Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1927-06-01 · 6 (6.1927) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
2 (1927)
Issue
6 (6.1927)
Date
1927-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9582242-9623183-9620287--0117-9620290
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

eme Verständigung. Die orthodoxen Juden in Bayern, Württemberg und Baden sind doch gewiß ebenso treue Hüter der orthodoxen Auffassung, aber sie waren den Erwägungen, die für ein einiges Vorgehen sprechen, zugänglicher und standen nie auf dem Standpunkt der Trennung um jeden Preis. Die Orthodoxie in diesen Ländern hat Verständnis für die unbedingte Notwendigkeit des Zusammenschlusses. Sie erkennen klar die Notwendigkeit zum Wohle ihrer eigenen Anhänger und sie fühlen sich und ihre Interessen in den gemeinsamen Verbänden seit Jahren wohl und sicher. Die außerhessischen Juden stehen aus dem Standpunkt: Nicht mit zu hassen, mit zu lieben sind wir da. Wir behandeln heute dieses Thema, ans das einzugehen wir seither vermieden haben, einzig und allein deshalb so ausführlich, weil, wie wir hören, in der Darmstädter Besprechung der Orthodoxie Behauptungen aufgestellt worden sind-, welche mit der historischen Wahrheit nicht in Einklang gebracht werden können. Zur Stützung seines sonst wenig beweiskräftigen Standpunktes hat einer der Hauptgegner jeder Einigung behauptet, iu Hessen sei ein Zusammengehen aller Juden deshalb nicht möglich, weil der Mainzer Verband nicht gering Entgegenkommen zeige. Demgegenüber möchten wir auf einen Brief Bezug nehmen, den ein Mitglied unseres Oberrates, der auch gleichzeitig Mitglied einer orthodoxen Gemeinde ist und sich seit Jahren um eine Einigung bemüht, an einen Freund des orthodoxen Verbandes vor der Darmstädter Tagung geschrieben hat. Der Brief stellt dem Sinn nach fest, daß sein Schreiber alle Bemühungen um eine Eirrigung arrsgegeben habe, als er feststellcn mußte, daß die Führer des orthodoxerr Verbandes, wie ihm dies auch von wohlunterrichteter ^eite bestätigt wurde, unter keinen llmständen einen direkten Anschluß an unseren Landesverband wünschten rmd einen solchen auf jede Weise zu hiutertreiben suchten. Er stellte fest, daß man einen Standpunkt der Trennung um jeden Preis vorn Standpunkt jener Herren aus ivohl verstehen könne daher das Wort Trennungs-Orthodoxie — aber dann solle inan auch den Mut haben, derr Anhängern dies mit dürren Worten zu sagen und nicht belanglose Nebenumstände als Motive diesen ununterrichteten Anhängern gegenüber vorschützen, die mit der reiche selbst eigentlich nichts zrr tun haben rrnd in keinem Verhältnis zur Wichtigkeit der Sache stehen. Zuerst stellte marr sich beleidigt, rveil man angeblich bei der Gründung des großen Verbandes nicht rechtzeitig zur Mitwirkung eirrgeladen worden sei, dann weil man die Statuten nicht nach dem Wunsche dieser Kreise abgesaßt habe, neuerdings weil unsere Monatsschrift Artikel gebracht habe, die vom konservativen Standpunkt aus nicht zu vertreten seien. So konstruiert inan nachträglich Gründe für einen schon vorher festgelegten Standpunkt. Ist das aufrichtig? Ist das jüdisch? Ist das gesetzestreu? Es sei festgestellt, daß man von unserer Seite diesem kleinen Kreis der unentwegten Trennungsfreunde die möglichste Erfüllung aller Wünsche zugesichert hat, alles vergeblich; sie wollen prinzipiell keinen einigenden Verband. Wir haben es gewiß nicht nötig, diesem kleinen Kreis