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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-06-01 · 6 (6.1927) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
6 (6.1927)
Date
1927-06-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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übertrug sich auch auf das Edingersche. Man fühlte sich dort so wohl, empfand gar nicht, daß man in fremdem Hanse weile. In dem Hause, in welchem der Idealismus seine Triumphe feierte, herrschte ein echt jüdischer Geist. Zum Unterschiede von vielen andern, hielt er strenge daraus, daß die ganze Familie nicht nur am Roschhaschonoh und Jam Kippur, sondern an allen Festtagen in der Synagoge erschien. Edinger selbst sprach bei „Jahrzeit" in Tallis und Tefillin das Kaddischgebet. Am jüdischen Leben in der Gemeinde nahm er in hervorragender Weise teil. Er gehörte viele Jahre dem Vorstande der jüdischen Gemeinde an und dem fast aller jüdischen Wohltätigkeitsvereinc. Wir begreifen cs deshalb, wenn E. letztwillig bestimmte: „Ich wünsche, daß meine Kinder gute Juden bleiben." Bei Unterstützungen stand er an oberster stelle. Wie vortrefflich seine Kinder erzogen waren, davon folgendes Beispiel: Als sein Sohn Ludwig, auf den ich noch zurückkomme, und der als Oberprimaner Vorsitzender des „Jsr. Schülernntersiützungsvereins" gewesen, als Student nach den Ferien wieder abreiste, sagte sein Vater: „Ich muß dir noch das Geld für den Apparat gehen." „Das ist nicht nötig, ich habe ihn von meinen Ersparnissen bezahlt." — Nach erfolgreicher geschäftlicher Tätigkeit und tiachdenl er seine Kräfte dem engeren Kreise der jüdischen Gemeinde gewidmet hatte, trat er ins öffentliche Leben ein. Er gründete mit Schulze-Delitzsch den Vorschnßverein, der sich heute als „Vereinsbank" zu einem hervorragenden Bankinstitute entwickelt hat, und dessen Vorsitzender er bis zu seinem Tode gewesen. Jetzt wurde auch die Bürgerschaft auf die großen Fähigkeiten uiid noch größeren vortrefflichen Eharaktereigenschaften Edingers^ aufinerksam, er wurde in den Stadtrat unb nachdem das neue Schulgesetz erschienen war, das Inden nicht vom Schulvorstand ausschloß, in diesen gewählt. Jii beideii Körperschaften nahm er eine führende Stellung ein. Eine Sitzniig der letzteren Behörde erweckt eine Erinnerung in mir, die ich nie vergessen werde. Im Dezember 1874 sollte das 50jährige Jubiläum der städtischen simultanen Volksschule gefeiert werden. Zn diesem Zwecke wurde ein Komitee gebildet aus 3 Stadträtcn, 3 Lehrern und 3 Schülern, die 1824 diese Schule besucht haben, uiid zwar von jeder Konfession einer. Von den Juden gehörte Edinger dem Stadtrate an und ich dem Lehrerstande und der Jude ans dem Jahre 1824 war einer, der nicht zu den „obersten Zehntausend" gehörte. Als Ediirger zur Sitzung erschien, begrüßte er den Oberbürgermeister und als er den Glaubensgenossen sah, ging er, alle anderen Anwesenden nicht beachtend, auf diesen zu, begrüßte ihii sehr herzlich und unterhielt sich mit ihm solange, bis die Sitzung begann. Nachdem E. sich im Stadtverordnetenkollegium so vortrefflich bewährt hatte, sandte ihn die Bürgerschaft während dreier Wahlperioden in den Landtag, wo er eine überaus segensreiche Tätigkeit entfaltete, er war ein gewandter Redner und sprach immer mit dem Herzen. Erfreut war er, als sein Herzenswunsch, — die Fortbildungsschule — ins Leben trat. Doch konnte er mit seinen weitergehenden Forderungen, den Unterricht in frühere Stunden als abends von 7—9 