Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 6 (6.1927)
- Date
- 1927-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Schön und anmutig, wie die Jahreszeit, in der wir das Wochenfest begehen, ist der Inhalt des Buches. „Ein seliger Friede geht durch das Buch und teilt sich von selbst auch dem Leser mit. Die Seele der ganzen Erzählung ist das Gefühl des tiefsten Familienzusammenhangs, der hier um so sittlicher und schöner erscheint, als er zugleich auf freier Selbstbestimmung beruht. Wir können hier einen Blick tun in die Gediegenheit und Ehrenhaftigkeit des altisraelitifchen Familienlebens, in ein gemütvolles, innig-frommes Stilleben, das bei aller Einfachheit doch so reich und anziehend ift."1) Der Verfasser dieses Büchleins, das Goethe, „als das Lieblichste, was uns episch und idyllisch überliefert worden", bezeichnet, ist nicht bekannt, auch nicht die Zeit, in der es entstanden ist. Der Talmud nennt als Verfasser des Buches den Propheten Samuel, dem er auch die Autorschaft des Buches der Richter sowie der beiden, feinen Namen führenden Bücher zuschreibt. Unsere Weisen bemühten sich, dieses aus altisraelitischer Zeit herrührende Dokument „innigster Natureinfalt und Naivität" zu einem Buche der Erbauung und Belehrung auszugestalten. So wird von ihnen schon das erste Wort dieses Buches „Es war" das immer, wie sie feststellen, einen Bericht über Leid und Bedrängnis einleitet, dazu benutzt, um daraus praktische Lehren für die Gegenwart zu ziehen. „Es war" in der Richterzeit — so erzählt diese Idylle —, als eine Hungersnot im Lande Israel herrschte, da hatte ein vornehmer, reicher Mann namens Elimelech mit feinem Weibe Noami und zwei Söhnen seinen Wohnort Bethlehem verlassen und dauernden Aufenthalt im Lande Moab genommen. Wie konnte nur — fragen sie — ein reicher, vornehmer Mann, der sicherlich zu den Führern &§ Volkes zählte, in so schwerer Zeit sein Volk und sein Land verlassen und in die Fremde, nach dem feindlichen Lande Moab ziehen? Er tat es, meinten sie, aus dem Grunde, weil er fürchtete, die Armen des Ortes würden in ihrer Not sein Haus bestürmen, ihn mit Bitten um Unterstützung behelligen, und sie knüpfen daran die Bemerkung: Wehe dem Geschlecht, das seine Richter richtet, doppelt wehe, wenn seine Führer dazu die Veranlassung geben. i) Gustav Karpeles, „Geschichte der jüdischen Literatur", 2. Aufl., I. Band, S. 43. Diesen Faden weiter spinnend, fahren sie fort: David wurde, nachdem er den Riesen Goliath im Zweikampfe erschlagen hatte, von den Töchtern Israels, die seine Heldentat bewunderten, reich beschenkt; sie schmückten fein Haupt mit ihrem Geschmeide und gaben ihm viel Gold und Silber, das er zu einem hehren Zwecke bestimmte: dem Heiligen Israels auf Zion einen Tempel zu errichten. Nach einiger Zeit aber brach im Lande eine Hungersnot aus, die drei Jahre anhielt, und die Israeliten drangen in David, das von ihm für den Tempelbau aufbewahrte Gold und Silber zum Erwerb von Lebensmstteln für die hungernden Armen zu verwenden. Er aber glaubte, diesen einem so heiligen Zweck geweihten Schatz nicht antasten zu dürfen und weigerte sich darum, ihren Wunsch zu erfüllen. Da sprach der Herr: Du hast dich nicht entschließen wollen, das mir geweihte Gold und Silber zur Erhaltuug von Menschenleben freizugeben, nun — so wahr du lebst, du darfst und wirst mir kein Heiligtum erbauen. In das Leben einfacher Menschen versetzt uns das Buch Ruth. Arme Leute stellt es vor allem uns vor Augen. Jedem Anprall des Geschickes sind sie ausgesetzt, und wenn die Zeiten schlecht werden, fallen sie als die ersten Opfer. Aber auch in der Fremde trifft sie Unglück auf Unglück. Elimelech stirbt, und seine beiden Söhne folgen ihm nach. Arm und verwitwet bleibt mit ihren beiden Schwiegertöchtern Noami zurück, fremd in fremdem Lande. Solche Schicksalsschläge zertrümmern nur zu häufig das feste Band der Familie, aber diese Menschen schmiedet die gemeinsame Not nur um so fester aneinander, und da Ruth Noami verlassen soll, da spricht sie zu ihr: „Dringe nicht in mich, daß ich dich verlassen soll und fern von dir zurückbleibe. Nein, wohin du gehst, dahin will ich gehen, und wo du weilst, da will ich weilen; dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will ich sterben und dort will ich begraben werden. So möge Gott mir tun und so möge er fortsahren. Nur der Tod soll scheiden zwischen mir und zwischen dir!" Eine Heldin war Ruth: sie hat sich selber überwunden. Auf eigenes Glück hat sie verzichtet, um der armen, verlassenen Noami Stütze zu sein, und sie hat eigener Freude entsagt, um im Leben einer anderen der Sonnenschein zu werden. Und wir begegnen Gottlob häufig genug noch Menschen, die über der Sorge für Andere sich selber vergessen können. Was Eltern für ihre Kinder zu tun bereit sind, wie Geschwister oft für einander sorgen, wie Kinder auf manchen Genuß freudig verzichten, um ihren Eltern den Lebensabend froh und sorglos zu gestalten, das erinnert oft an das Vorbild, das Ruth gegeben hat, würdig, die Stammutter des Königs David zu werden. Aber das Buch Ruth läßt uns auch ahnen, wie Ruth nicht nur für Noami, nein, wie sie für die ganze Stadt Bethlehem zur Wohltäterin wurde. Denn da sie mit Noami nach Bethlehem zurückkehrt, geht sie auf das Feld des Boas, um dort die Aehren zu lesen, die das jüdische Gesetz den Armen zuspricht. Boas hat sie nie gesehen, aber als er ihren Namen hört.