Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 5 (5.1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9582242-9623183-9620278--0111-9620284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gattin als mitfühlende, mitkämpscnde Frau treu zur Seite. Rahel Adler, eine Freundin Berthald Auerbachs, der ihr das Manuskript seiner Dorfgeschichte „Joseph im Schnee" als Andenken übergehen, war die Schwester des Obcrrats Dr. Hochstädtcr in Karlsruhe. Frau Tr. Adler erzählte mir, daß man dem Oberrat Epstein in Karlsruhe zu seinem Löjährigcn Jubiläum einen silbernen Pokal überreichen wollte und da habe ihr Bruder seine Mutter in Pforzheim um einen „Perat" (Bibelvers, bei irelchein die punktierten Buchstaben die Jahreszahl angebcn) gebeten, so gelehrt sei diese gewesen. So gelehrt war aber auch ihre Tochter Nabel, die sich nicht nur während der Kämpfe ihres Mannes als Heldin bewiesen, sondern auch nach seinem Tode als Gründerin und Leiterin eines Tochter-Pensionats, das sich viele Jahre eines hervorragenden Rufes zu erfreuen hatte. Die jüdische Geschichte und der jüdische Mensch. Rabbiner Tr. M a y b a n m , Bingen. Alle Parteien des Judentums,, so verschieden auch ihre Auffassung vom jüdischen Wesen ist, vereinigen sich in ihrer Stellung zur jüdischen Geschichte. Rückblickend in die Vergangenheit erfüllt sie alle nur eines: Ehrfurcht und Liebe. Tie jüdische Geschichte ist die Autorität, der sich alle unterwerfen. Ob man sagt, alles geschichtlich Gewordene ist für uns verbindend, oder ob man sagt, der Gehalt des geschichtlich Gewordenen ist es, der verbindlich ist, immer ist es die gleiche Autorität, auf die Bezug genommen wird. Ter Unterschied, so wichtig seine Auswirkung ist, liegt in der Form, nicht in der Sache. Tie jüdische Geschichte erzählt uns, daß Großes geleistet wurde, und daß dieses Große van schwachen Menschen geleistet wurde, von Menschen, die genau so schwach waren wie wir auch, denen es aber gelang, in ihrer Schwachheit zur Größe zu kommen. Und ferner erzählt uns die jüdische Geschichte die tiefsten Geheimnisse unserer eigenen Seele. Wer sich selbst erkennen will, und sich nur mit seinem Ich allein beschäftigt, der gleich: dem, der direkt ins Licht starrt: er sieht schließlich gar nichts. Die iLelbsterkenntnis, die nicht im Finstern tappen will, geht ihren Weg über die Gesamtheit. Das jüdische Ich findet sich wieder in der jüdischen Geschichte. In Riesenlettern steht da geschrieben, was uns allen noch in unserer eigenen Seele lebt. AlZ erstes die tiefe Unmittelbarkeit des Glaubens der Prophet-en, die das kindische, an lautem und buntem Gepräge sich befriedigende, rasch ins Abergläubische Uebergehende der Volksfrömmigkeit weit von sich taten. Sic, die gläubig waren und den offiziellen Anschauungen einer trägen Mehrheit entgegenzutreten sich nicht scheuten — wir sind Fleisch von ihrem Fleische, und wir erkennen uns in ihnen wieder. Und dann der den Tod verachtende Mut der Makkabäer, sic, die kämpfen und sterben konnten, find uns verwandt. Sofern wir an die Besten unter uns denken, dürfen wir sagen: wir find Fleisch von ihrem Fleische und erkennen uns in ihnen wieder. Und schließlich das dritte Vorbild: die großen Rabbinen. Wenn die Propheten die ewigen Wahrheiten, die für die ganze Menschheit gültig sind, entdeckten, so schufen die Rabbinen für diese Wahrheiten die jüdische Form. Jeder Text muß eine Melodie haben, und die Rabbinen schufen diese jüdische Melodie und schufen dadurch allein die praktische Möglichkeit der Verwirklichung der prophetischen Lehren. Tie Liebe zur Menschheit betätigen am jüdischen Menschen, das ist die Forderung der Rabbinen, und sofern wir auf unserem Weg zum Menschentum vom Judentum ausgehen, sofern sind wir Fleisch von ihren: Fleische und dürfen uns in ihnen wieder erkennen. So hält uns die jüdische Geschichte in nicht zu verkennender Deutlichkeit vor Augen, was in unsrer eigenen Seele lebt, von uns selbst oft nicht gewußt und auch nicht bedacht, aber doch unsere tiefste Sehnsucht ausmachcnd und nach Erfüllung verlangend. Wenn wir ins innerste Heiligtum der jüdischen Geschichte hincinblicken, wenn wir auf die treibenden Kräfte achten und nicht bei der bunten Oberfläche der Kostüme und Namen verweilen, wenn es Geschichte ist und nicht Chronik, die sich unseren Blicken austut, so begreifen wir: die Geschichte ist immer heilige Geschichte. Gott und Zeit berühren sich an dem Schnittpunkt, wo