Uhr zu verlegen und auch die Mädchen, zur Fortbildungsschule heranzuziehen, nicht durchdringcn. Wie würde er sich freuen, hätte er erleben können, wie die spätere Zeit auch diese Forderungen erfüllt hat. Hier möchte ich noch ein Begegnis mit Edinger, als er von einer Sitzung des Landtages kam, 'einschalten. Ich hatte schwere Kämpfe zu bestehen, um an der städtischen Volksschule als erster jüdischer Lehrer in Hessen angestellt zu werden. Eines Tages hatte ich wieder in Tarmstadt alle Oberschulräte besucht. Niedergedrückt, weil ich mir wenig Erfolg versprach, ging ich an den Bahnhof, wo ich Edinger traf. „Nun geht's mir", sagte ich zu Edinger, „wie Georg von Frundsberg zu Luther gesprochen, als er in den Sitzungssaal trat: „Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang." „Ich habe so viele schwere Gänge gemacht und scheints ohne Erfolg." „Sie können recht haben. Ich habe heute in der Kammer Gelegenheit genommen, mit dem Vorsitzenden der ^chulabteilung zu sprechen und ich habe das Gefühl, daß wenig Aussicht für Sie vorhanden ist, denn das Rischus ist zu groß." Doch wer beschreibt mein Erstaunen, als ich vier Tage nach dieser Begegnung mein Dekret als Schulgehilfe für einen erkrankten Lehrer erhielt. Ich meldete es sofort Herrn Edinger, der sich zur Kur in Tarasp aufhielt und fo beglückt ich war, nicht weniger beglückt schrieb er mir mit der Bemerkung, daß er sofort die freudige Nachricht Berthold Auerbach^überbrachte, der sich auch in Tarasp aufhielt. Seine letzte Rede im Ltadtrate galt dem jüdischen Friedhofe. Ter Vorstand der jüd. Gemeinde wollte den Friedhof erweitern. Diese Forderung des Vorstandes gab dem Stadtrate Veranlassung, auf Schließung des alten Friedhofes zu dringen und ein Mitglied der Versammlung, der Beigeordnete Rasor, stellte den Antrag, die Juden zu veranlassen, auf dem christlichen Friedhofe beerdigt zu werben. Edinger hielt eine wunderbar schöne Rede, die mit den Worten schloß: „Ich freue mich außerordentlich der schönen toleranten Worte des Herrn Rasor, aber wir Juden wünschen, daß die Toleranz nicht im Tode, sondern im Leben geübt werde." Ehe ich zum Schlüsse komme, möchte ich einiges über die Kinder Edingers mitteilen. Sein Sohn Ludwig starb als Profess, der Nervenheilkunde an der Universität in Frankfurt im Iah: 1918; e£ hat ein Institut für Gehirnerforschung begründet. Der zweite Sohn Otto starb 1917 als Bankier in London. Von seinen Töchtern heiratete die älteste den Geh. Justizrat Prof. R i e ß e r , den Vizepräsidenten des Reichstages, die zweite einen Bankier in Berlin uiid die jüngste den Oberlaudesgerichtsrat Dr. Sommer, den Freund des früheren Kaisers. Kurz nach der Rede Edingers über die Schließung des alten Friedhofes wurde ein evangelischer Theologe, Dr. N. aus Preußen, als Religionslehrer an das Gymnasium berufen. Bald nach seinem Dienstantritte griff er Edinger wegen feinet: politischen Richtung «Katheder-Sozialist) heftig an. Diesem Angriffe folgte ein weiterer. Edinger mußte cs erleben, daß bisherige Freunde sich aus die cLeite Dr. Ns. stellten. Das schmerzte ihn tief; er legte sein Amt als Stadtverordneter nieder. So wollte er auch nicht langer in der Stadt bleiben, die er so sehr geliebtz und die ihm jetzt so schwere Stunden bereitet hatte. Die Brüder übergaben das Geschäft einem langjährigen Mitarbeiter. Sein Bruder Heinrich zog nach Frankfurt zu seinen Kindern, Markus wählte das ruhigere Karlsruhe, wo er viele Freunde hatte. Noch einmal schien ihm die Sonne