nachzulaufen, aber wir haben trotzdern anläßlich einer Tagung zwei Führer der Orthodoxie eingeladen, einer Sitzung des Oberrates als Gäste und Zuhörer beizuwohnen, damit sie sich selbst überzeugen könnten, wie weit der Wille zur Einigkeit bei uns vorhanden sei. Die Herren haben abgelehnt, der Einladung Folge zu leisten. Auf Grund unserer Informationen haben wir fast die Gewißheit, daß weite Kreise der hessischen Orthodoxie diesen Trennungs-Standpunkt nicht teilen, daß diese Kreise aber nicht im Stande sind oder nicht genügend Energie besitzen, ihren Standpunkt zur Geltung zu bringen. Wer will auch der Stimme des Friedens, der Stimme der praktischen Notwendigkeit folgen, wenn ihm gesagt wird, er versündige sich an der heiligen Sache, und handle'es sich auch um profane Fragen. Die Anhänger, die den Herren Führern blindlings folgen, wissen aber noch nicht, daß bereits zahlreiche orthodoxe Gemeinden sich unserem Verband angeschlossen haben, und daß für Lehr- und Kultuszwecke gar manche derselben bereits Beiträge von unserem Verband erhalten haben. Man beachtet in diesen Kreisen wohl auch nicht genügend, daß in unserem Oberrat bereits jetzt mehrere orthodoxe Mitglieder eifrig Mitarbeiten, die bestätigen können, wie weitgehend alle orthodoxen Wünsche Erfüllung finden. Aber das nützt alles nichts. Non possumus. Wir könne n, d. h. wir wollen nicht, auch wenn die Vertreter des Mainzer Verbandes mit Engelszungen reden würden. Die Herren mögen den Unfrieden, den sie predigen, zum Schaden unserer Religion, zum Schaden der Gesamtheit des hessischen Judentums vor diesem und vor ihrem Gewissen vertreten; sie mögen es aber unterlassen, für ihren Standpunkt Motive weiterhin ins Feld zu führen, die eine Irreführung ihrer Anhänger bedeuten, weil sie den wirklichen Verhältnissen nicht entsprechen. L. K. Bericht über die erste Generalversammlung des Israelitischen Landeslehrervereins im Volksstaat Hessen. Am 31. Oktober vorigen Jahres fanden sich 42 hessische Lehrer in der Frankfurter Loge zu Frankfurt zusammen, um einen Tätigkeitsbericht des Vorstandes über die Zeit seit Bestehen des Vereins entgegenzunehmen, um zu vielen Tages- und Vereinsfragen Stellung zu nehrnen. Nach herzlicher, mit Thoraworten geschmückter Begrüßung durch den ersten Vorsitzenden, Herrn Lehrer Kahn in Alsfeld, gab dieser eine Uebersicht über die Stellungnahme des Vereins zu allen, Lehrer und Gemeinden berührenden Problemen, insbesondere zu allen Vorgängen der letzten 1K Jahre. Wir entnehmen dem Bericht folgendes: Der Zusammenschluß der bisher in allen Fragen getrennt arbeitenden zwei hessischen Lehrervereine zu einem Dachverband war ein dringendes Gebot. In keinem anderen deutschen Lande ist eine Einheitsfront notwendiger als in Hessen, in dem die Lage noch vieler Kollegen unvergleichlich traurig ist, trostloser und ungeklärter als in irgend einem anderen deutschen Lande. Unerklärlich und unbegreiflich ist das Fernbleiben vieler Kollegen, insbesondere solcher, die sich in gesicherten Anstellungs- und Besoldungsverhältnissen befinden. Mit Neid blicken wir auf uusere süddeutschen Nachbarstaaten, in denen restlose Einigung zu dem ideellen und materiellen Erfolge geführt hat, der uns bis heute infolge Zerrissenheit in den eigenen Reihen versagt geblieben ist. Möge der Ruf unseres ersten Vorsitzenden: „Warum bleibt ihr außer unseren Reihen stehen", von allen Lauen und Gleichgültigen gehört werden! Eine vom Vorstande veranstaltete Enquete über Lehrerbesoldung hat folgendes gezeitigt: Es gibt heute noch in Hessen Gehälter von RM. 250.