Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 6 (6.1927)
- Date
- 1927-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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da spricht er: „Wieder und wieder ist mir berichtet worden, was du an deiner Schwiegermutter getan, nach dem Tode deines Mannes, wie du Vater und Mutter und Heimat verließest, und zu einem Volke gingest, das du nicht kennst von gestern und ehegestern. Möge Gott dir vergelten, was du getan hast, und möge ein vollkommener Lohn dir werden von dem Ewigen, dem Gotte Israels, bei dem du dich geborgen hast." Es ist, als danke Boas mit diesen Worten für ein Glück, das ihm selber geworden ist, und nicht für die Liebe, die Ruth der Noami erwiesen hat. Und so ist es in der Tat. Jeder Mensch, der wie Nnth sich überwindet, wird ein Wohltäter für alle rings um ihn. Eine Ruth ist das eindringlichste Beispiel dafür, daß der Mensch nicht schlecht ist, obgleich es schlechte Menschen gibt. Ein Beispiel, wie sie es gegeben hat, ermutigt viele andere, es beschämt die, die in gleicher Lage Noami verlassen Hütten, es gibt ein Vorbild denen, die schwankend und unentschlossen sind. Wie an einem Lichte hundert andere sich entzünden können, wie ein lauter Ruf ein vielfaches Echo hervorruft, so weckt Ruths Treue Treue auf allen Seiten. Nicht Noami allein, sondern allen Bewohnern von Bethlehem ist sie zum Segen geworden, und Boas spricht zu ihr aus der Tiefe eines dankerfüllten Herzens. Und dieser Dank beglückt wieder Ruth. Sie erwidert dem Boas: „Möchte ich doch Gunst finden in deinen Augen, inein Herr. Denn du hast mich getröstet und hast geredet zum Herzen deiner Magd." Freundliche Anerkennung braucht der Mensch, und seinem Herzen tut sie wohl. Aber auch Boas ist der vornehm denkende, hochgesinnte und hochgemute Mann, der weiß, daß Besitz adeln soll und der manchem Besitzenden in unserer Zeit zuin Vorbild dienen kann. Als er auf sein Feld kommt, begrüßt er freundlich seine Schnitter, und sie selbst freuen sich über den reichen Erntesegen und sprechen: „Der Herr segne dich." Wie zartfühlend ist es voii ihin, da er in bezug aus Ruth zu seinen Schnittern spricht: „Laßt absichtlich von den Garben liegen." Glücklich ist die Ehe, in der solch gleichgestimmte Menschen sich gefuiiden; sie sind wert, die Stammeltern eines großen Geschlechtes zu werden. Unsere jüdische Glaubensgemeinschaft aber darf stolz und beglückt sein auf ein solches Schrifttum, das solche Vorbilder bietet. Die Mahnung des Boas an Ruth möge auch an uns gerichtet sein: „Gehe nicht auf ein fremdes Feld, um dort Aehren aufzulesen." Zur Frage des Neichsverbandes. Am 22. d. M. fand in Dresden unter dem Vorsitz des Präsidenten des Sächsischen Landesverbandes, Rechtsanwalt Salinger, eine erneute Besprechung über die Gründung einer Reichsorganisation der deutschen Juden statt. Die Vertreter der Landesverbände Preußen, Sachsen, Anhalt, Braunschweig,'Hamburg, Bremen und Bayern — letzteres für sämtliche süddeutschen Verbände -- hatten sich zu der Konferenz eingefunden. Eine Einigung konnte auch diesmal nicht erzielt werden. Die Hauptstreitpunkte waren wieder:-Urwahlen oder nicht, Zusammenschluß der Landesverbände mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund oder Zusammenschluß der Einzelgemeinden. Die Beratungen endeten daher damit, daß beschlossen wurde, zwecks weiterer Vorbereitungen zur Gründung der Reichsorganisation eine Kommission einzusetzen. Dieser wurden, entsprechend einem Antrag von Rechtsanwalt Stern, Berlin, als Richtlinien mit auf den Weg gegeben: 1. den Reichsiwrband über die Landesverbände zu bilden, 2. eine Reichstagung nach dem Verhältniswahlrecht zu verlangen, 3. dem DJGB. in allen Organen des Reichsverbandes eine angemessene Vertretung zu sichern und 4. alle bisher vorliegenden Verfassungsentwürfe und Richtlinien als Material zu veriverten. Wir sehen nun mit Interesse dem Resultat der Arbeit dieser Kommission entgegen, die uns hoffentlich ein wenig weiter bringen wird in den Bemühungen um das Zustandekommen des Reichsverbandes der Deutschen Juden. Bericht über die Konferenz der Gemeindevorstände in dem Nabbinatsbezirk Mainz - Oppenheim am Sonntag, den 29. Mai 1927, Mainz, vorm. 10 Uhr. Anwesend waren die Herren: 1. A. Abraham, Ober- Olm, Klein-Winternheim; 2. Otto Baum, Rieder-Olm; 3. N. Frank, Dolgesheim; 