menschliches Wollen motiviert ist durch ein Gebot Gottes. Wir können von Gott gar nicht anders sprechen, es sei denn in seiner geschichtlichen Erscheinung. Gott hat noch kein menschliches Auge gesehen. Was wir aber sehen können, ist das geschichtliche Leben, das uns den von Gott ergriffenen Menschen zeigt. Was ist es, was diese Menschen bewegt? Was ist cs, was diesen ungeheuren Heroismus möglich macht? Wieso erscheint diesen Menschen Tod und Not aller Schrecken bar? Die Antwort ist, daß alles Heldentum und Martyrium •— und wie reich ist die jüdische Geschichte an Heldentum und Martyrium — nur möglich ist, weil Menschen zum Gefäß des göttlichen Willens werden. Gatt tritt uns gegenüber in feinen wahren Dienern. Durch die, die von Gott zeugen, durch die spricht Gott zu uns. Und so ist die Geschichte der Völker ein großes Lehrbuch des Glaubens. Es erzählt uns von dem erhabenen Bemühen, daß das Recht mit der Macht sich paare, daß die Wahrheit und die Gerechtigkeit die mächtigen Gründe aller geschichtlichen Bewegungen sind, sowie es Friedrich Schiller aussprach und damit zugleich einen prophetischen Glaubensinhalt formulierte: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht." Tie großen Gestalten der jüdischen Geschichte rufen jedem von uns zu: Tritt zu uns. Unsere übermenschliche Größe hat eine ganz inenschliche Vorgeschichte. Wir waren iiicht groß, wir wurden groß, als wir uns zu Dienern des göttlichen Willens machten und ihn der Welt aufzuzwingen begannen. Tritt zu uns. Auch deine Zeit ist nicht anders, als unsere war. Jmnier ist es schwer, das Richtige zu tun. Wie willst du denu Gott dienen? Deiii Gebet ist iiur innig, wenn es gepaart ist mit der Tat. Und wo wird dein Tun so in die Größe gestaltet, als wo es nicht deine Sache ist, für die du wirkst? Die jüdische Geschichte öffnet ihre Tempeltore und ruft den jüdischen Menschen. Sprechsaal. folgende Anregung ging uns aus unserem Verbandskreise zu; wir stellen sie zur Diskussion bet unseren Lesern. Die Echriftleitung. Die humanitären Einrichtungen der religiösen Gemeinschaften, deren Kapitalien wie Pupillengelder angelegt waren, sind durch die allgemeinen Verhältnisse entwertet und dadurch ihrer Zweckbestimmuiig entzogen worden. Der bedeutende soziale Schaden, der hieraus erwachsen ist, wird, wenn auch nur sehr beschränkt, durch umfangreichere charitative Maßnahmen des Fiskus paralysiert. Wie anderen Kulten kommen diese Einrichtungen auch der jüdischen Religionsgesellschaft zugute. Eine jüdisch-soziale Institution bedarf jedoch der Aufrichtung und Stärkung in einer ganz besoiideren Weise. Es ist dies die Förderung von hachnaßath kallah. Die jüdischen Gemeinwesen haben sich Brautausstattungen stets besonders angelegen sein lassen und bereits zu Zeiten, als es Schutzmittel gegen eine Dezimierung vieler Kreise der deutschen Judenheit durch Mischehen noch nicht bedurfte, wurden zu diesem Zwecke an größeren Plätzen Vereine und Stiftungen begründet. Diese Institute können ihrer Aufgabe, wenn überhaupt, dann doch iiur noch in einem ganz bescheidenen Umfange gerecht werden. Es sei daher bei der verehrlichen Redaktion des „Mitteilungsblatt" und eventuell auch bei den Lesern desselben in Anregung gebracht, zur Förderung voii Brautausstattungen für den Bezirk des Landesverbands eine Organisation zu schaffen. Falls die verehrliche Redaktion gegen meinen Vorschlag keine Bedenken hegt, bitte ich, denselben zur Diskussion der Leser zu stellen. Eventuell wäre zu erwägen, ob ein besonderer Verein zu schaffen ist, oder ob die Beiträge durch die Geschäftsstelle der Zeitung erhoben werden könnten. Die Auszahlung hätte nur zu erfolgen bei Schließiing einer Ehe, die den Anforderungen des Religionsgesetzes in jeder Beziehung entspricht und nur dann, wenn beide Eheschließende der jüdischen Gemeinschaft durch Geburt angebören. Wünschenswert wäre es, wenn die verehrlichen Leser sich rege an einer Diskussion über die Frage beteiligten, ob eine Art Versichernng oder eine Verlosung das zweckmäßigere wäre. Es sollte mich freuen, mit vorstehender Anregung der jungen Landesgemeinde gedient zu haben. ] Philipp GeiUWwe.i H Blum Wwe Mercedes, Benz und; IVl3.inZ, Mombacherstr.17/19 j *** Hol*, Kohlen ** A Briketts A Lauterenstraße Nr.20 Wanderer-Automobile Spedition Lagerung \ Weintransport; Autohaus Ph. Kraft, Mainz Telephon 1778; Telefon 5529 Gartenfeldplatz 22/24 u. Frauenlobstr. 69. Tel. 1381 6