—, 750.—, 1000.— und 1200.— pro Jahr. Vier Lehrer haben heute noch ein Gesamteinkommen von unter 1000.— RM., drei bis zu 1500.— Reichsmark. Reden diese Zahlen nicht eine erschütternde Sprache? Wer will abseits stehen bleiben, wenn es gilt, eine solche Kulturschande zu beseitigen? Mit Rachmonusaktionen ist hier nichts getan. Ter Verein muß durch Zusammenschluß aller jüdischen Lehrer in Hessen mit einer solchen Stoßkraft ausgestattet werden, daß Schandpfähle solcher Art in Gebäuden jüdischer Gemeinden auf den ersten Anlauf umgeraunt werden müssen. Wie wohltuend wirkte die Erwähnung des ersten Vorsitzenden vom Vorgehen der jüdischen Gemeinde Offenbach. Aus der Erkenntnis heraus, daß es in Hessen so nicht weiter gehen könne, daß mit der materiellen Not der Beamten die geistige Not unserer Gemeinden mitmarschiere, daß mit der Verelendung der Klern- und Miitelgemeinden unserem Judentum Wunden geschlagen werden, Lehrstätten veröden, Gotteshäuser geschlossen werden, dre Landjugend unwissend auswächst, der Religion entfremdet, mit einem Worte das ganze kulturelle und religiöse Leben solcher Gemeinden dem unrettbaren Verfalle anheimgegeben wird, hat er im Juli 1925 die ersten Schritte zur Gründung des Landesverbands Israelitischer Gemeinden getan. Fürsorge für Lehrer und Kultusbearnte soll eine der vornehmsten Aufgaben des Landesverbandes sein, dem an die Gemeinden gesandten Rundschreiben des Offenbacher Vorstandes, das zum Zusammenschluß und somit zur Selbsthilfe aufforderte, war ein rascher Erfolg nickrt beschieden. Immerhin setzte aber eine Diskussion über diese Frage allenthalben ein, die zur Gründung des Verbandes und zur Aufstellung von Statuten führte. Hierbei war die Genreinde Mainz und ihr Vorstand führend. Nachdem der Vorstand unseres Vereins die Verhandlungen des neugegründeten Landesverbandes mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte, forderte er eine Beteiligung der Lehrer durch Zuteilung von zwei Sitzen im Oberrat. Diesem Verlangen wurde Rechnung getragen. Nachdern wir schriftliche und mündliche bindende Zusagen dahingehend hatten, daß der neue Verband in allen religiösen Fragen absolute Neutralität bzw. Parität zusichere, nachdem es weithin evidcrrt war, daß eine Tätigkeit des Verbandes ohne Beihilfe der Lehrerschaft erfolglos bleiben müsse, begannen wir unsere Werbetätigkeit, die zum' Anschluß vieler Gemeinden an den Landesverband führte. Der erste Gerneindetag des Verbandes (18. Mai 19261 wird allen Beteiligten ein nnverlierbares Erlebnis bleiben. Zeigte es sich doch, daß auch in Hessen der Wille vorhanden ist, dem Verfall des religiösen Lebens entgegenzutreten, alle Mittel zu ergreifen, nur Vorhandenes noch zu retten und zu erhalten. Opferbereit wollen die Großgemeinden einspringcn, ohne auch nur im geriugsten den zu unterstützenden Klein- und Mittelgerneinden Bindungen auflegcn zu wollen, die zu einem. Gewissenskonflikte in Fragen der Religion führen könnten. Nach bayrischem Muster sollen Autonomie und Freiheit jeder Genreinde gewahrt bleiben. Was läge näher, als daß angesichts dieser Einstellung und dieser Ziele des Verbandes rrnd angesichts seines dargclegtcn Willens zur Tat, alle Teile der hessischen Judenheit (Orthodoxe und Liberale) sich in diesern Verbände zusarnmenfänden, um dem Judentums in 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.