4. M. Kahn, Hechtsheim; 5. Ludwig Koch, Bretzenheim; 6. Marcus Maier, Ebersheim; 7. Ferd. Mayer, Harxheim; 8. Maxim. Metzger, Weisenau; 9. A. Rosenberg, Mainz; 10. M. Rosenthal, 2 Oppenheim; 11. H. Schiff, Oppenheim; 12. Gustav Weil, Bodenheim; 13. Heinrich Wolfs, Nackenheim. Nach der Eröffnung der Sitzung und Begrüßung der Anwesenden durch Herrn Rabbiner Dr. Levi -wurden verschiedene Unterrichtsangelegenheiten geregelt. Zur Frage der Bildung von Elimmverbänden für die Landesverbandstagung wurde beschlossen, daß die drei Delegierten, die den in Frage kommenden Gemeinden zustehen, in der Weise aufgestellt werden sollen, daß die Gemeinde Oppenheim einen Delegierten, die übrigen anderen Gemeinden des Rabbinatsbezirkes, die etwa 100 Steuerzahler umfassen, in zwei Stimmbezirke zusammengelegt werden sollen. In den einen Stimmbezirk werden zusammengesaßt die Gemeinden: Bodenheim, Bretzenheim mit Finthen, Dolgesheim, Ebersheim mit Harxheim und Weisenau; in den zweiten Stimmbezirk treten zusammen die Gemeinden: Essenheim, Hechtsheim, Rieder-Olm, Ober-Olm und Stadecken. Als Delegierter für den ersten Stimmbezirk wurde Herr Ferdinand Mayer in Harxheim, als dessen Stellvertreter Herr Maxim. Metzger in Weisenau gewählt. Für den zweiten Stimmbezirk wurde als Delegierter Herr Otto Baum in Rieder- Olm, als dessen Stellvertreter Herr Alex. Abraham in Klein-Winternheim bestimmt. Die Gemeinde Oppenheim wird ihren Delegierten noch namhaft machen. Dem Wunsche, daß die Delegierten in den Gemeinden ihres Stimmbezirkes von Zeit zu Zeit Bericht über die Verbandsarbeiten erstatten sollen, wurde von allen Seiten beigepflichtet. Ein entsprechender Antrag soll der Verbandstagung unterbreitet werden. Ueber zweifelhafte Steuerangelegenheiten wurde durch eine ergibige Aussprache Klärung herbeigeführt. Ebenso wird über das Ausmaß der Fürsorgegesetzgebung und über die Besitzregelung verlassener Friedhöfe Klärung geschaffen und für die Ordnung der Schächtfrage für den Rabbinatsbezirk Mainz-Oppenheim Maßnahmen getroffen. Schluß der Sitzung iy4 Uhr. In eigener Sache. Wie wir hören, fand am Donnerstag, den 26. ds. Monats in Darmstadt eine Versammlung derjenigen hessischen Gemeindevertreter statt, welche in einem orthodoxen Verband vereinigt sind. Bekanntlich war es bis jetzt nicht möglich, alle Gemeinden unseres Hessenlandes so, wie dies in Bayern, Württemberg und Baden schon seit Jahren der Fall ist, in einein einzigen Verband zu vereinigen. Einige Führer der orthodoxen Richtung verschließen sich immer noch der zwingenden Notwendigkeit eines geschlossenen Vorgehens der Juden in Hessen sowohl den Behörden gegenüber, als auch hinsichtlich der Maßnahmen zur Erhaltung des'Judentums, namentlich auf dem Lande. Weiiii troüdem' bereits über 80 Prozent aller hessischen Juden in unserem Verband vereinigt Üst.,' jpHchk das zur Geiiüge für das Verständnis uiid den Willen der überwältigenden Majorität der Juden unseres Landes, mitzuwirken an den gemeinsainen Aufgaben zum Wähle aller Gemeinden und zur Förderung aller gemeinsamen Interessen. Dieser geiunde und vernunftgemäße Standpunkt ist wahres Judentum, ist Wille zum Frieden und zur Wahrung unserer heiligsten Interessen. Ein großer Teil der unserem Verband noch nich angeschlossenen kleinen Gemeinden — alle größeren Gemeinden sind angeschlossen — ist seither demselben lediglich deshalb fern geblieben, weil er Lasten für die ohnehin geschmälerten Gemeinde-Einnahmen befürchtet. Daß diese Befürckstungen grundlos sind, beweist der dauernde Zutritt solcher Gemeinden. Es kann sich also nur um eine verschwindend kleine Anzahl von Gemeiiiden handeln, welche aus priiizipiellen Gründen dem Streitrus der orthodoxen Führer seither gefolgt sind. Zur Steuer der Wahrheit und um zu beweisen, wo die Widerstande gegen eine Vereinigung aller jüdischen Gemeinden Hesseiis so, wie es seit Jahren in Bayern, Württemberg und Badeii zuin Wähle der Juden der Fall ist, liegen, möchten'wir der weiteren Oeffentlichkeit Nachstehendes initteilen: Unser Verband war von Anfang mi bereit und hatte die feste Absicht, allen etwaigen Bedenken gesetzestreuer Kreise Rechiiung zu tragen, alle Kautelen in den Statuten uiid in jeder sonst gewünschten Weise festzulegen. All unser gute Wille war vergebens Gewisse eng begrenzte Kreise wollen um keinen Preis in Hessen