dem Gebiete der Psychopathenfürsorge soll geprüft werden, wo evtl, an interkonfessionellen Anstalten jüdische Abteilungen angegliedert werden können, und in welcher Art jüdische Anstalten erforderlich sind. 2. In jeder größeren Gemeinde sollen möglichst Kinderhorte zur Beobachtung und Anleitung von psychopathischen und schwererziehbaren Kindern eingerichtet werden. 3. Für die rechtzeitige Erkenntnis psychopathischer Veranlagung ist die Errichtung von heilpädagogischcn Beratungsstellen (Erziehungsbcratungsstellcn) erforderlich, welche die Indikation für die in Frage kommenden Maßnahmen zu geben haben. 4. Die heilpädagogische Ausbildung von Erziehern, Lehrern, und Wohlfahrtspflegern in . Anstalten und durch Kurse soll ideell und materiell gefördert werden. Mit Rücksicht auf die große Bedeutung einer umfassenden Fürsorge für psychopathische Kinder und Jugendliche bittet die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden ihr praktische Vorschläge und Anregungen zur Lösung der erörterten Fragen entweder mitzuteilen oder sich in der jüdischen Presse darüber zu äußern. Gefährdetenfürsorge. Am 12. Mai trat in Berlin die bei der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden bestehende Arbeitsgemeinschaft für Gcfäyrdeten-Fürsorgc zusammen. In der von Sanitätsrat Dr. Seeligsohn geleiteten Sitzung waren die Vertreter aller angeschlossenen Organisationen, sowie die der Kominission angehörcnden Sachverständigen anwesend. Hauptgegeustände der Verhandlung waren u. a. die Fragen des Ausbaues der G e fa n g e u e u f ü r s o r g e , sowie eiu Bericht über deu Stand der Reform der F ü r s o r g e e r z i e - h u n g. In der Frage der G e f a n g e n e n f ü r s o r g e ist eine Abgrenzung der Arbeit mit dem „Sozialen Ausschuß des Allgemeinen Deutscheu Rabbinerverbandes" dahin erfolgt, daß diesem die s e e ls o r g e r i s ch e , der Zentralwohlfahrtsstelle bzw. den zuständigen Wohlfahrtsstellen im Reiche die s ü r s o r g e r i s ch e Arbeit obliegt. Die seelsorgerische u n d die fürsorgerische Arbeit soll in dauerndem engen Zusammenwirken untereinander, vor allem aber mit allen Organisationen der allgemeinen Gefangenen- und Strafcntlassenenfürsorge tätig sein. Diese Notwendigkeit der Zusammenarbeit gilt natürlich ebenso für alle anderen Gebiete der Gefährdetenfürsorge. Im übrigeu sind die Zentralwohlfahrtsstelle und der Soziale Ausschuß des Rabbinerverbandes zur Zeit mit der Aufstellung von Verzeichnissen der in Frage kommenden Strafanstalten und Gefängnisse mit Angabe der für sie zuständigen Rabbiner und jüdischen Wohlsahrtsstellen, sowie allgemeinen Gesangenenfürsorge- Organisationen beschäftigt. Endlich wird ein Merkblatt für die Durchführung der Arbeit ausgestellt. Auf dem Gebiet der Reform derFürsorgeerziehung konnte über das Fortschreiten der Arbeiten sowohl bezüglich der Anstalten für männliche, wie für weibliche Jugendliche berichtet werden. Tie Reformarbeiten sind noch nicht zum Abschluß gelangt, so daß auf diese Frage später eingehend zurückgekommen werden muß. ■ .j Schließlich beschäftigte sich die Arbeitsgemeinschaft noch mit der Delegation zur Konferenz über Fragen des Mäd - ch e n s ch u tz e s u n d Mädchenhandels in London im Juni dieses Jahres. Die zu entsendenden Vertreter werden mit den beteiligten Organisationen voraussichtlich noch kurz vor der Londoner Konferenz zu einer Vorberatung in Berlin zusammentreten. Tuberkulosefürsorge. Der erste Bericht über die im Januar 1025 begründete Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Tuberkulosefürsorge" wurde gelegentlich der Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden im Mai 1926 in Düsseldorf durch Frl. Frieda Weinreich erstattet und wurde' im Heft der Zedakah vom August 1926 zum Abdruck gebracht. Neber die stetig wachsende Tätigkeit dieser Einrichtung im Jahre 1926 sei folgendes berichtet: Die Arbeit erstreckte sich in der Hauptsache datauf, Tuberkulosekranken durch Bereitstellung der erforderlichen Mittel den

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