mit ihren hellen Strahlen, als er am 11. Juni 1879 mit seiner Gattin das Fest der silbernen Hochzeit feierte. Viel Liebe wurde dem Jubelpaare von allen Seiten entgegengebracht, das Haus glich einem prächtigen Garten, aber schon vier Tage später hatte Markus Edinger seine reine Seele ausgehaucht, er starb im Alter von nur 58 Jahren. Fast schien es, als habe die Vorsehung den Todescngel so früh eintrctcn lassen, damit durch seinen Wegzug die zahlreichen Spuren nicht verwischt werden, die sein segensreiches Wirken hinterlassen. Er wurde auf dem alten Friedhofe, für dessen Erhaltung er so feurige Worte gefunden, begraben. Ein Edelstein behält seinen Wert, ob er i n oder ü b e r der Erde sich befindet. Aus unseren Verbandsgemeinden. Alzeb, 15. Mai 1927. Auf die durch Herrn Oppcliheimer, Gau-Bickelheim, an die Vorstände des Rabbiuatsbezirks Alzey ergangene Einladung trafen sich dieselben am Sonntag, den 15. Mai, zwecks Rücksprache bezüglich Stellungnahlne zum Gemeindetag, der auf Sonntag, den 19. Juni d. I. nach Mainz berufen ist. Als Gäste waren die Vorstände der Gemeinde Alzey, Herr Küchler und Herr Sanitätsrat Dr. Mainzer erschienen. Es fand eine ausgiebige, sehr interessante Aussprache statt, und wurde festgestellt, daß die bereits dem Landesverband augehörenden Landgemeinden des Bezirks Alzey 133 Personen zählen. Auf diese 133 Steuerzahler würden nach Artikel VII der Verfässung drei Stimmen fallen, also sind drei Abgeordnete zu wählen. Nach Erläuterung des Referenten Oppenheimer wurde zur Wahl geschritten, und folgende Herren gewählt: 1. Herr M. Maas. Gau-Odernheim, Vorsteher der Jsr. Gemeinde, 2. Herr Leopold Herzog, Vorsteher der Gemeinde Nieder-Saulheim, 3. Herr Emil Jsaac, Vorsteher der Gemeinde Wallertheim. — Es wurde noch in der Aussprache darauf hingewiesen, daß geeignete Personen, die noch abseits stehenden Gemeinden dahin aufklären sollen, daß ein Anschluß au den Landesverband nur im eigensten Interesse jeder Landgemeinde sein kann. Mit dem Wunsche eines frohen Wiedersehens beim Gemeindetag in Mainz war die mit großem Interesse verfolgte Beratung gegen 0 IIhr beendet. Heppenheim a. d. Wiese «Nheinhesseni. Hier wurde in diesen Tagen Frau M a r t h a R e i n h e i m e r , geb. S a l o m o n unter außergewöhnlich großer Beteiligung zur letzten Ruhe bestattet noch Blüte, noch Blume — im Alter von 31 Jahren. Sie war eine anmutige, brave Frau, an deren Grabe neben der Liebe und Freundschaft auch die Taiikbarkeit der Armen und Bedrückten zum Ausdruck kam. In Mailand, woselbst ihr Gatte eine ehrenvolle Stellung sich erworben und woselbst ein behagliches Heim sie sich geschaffen, hauchte sie nach kurzem, aber schwereni Kranksein ihr junges Leben aus. Ihrem Wunsche entsprechend, wurde sie im heimatlichen Boden beigesetzt. Beweint wird sie von jedermann, der sie kannte; ihre Kinderchen kennen die Größe des Verlustes noch nicht! — Am Grabe sprach Herr Dr. Holzer tiefempfundene Worte der Trauer und des Trostes. Auch Herr S a l o m o n , Worms, widmete ihr einen wohlverdienten Nachruf. Worms. Tie Ortsgruppe Worms im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten veranstaltete am Samstag, 7. Mai, im Mozartsaal des städtischen Spiel- und Festhauses einen Theaterabend, der sich eines sehr guten Besuches zu erfreuen hatte. Zur Uraufführung Glashütten-Fabrikate ainz « fl Spezialität: Weinflaschen aller Art 3 Korbflaschen — Probeflaschen M Genagelte Weinkisten. 0

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